Schau Ins Land

die monatliche Kolumne

 
 

Südöstlich von Freiburg liegt der Berg  Schauinsland. Auf seinem Gipfel in 1.284 Metern Höhe steht ein Aussichtsturm, von dessen Plattform aus man weit ins Land hinaus blicken kann.

Was im Land vor sich geht, was offensichtlich ist oder wofür man hin und wieder einen zweiten Blick benötigt, ist Thema dieser monatlichen Kolumne.

 

 
   
 

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Dezember 2011

Tempo, Tempo!

 

 
 

Ticke-tacke, ticke-tacke
Rennt die Zeit
Sei bereit
Jederzeit
Mit zu rennen und Attacke!
In den Shop
Hopp, hopp, hopp
Weihnachtszeit

Tacke-ticke, tacke-tick
Im Regal
Freie Wahl
Freie Qual
Nur für einen Augenblick
Dann das Geld
Schnell gezählt
Und bezahlt

Bimmel-bimmel, Straßenbahn
Mit dem Sack
Huckepack
Rein und zack
Türe zu und losgefahr´n
Schnell hinaus
Und nach Haus
In den Frack

B I M M – B A M M – B I M M – B A M M
E n d l i c h   W e i h n a c h t e n ! ! !

Straßenbahn, bimmel-bimmel
Rein und zack
Huckepack
Mit dem Sack
Ins Geschäft, so ein Gewimmel
Soviel Leut
Gerade heut
Umtauschtag

 

 

 
 

 

 

November 2011

Bond, Euro Bond

 

 
 

Im Namen Ihrer Majestät, der Europäischen Union, soll ein ganz und gar nicht geheimer Agent die Finanzkrise lösen. Sein Name ist Bond, Euro Bond. So nebulös wie der November ist die geplante Aktion, die Euro Bond zu einem Happy End führen soll. Man tauscht faule Äpfel gegen gute, doch man schert sich nicht um die Würmer. Insektizide sind verpönt und deshalb tabu. In der Landwirtschaft mag man das guten Gewissens befürworten. In der europäischen Finanzpolitik jedoch mit ihren Würmern, die vor „den Märkten“ kriechen, ihren Maden, die fett und fetter werden und den Heuschrecken, die von einer Plage zu einer Heimsuchung apokalyptischen Ausmaßes mutiert sind, wäre die eine oder andere Giftspritze mehr als nötig. Euro Bond jedoch, der furchtlose Streiter gegen die Abwertung durch die marktbeherrschenden Rating-Agenturen, darf lediglich im Kampfgetümmel stehen und mit den Muskeln spielen. Karate oder das schnelle Schießen aus der Hüfte sind verboten, denn schließlich darf Euro Bond niemandem wehtun.

Gegen „die Märkte“ kann man nichts unternehmen. „Die Märkte“ sind körperlos und nicht greifbar. „Die Märkte“ haben sich verselbständigt. Sie haben Computer unter ihre Kontrolle gebracht, die schneller agieren als Fondsmanager, Broker und Investmentbanker „piep“ sagen können. Menschen spielen in „den Märkten“ nur noch kleine Nebenrollen. Nur manchmal, ganz selten, taucht ein Menschenkopf auf und wir betrachten ihn staunend wie einen Dschinn aus Tausendundeiner Nacht. Sichtbar wird ein solcher Kopf, wenn aus „den Märkten“ plötzlich und unerwartet eine gute Nachricht auftaucht wie die Sonne aus dem Morgennebel.

Fünfundfünfzigeinhalb Milliarden Euro gefunden!

 

Man mag es kaum glauben, doch es ist wahr. Fünfundfünfzigeinhalb Milliarden Euro sind ein Betrag, den man sich bildlich kaum vorstellen kann. Würde man Fünfundfünfzigeinhalb Milliarden Ein-Euro-Münzen übereinander stapeln, dann ergäbe dies ein Turm mit einer Höhe von über 127.000 km oder 14.300 Türme, von denen jeder die Höhe des Mount Everest hätte. Fünfundfünfzigeinhalb Milliarden Euro sind eine gigantische Summe und dem ungläubig staunenden Betrachter drängt sich plötzlich die Frage auf, wie so viel Geld unbemerkt verloren gehen konnte.

Was Bundesfinanzminister Schäuble grinsend verkünden lässt, dass die Nettokreditaufnahme in diesem Jahr spürbar (etwa 2 Prozent) niedriger ausfallen wird, treibt dem kleinen Mann auf der Straße den Angstschweiß auf die Stirn. Ein schlichter Buchungsfehler sei es gewesen, stand zu lesen. Soll und Haben wurden vertauscht. Das kann in der Finanzbuchhaltung schon einmal passieren, wenn man nicht aufpasst. Dass ein solcher Anfängerfehler jedoch Dilettanten unterläuft, die man uns als ausgewiesene Experten verkauft, ist mehr als besorgniserregend. Sie verschludern nicht eigenes, sondern fremdes, nämlich unser Geld, denn die Hypo Real Estate konnte nur mit Steuergeldern gerettet (?) werden. Unfassbar ist jedoch die Tatsache, dass die Buchungsfehler über Monate hinweg nicht bemerkt wurden! Fünfundfünfzigeinhalb Milliarden Euro gehen verloren und niemandem fällt es auf. Wenn ich eine solche Nachricht höre oder lese, dann bin ich nicht gerührt – es schüttelt mich, Mister Bond.

 

 
     
     
 

Oktober 2011

Wurzelbehandlung

 

 
 

Es gibt wenige Worte, die einen ähnlich unsympathischen Klang haben wie der Begriff „Wurzelbehandlung“. Etwas Elementares, in der Tiefe Liegendes verursacht Schmerzen, die sich kaum ignorieren lassen. Eine kranke Wurzel, die vor sich hin fault, stört nicht nur das Wohlbefinden. Wenn der Zustand nicht behoben wird, wenn das Übel im wahrsten Sinne des Wortes nicht an der Wurzel gepackt wird, dann bildet sich Eiter. Krankheitserreger setzen sich in Bewegung, dringen in die Blutbahn ein und vergiften den gesamten Organismus. Am Ende steht der Tod und bei der Beerdigung wird einem klar, dass man schon früh etwas hätte unternehmen können, um nicht zu sagen müssen. Es ist fatal, eine Katastrophe sehenden Auges zu erwarten, aber es ist widerlich, die Katastrophe auch noch zu bejammern, die man selbst hätte verhindern können.
 
An das Jammern auf hohem Niveau haben wir uns längst gewöhnt. Es gibt keine Tagesschau und kein heute journal ohne Lamentieren. Die Griechen jammern, weil sie sich im Stich gelassen wähnen, die Deutschen jammern, weil die Griechen die Stabilität des Euro bedrohen, die Amerikaner jammern, weil die Europäer ihre Währungskrise nicht in den Griff bekommen, die Chinesen jammern, weil ihre amerikanischen Staatsanleihen an Wert verlieren und so weiter und so fort. Die Politik jammert, weil sie die Märkte nicht in den Griff bekommt und die Märkte jammern, weil die Politik nicht das Richtige unternimmt. Die Liste ließe sich nahezu endlos verlängern und wenn man sie solcherart verlängerte, stünde am Ende die Agonie einer hoffnungslos gewordenen Welt.

So unterschiedlich – oder auch nicht – die Klagen auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: stets wird ein Schuldiger benannt. Wann immer jemand vor laufender Kamera in ein Mikrophon spricht, hat er immer jemanden parat, der den bejammernswerten Zustand verursacht hat. Solange man mit dem Finger auf einen Schuldigen zeigen kann, ist man nicht in der Verantwortung, das Problem zu lösen. Wenn das Jammern aber immer gleich ist und wenn die Reaktionen darauf, das Benennen eines Schuldigen, immer wie ein basedowscher Reflex einsetzen, dann liegt es nahe, auch eine immer gleiche Ursache zu vermuten: die Wurzel allen Übels.

Man muss nicht lange danach suchen. In jeder Tagesschau und in jedem heute journal wird die Ursache benannt, von den Zuschauern aber nicht erkannt. Man weiß, dass man etwas am besten versteckt, wenn man es offen hinlegt und so nennt man die Wurzel allen Übels „Wachstum“. Das klingt gut, vital und erfolgreich, kräftig und erstrebenswert. Dabei ist „Wachstum“ nichts anderes als der prächtige, reich verzierte Mantel, den man über das wahre Antlitz deckt – die Gier.

Von der katholischen Kirche zu Recht als Todsünde gebrandmarkt, hässlich und in ihrer Folge tödlich vergiftet die Gier den gesamten Organismus wie eine kariöse Wurzel. Die schwächsten Teile sterben zuerst und so entlarvt sich die Gier als durch und durch darwinistisch, während die Gierigen gleichzeitig ob ihres menschenverachtenden Mantels „Wachstum“ geliebt und bewundert werden wollen. Wer fünf Prozent Wachstum generiert, dem klopft man auf die Schulter und lässt sich mit einem Lächeln, das so falsch ist wie ein Elf-Euro-Schein, mit ihm fotografieren. Die Politik schaufelt eimerweise Kohlen in den Kessel und beschießt eine wachstumsfördernde Maßnahme nach der andern, denn schließlich will jeder mehr und mehr und mehr …

Es gibt Menschen, denen es die Tränen in die Augen treibt, sofern sie noch Kraft zum Weinen haben, für die „Wachstum“ weniger und weniger und weniger bedeutet, doch keiner von uns kennt diese Menschen persönlich. Niemand denkt darüber nach, dass ein Pfund Brot dreißig Euro kosten könnte und dennoch gibt es Menschen, die diesen Preis zu zahlen haben. Wem man dreißig Euro für ein Pfund Brot aus der Tasche zieht, dem wird man keine Wurst mehr verkaufen können, aber darüber spricht niemand, denn schließlich heißt es auch nicht „Wurst für die Welt“.

 

Die Getreidepreise sind so stark gestiegen, dass die Menschen in Ostafrika für ein Pfund Brot einen Anteil ihres Einkommens aufwenden müssen, der gemessen an unserem Lohn-Preis-Index etwa dreißig Euro entspricht. Ein Facharbeiter in Ulm oder Bochum könnte für sich, seine Frau und seine beiden Kinder jeden Tag ein Kilogramm Brot kaufen – sonst nichts! Es gäbe keine Wurst und keine Marmelade, keine Butter und kein Fleisch. Es bliebe kein Geld für Kleidung und die Familie könnte sich nicht einmal ein Dach über dem Kopf leisten. Das Einkommen reichte gerade für Wasser und Brot. Die elementaren menschlichen Bedürfnisse – Nahrung, Kleidung und Wohnung – wären nicht einmal zu einem Drittel gedeckt. Das ist unvorstellbar und doch tagtägliche Realität, denn der Verbraucher, ein Schlosser in Bochum oder ein Bauhandwerker in Addis Abeba, kauft das Getreide nicht beim Erzeuger.

Getreide wird an den Börsen gehandelt. Ein Händler kauft die Ernte eines Bauern, beobachtet den Marktpreis und verkauft, wenn der Preis steigt. Als Händler ist es sein Geschäft, Handel zu treiben, Gewinn zu erwirtschaften und Wachstum zu generieren. Sein Kunde ist ebenfalls Händler, der das gleiche Spiel spielt. Auch der zweite verkauft an einen Händler, der wiederum an den dritten verkauft, von dem es an einen vierten geht. Der vierte verkauft an den fünften, der fünfte an den sechsten, der sechste an den siebten und wenn das Getreide endlich beim Verbraucher ankommt, ist es durch zwölf bis fünfzehn Hände gegangen, ohne dass einer der Händler das Getreide jemals zu Gesicht, geschweige denn in die Finger bekommen hätte. Trotzdem hat jeder Händler an diesem Getreide verdient. Dass dem Verbraucher in Addis Abeba dann kein Geld für die Wurst mehr bleibt, stört die Branche nicht, denn schließlich ist man Getreide- und kein Wursthändler.

Getreide ist kein Luxusgut. Man kann sich nicht dafür oder dagegen entscheiden. Getreide ist ein Grundnahrungsmittel, ein notwendiger Baustein unserer Ernährung, der das Überleben sichert – oder auch nicht, wenn man sich das Getreide nicht leisten kann. Dieses elementarste aller menschlichen Bedürfnisse muss jedoch hinter den Erfordernissen der Märkte zurückstehen. An den Märkten muss Geld verdient werden, nicht nur zum Überleben, sondern zum Wachsen und Wachsen und Wachsen. Politik muss sich an den Anforderungen der Märkte orientieren. Das sagt die Bundeskanzlerin, nicht einmal verklausuliert wie sonst üblich, sondern offen und unverhohlen, denn die Märkte müssen sich nicht nur beruhigen, man muss auch für gute Stimmung sorgen. Wer möchte da nicht gerne mit Konfetti werfen?

Gerade ist Erntedank vorüber und in wenigen Wochen beginnt die Adventszeit. Das Getreide ist eingebracht und die Kornkammern sind voll. Bald wird man uns wieder daran erinnern, dass es Menschen gibt, deren tägliches Brot der tägliche Kampf um dasselbe ist. „Brot für die Welt“ wird uns auf Plakaten, in Zeitungen und im Fernsehen mahnen zu teilen und zu schenken. Grundsätzlich sollten wir das auch tun, doch vielleicht wird der eine oder andere sich fragen, warum es Gegenden auf der Welt gibt, wo ein Mangel an Brot herrscht, warum die Preise dort so hoch sind und wo die Wurzel des Übels wirklich liegt.

Eine Wurzelbehandlung, ein weltweites Verbot für Spekulationsgeschäfte mit Grundnahrungsmitteln, wäre für einige Wenige, die Gierigen, schmerzhaft, doch der gesamte Organismus würde davon profitieren. Würde man das Übel bei der Wurzel packen, dann gäbe es bald auch „Wurst für die Welt“.

 
     
     
 

 

 

September 2011

Blut, Schweiß und Tränen

 

 
 

„Eine Regierung muss sparsam sein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß ihres Volkes stammt. Es ist gerecht, dass jeder einzelne dazu beiträgt, die Ausgaben des Staates tragen zu helfen. Aber es ist nicht gerecht, dass er die Hälfte seines jährlichen Einkommens mit dem Staate teilen muss.“ Dieses Zitat stammt von Friedrich II. von Preußen, auch bekannt als Friedrich der Große oder der Alte Fritz.

Was der Preußenkönig der Regierung ins Stammbuch geschrieben hat, erscheint uns logisch und kann von jedem leichten Herzens befürwortet werden. Von jedem? Nicht ganz, denn die Aussage verliert an Berechtigung, wenn man sie durch die Brille unserer Regierung liest. Heute, rund zweihundertfünfzig Jahre später, erscheint es uns in Zeiten von ausufernder  Staatsverschuldung, jährlicher Nettokreditaufnahme und Europäischen Rettungsschirmen schon fast utopisch, zu jenem Zustand zurück zu finden, als wir NUR die Hälfte unseres Einkommens an den Staat abzutreten hatten.

Bei einem durchschnittlichen Vollbeschäftigten (Bruttogehalt: 2.500 Euro pro Monat) fressen Steuern und Sozialabgaben bereits vierzig Prozent des Einkommens auf (rund 1.000 Euro). Rechnet man vom Nettolohn ein Drittel ab, das für die Miete aufgewendet werden muss, bleiben dem Werktätigen ungefähr 1.000 Euro übrig. Wer nun jedoch denkt, dass er dieses Geld zur freien Verfügung hat, kennt den Staat und die Steuerbehörden nicht. Ganz gleich, ob Sie ein Duschgel, ein Paar Turnschuhe, einen Fernseher oder ein Fahrrad kaufen: jedes Mal hält der Staat die Hand auf und greift 19% über die Umsatzsteuer ab. Das sind immerhin 190 von Ihren 1.000 hart verdienten Euro. Selbst Strom, Wasser und Heizkosten für Ihre Wohnung unterliegen der Umsatzsteuer. Dass der Staat darüber hinaus noch fast drei Duzend weitere Steuerarten ersonnen hat, die den Geldbeutel der Steuerzahler entlasten, ist aus der folgenden Tabelle zu ersehen:

- Abgeltungssteuer (25% auf Zinseinkünfte und Veräußerungsgeschäfte)
- Biersteuer (9,44 € pro Hektoliter)
- Branntweinsteuer (13,03 € pro Liter reinen Alkohols)
- Einkommensteuer (progressiv 14% bis 42% des Einkommens)
- Energiesteuer (unterschiedlich je nach Energieerzeugnis)
- Erbschaftssteuer (unterschiedlich je nach Verwandtschaftsgrad)
- Feuerschutzsteuer (8% der Versicherungsprämie bei Feuerversicherung)
- Getränkesteuer (unterschiedlich je nach Bundesland)
- Gewerbesteuer (unterschiedlich je nach Gemeinde)
- Grunderwerbsteuer (3,5% bis 4,5% je nach Bundesland)
- Grundsteuer (unterschiedlich je nach Gemeinde)
- Hundesteuer (unterschiedlich je nach Bundesland)
- Jagd- und Fischereisteuer (unterschiedlich je nach Bundesland)
- Kaffeesteuer (2,19 € pro kg Röstkaffee, 4,78 € pro kg löslichem Kaffee)
- KFZ-Steuer (unterschiedlich je nach Hubraum und Schadstoffgrenzwert)
- Kinosteuer (unterschiedlich je nach Bundesland)
- Kirchensteuer (8% bis 9% der Einkommensteuer)
- Körperschaftsteuer (25% des Ertrages einer Kapitalgesellschaft)
- Lotteriesteuer (16,67% der Besteuerungsgrundlage)
- Mineralölsteuer (67 bis 72 Cent je Liter Benzin je nach Schwefelgehalt)
- Rennwettsteuer (16,67% der Besteuerungsgrundlage)
- Schankerlaubnissteuer (unterschiedlich je nach Bundesland)
- Schaumweinsteuer (51,- € bzw. 136,- € je Hektoliter je nach Alkoholgehalt)
- Schenkungssteuer (unterschiedlich je nach Verwandtschaftsgrad)
- Sexsteuer(*) (unterschiedlich je nach Gemeinde)
 

 

 

 

- Sportwettsteuer (16,67% der Besteuerungsgrundlage)
- Stromsteuer (20,50 € je Megawattstunde)
- Tabaksteuer (unterschiedlich je nach Erzeugnis)
- Tanzsteuer (unterschiedlich je nach Gemeinde)
- Tonnagesteuer (auf Antrag des Reeders statt Einkommensteuer)
- Umsatzsteuer (19% bzw. 7% ermäßigt)
- Vergnügungssteuer (unterschiedlich je nach Bundesland und Veranstaltung)
- Verpackungssteuer (unterschiedlich je nach Gemeinde)
- Versicherungssteuer (19% der Versicherungsprämie)
- Zweitwohnungssteuer (unterschiedlich je nach Mietpreisniveau)

Nicht jeder besitzt ein Grundstück, für das er Steuern zahlen muss und es ist auch jedem freigestellt, Nichtraucher zu werden, um keine Tabaksteuer mehr zahlen zu müssen. Ein Durchschnittswert lässt sich dennoch errechnen. Laut Angaben des Bundes der Steuerzahler liegt die „volkswirtschaftliche Einkommensbelastungsquote“ für das Jahr 2011 bei stattlichen 50,6%, d.h. etwas mehr als die Hälfte des Einkommens kassiert der Staat über Steuern und Abgaben. Mit Steuergerechtigkeit im Sinne des Preußenkönigs hat das nicht mehr viel zu tun.

Wer glaubt, im Gegenzug auch Leistungen des Staates dafür in Anspruch nehmen zu können, liegt damit weder richtig noch falsch. Leistungen, die über Steuern und Abgaben bereits bezahlt zu sein scheinen, unterliegen einer weiteren, staatlichen Geldbeutelentlastungsmethode, den Gebühren. Wann immer Sie ein Kraftfahrzeug zulassen oder einen Personalausweis beantragen, werden Sie erneut zur Kasse gebeten und Ihre persönliche Einkommensbelastungsquote steigt weiter. Rundfunkgebühren, Abfallgebühren und Parkgebühren werden ebenso erhoben wie Kindergarten- und Studiengebühren. Das Ausstellen einer Sterbeurkunde, die Beglaubigung eines Zeugnisses oder das Anmelden eines Gewerbes: jede Leistung, die Sie in Anspruch nehmen, lässt sich der Staat (meist über die Gemeinden) gesondert bezahlen.

Wenn Sie demnächst wieder davon hören oder lesen, dass die kleinen und mittleren Einkommen steuerlich entlastet werden sollen, dann prüfen Sie diesen Satz genau! Vielleicht will man ja Ihren Geldbeutel durch weitere Steuern weiter entlasten.

Was das Volk mit Blut und Schweiß erarbeitet hat, treibt dem Einzelnen die Tränen in die Augen, wenn er sieht, welchen Anteil davon die Regierung für sich beansprucht. Ein Mitspracherecht, wofür das Geld verwendet werden soll, hat das Volk indessen nicht. Das Wahlvolk erscheint wie die Olympischen Spiele nur einmal alle vier Jahre, wenn es aufgerufen ist, zur Urne zu gehen. Die restliche Zeit verbringt das Wahlvolk als Zahlvolk.

 

(*) Anmerkung:
Die im Volksmund „Sexsteuer“ genannte Abgabe stellt einen Teilbereich der Vergnügungssteuer dar, die Huren und Bordellbetreiber an die jeweilige Gemeinde abzuführen haben. Im Dezember 2003 hat die Stadt Köln als erste Gemeinde Deutschlands die pauschale Besteuerung von Huren und Bordellbetreibern eingeführt (6,00 € pro Hure und Arbeitstag). Das Bundesfinanzministerium denkt derzeit über einen bundeseinheitlichen Satz nach, der etwa bei 25,00 € pro Hure und Arbeitstag liegen soll. Die Steuer wird zusätzlich zur Einkommensteuer erhoben.

 

 
     
 

 

 

August 2011

Wer hat eigentlich die Kompetenz-Kompetenz?

 

 
 

"Wer hat eigentlich die Kompetenz-Kompetenz?" Dieses Zitat stammt von  einem der großen Sprachkünstler unserer Zeit, Edmund Stoiber, ehemaliger Beinahekanzler und heute Vertreter des südlichsten deutschen Volksstammes in Brüssel. In gewohnt feingeistiger Art hat der damalige bayrische Ministerpräsident auf einen Umstand hingewiesen, der dem Deutschen an sich den sonntäglichen Schweinebraten (bayrisch: Schweinsbraten) samt Knödeln und Sauce verleiden kann. In einem Land, in dem man nicht einmal einen Gabelstapler auf einem Hinterhof bedienen darf, wenn man nicht einen eigens dafür vorgesehenen Führerschein samt Prüfung und behördlicher Zertifikation vorweisen kann, mutet es mehr als seltsam an, dass ausgerechnet die Positionen, in denen Otto Normalverbraucher höchste Qualifikationen als Kompetenznachweise wie selbstverständlich voraussetzt, mit fachfremden Laien besetzt werden.

Herr Klingele ist Handwerker. Nach dreijähriger Lehrzeit und einer erfolgreichen Prüfung vor der Handwerkskammer wurde ihm der Gesellenbrief „Glaser und Fensterbauer“ verliehen. Danach hat Herr Klingele einige Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Betrieben gesammelt. Man könnte Herrn Klingele für kompetent halten, selbst einen Betrieb zu gründen und Lehrlinge auszubilden, doch der Gesetzgeber ist anderer Meinung. Die Kompetenz des Handwerkers reicht dafür nicht aus, denn Herr Klingele benötigt einen Meisterbrief. Für die Meisten ist das nachvollziehbar, denn als Ausbildender hat man Auszubildenden gegenüber eine große Verantwortung. Kompetenz, in diesem Fall nachgewiesen durch die Meisterprüfung, ist unabdingbar, wenn man Verantwortung trägt.

Dr. Philipp Rösler ist Arzt. Sein Doktortitel, den er nach Abitur und Medizinstudium erworben hat, steht derzeit nicht zur Disposition, was den FDP-Vorsitzenden per se schon aus der Masse seiner Kaste heraushebt. Dass die Kanzlerin Herrn Dr. Rösler zum Gesundheitsminister ernannt hatte, erscheint im Land der Zugangsvoraussetzungen und  Durchführungsbestimmungen nur folgerichtig. Der Arzt hat durch sein erfolgreich absolviertes Medizinstudium nachgewiesen, dass er für das Amt des Gesundheitsministers qualifiziert und also auch kompetent ist. Als Mitglied der Regierung bekleidet Rösler nun im Kabinett das Amt des Bundesministers für Wirtschaft und Technologie.

Wenn Sie ein Problem haben, brauchen Sie einen Anwalt. Dann haben Sie zwar zwei Probleme, aber Sie haben wenigstens einen Anwalt. Um das problematische Innenministerium zu leiten, dem zum Beispiel die Polizei untersteht, benötigt man des sozialen Friedens wegen einen Mann oder eine Frau mit sozialer Kompetenz – oder einen Anwalt. In der Welt des Geldes und der Finanzen, die sich längst von unserer realen Welt gelöst und verselbständigt hat, braucht man einen mit allen Wassern gewaschenen, gewieften und skrupellosen Profi, dessen Kompetenz sich aus seiner jahrelangen Erfahrung im Bankgeschäft und auf den internationalen Börsenplätzen ableitet – oder einen Anwalt. Der ehemalige Innen- und jetzige Finanzminister Dr. Wolfgang Schäuble ist – Sie ahnen es – Anwalt.

Würden Sie einem Zahnarzt vertrauen, der Klempner gelernt hat? Würden Sie einen Musiklehrer beauftragen, Ihr Auto zu reparieren? Würden Sie Bio-Gemüse bei einem Chemielaboranten kaufen?

Wer ist denn nun kompetent? Welcher Minister bzw. welche Ministerin unserer Bundesregierung hat wirklich fundierte Kenntnisse in dem Bereich, für den er / sie verantwortlich ist? Lassen Sie uns mutig sein und einen Blick in unser aktuelles Kabinett werfen (Stand: August 2011):

 

 

 

 

- Die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, hat nicht Volkswirtschaft studiert, sondern Physik.
- Der Kanzleramtsminister, Herr Roland Profalla, ist kein Bürokaufmann, sondern Anwalt.
- Der Minister für Wirtschaft und Technologie, Herr Dr. Philipp Rösler, ist weder Wirtschaftswissenschaftler noch
Diplomingenieur, sondern Arzt.
- Der Außenminister, Herr Dr. Guido Westerwelle, ist nicht Auslandskorrespondent, sondern Anwalt.
- Die Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Frau Ilse Aigner, ist weder Bäuerin noch Ökologin, sondern Elektrotechnikerin.
- Der Innenminister, Herr Dr. Hans-Peter Friedrich, ist weder Verwaltungsbeamter noch Polizist, sondern Anwalt.
- Der Gesundheitsminister, Herr Daniel Bahr, ist nicht Arzt, sondern Volkswirt.
- Die Justizministerin, Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ist tatsächlich (!) Anwältin.
- Die Ministerin für Arbeit und Soziales, Frau Ursula von der Leyen, ist weder Fach- noch Sozialarbeiterin, sondern Ärztin.
- Der Finanzminister, Herr Dr. Wolfgang Schäuble, ist nicht Bankfachwirt, sondern Anwalt.
- Die Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Dr. Kristina Schröder, ist Diplom-Soziologin.
- Der Verteidigungsminister, Herr Dr. Thomas de Maizière, ist nicht Berufssoldat, sondern Anwalt.
- Die Ministerin für Bildung und Forschung, Frau Dr. Annette Schavan, ist Erziehungswissenschaftlerin und katholische Theologin.
- Der Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Dr. Norbert Röttgen, ist weder Ökologe noch Physiker oder Sicherheitstechniker, sondern Anwalt.
- Der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Herr Dirk Niebel,  ist weder Wirtschaftswissenschaftler noch Ingenieur, sondern Diplom-Verwaltungswirt.
- Der Verkehrsminister, Herr Dr. Peter Ramsauer, ist weder Stadtplaner noch Gleisbauer, sondern Diplom-Kaufmann.

Je höher man die Wichtigkeit eines Problems oder einer Aufgabe einschätzt, desto eher ist man bereit, einen ausgewiesenen Experten mit der Lösung zu beauftragen. Man vertraut auf seine Erfahrung und sein Wissen oder kurz: seine Kompetenz. Unwichtiges und wenig Bedeutendes kann man getrost selbst erledigen oder fachfremden Laien überlassen. Wer handwerklich nicht begabt ist, wird dennoch kaum etwas dagegen haben, wenn der Nachbar, der einem freundlicherweise das defekte Gartentor repariert, Stahlkocher von Beruf ist. Einen defekten Gasboiler oder die Operation eines entzündeten Blinddarms würde man dem hilfsbereiten Nachbarn jedoch nicht so ohne weiteres anvertrauen.

Die Kompetenz, die man benötigt, um einen Staat zu lenken, geht, wenn man sich obige Auflistung ansieht, gegen Null. Das Wirtschaftsministerium wird von einem Arzt geleitet und das Gesundheitsministerium von einem Wirtschaftswissenschaftler. Lediglich die drei Ministerien "Justiz" (geleitet von einer Juristin), "Bildung und Forschung" (geleitet von einer Erziehungswissenschaftlerin) und mit etwas Wohlwollen "Familie, Senioren, Frauen und Jugend" (geleitet von einer Soziologin) lassen auf Fachkompetenz schließen. Stoibers Frage nach der Kompetenz-Kompetenz zielt nur auf die Spitze des Eisbergs, die Kanzlerin. Der Mangel an Kompetenz setzt sich jedoch nach unten fort.

Neben den drei genannten sind sieben von sechzehn Ministerien mit fachfremden Laien besetzt. Für die restlichen sechs haben wir Anwälte.