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Titelfoto: Ralf Kurz

Bildbearbeitung: Divina Michaelis

Covergestaltung: Ralf Kurz

Copyright 2012: Ralf Kurz

 

“Das letzte Jahr der Händler” ist ein Qindie-eBook,

ausgezeichnet mit dem “Q” für geprüfte Qualität!

 

 

 

 

RALF KURZ

 

Das letzte Jahr der Händler

 

 


Es war einmal ein König. Sein Name war Kunde und die Händler verehrten ihn. Majestätisch flanierte er durch die Hauptstraße, wo in den blank geputzten Schaufenstern die vielfältigen Auslagen um seinen geneigten Blick buhlten. Zwischen den Einzelhandelsgeschäften, den Provinzen seines Reiches, fühlte König Kunde sich wohl. Oft stattete er ihnen Besuche ab, manchmal, um etwas zu kaufen oder zu anderen Zeiten, um sich nur einmal umzuschauen und stets war er den Händlern willkommen.

"Der Kunde ist König", sagten sie und hielten ihm sich artig verbeugend die Tür auf, wenn er ihre Geschäfte mit den neu erworbenen Waren verließ.

Eines Tages öffnete ein Kaufrauschtempel auf der grünen Wiese am Rande der Stadt seine Pforten. König Kunde freute sich, denn dort gab man sich mit weniger Geld für die Waren zufrieden und er konnte mit seiner Kutsche direkt vor den Eingang fahren, ohne allzu viele Schritte zu Fuß gehen zu müssen. Dass man ihm die Tür dort nicht aufhielt, wenn er den Tempel verließ, bemerkte der König nicht.


 

 

 

 

Frühling

 

Konkurrenz belebt das Geschäft

 


 

Niemand gab dem nasskalten Montagmorgen Anfang April die Schuld. Es lag in der Natur der Sache am Tag zu sterben, auch wenn die Entscheidung über den Tod stets nachts fiel. Wieder einmal war es Schaufensterscheiben bestimmt zu erblinden und wieder einmal, wie so oft, hatten sie ihren Glanz bereits verloren, bevor man das Schild angebracht hatte. Nun würde sich das Sterben noch eine kleine Weile hinziehen, vielleicht zwei Wochen oder einen Monat, und auch wenn das Schild den Blick ein wenig trübte, so war die Wehmut, die darin lag, dennoch tröstlicher als jener abrupte Tod, der manche von ihnen zuweilen ereilte und jedes Abschiednehmen verunmöglichte. Die Ankündigung des Todes und damit der Beginn des Sterbens ereignete sich immer an den Montagen, als ob es eine geheime Vorschrift gäbe, die besagte, dass im Leben der Händler der Anfang vom Ende auf eben jenen Tag fallen müsse, an dem der fahle Bewahrer der Hoffnung und trügerische Beschützer vor der Dunkelheit der Nacht geehrt wurde.

Das Anbringen des Schildes geschah am frühen Morgen. Der beginnende Tag offenbarte den Kunden, dass sie fürderhin nach einer neuen Möglichkeit suchen mussten, ihre benötigten Waren zu erwerben, ohne dass sie selbst ahnten oder gar wissen wollten, wessen Hand den Degen zum Todesstoß geführt hatte. Die Händler aber nickten wissend, denn es hatte einen aus ihrer Mitte getroffen und sie erkannten den Beginn des Sterbens von der anderen Straßenseite aus. Diejenigen, deren Geschäfte rechts und links der beschilderten Schaufensterscheibe lagen und denen deshalb der direkte Blick auf den Moribunden verwehrt war, erfuhren es aus dem Flüstern, das seit jeher die Wände leichter durchdringt als jedes polternde Geschrei. Der Gedanke, dass jeder von ihnen der nächste sein könnte, ging wie eine stumme Post von Haus zu Haus.

 

Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe

 

Obwohl das Schild, das der Nähmaschinenhändler Günther Zwirn an seinem Schaufenster angebracht hatte, keinen schwarzen Rand trug, war es doch nicht mehr und nicht weniger als eine Todesanzeige, auch wenn sie erst den Beginn des Sterbens ankündigte.

 

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In der Hauptstraße, der besten Adresse von Kleinstadt, existierte das Modellbahngeschäft Pekunius Kaufmann bereits in der zweiten Generation. Der erste Pekunius, Firmengründer und Vater des zweiten, hatte das Geschäft nach dem Krieg eröffnet. In den Jahren zuvor, als man in Deutschland Arbeitsplätze in kriegswichtigen Betrieben geschaffen hatte, war das kleine, fernab von allem Wichtigen gelegene Städtchen im Dornröschenschlaf versunken. Nichts und niemand hatte sich für Kleinstadt interessiert, keine Macht, die hätte ergriffen werden können, kein Führer, der den rechten Weg hatte weisen wollen, keine Wehrmacht, keine SS, keine Gestapo, keine vorwärtsgeschobene und wieder zurückgenommene Frontlinie, keine deutschen Panzer und keine alliierten Bomber. Kaum jemandem war später das gänzliche Fehlen zerbombter Häuser und schwer schuftender, aber  Zuversicht versprühender Trümmerfrauen aufgefallen. Kleinstadt lag offen versteckt im Nirgendwo, wo es nicht von einem Märchenprinzen wachgeküsst, sondern von der Währungsreform abgeholt und mitgenommen worden war. Später dann hatte sich das Wirtschaftswunder über Kleinstadt gelegt wie frisch gefallener Schnee und das Städtchen war in der weißen Pracht erstrahlt, rein und prosperierend, Tag um Tag, Monat um Monat und Jahr um Jahr in der Gewissheit, ein unverwundbarer Teil in der unendlichen Geschichte der Sozialen Marktwirtschaft zu sein.

Pekunius Kaufmann, der jüngere, hatte das Geschäft zu jener Zeit, als zwei deutsche Länder wieder zu einem vereinigt worden waren, von seinem Vater übernommen. Das Hoch, das dem Niederreißen der zweitberühmtesten Mauer der Welt gefolgt war, hatten die Kleinstädter lediglich im Fernsehen verfolgt, denn ihre räumliche Entfernung zu der nun nicht mehr existierenden Grenze war einfach zu groß gewesen, als dass sie die Ausläufer der Wellen noch am eigenen Leib oder im eigenen Geldbeutel hätten spüren können. Das geschah erst später, als man ihnen die Rechnung präsentierte. Dem Vater war die Übergabe an den Sohn nicht leicht gefallen. Vielleicht hatte er gespürt, dass er, der wenige Jahre zuvor seine Frau verloren hatte, mit seinem Rückzug auch des Inhaltes seines Lebens verlustig gehen würde. Nur zwei Jahre später verstarb er nach kurzer, schwerer Krankheit, wie in der Todesanzeige zu lesen gewesen war. Der Sohn führte das Geschäft des Vaters weiter, ohne dass ihm jemals etwas anderes in den Sinn gekommen wäre. Er hatte den Beruf des Händlers im elterlichen Betrieb erlernt, besaß Talent und fühlte sich berufen, die von seinem Vater begründete Tradition fortzuführen. Es war nicht das Schlechteste, vom Verkauf von Modellbahnen und Zubehör zu leben und man brachte ihm stets Sympathie entgegen, wenn er die Frage beantwortete, womit er sein Geld verdiente. Manch Einer mochte dann auf den Gedanken verfallen, dass es dem Händler geglückt war, seine Kindheit gewissermaßen zu konservieren, weil man Modellbahnen stets mit Weihnachten und leuchtenden Kinderaugen assoziierte.

An diesem nasskalten Aprilmorgen schloss Pekunius Kaufmann die Eingangstür seines Ladens auf, trat ein und schaltete das Licht an. Das Modellbahngeschäft erwachte. Bei seinem ersten Blick aus dem Schaufenster erkannte der Händler, dass sein Nachbar auf der anderen Straßenseite ein Schild angebracht hatte. Pekunius musste seine Augen nicht anstrengen, um die bei allen Händlern meistgefürchtete Ankündigung zu entziffern.

 

Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe

 

Der Modellbahnhändler seufzte. Die Bekanntmachung, die Zwirn in seinem Schaufenster angebracht hatte, forderte zum Abschiednehmen auf. Solange Pekunius denken konnte, hatte er das Schild Nähmaschinen Günther Zwirn auf der anderen Straßenseite gesehen und genau wie er hatte auch Zwirn das Geschäft vom Vater übernommen. Sie kannten sich von Kindesbeinen an und waren zusammen zur Schule gegangen. Damals hatte es noch die Bäckerei und die Metzgerei, die ein Stück die Straße hinunter einander gegenüber gelegen hatten, gegeben. Fast jeden Tag hatten Pekunius und Günther mit dem Sohn des Metzgers und dem Sohn des Bäckers Fußball gespielt, ohne Abseits und drei Ecken, ein Elfer. Aus dem Bäckersohn war ein Architekt geworden, worauf seine Eltern mit Recht stolz gewesen waren. Der Metzgersohn hatte nach der Schulzeit das Weite gesucht und war nicht wieder nach Kleinstadt zurückgekehrt. Man erzählte sich, er sei zur See gefahren. Da weder Bäcker noch Metzger ihre Geschäfte an die Söhne hatten weitergeben können, waren beide Läden vor Jahren geschlossen worden. Es mochte lediglich ein Zufall sein, dass die Söhne der Händler die Geschäfte der Väter übernommen hatten, die der Handwerker jedoch nicht. Nun aber würde wohl bald jemand das Schild über dem Schaufenster auf der anderen Straßenseite abmontieren und durch ein neues, anderes ersetzen. Das Fachgeschäft für Nähmaschinen und Zubehör würde verschwinden, aufgesogen von einem schwarzen Loch, das man Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe nannte.

Gedankenverloren zupfte Pekunius die Manschette seines Hemdes zurecht. Er lebte allein und besaß keine Nähmaschine, mit der er seine Kleidung selbst hätte herstellen können, doch die Frage, wer das Hemd genäht hatte, das er auf dem Leib trug, konnte er auch nicht beantworten. Fast war er versucht nachzusehen, doch er verwarf die Idee gleich wieder, weil er wusste, dass das Wäscheschild am Kragen zwar einen Hinweis auf das Herstellungsland, nicht aber auf die Person liefern würde, die an der Nähmaschine gesessen hatte. Man kannte „Made in China“, nicht aber „Gefertigt von Chang Yu“.

In seinem eigenen Schaufenster herrschte noch Nacht. Pekunius verbannte den Gedanken an die unbekannte Chinesin und schaltete die Stromversorgung ein. Er knipste die Beleuchtung an, drehte die Regler der beiden Trafos auf halbe Kraft und beobachtete den Güter- und den Personenzug, die sich auf ihren Gleisen in gegenläufiger Richtung in Bewegung setzten. Es war der allmorgendliche Beginn seines Arbeitstages, doch die gewohnte Routine wollte sich diesmal nicht einstellen. Immer wieder wurde Pekunius´ Konzentration durch die Ankündigung Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe gestört und mehr als einmal sah er an diesem Morgen aus dem Fenster, um sich zu vergewissern, dass das Schild tatsächlich in Zwirns Schaufenster hing. Er hatte keine Antwort auf die Frage, warum die Zwirns ihr Geschäft aufgaben und so schloss er um Punkt dreizehn Uhr seinen Laden ab, überquerte die Straße und betrat das Nähmaschinengeschäft. 

„Pekunius“, begrüßte ihn Zwirn, „wie geht´s, wie steht´s?“

Im Ladengeschäft hatte sich noch nichts verändert, doch der Räumungsverkauf hatte an diesem Tag gerade erst begonnen. Das Leeren der Regale, die nicht wieder aufgefüllt werden sollten, würde allmählich vonstatten gehen, langsam, aber unaufhaltsam wie das Verbluten eines waidwunden Tieres. Nur der Inhaber war nicht mehr der gleiche, auch wenn Zwirn sich redlich Mühe gab, die Niedergeschlagenheit in seinem Blick zu verbergen.

„Guten Tag, Günther“, antwortete Pekunius mit einem leichten Kopfnicken und ging zu einem Regal, in dem Nähseide, Knöpfe und Reißverschlüsse ein letztes Mal darauf warteten, den Bedarf der Kundschaft decken zu dürfen.

Eine Dame, die das mittlere Alter schon ein wenig überschritten hatte, wandte sich von einer Nähmaschine ab und fragte den Händler nach dem Preis.

„Sie haben eine gute Wahl getroffen“, antwortete Zwirn, „in diesem Preissegment ist diese Maschine derzeit das führende Modell. Eine elektronische Steuerung garantiert Ihnen immer eine gleichbleibende Durchstichkraft. Sie können aus sechzig Nähprogrammen auswählen und damit jedes noch so knifflige Problem optimal lösen.“

„Und wie viel kostet sie?“, fragte die Kundin noch einmal.

Zwirn deutete eine leichte Verbeugung an.

„Wir haben sie wegen des Räumungsverkaufs im Preis reduziert“, erklärte er, „für einhundertfünfundneunzig Euro können sie die Maschine sofort mitnehmen.“

„Kriege ich darauf noch einen Rabatt?“, verlangte die Kundin.

Zwirn runzelte die Stirn.

„Welchen Rabatt meinen Sie, Verehrteste?“

„Na, weil ich doch extra zu Ihnen komme“, erwiderte sie, „ich hätte ja auch zuhause bleiben können. Beim Versandhandel kann man bequem aus dem Katalog bestellen. Man muss bei diesem Wetter nicht aus dem Haus und obendrein kostet sie dort nur einhundertneunundsiebzig Euro.“

Es bereitete Zwirn sichtlich Mühe, sein gewohntes Lächeln beizubehalten.

„Sind Sie sicher“, fragte er, „dass Sie beim Versandhandel auch genau dieses Modell für einhundertneunundsiebzig Euro bekommen? Der Preis erscheint mit außerordentlich niedrig. Vielleicht liegt hier auch eine kleine Verwechslung vor. Es gibt so viele Modelle.“

„Halten Sie mich etwa für blöd?“, fragte die Dame pikiert.

Der Nähmaschinenhändler hob abwehrend die Hände.

„Aber nein“, wehrte er ab, „ich bitte Sie, Gnädigste, so habe ich das natürlich nicht gemeint, ganz und gar nicht.“

Die Kundin verschränkte die Arme vor der Brust und sah Zwirn abwartend an.

„Also?“, fragte sie.

Der Nähmaschinenhändler zögerte einen Moment, doch er verzichtete auf das weitere Feilschen und gab seufzend nach.

„Einverstanden“, erklärte er, „einhundertneunundsiebzig. Ich hole den Karton und packe sie ein.“

Pekunius war die Preisverhandlung nicht entgangen. Das Geschäft des Händlers ist der Handel, dachte er. Einer Nachfrage stellte man ein Angebot gegenüber, verhandelte über den Preis und erzielte eine Einigung – oder auch nicht. Dass Kunden überhaupt über den Preis verhandelten, war eine Erfahrung, die er erst in der jüngeren Zeit gemacht hatte. Früher waren die Modellbahnliebhaber in seinen Laden gekommen, hatten etwas ausgesucht und den Preis bezahlt, mit dem er die Ware ausgezeichnet hatte. Preisverhandlungen hatte es nicht gegeben. In den letzten Jahren allerdings kam es immer häufiger vor, dass ein Kunde den Preis nicht akzeptierte, weil er das Produkt bei X oder Y für weniger Geld erwerben konnte. Wie sehr Konkurrenz das Geschäft belebte, konnte der Händler beim Feilschen selbst erleben, wenn sich manchmal sogar hitzige Diskussionen entwickelten. Zuweilen gewann Pekunius dann den Eindruck, dass ein Kunde eine größere Befriedigung daraus zog, einen oder zwei Euro gespart zu haben, als er Freude über das neu erworbene Produkt empfand. Nicht der wirtschaftliche Aspekt, ob Ware und Preis in einem angemessenen Verhältnis zueinander standen, gab den Ausschlag, sondern das Kräftemessen zwischen Händler und Kunde, für den jeder weniger bezahlte Cent eine Vergrößerung seines Triumphes bedeutete. Manchmal fand Pekunius Vergnügen am Feilschen, wenn es sich in einem freundlichen Rahmen bewegte, doch er konnte es nicht leiden, wenn aus einer Preisverhandlung ein Preiskampf wurde.

Die Kundin hatte in der Zwischenzeit ihre neue Nähmaschine erhalten und bezahlt. Als Pekunius sah, dass sie auf die Eingangstür zusteuerte, kam er ihr rasch zuvor und hielt ihr lächelnd die Tür auf.

„Oh“, sagte sie von der unerwartet freundlichen Geste überrascht, „das ist aber sehr nett von Ihnen, richtig alte Schule.“

Pekunius nickte ihr zu, antwortete aber nicht.

„Mittagspause“, verkündete Zwirn, nachdem die Kundin den Laden verlassen hatte, „möchtest du eine Tasse Kaffee?“

Er zog seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche und verschloss die Eingangstür.

„Gern“, stimmte Pekunius zu.

Gemeinsam durchquerten sie den Laden und gingen in den hinteren Bereich, wo ein kleiner Aufenthaltsraum mit einer Kochnische, einem Tisch und vier Stühlen Platz für eine Kaffeepause bot. Pekunius sann einen Augenblick darüber nach, wie oft er wohl schon dort gesessen hatte. Natürlich ließ sich die Zahl nicht ermitteln, nicht einmal annähernd, doch an diesem Tag strich er sanft mit seinen Fingern über die Tischplatte in der Gewissheit, dass nicht nur die Waren in den Regalen im Verkaufsraum, sondern auch diese alten Möbel bald verschwunden sein würden. Erst der Gedanke an ihr zukünftiges Nichtmehrvorhandensein machte ihm bewusst, wie sehr er sich an sie gewöhnt hatte und dass er sie vermissen würde.

„Wo ist Lissi?“, fragte er, während Zwirn die Kaffeemaschine in Gang setzte und zwei Tassen aus einem der Hängeschränke nahm.

Lissi hieß eigentlich Elisabeth, doch den Kosenamen trug sie seit ihrer Schulzeit. Schon neununddreißig Jahre war sie mit Günther verheiratet und in all den Jahren hatte es kaum einen Tag gegeben, an dem sie nicht gemeinsam mit ihrem Mann im Nähmaschinengeschäft gestanden hatte.

„Der Rücken“, antwortete Zwirn und Pekunius nickte.

Es war vermutlich kein Zufall, dass gerade am ersten Tag des Räumungsverkaufs die Last auf Lissis Rücken so schwer geworden war, dass sie nicht ins Geschäft hatte kommen können.

„Was werdet ihr tun, wenn ihr euch jetzt aufs Altenteil zurückzieht?“, fragte Pekunius salopp und ließ seine Stimme heiter klingen, um Zwirn das Antworten zu erleichtern, doch der Nähmaschinenhändler schüttelte den Kopf.

„Soweit ist es noch nicht, Pekunius“, antwortete er, „sobald ich den Laden geschlossen habe, werde ich eine Arbeitsstelle antreten. Ist es nicht eine Ironie, dass meine langjährigen Konkurrenten meine zukünftigen Kunden sein werden?“

Pekunius verstand die Frage nicht und sah seinen Freund stirnrunzelnd an.

„Was meinst du damit?“

Wehmütig über seinen traurigen Scherz lächelnd setzte sich Zwirn an den Tisch.

„Die Händler in Großstadt oder Mitteldorf“, erklärte er, „waren natürlich nicht direkt meine Konkurrenten. Niemand fährt in eine andere Stadt, um eine Nähmaschine zu kaufen, schon gar nicht, wenn der Versandhauskatalog auf dem Wohnzimmertisch liegt und man nicht einmal Schuhe anziehen muss, um aus dem Haus zu gehen.“

Der Duft frisch gebrühten Kaffees breitete sich in der Küche aus und verkündete ebenso wie die blubbernde und glucksende Maschine, dass das starke, schwarze, heiße Gebräu gleich fertig sein würde, um wieder einmal wie seit Jahrhunderten auf nahezu der ganzen Welt stummer und dennoch hilfreicher Begleiter eines aufrichtigen Gespräches zu sein, unterstützt vom Henkel der Tasse, an den man sich klammern konnte, wenn man jeden anderen Halt verloren zu haben glaubte.

„Der Versandhauskatalog“, wiederholte Pekunius und erinnerte sich an das Gespräch zwischen Zwirn und der Kundin wenige Minuten zuvor.

Zwirn erhob sich, nahm die Kaffeekanne aus der Maschine und füllte ihre Tassen. Er stellte sie auf den Tisch, holte zwei Löffel aus der Schublade, legte sie neben die Tassen und stellte eine Zuckerdose dazu. Die beiden Freunde tranken ihren Kaffee am liebsten schwarz wie die Nacht, stark wie ein Stier, heiß wie die Hölle und süß wie die Liebe, wie einer von ihnen einmal scherzhaft bemerkt hatte.

„Du hast es vorhin selbst gehört“, seufzte Zwirn, „sofern die Kunden überhaupt noch in meinen Laden kommen, wollen sie die Beratung des Fachhandels, aber die Preise aus dem Versandhauskatalog.“

„Das habe ich gerade gesehen“, bestätigte Pekunius und nickte, „aber warum schließt du so plötzlich?“

Zwirn ließ Zucker in seine Tasse rieseln und rührte langsam um.

„Ich schließe nicht plötzlich“, antwortete er, „ganz im Gegenteil. Es kommt dir nur so vor, weil ich nie davon gesprochen habe. Die Geschäfte gehen schlecht, schon seit langer Zeit. Mit den Preisen des Versandhandels kann ich genauso wenig mithalten, wie mit denen des großen Warenhauses am Stadtrand. Tatsächlich haben wir uns im letzten Jahr in erster Linie mit Reparaturen über Wasser gehalten. Außerdem werden ganz allgemein weniger Maschinen verkauft. Die ganze Branche klagt. Vor wenigen Jahren musste der letzte deutsche Hersteller schließen, weil er keine Umsätze mehr erzielen konnte. Wer näht denn heute noch seiner Kleider oder Hemden selbst?“

Chang Yu, dachte Pekunius. Sie nähte Hemden, vornehmlich jedoch auf einer fremden Maschine für Kunden, die Tausende Kilometer entfernt nicht einmal ihren Namen kannten.

„Was meintest du vorhin“, fragte er und verbannte den Gedanken an die unbekannte Chinesin zum zweiten Mal an diesem Tag, „als du sagtest, dass deine langjährigen Konkurrenten deine zukünftigen Kunden sein werden?“

Zwirn trank schlürfend einen Schluck von seinem heißen Kaffee und stellte die Tasse behutsam auf den Tisch.

„Ich wechsele die Seiten“, erklärte er, „in Zukunft werden die Nähmaschinenhändler, solange es sie noch gibt, meine Kunden sein. Ein ungarischer Hersteller, dessen Maschinen ich auch verkauft habe, hat mir das Angebot gemacht, dass ich Gebietsleiter werden könnte, weil ihr aktueller Mitarbeiter Ende des Monats ausscheidet. So gesehen war es ein glücklicher Zufall, der meine schlaflosen Nächte beendet hat.“

„Deine schlaflosen Nächte?“, hakte Pekunius nach.

Zwirn atmete tief ein, verharrte einen Moment und ließ die Luft mit einem Seufzen aus seinen Lungen entweichen. Er sah den Freund nicht an, als er antwortete.

„Ja, Pekunius, schon seit Monaten gehe ich jeden Abend mit dem Gedanken ins Bett, dass die Tageseinnahmen nicht ausreichend sind, dass der Monatsgewinn zu gering ausfallen wird und dass Besserung nicht in Sicht ist. Immer und immer wieder habe ich mir den Kopf zermartert, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, das Geschäft zumindest so lange am Leben zu erhalten, bis Lissi und ich unsere Rente, so gering sie auch ausfallen wird, einreichen können, aber ich habe einsehen müssen, dass es hoffnungslos ist. Zahlen lügen nicht und so muss ich noch einmal fünfeinhalb Jahre arbeiten gehen. Immerhin habe ich das Glück, gleich zum nächsten Ersten eine Stelle antreten zu können. Ohne das Angebot des ungarischen Herstellers wäre die Sozialhilfe die einzige Alternative.“

„Aber habt ihr denn keine Ersparnisse?“, fragte Pekunius überrascht, weil das plötzliche Auftauchen des Schreckgespenstes mit dem harmlos klingenden Namen „Sozialhilfe“ ihm für einen Augenblick fast den Atem nahm.

„Die Geschäfte gehen schon lange schlecht“, wiederholte Zwirn ausweichend ohne aufzusehen.

Es hatte ihn Überwindung gekostet, Pekunius einzugestehen, wie es um seine Firma und damit um ihn und seine Frau stand, denn Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe war im hellen Licht des Tages betrachtet nichts anderes als das Eingeständnis einer Niederlage. Da er sie selbst durch das Schild im Schaufenster öffentlich gemacht hatte, gab es auch keinen Grund, die Situation vor seinem Freund zu beschönigen. Als Selbständiger hatte Zwirn nie Beiträge in die Rentenkasse oder zur Arbeitslosenversicherung entrichtet. Durch das zu geringe Einkommen aus dem Geschäft waren seine Ersparnisse im Lauf der letzten Jahre immer weiter abgeschmolzen. Das, was jetzt noch übrig war, sollte zusammen mit den beiden Lebensversicherungen, die er und Lissi bei Erreichen des fünfundsechzigsten Geburtstages ausbezahlt bekommen würden, für den gemeinsamen Lebensabend reichen. Bis dahin hatten sie jedoch noch gut fünf Jahre zu überbrücken und er hoffte inständig, dass er dem Vertreterberuf gewachsen war.

Ein vehementes Klopfen an der Eingangstür unterbrach jäh das Gespräch. Zwirn erhob sich und verließ die Küche, um nachzusehen, während Pekunius seine Kaffeetasse leerte. Der Modellbahnhändler stand ebenfalls auf, ging zur Spüle, wusch die Tasse aus, stellte sie auf die Ablage, trocknete seine Hände ab und folgte schließlich dem Nähmaschinenhändler in dessen Verkaufsraum. Zwirn hatte einer Kundin geöffnet, die mit einem Heft wedelnd auf ihn einsprach.

„... es ist ein Glück, dass Sie da sind. Bei dem Wetter hätte ich den Weg nicht zweimal machen wollen.“

„Und was kann ich für Sie tun?“, fragte Zwirn.

„Sie haben mir doch kürzlich diese Nähmaschine empfohlen“, berichtete sie, „und ich fand das, was Sie gesagt haben, auch ganz überzeugend. Deshalb habe ich sie noch am gleichen Tag bestellt. Beim Versandhandel ist sie ja auch um einiges günstiger, das verstehen Sie doch. Schließlich wächst bei uns das Geld ja auch nicht auf den Bäumen.“

Sie unterbrach sich kurz und grinste um Verständnis heischend, bevor sie fortfuhr.

„Die Nähmaschine ist auch gleich am Samstag geliefert worden. Ich habe sie ausgepackt und wollte sie ausprobieren, doch diese Anleitung hier ist eine Zumutung, das reinste Kauderwelsch. Man könnte meinen, es wäre chinesisch. Ich frage mich, wer so etwas schreibt. Kein Wort versteht man davon. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie sind doch Fachmann. Sie müssen mir erklären, wie sie funktioniert. Schließlich haben Sie ja gesagt, dass ich diese Nähmaschine kaufen soll.“

Pekunius kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass Zwirn der Kundin gleich behilflich sein würde, doch sein Erschrecken über das, was sie in der Küche besprochen hatten, veranlasste ihn, sich in das Gespräch einzumischen. Das impertinente Ansinnen der Kundin und die unverschämte Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ein von Zwirn empfohlenes, aber bei der Konkurrenz gekauftes Produkt nun erklären lassen wollte, rief einen selten zutage tretenden Sarkasmus bei ihm hervor.

„Darf ich einmal sehen?“, fragte er mit einem Lächeln und nahm der Kundin die Bedienungsanleitung aus der Hand.

Ein kurzer Blick auf die Rückseite lieferte ihm schnell die gewünschte Information und mit dem Finger darauf deutend fuhr er in liebenswürdigem Ton fort.

„Sehen Sie hier. Das ist der Name der Firma, von der die Maschine stammt und gleich darunter finden Sie auch die Adresse. Dorthin können Sie sich vertrauensvoll wenden.“

„Aber das ist ja eine Adresse in Taiwan“, antwortete die Kundin empört, „soll ich etwa dort anrufen?“

„Soweit ich weiß“, erwiderte Pekunius verbindlich lächelnd und gab der Kundin die Anleitung zurück, „werden in der hiesigen Volkshochschule auch Chinesischkurse angeboten.“

 

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Nach der Mittagspause studierte Pekunius den neuen Produktkatalog seines Hauptlieferanten, doch er konnte sich nicht recht konzentrieren. Sobald er eine Seite umgeblättert hatte, wusste er schon nicht mehr, was er sich gerade angesehen hatte. Das Schild im Schaufenster auf der anderen Straßenseite zog seinen Blick immer wieder auf sich, als ob ihm ein Magnetismus innewohnte, dessen Gegenpol die Augen des Modellbahnhändlers waren. Zwirn und er kannten einander ihr ganzes Leben und wann immer Not am Mann gewesen war, hatten sie sich gegenseitig beigestanden. Nun aber gab es nichts, was Pekunius für seinen Freund tun konnte. Ihm war, als ob er am Bett eines Kranken säße, für den es keine Hoffnung mehr gab. Natürlich würde Zwirn nicht sterben, wenn er zum letzten Mal seinen Laden abschloss. Streng genommen gab der Freund nicht einmal sein Händlerdasein auf, doch die Vorstellung, dass Zwirn in Zukunft das Land bereisen musste, um zu seinen neuen Kunden zu kommen, behagte Pekunius nicht, denn der Freund würde immer noch in der gleichen Branche tätig sein, die der Nähmaschinenhändler selbst als hoffnungslos einschätzte. Wie sollte Zwirn dem Diktat der Umsatzzahlen, dem jeder Außendienstmitarbeiter unterworfen war, gerecht werden können, wenn die Kleidung, die man selbst nähte, nicht die allseits geforderten Aufnäher der angesagten Modelabels aufwies, wie Pekunius in einem Zeitungsbericht gelesen hatte? Wer brauchte dann noch eine Nähmaschine? Davon abgesehen war er unschlüssig, ob er dem Freund für dessen berufliche Zukunft Glück wünschen sollte, denn mit fast sechzig Jahren ein Leben aus dem Koffer zu beginnen, von Stadt zu Stadt zu reisen und die einsamen Nächte in möglichst billigen Pensionen zu verbringen erschien ihm, als wollte man einen alten Baum auf die Wanderschaft schicken.

Das Pfeifen einer Dampflok, das elektronisch erzeugt als Türglocke diente, kündigte einen Kunden an und riss Pekunius aus seinen Gedanken. Hinter dem Tresen sitzend sah er auf, doch der Mann mittleren Alters, der gerade das Geschäft betrat, kam ihm nicht bekannt vor. Der Händler erhob sich, während der Kunde zielstrebig auf ihn zuging.

„Ich suche die Lokomotive ER 20“, sagte der Mann, „was kostet die bei Ihnen?“

„Guten Tag“, erwiderte Pekunius, dem das Unterlassen einer Begrüßung durch den Eintretenden nicht entgangen war, „lassen Sie mich nachsehen.“

Früher hätte er einen Ordner aus dem Regal gezogen und die entsprechende Preisliste herausgesucht, doch seit einigen Jahren hatte auch er sich auf die weiterentwickelte Technik umgestellt, auch wenn es ihm zu Beginn schwer gefallen war. Mit der Einführung des Computers jedoch war jede gewünschte oder gesuchte Information nur wenige Mouseclicks weit entfernt und wo ehedem ein kräftiger Arm und ein sicherer Griff vonnöten gewesen waren, genügte heute das sanfte Tippen eines einzigen Fingers. Pekunius rief die entsprechende Seite auf und fand den Preis für die Lokomotive.

„Einhundertneununddreißig Euro“, antwortete er

Der Kunde verzog unzufrieden das Gesicht.

„Im Internet kostet sie nur neunundneunzig“, erklärte er.

Pekunius nickte stumm. Er wusste, dass die Preise im WorldWideWeb oft erheblich von seinen eigenen abwichen. Das Kriterium der Verfügbarkeit eines Produktes spielte heutzutage bei der Preisfindung keine Rolle mehr, denn jeder Artikel war auf diesem grenzenlosen Marktplatz jederzeit zu haben. Dass die Preise dadurch unter Druck geraten waren, verstand sich von selbst, denn durch die im Vergleich zu früher erheblich verbesserten Informationsmöglichkeiten, über die Kunden nun verfügten, hatte die Wettbewerbssituation drastisch verändert. Der Händler vor Ort stand nicht mehr nur in Konkurrenz zu den anderen in seiner Umgebung, sondern plötzlich zu allen anderen im ganzen Land, wenn nicht gar auf der ganzen Welt. Wenn früher zwei oder drei Marktteilnehmer für die lokale Preisfindung verantwortlich gewesen waren, so gab es heute zwei- oder dreihundert, die überregional agierten. Das hatte schließlich dazu geführt, dass aus einem Anbieter von früher heute ein Anbieter, aber neun Unterbieter geworden waren. Dass die Unterbieter, die für den Preisverfall im Internet verantwortlich waren, meist nach kurzer Zeit schon wieder verschwanden, weil ihre Kalkulationen nicht aufgingen, fiel dabei nicht ins Gewicht, denn sie wurden postwendend von anderen ersetzt, die sich ebenfalls als Glücksritter versuchen wollten.

„Machen Sie mir den gleichen Preis?“, fragte der Mann.

Pekunius schüttelte den Kopf.

„Sie werden im Internet immer jemanden finden“, antwortete er, „der ein Produkt billiger anbietet. Damit kann ein Fachhändler vor Ort nicht konkurrieren.“

Dem Kunden gefiel diese Erklärung augenscheinlich nicht.

„Warum nicht?“, fragte er herausfordernd.

Jede Erwiderung auf diese Frage war müßig. Wenn Pekunius die Lokomotive für den Kunden bestellte und die Frachtkosten zum Einkaufspreis addierte, blieb am Ende bei dem vom Kunden verlangten Verkaufspreis ein Ertrag von etwa drei Euro für den Händler übrig. Dafür ging er das Risiko ein, dass der Kunde möglicherweise nicht wiederkam, was zuweilen passierte, wenn ein Kunde das bestellte Produkt nicht abholte, weil er es sich anders überlegt oder es bei einem anderen Händler doch noch zwei Euro günstiger erstanden hatte. Außerdem musste Pekunius die Ware fakturieren, die Lieferantenrechnung buchen und bezahlen, eine eventuelle Reklamation bearbeiten, falls das Produkt einen Mangel aufwies und eine stattliche Anzahl weiterer Kostenpositionen abdecken. Es stand sogar zu befürchten, dass der Kunde in spe, sofern er wiederkam, bei seinem nächsten Einkauf den gleichen Preisabschlag verlangen würde und, schlimmer noch, dass es sich herumsprechen würde, wie billig man bei Pekunius einkaufen konnte. Neue Kunden würden versuchen, die Preise noch weiter zu drücken, während alte, vornehmlich Stammkunden, über die Annahme erbost sein konnten, zuviel bezahlt zu haben. Pekunius wollte und konnte nicht mit dem Internet konkurrieren. Eine Handelsspanne von drei Prozent bedeutete, dass er jeden Monat Waren im Wert von vierzigtausend Euro hätte verkaufen müssen, nur um sein Existenzminimum zu sichern.

„Ein Fachhändler vor Ort ...“, begann er, doch der Mann schnitt ihm das Wort ab.

„Wenn sie kein Geschäft machen wollen, kann ich Ihnen auch nicht helfen.“

Er sah den Händler noch immer herausfordernd an, wartete auf eine Erwiderung, die sich Pekunius jedoch ersparte, sah ein, dass es nichts zu verhandeln gab, zuckte verächtlich mit den Schultern, als ob er huldvoll eine Gunst angeboten hätte, die zurückgewiesen worden war, drehte sich um und verließ wort- und grußlos den Laden. Pekunius sah ihm kopfschüttelnd nach.

 

<><><> 

 

Es ging auf Ostern zu und das Modellbahngeschäft wurde nun häufiger von den Kunden besucht. Seine jahrzehntelange Erfahrung machte es Pekunius leicht zu disponieren, denn alljährlich spielte sich das gleiche Ritual ab. Der Heilige Abend war traditionell der Tag, an dem die meisten Modellbahnen verschenkt und neue Liebhaber geboren wurden. Wer seine Leidenschaft entdeckt und die züngelnde Flamme drei Monate lang angeblasen hatte, bekam in der Regel zu Ostern die erste Erweiterung. Meist waren es einige zusätzliche Gleise, zwei oder vier Weichen, einzelne Waggons und oft das erste Gebäude, das fast immer ein Bahnhof war.

Pekunius verkaufte keine Spielzeugeisenbahnen. Dieser Ausdruck war denjenigen vorbehalten, die keine Leidenschaft dafür empfanden. Er verkaufte Modellbahnen, ein Abbild der Wirklichkeit in verkleinertem Maßstab, in dem sich nicht selten die Liebhaber verloren. Wenn die Eltern den Kindern zu Weihnachten die erste Bahn schenkten, dann gaben nahezu immer die Väter den Ausschlag, denn die Leidenschaft, die sie zu Beginn fälschlicherweise für eine Mischung aus Nostalgie und Spieltrieb hielten, wohnte ihnen bereits seit Langem inne. Das eigentliche Spielen, das Betätigen des Trafos, das Stellen der Weichen und das Beobachten der Zugfahrten, nahm dabei nur einen untergeordneten Rang ein. Die Leidenschaft erwuchs aus dem Kreativen. Wer einmal Modellbahner geworden war, sah sich dadurch in die Lage versetzt, ein Schöpfer zu sein.

Am Anfang war die Holzplatte und siehe, sie war öd und leer. Dann stand der Schöpfer davor und in seiner Allmacht war er keinen Beschränkungen unterworfen, sofern man seinen Geldbeutel außer Acht ließ. Zuerst bekam die Platte einen Untergrund, grün für Wiesen und Weiden, braun für Wälder, grau für Asphalt und manchmal auch blau für einen See oder das Gestade eines Meeres. Man konnte Berge aufragen lassen und sie durch enge Schluchten teilen, durch die später der Schienenstrang führen sollte, während ein zweiter auf einer Brücke hoch darüber die Möglichkeit zur Überquerung bot. Auch wenn der Himmel in aller Regel keine Rolle spielte, so hatte man doch die Erde erschaffen!

Sobald die Gleise verlegt waren, wurde die Landschaft besiedelt. Welcher Mann träumte nicht davon, ein Haus zu bauen? Nun gab er sich dem Modellbau hin, dem unzertrennlichen Zwillingsbruder der Modellbahn. Kein wahrer Modellbahner kaufte ein fertiges Gebäude. Man erstand einen Bausatz und mit aller nötigen Sorgfalt und Liebe zum Detail wurden die einzelnen Teile entgratet, zusammengefügt, verleimt oder geklebt und dekoriert. Ein fertiges Haus brauchte einen Garten, zu einem Garten gehörte ein Baum und an einem Ast sollte eine Schaukel hängen. In diesem Augenblick überschritt der Modellbahner die nächste Schwelle. Es genügte nicht mehr, Bausätze zu kaufen. Nun besorgte man sich Rohstoffe, Holz und Pappe, Styropor und Folien, Drähte, Schnüre und Farben. Damit nahm man der Kreativität die Fesseln, die man vorher nicht einmal erkannt hatte und brachte sie zur völligen Entfaltung. Eine aus einem geköpften Streichholz und etwas Nähseide hergestellte Schaukel, die am Ast des Modellbaumes im sorgsam angelegten Garten baumelte, war längst kein Spielzeug, sondern Bestandteil eines Mikrokosmos, den man nichts und niemandem unterworfen und nur der eigenen Phantasie folgend in seiner Allmacht erschaffen hatte. Es war weit mehr als ein kindliches Vergnügen und man tat der Ernsthaftigkeit unrecht, wenn man lediglich das Kind im Manne für die Beschäftigung mit dem Modellbau verantwortlich machte. Es war nicht der Spieltrieb, sondern der Stolz und die Befriedigung, etwas erschaffen zu haben und kreativ gewesen zu sein, auch wenn wohlmeinende Außenstehende das Hobby als harmlos, weniger freundlich gestimmte es als sinnlos betrachteten ohne zu ahnen, wie viel Liebe und Herzblut darin steckte. Für die nüchternen Beurteiler war der Modellbau kreativ, aber nicht produktiv und somit nutzlos, weil er nicht dem Gelderwerb diente. Für die Liebhaber jedoch war es undenkbar, eine Modellbahnlokomotive mit einer Nähmaschine zu vergleichen.

Am Montagvormittag der Karwoche erhielt Pekunius drei Pakete vom Zustelldienst. Er quittierte den Empfang, nahm ein kleines, scharfes Messer, öffnete das erste Paket und begann mit dem Auspacken. Die Wareneingangskontrolle ergab, dass der Inhalt vollzählig war und mit den Positionen auf dem Lieferschein übereinstimmte. Keine Verpackung wies eine Beschädigung auf und zufrieden wollte Pekunius mit dem Fakturieren beginnen, als ein Kunde, den der Händler schon seit Jahren kannte, begleitet vom Dampflockpfeifen der Türklingel den Laden betrat.

„Guten Morgen, Herr Kaufmann.“

„Guten Morgen, Herr Salmen“, antwortete Pekunius erfreut, „schön Sie zu sehen.“

„Neue Ware?“, fragte Salmen mit einem Blick auf die geöffneten Pakete.

„Ja“, erwiderte Pekunius, „ein Teil davon ist für das Schaufenster. Ich will es nach den Feiertagen neu dekorieren.“

„Und was wird es diesmal?“, fragte Salmen, obwohl er wusste, dass er keine Antwort auf die Frage erhalten würde.

„Lassen Sie sich überraschen“, antwortete der Händler.

Das Dekorieren des Schaufensters, alljährlich im Frühling und im Herbst, war Pekunius immer eine besondere Freude. Aus den Neuheiten, die von den Herstellern angeboten wurden, suchte er sich jedes Mal Produkte zu einem anderen Thema zusammen. Während eine Modellbahnanlage die Hälfte seines Schaufensters ausfüllte, entstand auf einer zweiten Platte gleicher Größe in der Werkstatt die nächste, um im halbjährlichen Turnus ausgetauscht zu werden. Zurzeit fuhren ein weißer ICE Personenzug und ein brauner Güterzug, gezogen von einer Diesellok und beladen mit Modellautos, in gegenläufiger Richtung durch einen modernen Bahnhof inmitten eines Wohn- und Geschäftsviertels. Das Besondere der Anlage war die aufwändige Beleuchtung, die jedoch nur noch an trüben Regentagen einigermaßen zur Geltung kam, denn die Winterwochen, in denen es morgens spät hell, tagsüber meist grau und abends früh dunkel wurde, waren bereits vorüber. An der Sommerdekoration, die in der Woche nach Ostern im Schaufenster stehen sollte, arbeitete Pekunius seit knapp einem halben Jahr und er freute sich auf die Fertigstellung, die er mit der Warenlieferung dieses Tages in Angriff nehmen konnte.

„Immer noch der alte Geheimniskrämer“, neckte Salmen freundschaftlich, „ich bin schon sehr gespannt.“

Die beiden Männer grinsten sich an. Das Trennende zwischen Händler und Kunde wog leicht im Vergleich zum Verbindenden der beiden Modellbaufreunde. Salmen, der als Geschäftskundenberater bei der Genossenschaftsbank arbeitete, kaufte schon seit Jahr und Tag bei Pekunius. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seine Auswahl in einem Kaufhaus zu treffen, selbst wenn er den einen oder anderen Euro hätte sparen können, denn dort wurde er von Verkäufern bedient. Er aber ging zu einem Fachhändler, der nicht nur viel von den Produkten verstand, mit denen er handelte, sondern, da der Händler die Leidenschaft des Kunden teilte, weitaus schneller, besser und genauer in der Lage war herauszufinden, was der Kunde wünschte. Mit dem Fachhändler konnte Salmen fachsimpeln und jene Art von Konversation führen, bei der weder Herkunft, sozialer Hintergrund oder Einkommen noch Nationalität, Hautfarbe oder politische Meinung zählten, sondern lediglich Detailwissen über das gemeinsame Hobby, wie es auch bei den Clubs oder Vereinen, die meist den Namen „Modellbaufreunde“ trugen, gang und gäbe war.  

„Was kann ich heute für Sie tun?“, fragte Pekunius, um das Thema Schaufenstergestaltung nicht weiter aktiv vermeiden zu müssen.

„Eigentlich nichts“, antwortete Salmen, „ich kam gerade hier vorbei und dachte, ich schau mal bei Ihnen rein. Haben Sie die Neuigkeiten schon vernommen?“

Pekunius wusste nicht, worauf Salmen anspielte.

„Welche Neuigkeiten?“, fragte er.

„Na, den Beschluss im Stadtrat“, antwortete der Banker.

Pekunius schüttelte den Kopf und Salmen freute sich, die Nachricht des Tages verkünden zu können.

„Es wird sich einiges hier verändern“, orakelte er sibyllinisch, um den Händler noch ein klein wenig auf die Folter zu spannen, „genau vor Ihrer Haustür und Sie wissen noch nichts davon.“

Pekunius hatte noch immer keine Ahnung, worauf Salmen hinauswollte und sah den Kunden fragend an.

„Nun“, erklärte Salmen, unterbrach sich kurz und fuhr schließlich fort, „Kleinstadt bekommt eine Fußgängerzone.“

Der Händler hob überrascht die Augenbrauen.

„Tatsächlich?“, fragte Pekunius und Salmen nickte, während er den Sachverhalt erläuterte.

„Heute liegt der Plan im Stadtrat zur Abstimmung vor und da man weiß, wie die Mehrheiten verteilt sind, gibt es keinen Zweifel daran, dass der Beschluss auch gefasst wird.“

Seit Jahren geisterte die Idee durch Kleinstadt und Pekunius hatte schon lange nicht mehr damit gerechnet, dass sie umgesetzt werden würde. Warum man aber gerade jetzt in Zeiten leerer Kassen, hoher Neuverschuldung und ausbleibender Schulsanierungen das Vorhaben in die Tat umsetzen wollte, war ihm ein Rätsel.

„Sind Sie sicher?“, fragte er zweifelnd.

„Absolut“, erwiderte Salmen, „mein Bruder ist Mitglied des Stadtrats. Er hat es mir gestern erzählt.“

Das war eine Information aus erster Hand und auf Pekunius´ Frage, was denn nun den Ausschlag gegeben habe, bot Salmen eine ebenso einfache wie einleuchtende Erklärung.

„Die Gewerbesteuer“, erklärte der Banker, als ob keine andere Antwort möglich sei, „die Hauptstraße wird zur Fußgängerzone umgebaut und im Stadtrat hofft man darauf, dass sich dann eine stattliche Anzahl von Geschäften ansiedeln wird, vornehmlich natürlich Ableger und Filialen von großen Unternehmen. Sobald die Baumaßnahmen beginnen, wird man die neue Fußgängerzone zur Eins-A-Lage erklären und, ganz im Vertrauen, anschließend den Gewerbesteuerhebesatz ein wenig nach oben anpassen. Auf diese Weise sollen die Steuereinnahmen zu sprudeln beginnen.“ 

Pekunius war nicht sicher, ob dies eine gute oder eine schlechte Nachricht war und er konnte nicht einschätzen, ob sich eine Belebung der Geschäftssituation in einer zur Fußgängerzone umgebauten Hauptstraße auch positiv auf seinen Laden auswirken würde. Dass er jedoch in Zukunft höhere Gewerbesteuern bezahlen sollte, gefiel dem Händler ganz und gar nicht.

„Ist es möglich, Widerspruch dagegen einzulegen?“, fragte er.

„Aber, mein lieber Kaufmann“, antwortete Salmen, „warum denn? Die neue Fußgängerzone wird für jeden von Vorteil sein. Die Händler profitieren dabei ebenso wie die Kunden. Alle werden gewinnen.“

Nein, dachte Pekunius, nicht alle. Falls Salmen mit seiner Einschätzung Recht behalten sollte, kam die Maßnahme für die Zwirns zu spät.

 

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Der Umbau der Hauptstraße zur Fußgängerzone war das Tagesgespräch, als Pekunius am nächsten Morgen im Lebensmittelladen seine Einkäufe erledigte. Bertha Krämer saß an der Kasse und tippte die Preise der Waren ein, während sie sich mit Frau Stier, der früheren Metzgergattin, unterhielt. Beide Frauen vertraten die Meinung, dass es sich bei dem Vorhaben um reine Geldverschwendung handelte. Kleinstadt war schon immer ohne Fußgängerzone ausgekommen und es war nicht einzusehen, warum sich daran etwas ändern sollte. Allerdings wurden weder Frau Krämer noch Frau Stier gefragt und „die da oben“ entschieden sowieso wie sie wollten. Dagegen hatte man noch nie etwas ausrichten können.

„Guten Morgen“, wünschte Pekunius und reihte sich mit seinem Einkaufskorb hinter Frau Stier ein.

„Ach, Pekunius, mein Junge“, erwiderte die alte Dame.

Seit er mit ihrem Sohn zur Schule gegangen war, was nun schon ein halbes Jahrhundert zurücklag, nannte sie ihn ihren Jungen. Vielleicht hatte sie, als aus dem Knaben ein Mann geworden war, die Gewohnheit auch deshalb nicht abgelegt, weil ihr eigener Sohn Manfred Kleinstadt verlassen hatte und nie mehr zurückgekehrt war. Pekunius war in seiner Kindheit und Jugend bei der Metzgerfamilie ein und ausgegangen. Nach Manfreds Weggang hatte er seinen Bedarf an Fleisch und Wurstwaren weiterhin bei den Stiers gedeckt, doch deren Wohnung hatte er nicht mehr betreten. Einige Jahre später hatten die Stiers die Metzgerei geschlossen. Als Herr Stier verstorben war, hatte Frau Stier das Haus verkauft und wohnte seither in einer kleinen Wohnung über dem Nähmaschinengeschäft und Tür an Tür mit Günther und Lissi Zwirn.

„Vierundzwanzig fünfzig, Frau Stier“, verlangte Frau Krämer, sah kurz auf und lächelte Pekunius an, „guten Morgen, Herr Kaufmann.“

Während Pekunius der Lebensmittelhändlerin zunickte, verharrte Frau Stier den offenen Geldbeutel in der Hand haltend mitten in der Bewegung, dann drehte sie sich um und sah Pekunius bittend an.

„Sag mal, mein Junge, wäre es möglich, dass du mir einen Kasten Mineralwasser bringen würdest?“

„Aber sicher“, antwortete Pekunius.

Die alte Dame war zwar noch einigermaßen gut zu Fuß, doch mit ihren fünfundachtzig Jahren konnte sie keine Getränkekisten mehr schleppen. Pekunius stellte seinen Einkaufskorb auf das Band, legte seine Tasche dazu, wandte sich um und ging in den hinteren Bereich des Ladens. Er nahm eine Kiste Mineralwasser und kehrte zur Kasse zurück.

„Ich hole meine Sachen nachher ab“, erklärte er.

„In Ordnung“, erwiderte Frau Krämer, „ich packe sie Ihnen schon ein.“

„Na, dann wollen wir mal“, sagte Pekunius und verließ mit Frau Stier, die sichtlich froh war, ihn getroffen zu haben, den Laden.

„Das ist aber ein Glück, dass du gerade gekommen bist, mein Junge. Ich kann ja so schwere Sachen nicht mehr tragen.“

Sie gingen nebeneinander die Hauptstraße hinauf. Zwischen dem Lebensmittelladen und dem Nähmaschinengeschäft lagen rund einhundert Meter.

„Bald werden hier ja keine Autos mehr fahren“, erklärte Frau Stier, während sie darauf warteten, die Straße überqueren zu können.

„Ja, ich habe davon gehört“, stimmte Pekunius zu, „wenn aus der Hauptstraße eine Fußgängerzone wird, gibt es auch keine Abgase und keinen Fahrzeuglärm mehr.“

Die alte Dame sah Pekunius von unten herauf an.

„Ach, weißt du, ich höre ja nicht mehr so gut. Mir ist das egal.“

Als sich eine Lücke im Strom der Fahrzeuge auftat, überquerten die beiden Fußgänger die Straße. Eine Minute später hatten sie die Eingangstür erreicht. Frau Stier schloss auf und sie gingen die Treppe ins erste Obergeschoss hinauf.

„Das wird auch immer beschwerlicher“, seufzte Frau Stier und schloss die Tür auf, „wenn man alt wird, ist das Treppensteigen mühselig. Ein Glück, dass ich dich getroffen habe, mein Junge, sonst hätte ich Günther wieder fragen müssen.“

In der Wohnung stellte Pekunius das Mineralwasser in der Küche ab, zog die Kiste mit dem Leergut aus der Nische neben dem Kühlschrank und schob die neue hinein, wie er es schon unzählige Male getan hatte. Meist besorgte Günther Zwirn die Getränke für die alte Dame, doch hin und wieder ergab es sich, dass Pekunius das wie an diesem Tag übernahm. Auch wenn es eine Selbstverständlichkeit war, an die er nicht einmal einen Gedanken verschwendete, wusste er, dass nun die obligatorische Belohnung folgen würde.

„Das Pfand darfst du behalten“, erklärte Frau Stier wie immer.

Es war zwecklos, ihr widersprechen zu wollen. Sie war dankbar, dass er die schwere Kiste für sie getragen hatte und dafür sollte er die drei Euro für das Leergut einstecken, keine Widerrede. Umsonst sei nur der Tod, hatte sie einmal erklärt.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragte er.

„Nein danke, mein Junge“, antwortete sie zufrieden, „schon gut. Es ist gleich neun und du musst deinen Laden aufschließen.“

„Dann noch einen schönen Tag, Frau Stier“, verabschiedete er sich, nahm die Leergutkiste und verließ die Wohnung.

„Auf Wiedersehen, mein Junge“, rief sie ihm nach und schloss die Tür.

Pekunius ging zum Lebensmittelgeschäft zurück, gab die Leergutkiste ab und bezahlte seine Einkäufe, die Frau Krämer in der Zwischenzeit in seine Tasche gepackt und gerichtet hatte.

„Hoffentlich gibt es nicht so viel Dreck“, bemerkte sie.

Pekunius sah sie fragend an.

„Was meinen Sie damit?“

„Na, die werden doch bestimmt die Straße aufreißen und die Bürgersteige. Was glauben Sie, wie das staubt. Und dann der Lärm den ganzen Tag, ich weiß ja nicht ...“

„Es wird ja nur vorübergehend sein“, erklärte er, „hoffen wir, dass es nicht so schlimm wird.“

Frau Krämer schien das nicht zu überzeugen.

„Wenn Sie sich da mal nicht irren, Herr Kaufmann.“

Pekunius nickte ihr aufmunternd zu, wünschte einen guten Tag und verließ den Lebensmittelladen von Bertha Krämer. Während er zum zweiten Mal an diesem Morgen die Hauptstraße hinaufging, dachte er darüber nach, dass bald Fahrbahn, Parkplätze und Bürgersteige verschwunden sein würden, um der Straße ein neues Gesicht zu geben. Alles veränderte sich, um im Fluss zu bleiben. Ein Lächeln, begleitet von einem leichten Kopfschütteln, zog seine Mundwinkel nach oben, als ihm bewusst wurde, dass doch nicht alles der Veränderung unterworfen war. Bertha Krämers Laden würde so bleiben wie er war. Er hatte sich seit einem halben Jahrhundert nicht verändert. Lediglich die Namen und Verpackungen der Produkte wechselten von Zeit zu Zeit, doch ihre Anordnung war stets gleich geblieben. Pekunius hätte mit geschlossenen Augen in dem kleinen Lebensmittelladen einkaufen können.

In der Mittagspause stattete er wie eine Woche zuvor dem Nähmaschinengeschäft einen Besuch ab.

„Pekunius“, begrüßte ihn Lissi Zwirn, „wie geht´s?“

„Guten Tag, Lissi“, erwiderte er, „was macht der Rücken?“

„Ach, es geht schon“, antwortete sie mit einer wegwerfenden Handbewegung, „im Augenblick gibt es ja nicht so viel zu tun.“

Pekunius sah sich um. Der Räumungsverkauf hinterließ Spuren im Laden. Waren, die ausverkauft waren, wurden nicht mehr nachbestellt. Manche Haken, an denen früher kleine Verkaufsverpackungen mit Knöpfen oder Ösen, Sicherheitsnadeln oder Garnrollen gehangen hatten, waren nun leer und ragten nutzlos in den Raum. In den Regalen waren Löcher entstanden, die bei Pekunius den Eindruck hervorriefen, als habe sich das Nähmaschinengeschäft in eine mit Kratern übersäte Mondlandschaft verwandelt. Obwohl die Beleuchtung eingeschaltet war, wirkte der Raum düster. Nach fünfzig überwiegend vitalen Jahren litt das Geschäft nun an Auszehrung.

„Es ist ein Abschied auf Raten“, erklärte Lissi, die Pekunius´ Gedanken gelesen zu haben schien, „jeden Tag ein Stückchen mehr. Bald wird nichts mehr übrig sein.“

„Wann werdet ihr schließen?“, fragte er.

„Zum Ende des Monats“, antwortete sie, „wahrscheinlich aber schon ein paar Tage vorher. Wir müssen noch renovieren, bevor wir den Laden übergeben können.“

„Ihr habt den Mietvertrag also gekündigt?“

„Sicher, schon vor einem halben Jahr. Die Hausverwaltung bestand auf einer sechsmonatigen Kündigungsfrist, nach so vielen Jahren.“

Pekunius fühlte einen leisen Stich. Die Zwirns, mit denen er so lange befreundet war, hatten ihre Entscheidung schon ein halbes Jahr zuvor getroffen. Er aber hatte nicht einmal geahnt, dass es für das Nähmaschinengeschäft in zweiter Generation zu Ende ging. Warum hatte Günther nicht schon früher mit ihm gesprochen? Seine Frage als rhetorisch zurückweisend schüttelte er stumm den Kopf. Was hätte er tun können, um den Freunden zu helfen?

„Wo ist Günther?“, fragte er.

„Er ist in Großstadt“, antwortete Lissi, „und unterschreibt seinen Arbeitsvertrag.“

„Dann geht er also tatsächlich in den Außendienst?“

„Ja, warum?“

Pekunius zuckte mit den Schultern.

„Er hat mir letzte Woche davon erzählt“, antwortete er ohne jedoch Lissi von seinen Zweifeln zu berichten.

„Die Firma forderte eine schnelle Entscheidung“, erklärte sie, „Günther hat am Freitag telefonisch zugesagt. Heute unterschreibt er den Vertag und am zweiten Mai fängt er an. Ich bin ja froh, dass er so schnell eine Stelle gefunden hat. In seinem Alter ist das ja nicht mehr so einfach.“

Lissis letzter Satz versetzte Pekunius den zweiten Stich, ohne dass es ihre Absicht gewesen wäre. Günther und er waren gleichaltrig. Was würde er tun, wenn er ebenfalls in die Verlegenheit käme, sein Geschäft schließen zu müssen? Es war eine unangenehme Frage, über die er sich nicht den Kopf zerbrechen wollte.

„Wenn ihr Hilfe braucht ...“, bot er an ohne den Satz zu beenden.

„Danke, Pekunius“, erwiderte sie, „es wird schon weitergehen.“

Pekunius betrachtete Lissi, die wie eh und je hübsch frisiert, dezent geschminkt und tadellos gekleidet in dem vom Räumungsverkauf gezeichneten Laden ein wenig hilflos und verloren wirkte, fast als sei sie fehl am Platz. An der Seite ihres Mannes hatte sie ihr Leben lang im Nähmaschinengeschäft gearbeitet. Was würde sie tun, wenn Günther in Zukunft von Montag bis Freitag landauf, landab unterwegs sein würde? Soweit Pekunius wusste, hatte sie kein Hobby und bekleidete kein Ehrenamt, für das sie sich hätte engagieren können. Ein eigenes Geschäft beanspruchte viel Zeit und Einsatz, wie er aus eigener Erfahrung wusste. Man kannte keinen Feierabend um siebzehn Uhr und konnte nicht jedes Wochenende entspannt genießen. Auch wenn man nicht jeden Abend bis in die späte Nacht über den Büchern saß, hatte man dennoch oft genug Arbeitswochen von fünfzig bis sechzig Stunden. Da blieb wenig Zeit für anderes. Noch weniger konnte man, vor allem in Zeiten schlechter Geschäftslage, die Sorgen und Nöte im Laden lassen, wenn man am Abend die Tür verschloss. Man nahm die schweren Gedanken mit nach Hause, dachte oder grübelte darüber nach und hatte auch, wie Günther erzählt hatte, mach schlaflose Nacht, wenn man seine Existenz bedroht sah. Selbständiger Unternehmer war man vierundzwanzig Stunden am Tag. Was würde mit Lissi geschehen, wenn dieser Zustand, dieser Alltag, dieses Leben am dreißigsten des Monats abrupt endete?

Das Schweigen breitete sich aus und verdichtete sich, als würde es von den Löchern in den Regalen verstärkt werden. In dieser hoffnungslos gewordenen Umgebung traute sich Pekunius nicht, nach Lissis Zukunft und Plänen zu fragen. Er beschloss, sie bei anderer Gelegenheit darauf anzusprechen.

„Ich muss wieder rüber“, entschuldigte er sich.

Tapfer lächelnd nickte Lissi ihm zu.

„Ja“, antwortete sie schlicht.

Pekunius verabschiedete sich, verließ das dahinsiechende Nähmaschinengeschäft, überquerte die Straße und schloss seinen eigenen Laden auf. Das Drehen des Schlüssels im Schloss war eine Tätigkeit, der man eigentlich keine besondere Beachtung schenkte, doch an diesem Tag empfand der Händler das klackende Zurückschnappen des Riegels wie eine Mahnung. Die Tür seines eigenen Geschäftes zu öffnen hatte ihre jahrzehntelange Selbstverständlichkeit verloren. Die Frage, was er an Günthers oder Lissis Stelle tun würde, setzte die Annahme voraus, dass sein Geschäft das gleiche Schicksal erleiden würde wie das seiner Freunde auf der anderen Straßenseite. Für Pekunius war es nicht beängstigend, eine Antwort darauf finden zu müssen. Das Haus, in dessen Erdgeschoss sich sein Laden und in dessen erstem Obergeschoss sich seine Wohnung befand, gehörte ihm selbst. Außerdem verfügte er über ausreichende Ersparnisse, um im Fall des Falles nicht auf Stellensuche gehen zu müssen. In finanzieller Hinsicht war sein Lebensabend, der ihm bis zu diesem Tag immer in weiter Ferne erschienen war, gesichert. Nun aber hatte ihn die Frage unvermittelt getroffen, doch im gleichen Augenblick schüttelte er den Kopf, da ihm bewusst war, dass sie keine Relevanz besaß. Er brauchte sich keine Sorgen zu machen, selbst wenn er hundert Jahre alt werden würde. Er hatte alles, was er brauchte und stellte keine großen materiellen Ansprüche. Wenn er sich also eines Tages notwendigerweise und, wie er hoffte, lieber freiwillig als gezwungenermaßen aus dem aktiven Geschäftsleben zurückziehen würde, so hatte er zumindest die freie Entscheidung. Als interessierter und tätiger Mensch konnte er seiner Leidenschaft, dem Modellbau, frönen, Vorträge besuchen oder ein Musikinstrument erlernen, auch wenn er nicht wusste, ob er das Talent dazu besaß, Reisen unternehmen oder einem Verein beitreten. Die wirtschaftliche Grundlage, die er sich im Lauf der Jahre geschaffen hatte, verlieh seinen Überlegungen eine Leichtigkeit, über die seine Freunde leider nicht verfügten. Den Gedanken aber, dass er alleine ohne Frau und Kinder war, ließ er jedoch nicht zu.

Im Lauf des Nachmittags erschien immer wieder das Bild von Lissi in seinen Gedanken. Auch wenn ihr Haushalt in bester Ordnung und ihre Wohnung stets sauber und aufgeräumt waren, so war sie dennoch keine Frau, die das Hausfrauendasein erfüllen konnte. Allerdings hatte Lissi nie eine Berufsausbildung absolviert. Schon sehr früh hatte sich abgezeichnet, dass sie Günther heiraten, im damals schwiegerelterlichen Geschäft arbeiten und es später mit ihrem Ehemann übernehmen würde. Alles, was sie konnte und für die Geschäftsführung notwenig war, hatte sie im Nähmaschinengeschäft gelernt. Es hatte sich wie von selbst ergeben, dass Günther den technischen und sie den kaufmännischen Bereich übernommen hatte. Pekunius vermutete, dass das Fehlen einer abgeschlossenen Berufsausbildung sich nun jedoch als schweres Handicap erweisen würde, wenn Lissi als Frau, die kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag stand, auf Stellensuche gehen würde.  

 

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Am Dienstagmorgen nach den Osterfeiertagen räumte Pekunius die Auslage seines Schaufensters leer. Er entfernte alle Produkte, Preisschilder und die Modellbahnanlage, säuberte die Auslage mit einem kleinen Staubsauger und putzte sorgfältig das große Fenster. Anschließend verhängte er die Scheiben mit Leintüchern. Das machte er jedes halbe Jahr, wenn er die Auslage neu gestaltete, denn er wollte sich bei den manchmal notwendigen Verrenkungen nicht von zufällig vorbeikommenden Passanten beobachten lassen. Auf allen Vieren kriechend und den Hintern womöglich nach oben und zur Straße gereckt hätte er ein recht unvorteilhaftes Bild abgegeben. Dann, endlich, kam der Augenblick, auf den er sich immer besonders freute. Behutsam und vorsichtig platzierte er die Platte mit der neuen Anlage auf der Unterlage im Schaufenster.

Es war wieder einmal ein kleines Meisterwerk, an dem er sechs Monate gearbeitet hatte. Die Szene zeigte eine Bergbaulandschaft aus dem Amerika der vierziger Jahre. Die Gebäude, ein Bahnhof, Lagerschuppen, Güterhallen und eine Wasserstation, hatte er nach Vorlagen alter Fotografien entworfen und gebaut. Neben den Gleisanlagen, auf denen ein Güterzug mit einer phantastischen Union Pacific Big Boy Lokomotive fuhr, führten auch schmale Schienenstränge zu den Minen, wo Kohle und Erz aus den Bergen gefördert wurden. Die Figuren, Arbeiter und Bahnangestellte, Reisende und Passanten, hatte er alle selbst von Hand bemalt. Am besten gefiel ihm dabei die kleine Musikkapelle, die auf dem Bahnsteig ein Willkommen spielte. Er verkabelte die Anlage mit dem Trafo, der zur leichteren Bedienung neben dem Schaufenster stand, vergewisserte sich, dass alle Weichen richtig gestellt waren, steckte den Stecker in die Dose, drehte den Regler und der Zug fuhr an. Die Anlage funktionierte einwandfrei, wie Pekunius mit einem vergnügten Lächeln feststellte.

Während der nächsten Stunde dekorierte der Händler die zweite Hälfte des Schaufensters mit vornehmlich neuen Produkten, die er in den letzten Wochen eingekauft hatte und zeichnete die Waren mit Preisen aus. Schließlich nahm er auf einer Haushaltsleiter stehend die Leintücher wieder ab. Er verließ den Laden, ging hinaus auf den Bürgersteig und begutachtete sein Werk. Die Anlage, die von zwei Scheinwerfern von oben beleuchtet wurde, sah wirklich toll aus und er musste sich von ihrem Anblick losreißen, um auch den Produktbereich des Schaufensters zu kontrollieren. Im Großen und Ganzen war er mit der Dekoration zufrieden. Er ging wieder hinein, nahm zwei, drei kleine Korrekturen vor, ging noch einmal nach draußen, kontrollierte die Anordnung erneut und nickte. Zufrieden stellte er fest, dass die Schaufensterdekoration für die nächsten sechs Monate so bleiben konnte wie sie war.

Im Laden räumte er die Leiter weg, sammelte leere Verpackungen, deren Inhalt nun im Schaufenster stand, weg, legte die Leintücher zusammen und verstaute sie in einem Regal im Lager. Als er in den Verkaufsraum zurückkam, ertönte das Pfeifen der Dampflok und die Tür wurde geöffnet. Pekunius erkannte den Mann, der einige Tage zuvor nach dem Preis einer Lokomotive gefragt hatte.

„Sie sind meine letzte Hoffnung“, stieß der Mann wiederum ohne Begrüßung hervor und auch diesmal ließ Pekunius es sich nicht nehmen, mit einem betonten „Guten Tag“ zu antworten.

Der Mann schien die Begrüßung des Händlers jedoch nicht wahr zu nehmen. Mit der Hand auf das Schaufenster deutend sprach er weiter.

„Ich brauche die Lok unbedingt heute. Ich habe sie draußen im Schaufenster gesehen.“

Pekunius erinnerte sich, wie der Mann versucht hatte, auf der Grundlage eines Internetangebots den Preis für die Lokomotive, die seit diesem Morgen im Schaufenster stand, zu drücken.

„Haben Sie auch das Preisschild gesehen?“, fragte er, weil er sich die Spitze nicht verkneifen konnte.

„Der Preis spielt keine Rolle“, erwiderte der Mann und wedelte ungeduldig mit der Hand, „mein Sohn hat morgen Geburtstag und deshalb brauche ich sie unbedingt heute noch. Können Sie mir die Lok leihen?“

Pekunius, der sich schon hatte in Bewegung setzen wollen, um ein Exemplar der Lokomotive aus einem Verkaufsregal zu holen, verharrte mitten im Schritt.

„Leihen?“, fragte er ungläubig und war nicht sicher, ob er sich nicht vielleicht verhört hatte.

„Ja“, erklärte der Mann, „ich brauche sie nur leihweise. Wissen Sie, ich habe sie doch im Internet bestellt, weil sie dort wesentlich günstiger ist und eigentlich hätte sie letzte Woche schon geliefert werden sollen. Am Samstag war sie aber immer noch nicht da. Gestern war Feiertag und als ich heute Morgen endlich jemand erreicht habe, sagte man mir, dass sie voraussichtlich im Lauf der Woche verschickt werden würde. Das ist aber zu spät. Ich brauche sie unbedingt morgen früh.“

Der Händler hatte der Rede des Mannes mit wachsender Verblüffung zugehört. Wieder einmal zeigte sich, dass es selbst nach mehr als vier Jahrzehnten im Geschäft immer noch neue und überraschende Situationen gab.

„Sie wollen die Lokomotive leihen?“, vergewisserte er sich, als wäre er immer noch nicht sicher, ob er den Mann richtig verstanden hatte.

„Ja, doch“, drängte der Mann, „Sie geben mir eine Lok mit und wenn die andere diese Woche eintrifft, bringe ich sie Ihnen. Sie kriegen sie natürlich originalverpackt.“

Über dieses ungewöhnliche Ansinnen staunend schüttelte Pekunius den Kopf, während der Mann weitersprach.

„Ich brauche ja keine zwei Loks. Ich brauche nur diese eine, weil mein Sohn morgen Geburtstag hat. Ich unterschreibe Ihnen auch eine Quittung, wenn Sie wollen.“

Da Pekunius noch immer nicht antwortete, versuchte es der Mann mit einem unschlagbaren Argument.

„Außerdem gewinnen Sie damit einen neuen Kunden“, sagte er selbstzufrieden und reckte sein Kinn, als hätte er gerade eine Herausforderung ausgesprochen.

„In Ordnung“, stimmte Pekunius schließlich nach kurzem Nachdenken zu.

Er setzte seine zuvor unterbrochene Bewegung fort und ging zum Regal, während der Mann, dessen logische und den Schwachpunkt des Händlers ausnutzende Argumentation erfolgreich gewesen war, ihn zufrieden beobachtete.

„Die ER 20, richtig?“, fragte Pekunius und nahm den kleinen Karton zur Hand.

„Genau“, bestätigte der Mann schmeichelnd, „Sie kennen Ihre Kunden.“

Ja, dachte Pekunius, ich kenne sie in der Tat. Er ging zurück zum Tresen, stellte die Verpackung ab und sah den Mann um Verständnis bittend an.

„Ich muss natürlich eine Leihgebühr berechnen“, erklärte er.

Das zufriedene Grinsen des Mannes bekam kleine Risse. Es war nicht zu übersehen, dass er nicht damit gerechnet hatte, einen Teil des Vorteils, den er durch den Internetkauf erzielt hatte, nun einbüßen zu müssen.

„Wie Sie meinen“, stimmte er säuerlich zu, weil der Händler die Notlage des Kunden erkannt hatte und nun ausnutzte, „also, wie viel?“

„Einhundertneununddreißig Euro“, sagte Pekunius freundlich lächelnd, „soll ich sie Ihnen als Geschenk einpacken?“

„Was“, stieß der Mann hervor und starrte den Händler mit großen Augen an, „einhundertneununddreißig Euro?“

Pekunius nickte.

„Exakt, inklusive Geschenkpapier und Schleife.“

„Moment mal“, wehrte der Mann ab, „Sie sagten etwas von Leihgebühr. Ich wollte die Lok nicht kaufen.“

„Ich weiß“, bestätigte Pekunius, „und ich will sie Ihnen nicht leihen. Für einhundertneununddreißig Euro ersparen Sie sich sogar einen Weg, denn Sie brauchen die Lokomotive nicht zurückzubringen. Soll ich sie Ihnen nun einpacken?“

„Was soll das“, rief der Mann aufgebracht, „ich habe Ihnen doch gesagt, dass mein Sohn morgen Geburtstag hat. Wollen Sie dafür verantwortlich sein, dass er morgen früh enttäuscht sein wird, weil er kein Geschenk bekommt?“

Pekunius antwortete nicht. Er ignorierte den vorwurfsvollen Ton des Mannes und dessen ebenso unverschämten wie wirkungslosen Versuch, ihn in die Verantwortung nehmen zu wollen. Es war leicht vorherzusagen, dass der Mann seinem Sohn den Händler am nächsten Morgen als Schuldigen präsentieren würde und der unbekannte Junge tat Pekunius tatsächlich ein wenig leid, nicht weil er an seinem Geburtstag kein Geschenk bekommen würde, sondern weil er mit diesem Vater geschlagen war. Ohne sich seinen Gedanken anmerken zu lassen nahm er die Lokomotive vom Tresen und ging zum Regal zurück, um sie wieder hineinzustellen.

„Ich hätte nicht erwartet, dass Sie eine Notlage so schamlos ausnützen“, lamentierte der Mann weiter, „ich dachte, Sie mögen Kinder, weil Sie Spielzeug verkaufen. Was soll ich meinem Sohn jetzt sagen?“

Pekunius wandte sich um und sah den Mann an. Das Lächeln war aus dem Gesicht des Händlers verschwunden. Es gab vieles, was er dem Mann hätte sagen können, doch er wusste auch, dass kein einziges Wort ihn wirklich erreichen würde.

„Guten Tag“, wünschte er stattdessen.

Er konnte den Ärger spüren, den er in den Augen des Mannes sah, der seinerseits eine unerwartete Gleichgültigkeit im Blick des Händlers erkannte. Sie ärgerte ihn mehr als jede andere Reaktion. Anscheinend war es dem Händler völlig einerlei, ob er einen neuen Kunden gewann.

„Zu Ihnen komme ich bestimmt nicht mehr“, knurrte er und zog seinen Geldbeutel aus der Hosentasche, „das war das erste und letzte Mal, dass ich etwas bei Ihnen gekauft habe. Also, geben Sie her.“

„Ich verkaufe Ihnen nichts“, erklärte Pekunius und rührte keinen Finger, „und ich lege auch keinen Wert darauf, dass Sie wiederkommen.“

„Hallo?“, fragte der Mann mit einer seltsam gekünstelt wirkenden Betonung.

„Guten Tag“, wünschte Pekunius noch einmal.

„Moment mal“, schnappte der Mann, „Sie müssen mir die Lok verkaufen. Das hier ist doch ein offizielles Geschäft, oder?“

„Richtig“, bestätigte Pekunius, „und ich bin der Inhaber. Es steht mir frei zu entscheiden, wem ich etwas verkaufe und wem nicht.“

„Aber ich will die Lok doch bezahlen, also müssen Sie sie mir auch verkaufen!“

„Sie irren sich“, erwiderte Pekunius ruhig, „darf ich Sie jetzt bitten, mein Geschäft zu verlassen?“

Konsterniert und vor Überraschung über diese unerwartete Wendung aus der Fassung gebracht drohte der Mann mit dem Zeigefinger.

„Das wird ein Nachspiel haben“, kündigte er an, „das verspreche ich Ihnen. Sie werden von meinem Anwalt hören!“

Er wartete einen Moment, um zu sehen, ob sich der Händler von der Drohung einschüchtern ließ, erkannte jedoch ihre Wirkungslosigkeit und drehte wortlos auf dem Absatz um. Grußlos und ohne einen weiteren Blick verließ er den Laden. Wie beim ersten Mal sah ihm Pekunius kopfschüttelnd nach.

 

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Der Abend begann mit einem geliebten Ritual. Nach dem Essen setzte sich Pekunius ins Wohnzimmer und öffnete einen Pikkolo. Er goss den Sekt ins Glas und prostete dem letzten Halbjahr zu. Das Dekorieren des Schaufensters mit der neuen Modellbahnanlage im Frühjahr und im Herbst waren seine beiden persönlichen Feiertage. An diesen Abenden saß er in seinem Ohrensessel, lehnte sich zurück und ließ das jeweils vergangene Halbjahr Revue passieren. Da er seine Buchhaltung selbst erledigte, hatte er seine Geschäftszahlen im Kopf und benötigte keine Unterlagen, um Erfolg oder Misserfolg beurteilen zu können. Sein Geschäft warf noch immer Gewinne ab, auch wenn sie nicht mehr so hoch ausfielen wie in früheren Jahren. Dennoch gab es zur Besorgnis keinen Anlass. Während die Zahlen in seinen Gedanken in den Hintergrund traten, erschienen mehr und mehr Szenen, die er in den vergangenen sechs Monaten erlebt hatte. Nicht alle spielten sich in seinem Laden ab, doch es war die überwiegende Anzahl. Die eine oder andere Anekdote fiel ihm ein und wurde von den dazugehörenden Gesichtern begleitet. In seiner Erinnerung wich der Herbst dem Winter mit dem Weihnachtsgeschäft, dann folgte die umsatzschwache und ereignisarme Zeit im neuen Jahr und schließlich der Frühling bis zu den Ostertagen. Während sein Geschäft den alljährlich gleichen Zyklen mit kleineren oder größeren Ausschlägen nach oben und unten folgte, war für das Geschäft seines Freundes Günther auf der anderen Straßenseite das für Pekunius überraschende Ende gekommen. Seit geraumer Zeit schon war ihm bewusst, dass der Unterschied zwischen den beiden Einzelhandelsgeschäften heute sehr viel stärker ins Gewicht fiel als früher. Im Nähmaschinengeschäft kauften die Kunden Verbrauchsgüter für den täglichen Bedarf. Niemand erstand einen Reißverschluss, weil er ihn gerne besitzen wollte, sondern weil er ihn benötigte. Dem Kauf lag ein gewisser Zwang zugrunde, der für den Kunden eine nicht vermeidbare Geldausgabe bedeutete. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass die Kunden bestrebt waren, möglichst wenig Geld, für das sie in aller Regel hatten arbeiten müssen, für einen neuen Reißverschluss auszugeben. Wenn es also einen Zwang gab, einen defekten Reißverschluss ersetzen zu müssen, so wollte man die Kosten möglichst gering halten. Dass dies aber nicht selten dazu führte, für wesentlich mehr Geld gleich ein neues Kleidungsstück zu kaufen anstatt das alte wieder instand zu setzen, war ein dem Zeitgeist geschuldetes Paradoxon. Die früher üblichen Reparaturen wurden heute mehr und mehr durch Neuanschaffungen ersetzt. Für das Modellbahngeschäft galt dieser Zwang jedoch nicht. Niemand kaufte eine neue Lokomotive, weil er sie brauchte, sondern weil er sie haben wollte. Statt einem Zwang unterworfen zu sein, gaben sich seine Kunden der Sehnsucht hin. Deshalb unterschied sich auch die Kundschaft in beiden Geschäften erheblich voneinander. Dass es aber hüben wie drüben zuweilen zu seltsamen Begegnungen kam, hatte Pekunius im Lauf der letzten Tage selbst erlebt. Bei Zwirn war eine Kundin vorstellig geworden, die eine Nähmaschine aus dem Versandhauskatalog gekauft hatte und sich deren Bedienung nun vom Fachhändler hatte erklären lassen wollen. Bei ihm selbst hatte ein Kunde am Vormittag eine Lokomotive leihen wollen. Auch wenn die Dame und der Herr vermutlich wenig miteinander gemein hatten, so teilten sie doch einen wesentlichen Charakterzug. Beide besaßen die gleiche Unverfrorenheit, mit der sie die Ansprüche, die sie zu haben glaubten, geltend machen wollten. In ihrer Unverschämtheit gingen sie so weit, dass sie den jeweiligen Händler für die Folgen verantwortlich machen wollten, falls man ihren Ansprüchen nicht Genüge tat. Die Frau hatte Zwirn vorgehalten, dass er ihr die Maschine empfohlen hatte und deshalb deren Bedienung auch erklären müsse und der Mann hatte Pekunius die zu erwartende Enttäuschung seines Sohnes wegen eines fehlenden Geburtstagsgeschenkes vorgeworfen. Es waren gewiss, gottlob, Einzelfälle, aber dennoch zeigten sie eine Entwicklung, die Pekunius nicht gefiel. Ein Einzelhandelsgeschäft war für die Öffentlichkeit zugängig, aber es war keine öffentliche Einrichtung. Der Namenlose vom Vormittag hatte angenommen, dass Pekunius ihm die Lokomotive verkaufen müsse. Im Gegensatz zu einer öffentlichen Einrichtung, wo man als Bürger einen Anspruch auf eine bestimmte Dienstleistung hatte und eine solche nicht ohne zwingenden Grund abgelehnt werden durfte, gab es dies bei einem Ladengeschäft nicht. Das aber schienen die besagten Kunden nicht zu wissen oder nicht wahrhaben zu wollen und daraus resultierte ihre nicht gerechtfertigte Anspruchshaltung, mit der sie ihr vermeintliches Recht einforderten. Pekunius unterstellte ihnen dabei nicht einmal eine böse oder zumindest unlautere Absicht. Nach seinen Überlegungen ergab sich diese Einstellung aus dem überreichhaltigen Angebot an Waren. Durch die stetig wachsende Zahl von Anbietern war jede Ware zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar. Da ein Kunde seine benötigten oder gewünschten Produkte ohne Einschränkung von einem Händler bekommen konnte, lag es nahe, dass er sich die Frage stellte, ob er bei einem anderen Händler möglicherweise noch eine kostenlose Zusatzleistung erhalten würde. Diese Zusatzleistungen wurden auch gewährt, weil durch den erschwerten Wettbewerb ein Händler neue Kunden gewinnen und alte nicht verlieren wollte. Dass sich daraus eine Selbstverständlichkeit ähnlich einem Gewohnheitsrecht entwickelt hatte, war nur allzu verständlich. Unentgeltliche Beratungen stellten jedoch genau wie Dreingaben, Nachlässe und Rabatte Zusatzleistungen bei Geschäftsabschlüssen dar. Sie waren ihrem Wesen nach, wie der Namen schon sagte, zusätzlicher Natur und konnten somit nicht singulär gefordert werden. Eine Beratung war seit Anbeginn des Handels kostenlos und niemand stellte diese Selbstverständlichkeit in Frage, denn sie fungierte seit jeher als Einstieg in ein Verkaufsgespräch und war damit elementarer Bestandteil. Dass nicht jede Beratung zu einem Geschäftsabschluss führte, lag in der Natur des Handels. Nun aber zeigte sich eine Tendenz, die das Wesen des Handels auf den Kopf zu stellen drohte. Zwirn hatte eine potenzielle Kundin eingehend und fachgerecht beraten und sie hatte diese Serviceleistung des Fachhändlers genutzt, um ihre Nähmaschine im Versandhandel zu kaufen. Dass sie anschließend mit der Bedienungsanleitung wedelnd noch einmal in Zwirns Geschäft gekommen war, um auf eine impertinente Art eine weitere kostenlose Beratung einzufordern, empfand Pekunius wie eine schallende Ohrfeige mitten ins Gesicht des Nähmaschinenhändlers.

Er leerte sein Glas und stellte es sanft auf dem Tisch ab. Sein Nachdenken über die Szene im Nähmaschinenladen brachte ihn auf Lissi und ihre Zukunft. Über die Ostertage war ihm ein Gedanke gekommen, doch er konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen. Sollte er Lissi aus alter Freundschaft eine Anstellung, die Übernahme seiner Buchhaltung, offerieren? Er konnte ihr zwar nur ein geringes Gehalt in Aussicht stellen, doch seine Beweggründe waren weniger finanzieller Natur. In erster Linie wollte er Lissi eine sinnvolle Tätigkeit anbieten. Auf der anderen Seite befürchtete er jedoch, dass ihre Freundschaft darunter würde leiden können. Es war nicht die Tatsache, dass er damit zu ihrem Chef wurde und sich plötzlich eine Hierarchie zwischen ehemals Gleichgestellten bildete, sondern seine vage empfundenen Bedenken, Lissi könnte sich ihm gegenüber herabgesetzt fühlen, weil es die Zwirns im Gegensatz zu Pekunius nicht geschafft hatten, ihr kleines Unternehmen am Leben zu erhalten. Würde sich Lissi von seiner Gönnerhaftigkeit beleidigt fühlen, weil sie wusste, dass er keine Buchhalterin benötigte oder würde sie dankbar annehmen, um dem Hausfrauendasein entfliehen zu können? Sollte er einen Freundschaftsdienst anbieten oder gerade um ihrer Freundschaft willen darauf verzichten? Er kam zu keinem Ergebnis, wie sehr er die Frage auch drehte und wendete.

Mit einem leisen Seufzer erhob sich Pekunius aus seinem Sessel. Die Beantwortung der Frage hatte keine Eile und so würde er in den folgenden Tagen bei dem einen oder anderen Gespräch mit Lissi und Günther heraushören können, ob die Freunde seiner Hilfe und seines Angebots bedurften.

 

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„Ah, die Post!“, rief Pekunius.

„Guten Morgen, Monsieur“, antwortete der Postbote, „immer noch genug Dampf im Kessel?“

Es war eine der Floskeln, die der Postbote gerne verwendete. Der Mann stammte von der Elfenbeinküste, lebte aber schon seit vielen Jahren in Deutschland, weshalb er die Sprache gut beherrschte. Das Braun seiner Haut war so dunkel, dass es an trüben Tagen fast schwarz wirkte und so erschienen wie bei vielen Menschen, die aus Afrika stammten, seine ebenmäßigen Zähne besonders hell, wenn er grinste.

„Na, Baptiste, haben Sie die Rechnungen schon aussortiert?“, fragte Pekunius lachend, der sich wie immer freute, dass der stets gut gelaunte Ivorer ihm die Tagespost brachte.

„Aber sicher, Monsieur“, antwortete der Postbote mit seinem französischen Akzent, „heute habe ich nur eine Werbung für Sie, keine Rechnung, kein Liebesbrief.“

Pekunius nahm das bunte Faltblatt entgegen, das in schreiender Aufmachung von der bevorstehenden Neueröffnung eines großen Elektronikfachmarktes am Stadtrand kündete.

„Das wird Telemann nicht gefallen“, mutmaßte Baptiste, „neue Konkurrenz.“

Bevor Pekunius antworten konnte, wechselte der Postbote das Thema.

„Sie haben eine neue Bahn im Schaufenster, habe ich gesehen. Mon dieu, so eine lange Lokomotive. Und alles wieder wie im richtigen Leben, ein Kunstwerk.“

„Es ist eine Union Pacific Big Boy“, erklärte Pekunius und freute sich über das Kompliment, „eine der stärksten Dampflokomotiven, die je gebaut wurden. Acht Achsen und sechstausend PS.“

Baptiste nickte anerkennend. Er war selbst kein Modellbahner, doch Pekunius war sicher, dass der Postbote leicht einer hätte werden können. Der Ivorer hatte schon häufiger die eine oder andere Viertelstunde im Modellbahnladen verbracht und begeistert gelacht, wenn eine Lokomotive Dampf ausstieß oder einen Pfiff ertönen ließ. Dann stand in seinen großen, dunklen Augen, deren Weiß manchmal einen rötlichen Schimmer hatte, ein fast kindliches Erstaunen über die technischen Raffinessen. Andererseits konnte er sich aber auch über manche Szene, die im verkleinerten Maßstab das Leben abbildete, amüsieren, sei es ein Straßenmusikant, der vor dem Bahnhof seinen Hut aufgestellt hatte oder ein Bahnarbeiter, der hinter einem Schuppen an die Wand pinkelte. Über das ganze Gesicht strahlend schlug er Pekunius manchmal freundschaftlich auf die Schulter, während er den feinen Humor des Modellbauers kopfschüttelnd anerkannte. Die beiden Männer waren nicht miteinander befreundet, doch sie empfanden aus unterschiedlichen Gründen Wertschätzung füreinander. 

„Waren Sie schon bei Telemann?“, fragte Pekunius.

„Ja“, antwortete Baptiste und sein Gesicht wurde ernst, „aber ich habe ihm die Werbung nicht gegeben.“

„Warum nicht?“

Unwillkürlich und ein wenig schuldbewusst zog Baptiste den Kopf zwischen die Schultern.

„Er würde sich nur ärgern“, antwortete er, „das ist nicht gut.“

„Vermutlich haben Sie recht“, begann der Händler, „aber ...“

Pekunius brach ab. Die Kritik, die er hatte äußern wollen, schien ihm plötzlich nicht mehr angebracht. Natürlich war es die Aufgabe des Postboten, die Werbung an jeden Haushalt und jedes Geschäft zu verteilen und gerade für Telemann, der ein Fachgeschäft für Radio, Fernsehen und HiFi-Geräte betrieb, stellte sie eine wichtige Wettbewerbsinformation dar, doch Pekunius spürte die aufrichtige Anteilnahme, mit der Baptiste seine Entscheidung getroffen hatte. Der Mann von der Elfenbeinküste wollte keine schlechte Nachricht überbringen, die den Radio- und Fernsehhändler verärgert hätte. Es war eine kindliche Naivität, doch sie kam von Herzen.

„Ich muss weiter“, erklärte der Postbote und Pekunius nickte.

„Einen schönen Tag, Baptiste“, wünschte er.

Die Herzlichkeit des Mannes, der gerade seinen Laden verließ, stimmte Pekunius wehmütig. Baptiste war nicht nur einer der Wenigen, die ein ausgeprägtes Gespür für ihre Mitmenschen besaßen, sondern diesem auch Raum gaben. Der Händler wusste, dass der Postbote immer bereit war stehen zu bleiben und zuzuhören. Damit unterschied er sich wesentlich von anderen Postboten oder Paketzustellern, die permanent unter großem Zeitdruck zu stehen schienen. Vielleicht machte ihn das zu einem Anachronismus, obwohl Baptiste die so oft beschworene „gute alte Zeit“ in Deutschland nicht einmal selbst erlebt hatte. Ganz sicher aber war der Postbote auf seine sympathische Weise der langsamste seiner Art in der ganzen Stadt.

Das wird Telemann wirklich nicht gefallen, dachte Pekunius und warf einen Blick auf das Werbeblatt, das er noch immer in der Hand hielt. Die Neueröffnung eines Elektronikfachmarktes am Rande der Stadt wurde für den ersten Juni angekündigt. Es war mehr als wahrscheinlich, dass Telemann diese Konkurrenz sehr bald sehr deutlich zu spüren bekommen würde. Pekunius warf die Broschüre in den Papierkorb neben seinem Schreibtisch. Auf der Schreibunterlage lag ein Brief, den er dem Postboten hatte mitgeben wollen.

„Was man nicht im Kopf hat ...“, schalt er sich selbst, nahm den Brief, durchquerte eilig den Verkaufsraum, öffnete die Tür und lief auf die Straße.

„Baptiste!“, rief er dem Postboten nach.

Der Ivorer blieb stehen und sah sich um. Pekunius lief auf ihn zu und übergab ihm den Brief.

„Den habe ich vergessen“, erklärte er, „danke fürs Mitnehmen.“

„Aber gerne, Monsieur“, antwortete Baptiste und steckte den Brief ein.

Die beiden Männer nickten sich zu. Der Postbote drehte sich um und setzte seinen Weg fort, während Pekunius wieder zu seinem Laden zurückging. Bevor er die Tür öffnete, sah er zur anderen Straßenseite hinüber. Das Schaufenster des Nähmaschinengeschäftes leerte sich ebenso allmählich wie der Laden selbst, doch statt dem Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe klebte nun ein Schild mit dem Aufdruck Geschäftsräume incl. Wohnung zu vermieten an der Scheibe. Es war nicht die Tatsache, dass ein neuer Mieter gesucht wurde, die Pekunius unruhig werden ließ, sondern die Abkürzung „incl.“. Sofern kein Fehler vorlag, bedeutete dies, dass nicht nur der Laden der Zwirns, sondern gleichfalls ihre Wohnung neu vermietet werden sollte. Das setzte jedoch voraus, dass Günther und Lissi ausziehen würden, wie sich unschwer aus den vier Buchstaben folgern ließ. Nur wenn die andere Wohnung, in der Frau Stier lebte, zur Verfügung gestanden hätte, wäre der Aufdruck Geschäftsräume und Wohnung zu vermieten korrekt gewesen. Es war ein kleiner Unterschied, der Pekunius ein gewisses Unbehagen verursachte und er wollte nicht bis zur Mittagspause warten, um Klarheit zu bekommen. Kurzentschlossen hängte er das Schild Komme gleich wieder an seine Eingangstür, sperrte sie ab und überquerte die Straße.

Der Anblick, der sich Pekunius beim Betreten des Nähmaschinengeschäftes bot, war eher schockierend als ernüchternd. Das Wissen um das Ausräumen der Ladenräume stand noch immer hinter der Gewohnheit zurück, Altbekanntes und als unveränderlich Empfundenes vorzufinden. Nun jedoch beschlich ihn ein Gefühl, als ob er einem gerade in diesem Augenblick stattfindenden Schicksalsschlag beiwohnen würde und die ersten Begriffe, die ihm in den Sinn kamen, waren „Einbruch“ und „Erdbeben“. Das verstörende Gefühl wich nur langsam, während er sich bewusst machte, dass Günther gerade die letzten Teile eines Regals abbaute, dessen ursprüngliche Ausmaße nun als dunkle Ränder an der Wand sichtbar geworden waren. Kleine Verkaufsverpackungen lagen achtlos auf einen Haufen geworfen in der Ecke, entnommen aus einem nun gähnend leeren Wandregal, an dem eine handvoll Bilderrahmen lehnte. Auch die Schubladen in der gläsernen Verkaufsvitrine waren ausgeräumt und offenbarten ihr Einlegepapier, das mit Schmuckornamenten aus den siebziger Jahren bedruckt war. Die uralte mechanische Nähmaschine mit dem verzierten Pedal und dem gusseisernen Schwungrad, die jahrzehntelang als heimliche Königin den Laden beherrscht hatte, war verschwunden und seltsamerweise war es gerade ihr Nichtmehrvorhandensein, das Pekunius am meisten schmerzte.

„Es ist also soweit“, stellte er fest ohne zu bemerken, dass er in seiner Bestürzung einen Willkommensgruß vergessen hatte.

„Pekunius“, rief Zwirn dem Eintretenden zu, „hast du heute Ruhetag?“

Der Modellbahnhändler fühlte sich ertappt und schüttelte den Kopf.

„Nein, ich ...“, erwiderte er und überlegte, wie er seine Frage vorbringen sollte, „es ist nur ... mir ist etwas aufgefallen.“

Das Seitenteil des Regals, das Zwirn losgeschraubt zu haben glaubte, leistete Widerstand und ließ sich nicht vom untersten Fachboden lösen. Pekunius erschrak, als der zukünftige Exnähmaschinenhändler ohne zu zögern mit dem Fuß dagegen trat und die furnierte Spanplatte an der Stelle, wo Zwirn eine Schraube zu lösen vergessen hatte, krachend auseinanderbrach. Es schien, als wollte Zwirn das nutzlos gewordene Möbelstück durch diesen unerwarteten Gewaltausbruch dafür bestrafen, seinen Beitrag zur Erhaltung des Geschäfts nicht zur Genüge geleistet zu haben. Im nächsten Moment aber dachte Pekunius, dass die Regalteile vermutlich dem Sperrmüll übereignet werden würden und vielleicht war es deshalb gar nicht so schlecht, wenn sie Zwirn einen letzten Dienst als Ventil für die Wut, Trauer und Enttäuschung, die er in sich tragen musste, erweisen konnten.

„Ich habe das Schild im Schaufenster gesehen“, begann Pekunius, wurde aber von Lissi unterbrochen, die gerade aus der Küche kam.

„Oh, Pekunius, du“, begrüßte sie ihn, „bleibt dein Laden heute geschlossen?“

Mit Jeans und einem Flanellhemd war sie zweckdienlich für die Aus- und Aufräumarbeiten gekleidet, doch Pekunius betrachtete sie überrascht, da er sich nicht erinnern konnte, sie jemals in einer solchen Aufmachung im Laden gesehen zu haben. Es widerstrebte ihm, seine Wahrnehmung mit seiner Erinnerung in Einklang zu bringen. Das Fehlen der alten, schwarzen Nähmaschine, Lissi in Arbeitskleidung und Günther, der ein Regalteil mit Füßen trat, verursachten ein Gefühl, als habe man ihm ein Stück seines eigenen Lebens genommen. Er spürte einen Stich in seiner Seele und der leise Schmerz hallte nach wie ein nur langsam verklingendes Echo. In diesem Augenblick wusste er, dass er seine Frage nicht mehr zu stellen brauchte, denn er ahnte die Antwort bereits.

„Ja, Pekunius“, sagte Lissi und seufzte, „wir wollten es dir eigentlich schon die ganze Zeit sagen, aber irgendwie ...“

„Ihr zieht auch aus eurer Wohnung aus“, stellte er fest.

„Ja“, bestätigte sie, „wir haben die Wohnung gleichzeitig mit dem Laden gekündigt, denn wir wollen nicht hier im Haus bleiben. Jeden Tag hätten wir an unserem Schaufenster vorbeigehen müssen.“

Pekunius nickte. Er verstand, warum Günther und Lissi ausziehen mussten. Der tägliche Anblick ihres bald ehemaligen Schaufensters wäre wie eine Wunde gewesen, die durch ständiges Kratzen nicht heilen konnte.

„Eigentlich wollten wir ja in Kleinstadt bleiben“, fuhr Lissi fort, „aber jetzt ist es doch anders gekommen.“

„Ihr zieht fort?“, fragte er überrascht.

„Ja, nach Großstadt“, erklärte sie, „es ist praktischer, weil Günther doch demnächst dort arbeiten wird. Dann hat er nicht so viel Fahrerei und außerdem ...“

Sie zögerte und Pekunius sah, dass ihre Augen feucht wurden. Er hätte sie gerne umarmt, doch dann wäre sie vollends in Tränen ausgebrochen.

„Ihr macht einen neuen Anfang“, ergänzte er und seine zuversichtlich klingenden Worte halfen ihr über den schmerzlichen Augenblick hinweg.

„Ja“, bestätigte sie und schluckte, „ein neuer Anfang. Nächste Woche kommt der Möbelwagen.“

Lissis Ankündigung verstärkte das Echo des Schmerzes in seiner Seele. Die Entwicklung fühlte sich nicht nur falsch an, sie verlief auch viel zu schnell, selbst wenn der Verstand hundert Gründe präsentieren konnte, warum das alles folgerichtig war. Der Nähmaschinenladen war tot und mitten in seinen Überresten stehend hatte Pekunius das Gefühl, als säße er in einem Boot auf dem Fluss der Zeit und am letzten Tag des Monats erwartete ihn der Wasserfall. Obwohl die Reste der ehemaligen Einrichtung die Leere im Raum noch hervorhoben, empfand er eine bedrückende Enge. Um der Beklemmung zu entgehen, verabschiedete er sich, überquerte die Straße und kehrte in sein eigenes Geschäft zurück.

Der körperlich empfundene Schmerz, den das Schicksal seiner Freunde in Pekunius ausgelöste hatte, verwirrte ihn und gleichzeitig verursachte die Verwirrung ein schlechtes Gewissen, denn es wäre weder menschlich gewesen noch hätte er die Zwirns seine Freunde nennen können, wenn ihn ihr Scheitern nicht berührt hätte. Dennoch irritierte ihn die Intensität des Gefühls. Man gründete ein Geschäft mit der Absicht, es auf unbestimmte Zeit zu führen. Im besten Fall übergab man es eines Tages einem Nachfolger. Dass ein Geschäft aus wirtschaftlichen oder anderen Gründen schließen musste, war bedauerlich, aber nicht ungewöhnlich. Geschäfte oder Firmen, die in dritter, vierter oder fünfter Generation fortgeführt wurden, bildeten eine höchst seltene Ausnahme. So war nun einmal der Lauf der Welt. Die langjährige Freundschaft mit den Schulkameraden von einst würde auch nicht auf einen Schlag enden. Mit dem Auto oder der Bahn war Großstadt binnen einer Stunde zu erreichen. Man konnte sich also ohne großen Aufwand gegenseitig besuchen. Es stand auch nicht zu befürchten, dass die Freunde von einem auf den anderen Tag in bitterste Armut verfallen würden und keiner von ihnen war ernstlich erkrankt. Pekunius´ Sorge hatte einen anderen Grund. Die Väter Kaufmann und Zwirn hatten ihre Geschäfte etwa zur gleichen Zeit gegründet und die Söhne hatten sie ebenfalls nahezu gleichzeitig von ihren Vätern übernommen. An der Hauptstraße von Kleinstadt einander gegenüberliegend waren sie deshalb wie Zwillinge gewesen. Alle Entwicklungen, seien es die Nachkriegszeit, die Aufbaujahre, das Wirtschaftswunder, der technische Fortschritt und die Globalisierung, hatten sie parallel und gemeinsam erlebt. Nun war ein Zwilling gestorben und der andere blieb allein mit der Frage, ob ihn die gleiche Krankheit ebenfalls dahinraffen würde. Die Gemeinschaft der Händler in der Hauptstraße schrumpfte. Bäcker und Metzger hatten schon vor längerer Zeit geschlossen. Einen der Läden hatte man zu einer Wohnung umgebaut und im anderen wechselten die Mieter mit unschöner Regelmäßigkeit. Zurzeit hoffte ein Sonnenstudio, eine Bezeichnung, die Pekunius immer wieder Kopfschütteln verursachte, auf Kunden, die man dort Mitglieder nannte. Zwirn hatte seinen Nähmaschinenladen geschlossen und ein rauer Wind würde Telemann bald ins Gesicht blasen, wenn der neue Elektronikfachmarkt am Stadtrand seine Pforten öffnete. Für Bertha Krämers Lebensmittelladen war ebenso wenig ein Nachfolger in Sicht wie für seinem eigenen, auch wenn Pekunius hoffte, diese Frage erst in einigen Jahren klären zu müssen. Ob die Geschäfte bei seinem Nachbarn zur Rechten zwei Häuser weiter, dem Blumenladen des Italieners Bruno Girasole, florierten, wusste Pekunius nicht. Am traurigsten stimmte ihn jedoch die Erkenntnis, dass er Lissi nun doch nicht mehr die Übernahme seiner Buchhaltung anzubieten brauchte. Auch wenn er bis zu diesem Tag nicht sicher gewesen war, ob er ihr das Angebot überhaupt unterbreiten sollte, so schmerzte ihn die Tatsache, dass die Zukunftspläne der Freunde ihm jede Möglichkeit genommen hatten, behilflich sein zu können.

Die halb sorgenvolle, halb melancholische Stimmung hielt den ganzen Nachmittag an und Pekunius war froh, dass er am Abend zum monatlichen Treffen der Modellbahnfreunde gehen konnte, um dort auf andere Gedanken zu kommen. Das Gasthaus Zum Spielmann lag in der Poststraße, die von der Hauptstraße abzweigte und so hatte er nur wenige hundert Meter zu Fuß zurückzulegen. Kurz vor zwanzig Uhr betrat er den Nebenraum der Gaststätte, wo sich an jedem dritten Donnerstag im Monat die Mitglieder des Vereins zum Stammtisch trafen.

Nach einem allgemeinen „Guten Abend“, das von einem Kopfnicken in die Runde und einem zweimaligen Klopfen mit den Fingerknöcheln auf den Tisch begleitete wurde, setzte sich Pekunius auf einen freien Stuhl. Die Meisten am Tisch, von denen die überwiegende Anzahl in Pekunius´ Alter waren, kannte der Modellbahnhändler seit vielen Jahren. Nahezu alle Mitglieder des Vereins waren auch gleichzeitig seine Kunden und erhielten immer einen fünfprozentigen Preisnachlass auf ihre Einkäufe in seinem Geschäft. Schon sein Vater hatte dies so gehandhabt und Pekunius führte die zur Tradition gewordene stille Vereinbarung fort. Er bestellte ein Viertel Weißwein und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die obligatorische Frage, was es denn Neues gäbe, an ihn gerichtet wurde. Auch wenn er kein Ehrenamt im Verein bekleidete, hatte er doch seit Jahr und Tag eine besondere Funktion inne. Als Händler war er für die Modellbahnfreunde der Mann, der über die jeweils aktuellen Informationen der Branche verfügte. Er wusste stets als Erster, welche Lokomotiven, Waggons, Gebäude oder sonstigen Produkte in Planung waren und wann sie auf den Markt kamen. Auf der anderen Seite fungierte er als Vermittler, der Kundenwünsche an die Hersteller weiterleitete, die sich wiederum mit ihren Produktplanungen an der Nachfrage orientierten. Pekunius war deshalb einer jener wichtigen kleinen Knotenpunkte, an dem Marktinformationen von beiden Seiten zusammenliefen und in die jeweils andere Richtung weitergeleitet wurden. Diese Funktion unterschied ihn wesentlich von Verkäufern in Warenhäusern, wo Kundenwünsche die Hersteller nicht erreichten, weil sie auf den verschlungenen Wegen über Abteilungsleiter, Filialleiter und schließlich Mitarbeiter diverser Abteilungen des Mutterkonzerns versickerten. Der Einzelhändler jedoch war der Puls eines Kreislaufs, in dessen Venen die Kundenwünsche und in dessen Arterien die Produktplanungen flossen, während sich die großen Warenhäuser zu Thrombosen entwickelt hatten, wo der Fluss zum Stocken gekommen war und man deshalb Marktforschungsinstitute als Bypässe einsetzen musste, um die Verbindung zwischen Hersteller und Kunden und damit die Zirkulation nicht gänzlich abreißen zu lassen.

Eine halbe Stunde tauschte man sich am Stammtisch aus und gab sich der Fachsimpelei hin, bis man damit begann, sich den kleineren und größeren Ereignissen, die Mitglieder des Vereins persönlich betrafen, zu widmen. Für die größte Belustigung sorgte dabei ein Nichtanwesender.

„Den Horst werden wir vermutlich nicht wiedersehen“, sagte jemand.

Ein Vereinsmitglied zu verlieren wurde im Allgemeinen als Enttäuschung empfunden, doch in diesem Fall sorgte besagter Horst für breites Grinsen am Tisch.

„Warum nicht?“, fragte Pekunius, der noch nicht auf dem neuesten Stand war.

„Weil er jetzt ein neues Spielzeug hat“, rief ein anderer, „und ich kann dir sagen, die hat zwei ordentliche Tender.“

Dem Schenkelklopfer folgte ein grölendes Lachen.

„Wenn ihm da mal bloß nicht der Dampf ausgeht“, ergänzte ein Weiterer und wieder wurde der Scherz mit Gejohle beantwortet.

Pekunius sah verständnislos in die Runde.

„Hast du es denn noch nicht gehört?“, fragte der Erste, „Horst hat sich von seiner Frau getrennt und wohnt jetzt bei seiner neuen Freundin. Die ist gerade mal halb so alt wie er. Da ist jetzt nix mehr mit Modellbahn. Er hat sich sogar ein Cabrio gekauft.“

Pekunius hob erstaunt die Augenbrauen. Er hatte Horst schon längere Zeit nicht mehr gesehen, sich aber keine Gedanken darüber gemacht. Dass der Vereinskollege jetzt ein Cabrio fuhr, war vermutlich ein Zugeständnis an seine neue Liebschaft, auch wenn Pekunius nicht wusste, warum junge Frauen eine ausgeprägte Vorliebe für offene Wagen hatten.

„Und Veronica?“, fragte er.

„Die sitzt vermutlich zuhause“, antwortete jemand, „und ist mächtig sauer. Ihr darf er wahrscheinlich nicht mehr unter die Augen kommen.“

Pekunius kannte Horsts Frau Veronica flüchtig. Man traf sich bei Weihnachtsfeiern oder Sommerfesten und trank ein Glas miteinander. Über die jetzt anscheinend gescheiterte Ehe wusste er nichts. Am Stammtisch, bei dem immer nur Männer anwesend waren, sprach man selten und bei Modellbauabenden im Vereinsheim in der Regel überhaupt nicht über Beziehungen oder Ehen. Während die anderen Modellbaufreunde das Thema absichtlich oder aus Desinteresse vermieden, hatte Pekunius dazu überhaupt nichts zu sagen. Er war weder verheiratet noch hatte er eine feste Beziehung. Es war einer jener Lebensumstände, mit denen man sich abfindet, selbst wenn man nicht glücklich dabei ist. Als Heranwachsender und als junger Mann hatte er einige wenige feste Freundinnen gehabt, doch keine der Beziehungen war von längerer Dauer gewesen. Pekunius wusste selbst nicht, warum ihm nie das Glück beschieden war, die Frau fürs Leben zu finden. Als er dann das Geschäft von seinem Vater übernommen hatte, waren die Gelegenheiten, Frauen kennen zu lernen, immer seltener geworden, denn sein Bekanntenkreis bestand vornehmlich aus Modellbauern. Die wenigen Frauen, die er in dieser Runde getroffen hatte, waren ausnahmslos Ehefrauen oder feste Partnerinnen der Vereinskollegen. Vielleicht war es die melancholische Stimmung vom Nachmittag, in die er nach dem Besuch bei Lissi und Günther am Morgen verfallen war, die ihn nun am Stammtisch traurig stimmte, als er vom Bruch zwischen Horst und Veronica erfuhr, denn auch wenn er es sich selten eingestand, so wünschte er sich doch eine Partnerin an seiner Seite. Er war davon überzeugt, dass eine Frau, die ihm Gefährtin und Vertraute gleichermaßen gewesen wäre, sein Leben bereichert hätte, doch sein bevorstehender sechzigster Geburtstag war ein untrügliches Zeichen dafür, dass dieser Wunsch unerfüllt bleiben würde. Er war seit jeher mit seinem Geschäft verheiratet. Eine Geliebte aber, die womöglich seine Tochter hätte sein können, kam für ihn nicht in Frage, selbst wenn ihre Tender, wie man die weiblichen Rundungen am Stammtisch genannt hatte, noch so üppig gewesen wären.

Pekunius entschuldigte sich mit einem allgemeinen Unwohlsein und verabschiedete sich bereits kurz vor zehn Uhr. Auf seinem Nachhauseweg tauchten Gesichter und Szenen von Mädchen und jungen Frauen auf, die er einmal geliebt hatte und es schien, als würde die klare Luft des Frühlingsabends seine Erinnerungen auffrischen. Die Kürze des Weges bereitete ihnen jedoch jähes Ende und mit einem schwermütigen Seufzer schloss Pekunius seine Haustür auf.

 

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Der Möbelwagen hatte die Warnblinkanlage eingeschaltet, doch er war auch ohne die periodisch aufleuchtenden kleinen, orangefarbenen Lampen nicht zu übersehen. Obwohl seine Reifen den Bordstein berührten, ragte er seiner Größe wegen so weit in die Fahrbahn, dass er als Hindernis, das umfahren werden musste, den Verkehr auf der Hauptstraße zum Stocken brachte. Es schien, als seien die Kleinstädter gezwungen, einen Augenblick inne zu halten, um zu bemerken, dass das Nähmaschinengeschäft Günther Zwirn, das sie an dieser Stelle ein halbes Jahrhundert lang passiert hatten, nun für alle Zeiten seine Pforten geschlossen hatte. Der Möbelwagen hatte schon am frühen Morgen mit geöffneter Ladeklappe auf der anderen Straßenseite gestanden, als Pekunius die Tür zu seinem Geschäft aufgeschlossen hatte. Jedes Mal, wenn der Modellbahnhändler an diesem Vormittag aus dem Fenster sah, wurde sein Blick von dem grün-weißen Ungetüm, in dessen Bauch ein ums andere Möbelstück verschwand, gefangen gehalten. Der Appetit des Monstrums schien unersättlich, denn immer wieder kamen die Möbelpacker, um es mit weiterem Hausrat aus der Wohnung der Zwirns zu füttern. Gegen Mittag sah Pekunius, wie sich die Ladeklappe ähnlich dem Maul eines Wals langsam schloss. Die Mahlzeit war beendet.

Und nun?, fragte sich Pekunius. Die Ladeneinrichtung war als großer Sperrmüllhaufen am Tag zuvor abgeholt worden und die Scheiben hatte man mit Zeitungspapier verklebt. Nur das Ladenschild über dem Schaufenster hing noch an seinem Platz. Es war der letzte stumme Zeuge, der an Vergangenes erinnerte. Pekunius sah die Möbelpacker ins Führerhaus einsteigen und einen Augenblick später setzte sich der Wagen in Bewegung. Als er davonfuhr, nahm der Verkehr auf der Hauptstraße wieder seinen gewohnten Fluss auf.

Günther und Lissi kamen aus dem Haus, überquerten die Straße und betraten den Modellbauladen. Pekunius, der sie hatte kommen sehen, war ihnen vom Tresen aus einige Schritte entgegen gegangen. Nun standen sie voreinander und jeder fragte sich im Stillen, was er zum Abschied nach einer solch langen Zeit sagen sollte. Bevor die bedrückende Verlegenheit des Augenblicks sich ausbreiten konnte, trat Lissi einen Schritt vor und umarmte Pekunius stumm. Als sie sich wieder von ihm löste, streckte Günther dem Freund zögerlich die Hand entgegen, zog sie jedoch wieder zurück, trat ebenfalls einen Schritt vor und umarmte Pekunius, wie seine Frau es getan hatte.

„Du kommst uns doch mal besuchen?“, fragte Lissi und Pekunius nickte.

„Aber sicher“, erklärte er, „Großstadt ist ja nicht aus der Welt.“

Die drei Freunde betrachteten einander, schwiegen, warteten, ob einer etwas sagen würde, nickten und trauerten. Es war ihnen gleichermaßen schwer ums Herz. Pekunius ergriff Günthers Hand und drückte sie fest.

„Viel Glück!“, wünschte er, denn es gab nichts, was er sonst hätte sagen können.

„Danke“, antwortete Günther mit fester Stimme.

Pekunius wollte Lissi ebenfalls die Hand drücken, doch sie umarmte ihn noch einmal.

„Dir auch, Pekunius“, sagte sie mit einer Stimme, die nicht ganz so fest war, wie die ihres Mannes, „dir auch!“

Sie hielt ihn zwei, drei, vier Herzschläge lang fest an sich gedrückt, dann ließ sie ihn hörbar ausatmend wieder los.

„Also dann“, seufzte Günther, „wir müssen denn mal.“

„Ja“, antwortete Pekunius.

Günther und Lissi wandten sich um, gingen zur Tür und Pekunius folgte ihnen. Das Dampflokpfeifen erklang in diesem Augenblick nicht wie ein Gruß, sondern eher wie die Mahnung an die Reisenden, ihren Abschied nun zu beenden, damit die Fahrt beginnen konnte.

„Alles Gute“, sagte Pekunius.

Günther und Lissi nickten ein letztes Mal. Sie verließen das Modellbahngeschäft und überquerten wieder die Straße. Pekunius schloss die Tür und sah ihnen durch die Scheibe nach, bis sie in ihrem Haus verschwunden waren. Vermutlich würden sie noch einen letzten Rundgang durch ihre nun verwaiste Wohnung machen und dann nach Großstadt aufbrechen, damit dort der Möbelwagen sein Maul wieder öffnen konnte, um die Utensilien der Vergangenheit für eine neue Zukunft frei zu geben.

Als Pekunius den Blick von der Straße abwandte und langsam wieder zurück zum Tresen ging, fiel ihm auf, dass Günther und Lissi weder eine neue Adresse noch eine neue Telefonnummer hinterlassen hatten.

 

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Während der letzten Tage des Aprils wurde das Wetter immer freundlicher und der Maifeiertag grüßte mit blauem Himmel und Sonnenschein. Pekunius wachte zeitig auf, frühstückte ausgiebig, richtete sich Proviant und eine Thermoskanne Pfefferminztee und packte seinen Rucksack. Bequem gekleidet mit einer Kniebundhose, einem wollnen Hemd, einer Windjacke und festem Schuhwerk bestieg er den Bus und fuhr zum Stadtrand. Von der Endhaltestelle aus wandte er sich nach Osten und fünfzehn Minuten nach neun Uhr ließ er die letzten Häuser von Kleinstadt hinter sich.

Das hügelige Land stieg sanft an. Pekunius verließ die Straße und folgte einem Feldweg. Es war nahezu windstill und während er Obstbäume passierte, deren Blütenpracht in der hellen Morgensonne erstrahlte, dachte er darüber nach, dass das Wandern nicht nur des Müllers Lust war. Für ihn als Händler, der den größten Teil seiner Zeit in seinem Laden verbrachte, waren die Tage in der freien Natur mehr als nur eine willkommene Abwechslung. Er genoss sie in vollen Zügen und am liebsten allein. In der Ebene, wenn er entspannt und ohne Anstrengung einen Fuß vor den anderen setzte, ließ er sich vom gleichmäßigen Rhythmus seiner Schritte zur Kontemplation verleiten. Sein Blick schweifte über Gottes Schöpfung und auch wenn er zu allen Jahreszeiten unterwegs war und den immerwährenden Wechsel im Kreislauf des Lebens betrachtete, war ihm doch der Frühling am liebsten. Die Frische und die Kraft des Aufbruchs, das immer wieder Neue und unbändig sich Bahnbrechende stimmten ihn stets optimistisch. Wenn er an einem Frühlingstag einen Hügel hinaufstieg, dann beschleunigte sich sein Schritt wie von selbst und er fühlte sich besonders lebendig, weil sein Herz kräftig schlug und das Blut schneller durch seine Adern strömte.

Gegen halb elf erreichte er eine alte, ihm lieb gewordene Bank unter einem Kastanienbaum. Schon unzählige Male hatte er dort gerastet und auch an diesem Tag nahm er seinen Rucksack ab und setzte sich. Er trank eine Tasse Tee, aß ein Käsebrot und einen Apfel, trank eine weitere Tasse Tee und lehnte sich schließlich zufrieden zurück. Sein Blick ging hinunter ins Tal, wo auf einem Wanderweg eine Gruppe junger Leute unterwegs war. Einer von ihnen zog einen Leiterwagen und Pekunius lächelte still in sich hinein, als er sich daran erinnerte, wie er selbst in jungen Jahren mit Günther, Lissi und anderen zu jedem ersten Mai mit einem ähnlichen Handkarren und mancher Kiste Bier unterwegs gewesen war. Schon sein Vater hatte von Maiwanderungen aus seiner Jugendzeit erzählt und die jungen Leute unten im Tal würden vermutlich eines Tages ihre Kinder mitnehmen. Es störte Pekunius nicht, dass er an diesem Tag alleine unterwegs war und er dachte auch nicht daran, dass es schade war, diese Tradition nicht weitergeben zu können, weil er selbst keine Kinder hatte. Ihn beschäftigte der Gedanke, welcher Wert dem Maiwandern zukam. Es war ein Familien- oder Freundschaftstag, der dazu diente, Bande zu festigen oder zu erneuern. Auch wenn man in der Regel einen vorher festgelegten Punkt ansteuerte, so war dennoch in erster Linie der Weg das Ziel. Man wanderte gemeinsam und hatte Zeit füreinander. Es wurde gescherzt, gesungen und gelacht, aber auch erzählt und zugehört. Nebeneinander gehend und nicht abgelenkt von Fernsehen, Radio oder anderen Errungenschaften der modernen Unterhaltungstechnik gehörte man ganz seinem Gesprächspartner, sei es Mann oder Frau, Freund oder Freundin, Großeltern oder Enkel. Wenn man in der Gruppe die Stadt hinter sich ließ, verabschiedete man sich von den vielfältigen Möglichkeiten, sich zu entziehen. Man brach kein Gespräch ab, indem man einen wichtigen Termin vorschützte. Der Tag hatte etwas Uneingeschränktes, weil in den wenigen Stunden Zeit überreichlich zur Verfügung stand und so wurden Beziehungen gefestigt, indem man ein offenes Ohr für die Sorgen des anderen hatte oder einander in Zukunftspläne einweihte.

Zwei aus der Gruppe der jungen Leute gingen langsamer als die anderen und blieben ein wenig zurück. Vielleicht, dachte Pekunius versonnen, hatten sie sich am Abend zuvor beim Tanz in den Mai ineinander verliebt und verbrachten nun den ersten Tag Seite an Seite mit klopfenden Herzen und roten Ohren. Es war Frühling und Pekunius fühlte nicht zum ersten Mal das „Alles neu macht der Mai“. Er stand von der Bank auf, schulterte seinen Rucksack und nach einem letzten Blick über das Tal setzte er seine Wanderung fort. Seine Gedanken kehrten zu Lissi und Günther zurück. Auch für sie war dieser Mai der Monat der Erneuerung, da sie in Großstadt einen Anfang wagten. Stumm wünschte er ihnen von Herzen alles Gute.

Die Mittagsstunde war vorüber und Pekunius hatte den entferntesten Punkt der Schleife, die er an diesem Tag zurücklegen wollte, erreicht. Es stand am Fuß eines Aussichtsturms auf dem höchsten Hügel der Gegend, doch er verzichtete darauf hinaufzusteigen. Schon oft hatte er von dort oben seinen Blick über das Land und die Stadt schweifen lassen und er glaubte nicht, etwas Neues oder gar Aufregendes entdecken zu können. An einem grob gezimmerten Tisch mit zwei dazu passenden Bänken nahm er sein Mittagessen ein und trank zwei weitere Becher Tee. Die wärmenden Strahlen der Sonne beschienen sein Gesicht und eine Weile saß er einfach nur auf der Bank ohne an etwas Bestimmtes zu denken, bis ihm plötzlich das Bild des mit Zeitungspapier zugeklebten Schaufensters in den Sinn kam. Auch für das ehemalige Nähmaschinengeschäft würde der Mai etwas Neues bringen und Pekunius war schon gespannt, welcher Branche der Händler zuzurechnen wäre, der sein Glück als nächster dort versuchen würde.

Nach einer halben Stunde Rast erhob er sich, schulterte seinen Rucksack und trat den Heimweg an. Der Himmel war noch immer wolkenlos und würde es vermutlich auch bis zum Abend bleiben. Ein Schlager aus den Sechziger Jahren fiel ihm plötzlich ein und da weit und breit niemand zu sehen war, der ihn hätte hören können, begann Pekunius vergnügt zu pfeifen.

 

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Der nächste Morgen brachte eine kleine Überraschung. Pekunius hatte nicht erwartet, dass das Schild Ladengeschäft incl. Wohnung zu vermieten so schnell verschwunden sein würde. Stattdessen stand nun der Transporter eines Einrichtungshauses auf der anderen Straßenseite. Große Pakete, die vermutlich Schrank- oder Regalteile beinhalteten und diverse andere Gegenstände wurden in das Geschäft getragen. Ein junger, dunkelhäutiger Mann und eine ebenfalls junge, blonde Frau schienen die Arbeiten zu beaufsichtigen und Pekunius fragte sich, ob sie wohl seine neuen Nachbarn sein würden. 

Gegen zehn Uhr brachte Baptiste die Post. Pekunius, der an seinem Schreibtisch hinter dem Tresen saß, wollte aufstehen, doch der Briefträger kam bereits auf ihn zu.

„Bleiben Sie nur sitzen, Monsieur“, rief er und legte zwei Briefe auf den Tresen.

„Danke, Baptiste“, erwiderte der Händler nickend.

„Jetzt haben wir schönes Wetter“, erklärte der Postbote, „der April war so kalt und nass, aber jetzt ist Mai.“

„Genau“, stimmte Pekunius zu, „für Sie ist es ja ganz anders als für mich. Sie sind bei jedem Wetter unterwegs, während ich nur hier in meinem Laden sitze.“

„Oh ja, Monsieur, ich bin immer draußen, ganz gleich, ob es Sommer oder Winter ist.“

Während er sprach, schielte Baptiste auf die große Bonboniere, die seitlich auf dem Tresen stand und zur Hälfte mit pastellroten Himbeerbonbons gefüllt war.

„Greifen Sie nur zu“, forderte ihn Pekunius auf, der den Blick des Postboten bemerkt hatte.

„Ja? Darf ich?“

„Sicher, bitte!“

Pekunius hob den Deckel ab und drehte die Bonboniere in Baptistes Richtung. Grinsend langte der Postbote zu und steckte sich ein Bonbon in den Mund, während der Händler den Deckel wieder auflegte.

„Mmh, ich liebe diese Bonbons“, schwärmte Baptiste undeutlich, „danke, Monsieur.“

„Gern geschehen“, antwortete Pekunius.

Der Ivorer dankte noch einmal mit einem Kopfnicken, verabschiedete sich und verließ den Laden. Pekunius nahm die beiden Briefe vom Tresen, doch sein Blick ging zur Bonboniere zurück und er fragte sich, wann er sie zum letzten Mal gefüllt hatte. Er kannte die Himbeerbonbons schon so lange er denken konnte, doch es fiel ihm nicht ein, wann er zum letzten Mal welche gekauft hatte. Die Bonboniere stand schon immer an diesem Platz, stets gefüllt mit diesen kleinen, harten, rosaroten Naschereien. Ohne darüber nachzudenken hatte er die Tradition von seinem Vater übernommen. In früheren Jahren waren nicht selten Väter mit ihren Kindern in das Ladengeschäft gekommen und kaum jemals war einer der Kleinen ohne eine ausgebeulte Backe wieder hinausgegangen. Manchmal war einer der Knirpse sogar alleine in den Laden gekommen, um ein Bonbon zu erbitten und weder Pekunius, der erste, noch Pekunius, der zweite, hatten dies jemals verweigert. Die Knirpse waren älter und größer geworden und so war ihr Interesse an den Bonbons erlahmt. Pekunius erkannte, dass er die Veränderung in der Struktur seiner Kundschaft daran ablesen konnte, wie langsam sich heutzutage die Bonboniere leerte. Einige der Knirpse von damals waren heute Männer, die seinen Laden noch immer aufsuchten. Es war allerdings augenfällig, dass sie meist alleine kamen. Die Anzahl der Kinder hatte im Lauf der Jahre stetig abgenommen und das war der Maßstab dafür, dass Modellbahnen, die früher der Inbegriff des Weihnachtsgeschenkes für Kinder gewesen waren, heute diesen Nimbus verloren hatten. Die Männer, ob Väter oder nicht, kauften nun Lokomotiven, Waggons und Zubehör in erster Linie für sich selbst und es stellte sich sogar die Frage, ob einige der Väter eine Modellbahn zu Weihnachten über den Umweg ihrer Kinder nicht in Wahrheit sich selbst schenkten.

Die Adresse auf einem der Briefe, die Baptiste gebracht hatte, lautete „an alle Anwohner der Hauptstraße“ und als Absender war die „Stadtverwaltung Kleinstadt“ angegeben. Pekunius öffnete den Umschlag, entnahm das Schreiben und überflog den Inhalt. Man setzte ihn davon in Kenntnis, dass die Baumaßnahmen, die aus der verkehrsreichen Straße eine Fußgängerzone machen würden, in Kürze beginnen sollten. Deshalb sei in den folgenden Monaten mit Lärmbelästigungen und Behinderungen zu rechnen, wofür man um Verständnis bat. Die Rückseite des Schreibens zierte eine geschickt gemachte Fotomontage. Sie zeigte einen Blick entlang der Hauptstraße. Fahrbahn, Bürgersteige und Parkplätze waren verschwunden. Stattdessen flanierten Menschen zwischen Pflanzkübeln mit Palmen, Parkbänken und einem Brunnen. Pekunius erkannte sein eigenes Geschäft und ihm gegenüber das Nähmaschinengeschäft Günther Zwirn. Obwohl die Aufnahme relativ neu zu sein schien, war sie doch schon nicht mehr aktuell, selbst wenn sie einen Blick in die Zukunft eröffnen sollte. Achselzuckend warf er das Schreiben samt Umschlag in den Papierkorb.

Begleitet vom obligatorischen Dampflokpfeifen wurde die Tür geöffnet. Pekunius erkannte die eintretende Frau sofort. Sie in seinem Laden zu sehen überraschte ihn, denn sie hatte das Modellbahngeschäft noch nie mit ihrem Besuch beehrt. Er erhob sich, kam hinter dem Tresen hervor und ging auf sie zu.

„Veronica“, sprach er sie an, „das ist aber eine Überraschung.“

„Guten Tag, Pekunius“, antwortete sie ohne zu lächeln.

Für einen Moment fehlten dem Händler die Worte. Er hatte mit ihr noch nie mehr als ein paar harmlose Sätze bei einigen Vereinsveranstaltungen gewechselt. Nun aber wusste er von ihrer gescheiterten Ehe mit Horst und sie wusste vermutlich, dass er es wusste. Es gab keinen Grund Mitgefühl zu zeigen, obwohl er genau das empfand, oder sie auf die Situation anzusprechen, denn er wollte ihr auf keinen Fall zu nahe treten.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte er mit einem verbindlichen Ton in seiner Stimme und einem freundlichen Lächeln, vom dem er hoffte, dass sie es nicht falsch interpretierte, denn schließlich war er ein Vereinskollege ihres Mannes.

„Du hast es sicherlich schon gehört“, antwortete sie geradeheraus, „Horst wohnt jetzt nicht mehr ...“

Sie führte den Satz nicht zu Ende. Vermutlich hatte sie „zuhause“ sagen wollen, aber entschieden, dass das Wort nicht passend war.

„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „habe ich keine Verwendung für seine Eisenbahn.“

Pekunius nickte unschlüssig. Er wusste noch nicht, worauf Veronica hinaus wollte. Dass sie das Hobby ihres Mannes nicht in gleichem Maße teilte, war nicht weiter verwunderlich, doch es war ihm noch nicht klar, welche Rolle er dabei spielen sollte. Bevor er Spekulationen darüber anstellen konnte, kam sie ihm mit ihrer Frage zuvor.

„Kannst du sie für mich verkaufen?“

„Oh“, entfuhr es ihm unwillkürlich und Veronica hob abwehrend die Hand.

„Ich weiß schon, was du sagen willst, Pekunius. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Horst hat keine Verwendung mehr für sein Spielzeug. Er hat jetzt ... andere Interessen.“

Pekunius gefiel der Gedanke nicht und die Situation stellte ein Dilemma dar. Er wäre Veronica gerne behilflich gewesen, denn als Händler und Vereinsmitglied verfügte er über die entsprechenden Kontakte. Somit war es auch der nächstliegende Gedanke, dass sie sich mit ihrer Bitte an ihn gewandt hatte. Auf der anderen Seite wusste er nichts über die Eigentumsverhältnisse an Horsts Modellbahn und dass sich der Kollege von seiner Anlage trennen wollte, war bis auf weiteres lediglich eine Behauptung Veronicas.

„Ich muss mir die Anlage zuerst einmal ansehen“, sagte er, um Zeit zu gewinnen.

Veronica sah ihm direkt in die Augen. Pekunius hatte das Gefühl, als wollte sie seine Gedanken ergründen und er war sicher, dass sie die Bedenken in seinem Blick lesen konnte.

„Sicher“, antwortete sie, „passt es dir heute Abend?“

Nein, dachte Pekunius. So schnell wollte er keine Entscheidung treffen. Bis zum Abend würde er vermutlich keine Gelegenheit finden, mit Horst zu sprechen. Er hatte nicht einmal eine aktuelle Adresse von ihm. Trotzdem nickte er instinktiv. Irgendetwas, das er nicht hätte benennen können, veranlasste ihn, ihrer Bitte zu entsprechen. Die Anlage anzusehen bedeutete lediglich, ihren Wert zu schätzen. Über alles Weitere konnte er sich später immer noch Gedanken machen.

„Ich könnte gegen sieben bei euch sein“, antwortete er und bemerkte im gleichen Augenblick, dass er statt „euch“ richtigerweise „dir“ hätte sagen müssen.

Veronica nahm den kleinen Versprecher zur Kenntnis und lächelte zum ersten Mal.

„Danke, Pekunius“, erwiderte sie, „das würde mir sehr helfen.“

„Ich kann nichts versprechen.“

„Ich weiß. Danke, trotzdem.“

Sie reichte ihm die Hand, um sich zu verabschieden.

„Dann also gegen sieben. Weißt du, wo die Mozartstraße ist?“

„Ja“, antwortete Pekunius knapp.

„Gut, Hausnummer sechs“, ergänzte sie.

„Mozartstraße sechs“, wiederholte er, „das werde ich finden.“

Er ließ ihre Hand los, ging an Veronica vorbei und öffnete ihr die Tür. Sie dankte mit einem stummen Kopfnicken und verließ das Modellbahngeschäft.

Den ganzen Nachmittag über war Pekunius unkonzentriert. Immer wieder tauchte Veronicas Bild in seinen Gedanken auf. Es musste sie Überwindung gekostet haben, sich an ihn zu wenden. Auch wenn man nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert lebte und eine gescheiterte Ehe keine Schande war, so musste sie dennoch Schmach über die Situation empfinden. Sie war die Gehörnte und mit ihren Augen betrachtet wusste vermutlich jeder im Verein mehr als sie. Dass dies für Pekunius nicht zutraf, konnte sie freilich nicht ahnen. Horst und er waren Vereinskollegen, mehr aber auch nicht. Man traf sich zum Stammtisch oder bei den Modellbauabenden im Vereinsheim und bei diversen Feiern. Horst hatte seinen vierzigsten und Pekunius seinen fünfzigsten Geburtstag jeweils im Vereinsheim gefeiert und wie bei runden Geburtstagen üblich hatte man die Mitglieder samt ihren Familien dazu eingeladen. Gegenseitig besucht hatten sich die beiden Kollegen nie. Horst war lediglich als Kunde hin und wieder im Modellbahngeschäft gewesen. Über Veronica wusste Pekunius nahezu nichts. Sie war eine stille, kleine Frau Ende vierzig und er fand sie sympathisch und warmherzig. Allerdings hatte er seinen Eindruck von ihr bei kaum mehr als einer handvoll Gelegenheiten gewonnen. Er wäre ihr gerne behilflich gewesen, doch es stand für ihn außer Frage, dass er dazu zuerst Horst befragen musste.

Kurz nach halb sieben schloss er seinen Laden zu, nahm die gleiche Buslinie wie am Tag zuvor und fuhr in den Osten der Stadt. Von der Bushaltestelle aus erreichte er die gesuchte Adresse nach wenigen Minuten und drückte pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt auf den Klingelknopf neben dem Namensschild „Cornelius“. Sekunden später öffnete Veronica die Tür.

„Hallo, Pekunius. Schön, dass du da bist. Komm herein.“

„Guten Abend, Veronica“, antwortete er.

Einen Schritt zur Seite gehend ließ sie Pekunius eintreten, dann schloss sie die Tür und geleitete ihren Gast ins Wohnzimmer.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte sie.

„Vielleicht später“, erwiderte er, „wenn es dir recht ist, möchte ich zuerst einen Blick auf die Anlage werfen.“

„In Ordnung“, stimmte sie zu und nickte, „sie steht unten im Keller.“

Veronica ging voraus und Pekunius folgte ihr. Als sie den Fuß der Treppe erreicht hatten, erkannte er gleich die Tür zum Hobbyraum. Horst hatte das Verkehrszeichen „beschrankter Bahnübergang“ daran befestigt. Das signalrote Dreieck und mehr noch das Piktogramm einer geschlossenen Bahnschranke suggerierten, dass der Zutritt zu diesem Raum verboten war. Für einen Moment stellte sich Pekunius die Frage, ob es legitim war, Horsts Refugium in dessen Abwesenheit und vor allem ohne dessen Wissen zu betreten. Wie würde der Vereinskollege reagieren, wenn er davon erfuhr?

Veronica öffnete die Tür und schaltete das Licht an. Pekunius verwarf seinen Zweifel, denn er verschaffte sich keinen unbefugten Zutritt, sondern war von Horsts Frau gebeten worden, die Anlage zu begutachten. Da sie die Hausherrin war, gab es wohl nichts dagegen einzuwenden.

Die Anlage maß etwa zwei mal drei Meter und befand sich in einwandfreiem Zustand. Ein Viertel stellte eine Stadt dar, die anderen drei Viertel zeigten eine ländliche Szenerie. Pekunius verzichtete darauf, die Bahn in Betrieb zu nehmen, denn er war auch so davon überzeugt, dass alles funktionieren würde. Im Kopf überschlug er die Preise für die Lokomotiven und Waggons. Danach kalkulierte er die Preise für die Bausätze, aus denen die Gebäude gefertigt worden waren und für das sonstige Zubehör. Den Arbeitsaufwand, der in der Anlage steckte, ließ er unberücksichtigt.

„Die erste Einschätzung kann natürlich nur sehr grob sein“, sagte er mit Bedacht, „ich kann dir eine ungefähre Größenordnung nennen.“

„Das interessiert mich nicht“, erklärte Veronica, „mir ist es völlig egal, wie viel jemand für die Anlage bezahlt. Ich will sie nur so schnell wie möglich aus dem Haus haben.“

Pekunius hob die Augenbrauen. Als Händler hätte sein erster Gedanke dem möglichen Gewinn gelten sollen, den Veronicas Wunsch ihm in Aussicht stellte, doch er hatte die Zwischentöne wahrgenommen, die sein Ohr lauter erreicht hatten als die eigentliche Aussage. Er spürte deutlich die Ablehnung, mit der Veronica die Anlage betrachtete und seine Zweifel hinsichtlich des Verkaufs kehrten zurück.

„Wenn der Preis keine Rolle spielt, wird sich auf jeden Fall ein Käufer finden lassen“, sagte er vorsichtig, „doch du verstehst, dass ich zuerst mit Horst sprechen muss. Immerhin hat er einen Großteil der Anlage bei mir gekauft und ich weiß nicht ...“

„Natürlich“, warf sie ein, „entschuldige mich einen Augenblick.“

Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Hobbyraum. Während Pekunius auf ihre Rückkehr wartete, inspizierte er die elektrischen Bauteile und die Verkabelung der Anlage. Horst hatte einen kleinen Schaltschrank gebaut, von wo aus man die drei Trafos, die Weichen und die Beleuchtungselemente bedienen konnte. Die Leitungen wurden von Kabelbindern zusammengehalten und waren akkurat verlegt.

„... nein, er ist hier ...“

Überrascht wandte er sich um. Veronica war zurückgekehrt und hielt einen Telefonhörer an ihr Ohr.

„... klär das bitte mit ihm selbst ...“

Sie hielt Pekunius den Hörer entgegen und er nahm ihn ihr aus der Hand.

„Hallo?“, fragte er, obwohl er wusste, dass er mit Horst sprechen würde.

„Pekunius, was soll das werden?“, tönte es aus dem Hörer.

„Veronica hat mich gefragt“, erklärte er, „ob ich die Anlage für sie verkaufen könnte. Ich habe sie mir gerade angesehen, doch ich wollte zuerst ...“

„So, so“, unterbrach Horst, „du und Veronica. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, alter Knabe.“

„Bitte?“, fragte Pekunius überrascht.

„Wie lange geht das schon zwischen euch beiden, hm?“

Das war eindeutig nicht die Frage, die Pekunius erwartet hatte und er schnappte nach Luft. Die Unterstellung traf ihn völlig unvorbereitet. Wenige Minuten zuvor hatte er sich gefragt, ob das Betreten von Horsts Hobbyraum nicht ein illegitimes Eindringen in dessen Privatsphäre sei. Nun jedoch sah er sich mit einer Anschuldigung ganz anderer Art konfrontiert.

„Horst, ich ...“

„Ertappt“, rief Horst und lachte, „kleiner Scherz! Veronica und du, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sie mag nämlich keine Modellbahnen.“

 Pekunius schüttelte ungläubig den Kopf. Er fand Horsts Scherz weder lustig noch angebracht, doch er verzichtete auf eine Erwiderung.

„Bist du damit einverstanden“, fragte er stattdessen, „dass ich einen Käufer für die Anlage suche?“

„Ach, weißt du“, antwortete Horst jovial, „für mich hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Ich spiele nicht mehr mit Eisenbahnen, wenn du verstehst, was ich meine.“

Pekunius vernahm undeutlich ein Frauenlachen im Hintergrund.

„Mach, was du willst“, fuhr Horst fort, „schenk sie von mir aus einem Kinderheim.“

„Bist du sicher?“

„Mir ist es wurscht. Was soll ich noch damit? Zum Einen habe ich keinen Platz und zum Anderen auch weder Zeit noch Interesse dafür. Ich muss mich jetzt um etwas anderes kümmern.“

Wieder hörte Pekunius das Frauenlachen.

„Wie du meinst, Horst“, sagte er, „ich möchte nur nicht, dass es hinterher zu Missverständnissen kommt.“

„Schon gut, Pekunius. Du hast meinen Segen. Und falls du Veronica noch dazuhaben möchtest ...“

Die Frauenstimme im Hintergrund lachte laut und schallend. Ihr schienen Horsts Scherze zu gefallen. Pekunius schüttelte noch einmal den Kopf und überging die schäbige Bemerkung.

„Gut, dann reiche ich dich jetzt an Veronica zurück.“

„Nicht nötig“, wehrte Horst ab, „ich habe ihr sowieso nichts mehr zu sagen. Mach´s gut, alter Knabe.“

Die Verbindung brach ab und Pekunius gab Veronica das Telefon zurück.

„Er ist einverstanden“, erklärte er.

Veronica zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Möchtest du jetzt eine Tasse Kaffee?“, fragte sie.

Pekunius fand es schwierig zu antworten. Er wollte nicht unhöflich erscheinen und eigentlich sprach auch nichts dagegen, doch er befürchtete, dass Veronica die Gelegenheit nutzen und über Horst sprechen würde. Es bestand die Gefahr, dass er dabei Dinge erfahren würde, die er lieber nicht wissen wollte. Auch wenn ihn so gut wie nichts mit Horst verband, wollte er nicht in Ehegeheimnisse eingeweiht werden.

„Vielleicht beim nächsten Mal“, antwortete er ausweichend, „es wird am besten sein, die Anlage zu fotografieren. Mit ein paar guten Bildern lässt sie sich leichter verkaufen.“

 „Sicher“, erwiderte Veronica und Pekunius bemerkte die leise  Enttäuschung in ihrer Stimme.

Sie möchte jetzt nicht alleine sein, dachte er. Das letzte Kaffeetrinken mit Günther fiel ihm ein. Sie hatten in Günthers Küche gesessen und über das Ende des Nähmaschinengeschäftes gesprochen. Veronica befand sich in einer vergleichbaren Situation. Auch sie musste sich mit den Gegebenheiten abfinden und ein Ende akzeptieren, das unausweichlich war.

„Wenn ich es mir recht überlege“, erklärte er und lächelte aufmunternd, „dann ist ein Kaffee jetzt doch keine schlechte Idee.“

Sie verließen den Keller und gingen in die Wohnung zurück. In der Küche setzte Veronica die Kaffeemaschine in Gang und wenig später saßen sie mit dampfenden Tassen im Wohnzimmer.

„Sie war seine erste Geliebte“, begann Veronica.

„Wer?“, fragte Pekunius, obwohl ihm nichts daran lag, den Namen zu erfahren.

„Die Modellbahn“, antwortete sie, „anfangs habe ich darüber gelächelt. Das Kind im Manne, habe ich gedacht, du weißt schon. Nach und nach aber hat er immer mehr Zeit im Keller verbracht. Jeden Abend und jedes Wochenende hat er daran herumgebastelt. Für gemeinsame Aktivitäten blieb keine Zeit mehr. Wir sind kaum noch zusammen ausgegangen, höchstens mal zu einer Vereinsfeier. Wenn Horst das Haus außer zum Arbeiten verließ, dann nur noch für seine Modellbauabende oder den Stammtisch, während ich alleine zuhause saß.“

Pekunius wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Ein vages Schuldgefühl beschlich ihn, denn genau genommen hatte er ja auch zu diesem Zustand beigetragen, indem er Horst die Teile für dessen Anlage verkauft hatte.

 „Aber in der letzten Zeit“, entgegnete er, als ob er sich verteidigen wollte, „ist er doch wieder häufiger zuhause gewesen, oder?“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Veronica.

Pekunius trank einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete.

„Er kam doch schon länger nicht mehr zum Stammtisch und bei den Modellbauabenden habe ich ihn auch schon eine Weile nicht mehr gesehen.“

Veronica lachte auf, doch es klang nicht fröhlich. Sie sah Pekunius an und in ihrem Blick lag eine Mischung aus Schmerz, Verbitterung und Überraschung.

„Du hast keine Ahnung, oder?“, fragte sie.

Pekunius antwortete mit einer Geste, die zwischen Schulterzucken und Kopfschütteln lag. Er war tatsächlich ahnungslos.

„Vor etwa einem Jahr“, berichtete Veronica, „erklärte Horst, dass ihr euren monatlichen Stammtisch in Zukunft wöchentlich abhalten wolltet. Was hätte ich dazu sagen sollen? Es machte keinen großen Unterschied, ob er im Keller oder in der Kneipe war.“

Pekunius´ Ahnungslosigkeit verkehrte sich ins Gegenteil und er hatte plötzlich eine sehr konkrete Vorstellung von dem, was Veronica weiter berichten würde.

„Dann nahmen die Modellbauabende zu“, fuhr sie fort, „doch ich hatte noch immer keinen blassen Schimmer, was tatsächlich vor sich ging. Monatelang ging das so und dann begann die Geschichte mit den Wochenenden. Er fuhr – angeblich oder tatsächlich, das weiß ich nicht einmal – nach Hamburg, wo er eine besondere Anlage besichtigen wollte. Ich wäre gerne mitgefahren. Wir hätten ins Theater gehen oder eine Besichtigungstour machen können, doch er bestand darauf, alleine zu fahren. Ich war sehr gekränkt und dabei wusste ich noch nicht einmal, dass er das Wochenende mit einer anderen Frau verbringen würde. Erst als er dann weitere Wochenenden ohne mich verbrachte, an denen er angeblich zu Ausstellungen oder Messen fuhr, wurde ich langsam misstrauisch. Ich wollte ihn zur Rede stellen, doch er kam mir zuvor.“

Pekunius, der gerade einen Schluck Kaffee hatte trinken wollen, verharrte mitten in der Bewegung und sah Veronica fragend an.

„Er hat einfach seine Koffer gepackt“, sagte sie, „und erklärt, dass es eine andere Frau in seinem Leben gebe, einfach so, nach über zwanzig Jahren.“

Veronicas Unterlippe begann zu zittern. Ihre Erzählung hatte sachlich und nüchtern geklungen, doch die ganze Zeit hatte sie sich am Rand ihrer Beherrschung bewegt. Nun verließen sie ihre Kräfte und Pekunius sah bestürzt, dass sie zu weinen begann. Die Kaffeetasse noch immer in der Hand haltend fragte er sich, was er nun tun sollte. Was hätte er sagen und womit hätte er sie trösten können? Warum hatte sie ihm die Geschichte überhaupt erzählt? Sie standen sich nicht nahe, im Gegenteil, sie waren kaum mehr als flüchtige Bekannte. Trotzdem saßen sie in Veronicas Wohnzimmer und sie offenbarte ihm ihre traurigen Gefühle und ihre Verletztheit. War es leichter, einem nahezu Fremden die Sorgen zu erzählen als einem Freund oder einer Freundin? Erhoffte sie sich Hilfe von ihm oder hatte sie lediglich die Gunst des Augenblicks genutzt und ihn als Gesprächspartner ausgewählt, weil er zufällig gerade verfügbar war?

Veronica weinte stumm. Die Tränen rannen über ihre Wangen und sie zog ein Taschentuch aus ihrer Hose, um sie zu trocknen. Pekunius stellte seine Tasse ab und betrachtete Veronica mitfühlend.

„Weiß du“, sagte sie leise, „es ist noch nicht einmal die andere Frau. So etwas kommt vor. Man glaubt nicht, dass es einem selbst passiert, doch wenn man sich ansieht, wie viele Ehen geschieden werden, muss man erkennen, dass es jeden treffen kann. Es sind auch nicht seine Lügen, mit denen er mich monatelang hinters Licht geführt hat. Das ist nun mal die hässliche Seite, wenn man als Ehefrau den Platz für die Geliebte freimachen muss. Was mich wirklich trifft, ist meine eigene Dummheit.“

„Aber du hast doch gerade selbst gesagt, dass er dich belogen hat“, stellte Pekunius fest, „wie hättest du da bemerken sollen, was er hinter deinem Rücken treibt?“

„Das meine ich nicht“, antwortete sie und schüttelte den Kopf, „ich bin so grenzenlos dumm gewesen.“

Pekunius wusste nicht, was sie damit sagen wollte, doch er spürte, dass sich ihre Trauer und Verletztheit in etwas anderes verwandelt hatten. Es war weder Resignation noch Wut, sondern vielmehr eine Art ungläubiges Staunen.

„Was bringt dich dazu anzunehmen, du seiest dumm gewesen?“, fragte er.

Veronica knüllte ihr Taschentuch zusammen und verbarg es in ihrer kleinen Faust. Ihre feuchten Augen glitzerten noch ein wenig, als sie seine Frage beantwortete.

„Nach unserer Hochzeit habe ich mein eigenes Leben abgelegt wie einen Mantel, den man an der Garderobe abgibt. Wenn die Vorstellung beginnt, denkt man nicht mehr an ihn. Ich habe mich der Illusion hingegeben, Horst und ich hätten ein gemeinsames Leben, doch dem war nicht so. Er hatte seine Modellbahn. Er ging zum Stammtisch oder zu den Modellbauabenden. Bitte, versteh mich nicht falsch. Ich gebe dir oder den anderen keine Schuld daran. So meine ich das nicht“, sie unterbrach sich und putzte sich die Nase, bevor sie fortfuhr, „es ist nur so, dass ich selbst nichts unternommen habe. Ich saß einfach zuhause und habe auf ... ich weiß selbst nicht was ... gewartet. Ich habe kein eigenes Leben gelebt, sondern saß einfach nur im Zuschauerraum. Jetzt ist der letzte Vorhang gefallen und mir fällt plötzlich ein, dass mein Leben noch an der Garderobe hängt, wenn du verstehst, was ich meine.“

Pekunius verstand, was Veronica damit hatte ausdrücken wollen, doch er konnte nicht ermessen, was es für sie bedeutete. Er lebte sein Leben selbst und hatte niemanden an seiner Seite, dem er beim Leben hätte zusehen können, wie sie es getan hatte. Er hatte sein Geschäft, frönte dem Modellbau als Hobby, ging an den Wochenenden oder Feiertagen gerne zum Wandern, unternahm, wenn er wegen Betriebsferien geschlossen hatte, kleinere Reisen und besuchte hin und wieder eine Theater- oder Kabarettvorstellung. Es gab nichts, worauf er wartete.

„Jetzt ist die Vorstellung zu Ende“, sagte er, um ihr Bild aufzugreifen, „und dein Mantel wartet an der Garderobe. Möchtest du ihn nicht abholen?“

„Ich werde ihn wohl abholen müssen“, antwortete sie und versuchte sich mit mäßigem Erfolg an einem Lächeln, „aber ich weiß nicht, ob er mir noch passt.“

 

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Das schöne Wetter währte nur eine Woche. Am Freitagnachmittag zog der Himmel zu und am Abend fielen die ersten Tropfen. Das Satellitenbild der Wettervorhersage im Fernsehen zeigte, dass ganz Deutschland unter einer geschlossenen Wolkendecke verschwunden war. Besserung wurde erst für die folgende Woche angekündigt. Da die Witterung nicht zum Wandern einlud, beschloss Pekunius, zuhause ein gemütliches Wochenende zu verbringen. Am Samstagmittag erledigte er seine Einkäufe im Laden von Bertha Krämer und brachte Frau Stier eine Kiste Mineralwasser. Zuhause wechselte er die Bettwäsche, tauschte schmutzige Handtücher gegen saubere aus, schaltete die Waschmaschine ein und machte es sich kurz vor sechs Uhr in seinem Ohrensessel gemütlich, um die Sportschau anzusehen. Zum Abendessen gab es ein Paar heiße Würstchen mit Brot und nach der Tagesschau verfolgte er interessiert eine Dokumentation über die Deutsche Schuhstraße, von der er zuvor noch nie gehört hatte. Sie war Mitte der siebziger Jahre im Pfälzer Wald eingerichtet worden, als der dramatische Niedergang der deutschen Schuhindustrie begonnen hatte. In nur fünfundzwanzig Jahren hatten achtzig Prozent der Beschäftigten dieses Industriezweiges ihre Arbeitsstellen verloren, obwohl gleichzeitig die Anzahl der verkauften Schuhe in Deutschland beständig zugenommen hatte. Wer nicht in die Ferne gezogen war, um woanders sein Glück zu versuchen, wechselte die Branche, sofern er überhaupt eine neue Stelle fand. Heute warb die Deutsche Schuhstraße mit schönen Landschaften und großzügig angelegten Wanderwegen in einem Naturschutzgebiet. Die Wanderschuhe, deren Träger Erholung in den Wäldern zwischen Buntsandsteinformationen suchten, stammten zum größten Teil aus China oder anderen asiatischen Staaten. Pekunius wurde bewusst, dass auch er ein Sandkörnchen in der ablaufenden Uhr der deutschen Schuhproduktion war, denn auch seine eigenen Schuhe, die am Sonntag des schlechten Wetters wegen im Schrank bleiben würden, stammten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem Ausland.

Der Sonntag war so verregnet wie vorhergesagt. Pekunius verließ das Haus, um sein Mittagessen im Gasthaus Zum Spielmann einzunehmen und kehrte eine Stunde später wieder zurück. Den Nachmittag verbrachte er lesend und den Abend fernsehend auf der Couch. Als er am Montagmorgen sein Geschäft betrat und aus dem Fenster sah, fiel ihm auf, dass sich auf der anderen Straßenseite etwas verändert hatte. Das Schild Nähmaschinen Günther Zwirn war verschwunden und durch ein neues ersetzt worden. Die goldene Schrift auf hellblauem Grund symbolisierte einen strahlend schönen Himmel.

 

Maria Schröder

Naturkosmetik & Ayurveda

 

Pekunius war der Begriff Ayurveda nicht unbekannt und er konnte ihn vage der indischen Medizin zuordnen, auch wenn er nicht genau wusste, was er bedeutete. Die Verbindung mit Naturkosmetik ließ vermuten, dass die Kundschaft des neuen Ladengeschäftes auf der anderen Straßenseite zum überwiegenden Teil aus Frauen bestehen würde. Das Schaufenster war noch immer mit Zeitungspapier verklebt und es gab keinen Hinweis auf das Datum der Eröffnung. Aus dem neuen Ladenschild schloss er jedoch, dass der Tag nicht mehr allzu fern sein durfte.

Am Nachmittag wurde das Zeitungspapier entfernt. Die Ladeninhaber klebten Transparente in das in hellen, pastellfarbenen Braun- und Grüntönen dekorierte Schaufenster und kündigten damit ihre Neueröffnung an. Pekunius beschloss, seinen neuen Nachbarn in seiner Mittagspause einen Besuch abzustatten. Kurz nach dreizehn Uhr überquerte er die Straße, öffnete die altvertraute Eingangstür und streckte den Kopf in das neue Geschäft.

„Darf man eintreten?“, fragte er.

Den dunkelhäutigen Mann und die blonde Frau, die ihn erwartungsvoll anblickten, hatte er einige Tage zuvor schon gesehen, als sie das Ausladen von Paketen beaufsichtigt hatten.

„Bitte“, antwortete der orientalisch aussehende Mann und verbeugte sich lächelnd, „kommen Sie herein!“

Pekunius nickte dankend und trat ein. Geräuschlos verrichtete die hydraulische Türschließanlage ihren Dienst.

„Mein Name ist Kaufmann“, stellte er sich vor, „ich bin der Inhaber des Modellbahngeschäftes auf der anderen Straßenseite. Auf dem Schild in Ihrem Schaufenster steht, dass Sie Neueröffnung feiern und so möchte ich Ihnen alles Gute und viel Erfolg wünschen.“

„Danke vielmals“, erwiderte der Mann, „kommen Sie, treten Sie näher. Mein Name ist Sarath Wickremesinghe und das ist meine Frau, Maria Schröder.“

Pekunius schüttelte beiden die Hände.

„Angenehm, Herr Kaufmann“, begrüßte ihn Frau Schröder, „dürfen wir Ihnen etwas anbieten, eine Tasse Tee vielleicht?“

„Gern“, antwortete Pekunius, „aber nur, wenn es keine Umstände macht.“

„Ich gehe schon“, sagte Wickremesinghe, durchquerte den Laden und verschwand in der Küche.

Pekunius sah sich um. Die Räume waren noch immer dieselben, doch nichts erinnerte mehr an die früheren Ladeninhaber. Selbst die ehemals weißen Wände hatte man sandfarben und die Decke in einem hellen Pastellblau gestrichen. Pekunius empfand die Atmosphäre angenehm, freundlich und beruhigend, gleichzeitig aber auch orientalisch und geheimnisvoll. Statt mit Plakaten, von denen männliche und weibliche Modelle für die neuesten Kreationen aus den Häusern ihrer Auftaggeber warben, hatten man die Wände mit Abbildungen indischer Gottheiten geschmückt. Kleine und größere Skulpturen, die ihm bekannt vorkamen, er aber nicht namentlich benennen konnte, waren zwischen den Regalen und auf Vitrinen angeordnet. Die Aufkleber auf den Produkten und die Beschriftungen der Verkaufsverpackungen in den Regalen waren meist zweisprachig: Englisch und Sanskrit. In Gedanken versuchte Pekunius, eine Verbindung zu dem ehemaligen Nähmaschinenladen herzustellen. Er rief sich ins Gedächtnis, wo was gestanden hatte, doch obwohl seit der Geschäftsaufgabe der Zwirns gerade erst zwei Wochen vergangen waren, verlor das Bild seiner Erinnerung die Schärfe wie bei einem vergilbenden Foto. Die Geister von Günther und Lissi waren verweht. Vielleicht hatte der überraschende Geruch, den Pekunius beim Betreten des Ladens wahrgenommen hatte, diese Empfindung ausgelöst. Kräuter und Essenzen, Parfüms, Öle und Räucherwerk erzeugten ein intensives, fremdartiges Aroma, über dem jedoch ganz leicht, fast ätherisch, der Geruch von frischer Farbe und Lösungsmitteln lag, als ob die Freunde ihn damit ermahnen wollten, sie nicht ganz zu vergessen.

„Gefällt Ihnen unser Laden?“, fragte Frau Schröder.

„Oh, gewiss“, antwortete Pekunius, „er gefällt mir sogar ausnehmend gut. Es ist nur alles so ... ungewohnt.“

„Der geheimnisvolle Orient?“, mutmaßte sie.

„Nein“, erwiderte Pekunius und ließ seinen Blick noch einmal durch den Laden schweifen, „das ist es nicht. Früher war hier ein Nähmaschinengeschäft. Ich war mit den Inhabern seit meiner Kindheit befreundet und ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft ich hier gewesen bin. Günther, Lissi und ich ...“

Er brach unvermittelt ab. Es gab keinen Grund, der jungen Dame, die er erst wenige Minuten zuvor kennen gelernt hatte, seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen, denn er selbst konnte diesen Mangel an Distanziertheit ebenfalls nicht leiden.

„Verzeihen Sie, ich bin wohl gerade über meine Erinnerung gestolpert“, entschuldigte er sich und wechselte das Thema, indem er an ihre Mutmaßung anknüpfte, „ja, der geheimnisvolle Orient. Was genau bedeutet Ayurveda?“

„Ayurveda ist das Wissen über das Leben“, erklärte sie, „es ist die indische Heilkunst.“

„Indische Heilkunst“, wiederholte er, „sind Sie Ärztin?“

„In gewisser Weise bin ich schon eine Heilerin“, antwortete sie, „obwohl ich Gesang studiert habe. Auf Sri Lanka habe ich verschiedene Kurse besucht. Dort habe ich auch meinen Mann kennen gelernt.“

Die Aussage, dass sie Gesang studiert habe, schien Pekunius auf merkwürdige Art passend. Maria Schröder war blond, hatte blaue Augen und eiferte in ihren Körpermaßen der berühmten Montserrat Caballé nach. Ohne Mühe konnte er sich Frau Schröder in einer Wagneroper vorstellen. Sie trug ein fast bodenlanges Batikkleid, wie es zur Zeit von Woodstock in Mode gewesen war, doch auch das genügte nicht, damit er sie mit indischer Heilkunst in Verbindung bringen konnte. Ihre Haare und Augen, ihre helle Haut, ihre Erscheinung und ihr Blick waren durch und durch deutsch oder zumindest mitteleuropäisch, auf jeden Fall aber im westlichen Kulturkreis verwurzelt. Pekunius fragte sich, ob er nicht vielleicht einem Klischee aufgesessen war. Traf es denn tatsächlich zu, dass Ayurveda nur von Indern praktiziert werden konnte? Vor seinem geistigen Auge erschienen mandeläugige Tempeltänzerinnen, Haschisch rauchende Yogis und Fakire auf Nagelbrettern. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schalt er sich selbst im Stillen einen Narren, aber trotzdem gelang es ihm nicht, auch nur die kleinste Übereinstimmung zwischen der germanischen Walküre und der indischen Medizin zu finden.

Als Sarath Wickremesinghe mit einem Tablett und einer Tasse dampfenden Tees aus der Küche kam, schloss Pekunius für einen Moment die Augen. Er fühlte sich ertappt, denn er hatte den kleinen Mann völlig vergessen. Natürlich war der freundlich dreinblickende Orientale derjenige, der die Heilkunst beherrschte und Pekunius hatte sich ohne es zu bemerken von dem Namen Maria Schröder, der draußen auf dem Ladenschild über dem Schaufenster stand, in die Irre führen lassen. Sein gedanklicher Fauxpas, den er tunlichst für sich behielt, ließ ihn schmunzeln.

„Wie trinken Sie Ihren Tee?“, fragte Wickremesinghe.

„Gerade so, wie er ist“, antwortete Pekunius und nahm die angebotene Tasse entgegen, stellte sie aber, da der Tee sehr heiß war, gleich auf einer Vitrine ab.

„Sie sprechen ein sehr gutes Deutsch“, lobte er, „sind Sie schon lange in Deutschland?“

„Vielen Dank“, antwortete Wickremesinghe, „ich habe an der Universität von Colombo Wirtschaftswissenschaften und Deutsch studiert und zwei Auslandssemester an der Universität von Freiburg verbracht. Nach meinem Abschluss habe ich eine Stelle in einem deutschen Hotel auf Sri Lanka gefunden. Ich war für die Bücher und die Finanzen zuständig. Dort habe ich auch Maria kennen gelernt.“

Er wandte den Kopf und schenkte seiner Frau einen strahlenden Blick, bevor er seinen Bericht beendete.

„Vor anderthalb Jahren sind wir dann hierher gezogen.“

Pekunius lauschte der Rede des freundlichen Ceylonesen mit wachsender Verblüffung. Er hatte angenommen, dass Wickremesinghe Mediziner sei, doch bevor er einen falschen Schluss zog, wollte er sich lieber vergewissern.

„Sie beschäftigen sich sicher schon lange mit der indischen Heilkunst, nehme ich an.“

„Ich? Nein“, wehrte Wickremesinghe ab und schüttelte den Kopf, wobei er grinsend seine Zähne zeigte, „ich habe, wie man bei Ihnen zu sagen pflegt, einen Zahlenkopf und kümmere mich um Buchhaltung, Steuern und so weiter. Maria ist für die Auswahl der Produkte und die Anwendungen zuständig. Ich fungiere dabei lediglich als Übersetzer.“

Pekunius nahm seine Tasse und probierte schlürfend von dem heißen Getränk. Der Tee war kräftig und schmeckte intensiv. Für seinen Geschmack hätte er allerdings nicht ganz so bitter sein müssen. Er stellte die Tasse wieder ab und sah die Ladeninhaberin erwartungsvoll an.

„Ich hatte schon immer eine Schwäche für Kosmetik“, erklärte sie, „aber, wie Sie wissen, werden die meisten Produkte ja künstlich hergestellt und an Tieren getestet. Das ist wirklich schlimm. Als ich vor zwei Jahren in dem Ayurveda-Hotel auf Sri Lanka Urlaub gemacht habe, ist mir das zum ersten Mal so richtig bewusst geworden. Dort verwendet man ausschließlich Naturprodukte und die Anwendungen sind so wohltuend für Körper, Geist und Seele. Für die Gäste des Hotels hat man sogar Kurse angeboten. Ich habe mir keinen entgehen lassen und so bin ich selbst zur Heilerin geworden.“

„Sie heilen Ihre Kunden?“, fragte Pekunius, den ein leiser Zweifel beschlich.

„Ja, ich zeige den Kunden, wie man die Produkte richtig anwendet“, bestätigte sie und vollführte mit ihrer Hand eine Bewegung, die den halben Laden einschloss, „alles, was Sie hier sehen, ist auf rein pflanzlicher Basis und ohne Tierversuche hergesellt worden. Ayurveda-Produkte aktivieren das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte des Körpers. Deshalb wirken sie sanfter und gleichzeitig intensiver als alles, was Sie sonst in einer herkömmlichen Apotheke kaufen können.“

„Erstaunlich“, merkte Pekunius an und griff wieder nach seiner Tasse.

„Ja“, fuhr sie fort, „und zwar für Frauen und Männer. Die männliche Haut und die männliche Seele brauchen ebenso viel Liebe und Pflege wie die der Frauen. Das wissen allerdings nur die wenigsten Männer hier in Deutschland.“

Pekunius entging der leise Vorwurf nicht. Seine Körperpflege bestand im Wesentlichen aus der täglichen Waschung von Haut und Haar nebst Rasur, die er mit ein paar Spritzern Aftershave beendete. Weitere Cremes oder Kosmetika verwendete er nicht, abgesehen von Sonnencreme, wenn er sich vor einem Sonnenbrand schützen wollte. Der Pflege seiner Seele widmete er sich durch seine Wanderungen, die er so oft wie möglich unternahm. Er wollte das Thema auch nicht weiter vertiefen. Ein Gedanke beschäftigte ihn und er wollte alleine sein, um sich ihm ungestört widmen zu können. Er leerte seine Tasse, dankte für den Tee und verabschiedete sich, wobei er seinen neuen Nachbarn noch einmal alles Gute und viel Erfolg wünschte. Wenig später saß er wieder auf dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch.

Die einzelnen Teile des Gesprächs, das Pekunius mit seinen neuen Nachbarn geführt hatte, ließen sich nicht zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Grundsätzlich gab es keine rechtlichen Beschränkungen, wenn man ein Geschäft gründen wollte. Eine Sängerin und ein Buchhalter konnten dies ebenso tun wie ein Lokomotivführer oder eine Sportlehrerin. Ob Frau Schröder jedoch medizinische Beratungen durchführen durfte, konnte er nicht einschätzen. Er war kein Arzt und wusste nichts über die, wie er vermutete, eng gesteckten Grenzen dieses Berufszweiges. Ihre fachliche Qualifikation, die sie sich während eines Urlaubs in einem Hotel angeeignet hatte, schien ihm jedoch fragwürdig. Auch der pharmazeutische Aspekt – sie selbst hatte ihr Geschäft mit einer Apotheke verglichen – gab zu Zweifeln Anlass. Er hatte den beiden Existenzgründern alles Gute und viel Erfolg gewünscht. Nun hoffte er, dass seine frommen Wünsche in Erfüllung gehen mögen, ohne dass sich Frau Schröder und Herr Wickremesinghe Ärger mit der Gewerbeaufsicht oder der Ärztekammer zuzogen. Immerhin, dachte er, war es schön, dass sich für den ehemaligen Nähmaschinenladen so schnell neue Mieter gefunden hatten. Ein leeres Geschäft mit blinden oder mit Zeitungspapier zugeklebten Scheiben war ein trauriger Anblick.

Die Neueröffnung von Maria Schröders Fachgeschäft für Ayurveda und Naturkosmetik wurde am nächsten Tag mit einer großen Anzeige in der Kleinstädter Tageszeitung bekannt gegeben. Auch an den Schaufensterscheiben hatten Pekunius´ neue Nachbarn entsprechende Transparente angebracht. Die geneigte Kundschaft wurde eingeladen, dem neuen Mitglied in der Gemeinschaft der Händler in der Hauptstraße ihre Gunst zu schenken. In den folgenden Tagen spähte Pekunius immer wieder über die Straße, doch nur selten konnte er erkennen, dass jemand das Geschäft betrat oder verließ.

Am Samstag war Pekunius der letzte Kunde in Bertha Krämers Lebensmittelladen. Es war genau vierzehn Uhr, als er sich von der Händlerin verabschiedete. Sie brachte ihn zur Tür und schloss hinter ihm ab. Pekunius, der seine eigenen Einkäufe bereits nach Hause gebracht hatte, trug eine Kiste Mineralwasser, die er für Frau Stier gekauft hatte. Als er die Hauptstraße hinaufgehen wollte, kam ihm seine neue Nachbarin entgegen.

„Guten Tag, Frau Schröder“, begrüßte er sie.

„Guten Tag“, antwortete sie, nickte ihm kurz zu und ging ohne ihren Schritt zu verlangsamen an ihm vorbei.

Pekunius hätte sie gerne gefragt, ob ihre Geschäftseröffnung erfolgreich verlaufen war, doch da es Frau Schröder offensichtlich eilig hatte, setzte auch er seinen Weg fort. Er wollte die Straße überqueren und sah nach links. Aus dem Augenwinkel erkannte er, dass Frau Schröder vor dem Lebensmittelladen stand und gegen die Scheibe der Tür klopfte. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und Frau Schröder verschwand im Geschäft.

Wie jeden Samstag brachte Pekunius Frau Stier das Mineralwasser und nahm die Leergutkiste entgegen. Da es bereits nach vierzehn Uhr war, nahm er die Kiste mit nach Hause, um sie am Montag bei Bertha Krämer abzugeben.

Der Samstagnachmittag war dem Putzen und Aufräumen vorbehalten. Unter einem Stapel Zeitungen und Werbebroschüren, die sich im Lauf der Woche auf dem Wohnzimmertisch angesammelt hatten, entdeckte Pekunius seinen Fotoapparat. Es war eine kleine Digitalkamera, die er sich einige Monate zuvor gekauft hatte. Bei seinen Wanderungen hatte er sie meist dabei, weil er gerne Naturaufnahmen machte, seien es ganze Landschaften oder auch nur einzelne Pflanzen. Er hatte gelernt, wie er mit Hilfe der entsprechenden Software die Fotos später digital nachbearbeiten und verändern konnte und allmählich entwickelte sich das Fotografieren zu einem zweiten Hobby neben dem Modellbau. Als er die Kamera in die Hand nahm, erinnerte er sich, dass er Veronica zugesagt hatte, ein paar Aufnahmen von Horsts Anlage zu machen. Kurzentschlossen griff er zum Telefon und rief sie an. Sie schien sich über seinen Anruf zu freuen und aus der Terminvereinbarung entwickelte sich eine Plauderei, die sich fast eine Stunde hinzog, wie er später beim Blick auf die Uhr überrascht bemerkte. Ein halb zufriedenes und halb vorfreudiges Lächeln hatte sich in sein Gesicht gestohlen, denn sie waren so verblieben, dass er zeitig am Sonntagmorgen die Fotos machen und sie anschließend gemeinsam eine Wanderung unternehmen würden. Als er seine Hausarbeit wieder aufnahm, opferte er das Lächeln dem Spitzen der Lippen, denn ihm war nach pfeifen zumute. Warum er dabei aber gerade auf den Titel „Yellow Submarine“ von den Beatles verfiel, wusste er selbst nicht.

 

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„Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal gewandert bin“, gab Veronica zu, „aber ich finde es herrlich.“

Pekunius hatte den gleichen Weg ausgewählt, auf dem er am ersten Mai unterwegs gewesen war. Da Veronica im Osten der Stadt wohnte, bot sich die Route förmlich von selbst an. Das Fotografieren der Modellbahnanlage hatte nur wenige Minuten in Anspruch genommen und nach einer Tasse Kaffee hatten sie sich auf den Weg gemacht. Sein Rucksack war etwas praller gefüllt als sonst, doch noch wusste er nicht, was sich in den beiden Tupperschüsseln und der Tüte befand, die einzupacken Veronica ihm aufgetragen hatte.

Sie trug Sportschuhe, nicht ideal, aber gut genug, eine Jeans, die sie bis zu den Knien aufgekrempelt hatte, eine blaue Bluse und einen Strohhut. Ihre Jacke hatte sie schon nach kurzer Zeit ausgezogen und über ihren Arm gehängt.

„Horst war dafür überhaupt nicht zu haben“, fuhr sie fort, „wenn ich ihn mal dazu bewegen konnte, das Haus zu verlassen, dann nur, um mit dem Auto irgendwohin zu fahren.“

Pekunius nickte nur. Er wollte nicht über Veronicas zukünftigen Exmann sprechen, doch da die Trennung noch nicht lange zurücklag, war Horst das beherrschende Thema und in Pekunius hatte Veronica einen aufmerksamen, geduldigen und verständnisvollen Zuhörer gefunden. Die Gedanken, die ihm am ersten Mai beim Beobachten der jungen Leute durch den Kopf gegangen waren, fanden nun ihre Bestätigung. Er wanderte mit Veronica und hatte Zeit und ein offenes Ohr für sie.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Pekunius spürte deutlich, dass Veronica den Ausflug genoss. Es schien, als wollte sie alles um sie herum in sich aufsaugen, jeden Duft, jeden Anblick, jedes Geräusch und sie versprühte eine kindliche Freude oder fast sogar ein Staunen über die Schönheit des Tages. Das Wandern bereitete ihr keine Mühe. Es war eher so, als hätten ihre Beine jahrelang darauf gewartet, endlich einmal angemessen in Anspruch genommen zu werden und sie verlangsamte ihren Schritt auch nicht, als der Weg sanft anzusteigen begann. Kurz vor Mittag erreichten sie die Bank unter dem Kastanienbaum. Pekunius schlug eine Rast vor und sie setzten sich.

„Hast du Hunger?“, fragte Veronica.

„Ja“, antwortete Pekunius, „und ich bin schon gespannt, was du eingepackt hast.“

Er öffnete seinen Rucksack und nahm die beiden Tupperdosen heraus.

„Die Tüte bitte auch“, verlangte sie.

Pekunius reichte ihr die Tüte und Veronica entnahm ihr zwei in Servierten eingewickelte Bestecke, dann stellte sie die Schüsseln zwischen sie auf die Bank und nahm die Deckel ab.

„Hackbällchen mit Kartoffelsalat“, erklärte sie auf eine der Schüsseln deutend, „ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn wir beide aus der Schüssel essen, aber ich wollte dich nicht auch noch die Teller schleppen lassen.“

„Aber nein“, stimmte Pekunius zu, „das macht mir nichts aus. Meine Thermoskanne hat auch nur einen Becher, den wir uns teilen müssen.“

„Und das“, sagte sie auf die zweite Schüssel deutend, während er die Kanne aus seinem Rucksack nahm und Pfefferminztee eingoss, „ist Erdbeerquark als Dessert. Hoffentlich ist er noch nicht zu warm. Möchtest du Brot?“

„Ja, gerne.“

Veronica nahm zwei Scheiben Brot aus der Tüte, reichte eine Pekunius und wünschte einen guten Appetit. Pekunius kostete ein Hackbällchen und den Kartoffelsalat.

„Hm, ausgezeichnet“, lobte er und ließ es sich schmecken.

Während des Essens unterhielten sie sich über die Zubereitung von Speisen. Pekunius erkannte schnell, dass Veronica eine gute Köchin sein musste. Sie verriet ihm das Geheimnis ihrer Hackbällchen – frisch geriebener Muskat – und gestand, dass sie eine große Schwäche fürs Kuchenbacken hatte.

„Das kann ich überhaupt nicht“, räumte Pekunius ein, „wozu auch? Ich bin alleine und habe selten Besuch. Deshalb sind meine Kochkünste ziemlich begrenzt. Außerdem gibt es heute nahezu alles als Fertiggerichte.“

„Ja, das verstehe ich“, stimmte Veronica zu, „jetzt, wo Horst nicht mehr da ist, frage ich mich oft, ob ich den Aufwand betreiben soll. Für einen alleine lohnt es sich kaum zu kochen.“

Sie legte den Kopf zur Seite und zog die Stirn in Falten.

„Wenn ich ehrlich bin“, fuhr sie fort, „hat es sich auch vorher kaum gelohnt. Ich hatte immer den Eindruck, dass es Horst völlig egal war, was auf dem Tisch kam. Ich konnte drei Stunden in der Küche stehen und ein Sonntagsmenü zaubern oder einfach eine Dose Ravioli warm machen.“

Sie schüttelte den Kopf, als ob sie die Erinnerung vertreiben wollte.

„Hast du nicht Lust, mal zum Essen zu kommen?“, fragte sie.

„Ist das eine Einladung?“

„Hm, ja, eigentlich schon. Ich koche wirklich gerne, aber ich esse nicht gerne alleine.“

„Das kann ich natürlich nicht ausschlagen“, stimmte er zu und nickte bereitwillig, „dein Kartoffelsalat ist wirklich ein Gedicht.“

Er sah sie an und erkannte, dass sie sich über seine Zusage freute.

„Außerdem“, ergänzte er, „genieße ich auch deine charmante Gesellschaft.“

„Danke“, erwiderte sie und strahlte ihn an, „so ein schönes Kompliment habe ich schon lange nicht mehr gehört.“

Pekunius hatte lediglich erklären wollen, dass er die Einladung nicht nur in Erwartung eines hervorragenden Essens annahm. Er genoss das Beisammensein mit Veronica tatsächlich und fand ihre Gesellschaft überaus angenehm.

„Und was wirst du kochen?“, fragte er.

„Oh, das weiß ich jetzt noch nicht“, antwortete sie, hielt kurz inne und lächelte schließlich bei dem Gedanken, der ihr gerade durch den Kopf gegangen war, „du darfst dir etwas wünschen.“

„Ja?“

„Ja! Gibt es etwas, dass du gerne essen möchtest? Hast du auf irgendetwas Besonderes Lust?“

„Hm“, antwortete Pekunius, der eigentlich nichts Bestimmtes im Sinn hatte, aber auf keinen Falle erklären wollte, dass es ihm einerlei sei, was sie kochen würde, auch wenn er davon überzeugt war, dass ihr jedes Gericht gelingen würde, „tja, also, da fällt mir schon etwas ein, aber es ist vielleicht nicht passend.“

„Wieso nicht passend?“, fragte sie.

„Weil es nicht gerade etwas Besonderes ist“, antwortete er und schüttelte den Kopf.

Er hatte sich dumm angestellt, weil er dem ersten Gedanken gefolgt war. Das erste Gericht, das ihm in den Sinn gekommen war, stimmte wahrscheinlich nicht mit dem überein, was sich Veronica unter „irgendetwas Besonderes“ vorstellte und nun wollte er sich nicht blamieren.

„Raus mit der Sprache“, drängte sie, „es spielt doch keine Rolle, was es ist, vorausgesetzt, ich kann es überhaupt kochen.“

„Oh, das glaube ich wohl.“

„Also?“

„Na gut“, sagte er und entschied, dass es keinen Grund gab, verlegen zu sein, „ich würde wirklich gerne einmal wieder selbstgemachte Kartoffelpuffer essen.“

„Kartoffelpuffer?“

„Ja, mit Apfelmus, aber das macht vermutlich viel Arbeit und ich möchte nicht ...“

„Ach was“, schnitt sie ihm das Wort ab, „erstens muss man die Kartoffeln heute nicht mehr von Hand reiben und zweitens habe ich auch schon lange keine mehr gemacht. Kartoffelpuffer sind eine gute Idee.“

„Wirklich?“

„Aber sicher. Du musst mir nur sagen, wann du kommst.“

„Tja“, erwiderte Pekunius gedehnt und wusste nicht, welchen Termin er vorschlagen sollte.

„Morgen Abend?“, bot Veronica an.

Ohne lange darüber nachzudenken stimmte er zu.

Nach dem Erdbeerquark, der Pekunius ein weiteres Kompliment abnötigte und etwas Tee packten sie ihre Sachen wieder ein und setzten ihren Weg fort. Ihre Wanderung führte den Hügel hinab und den nächsten wieder hinauf. Veronica erzählte Pekunius einiges aus ihrer gemeinsamen Zeit mit Horst, keine Intimitäten, sondern mehr Vermisstes. Es war keine Anklage gegen ihren Mann. Dass sie den größten Teil ihrer Ehe als leer empfunden hatte, schrieb sie sich in erster Linie selbst zu.

„Ich war eigentlich nie Veronica“, erklärte sie, „sondern immer nur Horsts Frau. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann entweder für ihn oder für uns, aber nie für mich. Verstehst du, was ich meine?“

Sie hatte sich freiwillig untergeordnet und keine eigenen Interessen mehr verfolgt. Wenn Horst etwas nicht wollte, dann wollte sie es auch nicht. Das hatte sie sich zumindest eingeredet. Das abrupte Ende ihrer Ehe veranlasste sie jedoch, über diesen Sachverhalt nachzudenken. Pekunius hatte das Gefühl, als wollte sie nicht ihm darüber berichten, sondern sich ihre eigenen Fehler erklären. Sie klang weder traurig noch verbittert. Manchmal schüttelte sie ungläubig den Kopf, wenn sie sich bewusst machte, was sie unterlassen hatte. Pekunius sprach wenig. Er hörte geduldig zu und seine Aufmerksamkeit ermunterte Veronica, sich vieles von der Seele zu reden.

Nach zwei Stunden erreichten sie den Aussichtsturm. Pekunius stellte seinen Rucksack auf eine der Bänke und gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf. Von der Plattform aus genossen sie den Blick über das Land. Pekunius, der in Kleinstadt aufgewachsen war, beantwortete ihre Fragen nach diesem Hügel oder jenem Wald, nannte die entsprechenden Namen und erzählte einige Sagen und Anekdoten aus der Gegend. Danach saßen sie bei ihrer zweiten Rast auf der Bank am Fuß des Turms, teilten sich die Käsebrote, die er als Proviant eingepackt hatte und den restlichen Tee. Sie kamen mit anderen Wanderern, die er beiläufig kannte, ins Gespräch und vor ihrem Aufbruch bat Pekunius, dass jemand ein Foto von ihm und Veronica machen möge. Gegen fünfzehn Uhr schließlich traten sie den Heimweg an.

 „Ich danke dir vielmals, Pekunius“, sagte Veronica, als sie drei Stunden später ihr Haus erreicht hatten, „das war ein wundervoller Tag.“

„Es freut mich, dass dir unsere Wanderung gefallen hat“, antwortete er, „wir hatten auch Glück mit dem Wetter.“

„Ja“, erwiderte sie und seufzte, „aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich wieder zuhause bin. Ein heißes Bad wird meinen müden Füßen und Beinen jetzt gut tun.“

„War es zu anstrengend?“, fragte er mit leiser Besorgnis und der Befürchtung, ihr womöglich zuviel zugemutet zu haben.

„Nein“, wehrte sie ab, „keine Sorge. Es war nicht zu anstrengend, nur ungewohnt. Ich bin schon lange nicht mehr so weit gelaufen, aber es hat mir wirklich gut gefallen. Ich hoffe nur, dass ich nicht zuviel geredet habe. Du bist ja kaum zu Wort gekommen.“

„Das macht nichts“, antwortete Pekunius und lachte, „ich habe dir gerne zugehört.“

„Und“, fragte sie, „bleibt es bei morgen Abend?“

„Aber unbedingt, schließlich gibt es Kartoffelpuffer.“

„Fein“, sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand, „dann also bis morgen.“

„Ja, bis morgen.“

Er wollte ihre Hand loslassen, doch sie hielt sie noch einen Augenblick fest.

„Danke“, sagte sie.

„Wofür?“

„Fürs Zuhören.“

 

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Als Veronica die Tür öffnete, schlug Pekunius der Geruch von Kartoffelpuffern entgegen und er musste unwillkürlich lächeln. Es mochte durchaus sein, dass Gerüche sehr viel tiefer liegende Empfindungen wachzurufen in der Lage waren als Bilder oder Töne. Die Erinnerungen stürzten unmittelbar auf ihn ein und vor seinem geistigen Auge erschien das Bild der Küche im elterlichen Haus, wo seine Mutter Kartoffelpuffer gebraten hatte, als er von der Schule gekommen war. Jetzt knurrte sein Magen wie damals und als er sich seines Hungers bewusst wurde, verflog das Gefühl, fünfzig Jahre in die Vergangenheit versetzt worden zu sein.

 „Ich bin gleich soweit“, kündigte Veronica an, die das Magenknurren gehört hatte, „komm nur herein. Sind die für mich?“

„Oh, natürlich“, antwortete Pekunius und überreichte ihr den Blumenstrauß, dessen Existenz er für einen Augenblick völlig vergessen hatte.

„Danke schön. Das ist aber lieb von dir, Pekunius. Ich hätte nicht erwartet, dass du Blumen mitbringst.“

Pekunius trat ein, schloss die Tür und folgte Veronica in die Wohnung.

„Du kannst gleich im Esszimmer Platz nehmen“, forderte sie ihn auf, „was möchtest du trinken, einen Weißwein oder lieber ein Bier?“

„Einen Weißwein, bitte.“

Der Tisch war für zwei Personen gedeckt. Eine Schale mit Apfelmus und eine Schüssel mit grünem Salat standen bereit. Auf den Tellern thronten kunstvoll gefaltete Servierten und eine Kerze brannte in einem silbernen Leuchter. Das Ambiente entsprach eher einem mehrgängigen Menü als einfacher Hausmannskost.

„Du hättest dir nicht so viele Umstände machen müssen“, erklärte Pekunius, als Veronica den Wein brachte.

„Ach, was“, widersprach sie, „ich mag es, wenn es schön ist.“

Sie ging in die Küche zurück und kehrte kurz darauf mit einer Platte Kartoffelpuffer wieder. Erst jetzt, da sie ihre Schürze nicht mehr trug, erinnerte sich Pekunius daran, dass sie ihn an der Tür in der Arbeitskleidung der Hausfrau begrüßt hatte. Sie hatte sicherlich keinen Gedanken daran verschwendet, doch für ihn war es ein Indiz für die Unkompliziertheit ihres Umgangs. Veronica gab sich so, wie sie war. Natürlich saß sie jetzt dem Ambiente entsprechend gekleidet, frisiert und dezent geschminkt am Tisch. Dass sie ihn mit umgebundener Schürze empfangen hatte, empfand er nicht als Mangel an Respekt, sondern als Zeichen von Vertrauen und Selbstverständlichkeit. Er fand es überraschend, dass sie ihm bereitwillig diesen Vorschuss bot, denn er hatte bislang nahezu nichts getan, um sich dieses Vertrauen zu verdienen. Schon bei der Wanderung am Tag zuvor war ihm aufgefallen, dass Veronica ihm gegenüber kaum Zurückhaltung oder Scheu zeigte, sondern sich so verhielt, als seien sie bereits sehr lange und sehr eng befreundet. Sie kam ihm nicht zu nahe und er fühlte sich auch nicht von ihr bedrängt, sie vereinnahmte ihn nicht und stellte auch keine Ansprüche an ihn. Es gab nichts, was ihm an ihrem Verhältnis missfallen hätte, aber es gab einiges, das er nicht verstand.

Genießerisch ließ er sich den ersten Bissen im Mund zergehen. Die Kartoffelpuffer waren wundervoll und der Ausdruck in Pekunius´ Gesicht übertraf jedes Kompliment, das er in Worte hätte fassen können. Veronica nahm es lächelnd zur Kenntnis.

„Ich sehe, dass es dir schmeckt“, stellte sie fest.

„Wunderbar“, lobte er, „vorzüglich! Ich glaube, seit meiner Kindheit habe ich keine solch ausgezeichneten Kartoffelpuffer mehr gegessen.“

Veronica hob ihr Weinglas und prostete Pekunius zu.

„Mit Liebe gekocht“, erklärte sie.

„Ja, wunderbar“, sagte er noch einmal und stieß sein Glas an ihres, „ich danke dir vielmals.“

Sie tranken, aßen und unterhielten sich über ihre Wanderung vom Tag zuvor. Es war Pekunius nicht aufgefallen, dass sich Veronica auf dem Weg von der Haustür zur Küche und von der Küche zum Esszimmer ein wenig steif und ungelenk bewegt hatte. Am Tisch sitzend berichtete sie jedoch vergnügt, dass ein heftiger Muskelkater sie etwas behinderte, der Schmerz aber ob der geleisteten Strecke eher ehrenvoll als unangenehm war. Pekunius verschluckte sich beinahe wegen ihrer Wortwahl. Sie scherzten und lachten, kamen von einem Thema zum nächsten, führten ernsthafte Diskussionen, amüsierten sich über die Frage, ob Pekunius helfen durfte, den Tisch abzuräumen oder ihr gar beim Abwasch zur Hand zu gehen und bemerkten kaum, wie schnell die Zeit verging. Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich Pekunius, um den letzten Bus noch zu erreichen und Veronica brachte ihn zu Tür. Sie gaben sich die Hand, sahen einander einen Augenblick lächelnd in die Augen und sagten sich schließlich „gute Nacht“. 

Auf der Heimfahrt wollte das Lächeln nicht aus Pekunius´ Gesicht weichen, ebenfalls nicht, als er das letzte Stück zu Fuß ging, sein Haus erreichte, die Treppe hinaufstieg, seine Wohnung durchquerte und im Badezimmer in den Spiegel sah. Der Mann, der ihn anblickte, war vertraut wie eh und je. Pekunius kannte jede Furche und jede Falte seines Gesichts. Er war derselbe wie am Morgen und doch nicht mehr der Gleiche. Das Lächeln ließ sich nicht unterdrücken, selbst wenn er gewollt hätte und er sah es auch in seinen Augen, dort, wo man erkennen konnte, ob es vorgetäuscht oder aufrichtig war. Die Veränderung, die mit Pekunius vorgegangen war, hatte er nicht vorhersehen können. Er war ein genügsamer Mensch und meist mit sich und der Welt zufrieden. Nun aber war er glücklich und über die Intensität des Gefühls konnte er nur den Kopf schütteln. Der Abend mit Veronica hatte ihn auf eine Weise berührt, die er nicht oder zumindest nicht mehr für möglich gehalten hatte. Sein sechzigster Geburtstag war bereits am Horizont aufgetaucht. Nicht einmal ein Jahr würde es noch dauern, bis für ihn die Dekade begann, die man gemeinhin mit Großeltern und Rente in Verbindung brachte, doch er stand vor dem Spiegel und hatte Schmetterlinge im Bauch.

Es war Frühling und Pekunius hatte sich verliebt.

 

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Der Montagmorgen vermittelte eine seltsame Leere. Wenn Pekunius durch die Schaufensterscheibe auf die Straße sah, hatte er das Gefühl, als fehlte etwas. Zuerst schob er es auf den ungewohnten Anblick auf der anderen Straßenseite, wo nun ein neu gegründetes Kosmetikgeschäft statt einem alteingesessenen  Nähmaschinenladen residierte, doch nach einiger Zeit fiel ihm auf, was diesen Morgen von den vergangenen unterschied. Auf der Straße fuhr kein Auto. Er trat auf den Bürgersteig hinaus, sah nach rechts und nach links und nickte, als er sich an das Schreiben der Stadtverwaltung erinnerte. Auf der anderen Straßenseite erkannte er seinen neuen Nachbarn, der ebenfalls vor die Tür getreten war und die Straße hinauf und hinab spähte. Pekunius winkte ihm grüßend zu und der Ceylonese überquerte die Fahrbahn.

„Guten Morgen, Herr Kaufmann. Wissen Sie, warum heute kein Auto fährt?“, fragte Wickremesinghe.

„Es wird vermutlich daran liegen, dass man die Straße für den Autoverkehr gesperrt hat“, antwortete Pekunius.

„Aber warum denn?“

„Oh, das wissen Sie vermutlich noch gar nicht. Die Hauptstraße wird zur Fußgängerzone umgebaut.“

„Zur Fußgängerzone?“, fragte Wickremesinghe überrascht.

„Ja“, antwortete Pekunius, „das wurde im Stadtrat beschlossen. Vor zwei, drei Wochen wurden die Anwohner von der Stadtverwaltung informiert. Ich nehme an, dass die Bauarbeiten jetzt beginnen.“

Wickremesinghe schüttelte ungläubig den Kopf. Er sah noch einmal die Straße hinauf und wieder hinunter, doch weit und breit war kein Fahrzeug zu sehen.

„Aber“, sagte er und schüttelte erneut den Kopf, „aber das geht doch nicht. Was ist mit den Parkplätzen? Wo sollen unsere Kunden denn parken?“

„Das weiß ich auch nicht“, antwortete Pekunius und zuckte mit den Schultern, „man wird sich wohl schon etwas überlegt haben. Am besten fragen Sie einmal im Rathaus nach. Wahrscheinlich liegen dort die neuen Pläne aus.“

Wickremesinghe wusste nicht, was er davon halten sollte. Niemand hatte ihn informiert. Der Hausverwaltung musste das Vorhaben der Stadt bereits bekannt gewesen sein, als sie den Mietvertrag geschlossen hatten, doch man hatte ihm diese Information vorenthalten. Er konnte nicht einschätzen, ob und wie sich das auf ihre Geschäftsentwicklung auswirken würde. Es war jedoch zu erwarten, dass in der Fußgängerzone viel Laufkundschaft unterwegs sein würde und da man zum Abtransport von Kosmetika kein Auto benötigte, sollte sich die Umgestaltung auch nicht nachteilig auf ihr neues Geschäft auswirken.

„Na, dann lassen wir uns mal überraschen“, sagte er und verabschiedete sich, „einen schönen Tag, Herr Kaufmann.“

„Auf Wiedersehen“, antwortete Pekunius und sah ihm nach.

„Ist das Ihr Geschäft?“, fragte eine Stimme in seinem Rücken.

Pekunius hatte den jungen Mann, der ihn angesprochen hatte, nicht bemerkt. Er drehte sich um und antwortete nickend.

„Ja, ich bin der Inhaber.“

„Mein Name ist Carlo Neumann“, stellte sich der junge Mann vor.

Er war etwa Ende zwanzig, trug einen anthrazitfarbenen Anzug, ein weißes Hemd und eine mittelblaue Krawatte. In der Hand hielt er einen schwarzen Aktenkoffer.

„Darf ich mir mal Ihr Geschäft ansehen?“, fragte er.

„Aber bitte“, antwortete Pekunius, den die Frage überraschte, „treten Sie ein.“

Er vollführte eine einladende Geste und ließ den jungen Mann vorausgehen. Im Geschäft sah sich Neumann nur kurz um, ohne ein Produkt in die Hand zu nehmen oder zumindest einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

„Schmeißen Sie den Laden ganz allein?“, fragte er salopp.

Pekunius gefiel der Ausdruck nicht. Einen Laden zu schmeißen implizierte etwas Nachlässiges. Mangelnde Sorgfalt wollte er sich aber nicht nachsagen lassen.

„Ich führe mein Geschäft alleine“, antwortete er stattdessen.

„So, so“, erwiderte Neumann, „dann habe ich ja gleich den richtigen Ansprechpartner gefunden.“

Aus der Reverstasche seines Jacketts zog er eine Visitenkarte und reichte sie Pekunius.

„Carlo Neumann, Unternehmensberater“, stellte er sich noch einmal vor, „ich bin wahrscheinlich genau der Mann, den Sie jetzt brauchen.“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Pekunius und warf einen flüchtigen Blick auf die Karte.

„Schauen Sie aus dem Fenster“, antwortete Neumann, „die Straße da draußen wird nicht mehr lange existieren. Bald gibt es hier eine Fußgängerzone. Alles verändert sich und man muss der Veränderung Rechnung tragen, damit man nicht auf der Strecke bleibt. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Pekunius sah den jungen Mann prüfend an. Er fand ihn weder sympathisch noch unsympathisch. Neumann war unterwegs, um Klienten zu akquirieren. Das war keine leichte Aufgabe und der Unternehmensberater gab sich Mühe, überzeugend zu klingen.

„Wissen Sie“, fuhr er fort und wechselte vom Jovialen zum Halbvertraulichen, „im Grunde sind wir uns ziemlich ähnlich.“

Diese Aussage überraschte Pekunius noch mehr als Neumanns Bitte, sich das Modellbahngeschäft ansehen zu dürfen und er war gespannt, wie der Unternehmensberater diese Aussage, die Pekunius mehr als stark bezweifelte, begründen würde.

„Wir sind beide Händler“, fuhr Neumann fort, „der Unterschied ist nur, dass Sie mit Waren handeln und ich mit Informationen. Glauben Sie mir, Informationen sind die Handelsgüter des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Nur wer über die richtigen Informationen verfügt, wird am Markt bestehen können. Vor allem in Zeiten zunehmender Konkurrenz sind Informationen aus erster Hand das A und O.“

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Es war eine allgemeingültige Aussage, denn seit jeher mussten Händler über Marktinformationen verfügen, um erfolgreich zu sein. Dass sich der Unternehmensberater als Informationshändler bezeichnete, war jedoch ungewöhnlich.

„Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert“, erklärte Neumann, „mein Abschluss liegt noch nicht lange zurück und deswegen bin ich natürlich auf dem Top-Level, was den Stand der Forschung und die aktuellen Erkenntnisse angeht. Die Anforderungen, die heutzutage an Unternehmer und Unternehmen gestellt werden, sind mit dem Niveau von vor dreißig Jahren natürlich nicht zu vergleichen. Nehmen wir Sie als Beispiel. Wer macht bei Ihnen das Controlling?“

„Ich ... vermutlich“, antwortete Pekunius zögernd ohne zu wissen, was Neumann genau damit meinte.

„Und wie oft führen Sie Ihr Controlling durch?“, hakte der Unternehmensberater nach.

Pekunius dachte einen Augenblick darüber nach, was Neumann eigentlich wissen wollte. Der Händler hatte nur eine vage Vorstellung von dem Begriff „Controlling“.

„Meinen Sie Inventur?“, fragte er, „die mache ich immer zum Jahreswechsel.“

„Nein, nicht Inventur“, erklärte Neumann, „sondern Controlling. Zielfindung und Zielerreichung durch die Anwendung relevanter Steuerungsinstrumente.“

Pekunius schüttelte verständnislos den Kopf.

„Tut mir leid, Herr Neumann, aber ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen.“

Der Unternehmensberater, der sich langsam warm geredet hatte, stellte seinen Aktenkoffer auf den Boden, steckte eine Hand lässig in die Hosentasche, während er mit der anderen gestenreich seine Rede untermalte.

„Aber das ist doch ganz einfach“, dozierte er, „zuerst definieren Sie ein Ziel, beispielsweise ein bestimmtes Betriebsergebnis, das hoch genug ist, um nicht nur Ihre Grundsicherung zu garantieren, sondern darüber hinaus die Voraussetzungen für eine geplante Expansion schafft. Während der Wirtschaftsperiode kontrollieren Sie permanent oder zyklisch, ob Ihr Vorgehen zielführend ist oder ob Korrekturen notwendig sind und Betriebsabläufe optimiert werden müssen, verstehen Sie? Sie müssen stets das Ziel im Auge behalten und systematisch seine Erreichung anstreben. Heute kann man nicht mehr einfach so vor sich hinwursteln wie früher. Das funktioniert im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht mehr. Heute weht ganz einfach ein anderer Wind. Umfangreiche Informationen müssen für unternehmerische Entscheidungen herangezogen werden, Statistiken, Analysen und Prognosen. Nur so kann man auf den sich immer rascher verändernden Märkten seinen Platz behaupten und ausbauen. Das Spiel ist schneller geworden und wir, die Unternehmensberater, sind die Champions-League der Kaufleute, weil wir, wie ich vorhin schon sagte, über die notwendigen Informationen verfügen, die Sie benötigen, um erfolgreich zu sein. Wir spielen das Spiel auf höchstem Niveau. Wenn Ihre Expansion glücken soll, begleite ich Sie auf Ihrem Weg und führe Sie zum Ziel. Was sagen Sie dazu?“

Pekunius sagte nichts. Er sah nicht, dass der Vortrag etwas mit ihm oder seinem Geschäft zu tun hatte. Seit zwanzig Jahren führte er sein Ein-Mann-Unternehmen, aber er spielte kein Spiel. Bei seinen Entscheidungen ließ er kaufmännische Sorgfalt walten. Er kalkulierte, kaufte und verkaufte und führte seine Bücher gewissenhaft. Controlling und relevante Steuerungsinstrumente waren ihm völlig fremd.

„Wie soll denn Ihre Expansion aussehen“, fragte Neumann, wobei er das Wort „Ihre“ besonders betonte, „was haben Sie geplant?“

Pekunius zuckte unschlüssig mit den Schultern.

„Eigentlich nichts“, antwortete er, „ich habe noch nie darüber nachgedacht zu expandieren. Mein Geschäft hier genügt doch vollkommen.“

„Unsinn“, widersprach Neumann, „Expansion ist der Wirtschaftsmotor schlechthin. Jeder will expandieren und Umsätze, Erträge und Gewinne steigern. Ohne Expansion würde das ganze System nicht funktionieren. Stagnation bedeutet Rückschritt. Wenn Sie nicht expandieren, alle anderen es aber tun, dann haben Sie das Nachsehen. Die Konkurrenz schläft nicht und der Markt schluckt die Kleinen schneller, als Sie „piep“ sagen können. Nur wer expandiert, wird sich langfristig behaupten.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Pekunius und bereute im gleichen Augenblick, die Frage gestellt zu haben.

„Aber das ist doch überhaupt kein Thema“, erklärte Neumann, „lassen Sie uns eine Bilanzanalyse machen. Anhand der Kennzahlen ermitteln wir das Potenzial, das in Ihrem Unternehmen steckt. Wenn wir das dann hochrechnen, können wir Ihre Expansion bis ins Detail planen. Ich übernehme das Controlling für Sie, damit Sie jederzeit auf dem aktuellen Stand sind. So schützen Sie sich vor unliebsamen Überraschungen und der Erfolg ist garantiert. Na, was sagen Sie jetzt?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Pekunius und die Aussage entsprach völlig der Wahrheit.

Er fand noch immer keine Berührungspunkte zwischen dem, was der Unternehmensberater gesagt hatte und seinem Modellbahngeschäft. Es schien eher so, als hätte er im Fernsehen eine Sendung über ein ihm völlig fremdes Unternehmen gesehen. Was er gerade gehört hatte, hätte er vielleicht auch im Wirtschaftsteil einer Zeitung lesen können, doch dort war sicherlich kein Platz für sein kleines Geschäft.

„Ich benötige die Bilanzen und die Gewinn- und Verlustrechnungen der letzten drei Jahre“, fuhr Neumann fort, „damit ich mir ein Bild vom gegenwärtigen Stand und von der anzunehmenden Entwicklung Ihres Unternehmens machen kann. Sie werden staunen, was eine Bilanzanalyse alles zutage fördert.“

Die Worte des Unternehmensberaters waren noch nicht verklungen, als sich beim Händler ein natürlicher Widerwille regte. Die Forderung, seine Geschäftszahlen offen zu legen, ließ Pekunius unwillkürlich einen Schritt rückwärts gehen und abwehrend die Hände heben. Kein Kaufmann gewährte freiwillig einem Dritten Einblick in seine Bücher, sofern es sich nicht um seinen Steuerberater oder notgedrungen das Finanzamt handelte. Pekunius hatte keinen Grund, Neumann zu misstrauen, aber er hatte ebenso wenig Veranlassung, ihm Vertrauen entgegenzubringen.

„Ich sagte bereits, dass ich nicht vorhabe zu expandieren.“

„Aber die Konkurrenz ...“

„... schläft nicht. Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Herr Neumann, aber für den Augenblick möchte ich das Thema beenden. Ich muss mir erst meine Gedanken darüber machen. Ich habe Ihre Visitenkarte, falls ich mich für Veränderungen entscheiden sollte, bei denen ich Ihre Hilfe benötigen werde.“

Der Unternehmensberater musste einsehen, dass das Gespräch den toten Punkt erreicht hatte. Er hatte versucht, den Händler zu überzeugen, aber er spürte auch, dass es ihm nicht gelingen würde, ihn zu überreden.

„Rufen Sie mich an“, sagte er und nahm seinen Aktenkoffer, „dann vereinbaren wir einen Termin, bei dem wir in Ruhe über Ihre erfolgreiche Zukunft sprechen können.“

„Vielen Dank für Ihren Besuch“, antwortete Pekunius und brachte Neumann zur Tür.

Das Dampflokpfeifen klang wie eine Warnung. Pekunius war jedoch nicht sicher, ob er sich vor Neumann in Acht nehmen oder im Gegenteil dessen Besuch und das, was er gesagt hatte, nicht unbeachtet lassen sollte. Er beschloss, auf jeden Fall darüber nachzudenken.

 

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Aufmerksam las Pekunius den Artikel in der Tageszeitung, während er am Küchentisch sitzend die erste Tasse Kaffee des Tages genoss. Das Statistische Bundesamt hatte ermittelt, dass wegen der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Menschen den Schritt in die Selbständigkeit wagten. Die Zahl der Firmengründungen nahm stetig zu. In gleichem Maße, so hieß es in dem Artikel weiter, erhöhte sich aber auch die Zahl der Insolvenzen, sowohl privat als auch geschäftlich, und die Zahl der Firmenschließungen. Von den Neugründungen überlebte eine nicht unerhebliche Anzahl das erste Geschäftsjahr nicht und bei den Firmenschließungen älterer Betriebe waren vor allem kleine Händler und Handwerker überproportional stark betroffen. Über die Gründe schwieg sich der Verfasser des Artikels jedoch aus.

Pekunius ließ die Zeitung auf den Tisch sinken und dachte über das Gespräch nach, das er mit Carlo Neumann geführt hatte. Es war offensichtlich, dass sich in den letzten Jahren, vor allem, seit es das Internet gab, vieles verändert hatte. Die Konkurrenzsituation war eine andere als früher und der Wettbewerb war härter geworden. Es stellte sich jedoch die Frage, ob das, was der Unternehmensberater gesagt hatte, auch für das Modellbahngeschäft zutreffend war. Hatten sich die Anforderungen an einen Händler so sehr verändert, dass man nur noch mit Hilfe der modernen Methoden – Controlling, Zielfindung, Steuerungsinstrumente – Erfolg haben konnte? Genügte das Kaufmannseinmaleins, das ihn sein Leben lang ernährt hatte, für die Zukunft nicht mehr? Musste er tatsächlich expandieren, um überleben zu können und brauchte er dazu einen Unternehmensberater? Je länger er darüber nachdachte, desto mehr erschien ihm das alles wie heiße Luft. Dem Buchwissen des Wirtschaftswissenschaftlers setzte er die Erfahrung des Kaufmanns entgegen. Seit Jahr und Tag führte er sein Unternehmen und erwirtschaftete sich damit einen bescheidenen Wohlstand. Solange nichts Gravierendes passierte, gab es keinen Grund, von heute auf morgen alles in Frage zu stellen.

Am Abend nahm er seine Kamera zur Hand und überspielte die Fotos auf seinen PC. Die Aufnahmen von Horsts Anlage waren in Ordnung. Sie genügten dem Zweck, als optische Unterstützung bei der Suche nach einem Käufer zu fungieren. Pekunius wählte drei Aufnahmen aus, ordnete sie auf einer Seite an und druckte sie aus. Auf einer zweiten Seite entwarf er einen kurzen Angebotstext, druckte ihn ebenfalls aus und legte die Blätter zur Seite, um sie am nächsten Tag in seinem Geschäft am Schwarzen Brett aufzuhängen. Manche Kunden nahmen diese Möglichkeit in Anspruch, wenn sie sich von Altem trennten, weil sie Neues erworben hatten oder erwerben wollten.

Pekunius wollte sich das letzte Bild der Datei ansehen und war überrascht, unvermutet zwei weitere zu finden. Der Wanderer, den sie bei dem Aussichtsturm gebeten hatten, eine Aufnahme von ihnen zu machen, hatte wohl dreimal auf den Auslöser gedrückt. Das erste Bild zeigte Pekunius und Veronica, die beide lächelnd in die Kamera sahen. Es war eine jener Erinnerungsaufnahmen, die man im Urlaub oder bei Ausflügen schoss, immer gleich und ohne künstlerischen Wert. Beim zweiten Bild sah Veronica zu Boden und Pekunius zur Seite, ein Foto, das man ohne darüber nachzudenken löschte. Das dritte Bild aber war völlig anders. Pekunius und Veronica sahen sich gegenseitig in die Augen ohne zu bemerken oder auch nur zu ahnen, dass sie fotografiert wurden. Das Bild strahlte etwas ungemein Warmes und Vertrauensvolles aus. Ein unwissender Betrachter hätte vielleicht vermutet, dass es sich um ein Ehepaar handelte, das seit Jahrzehnten glücklich verheiratet war. Pekunius war von dem Bild gleichermaßen berührt und gefangen. Er erinnerte sich an den Augenblick – sie hatten sich für einen Moment angelächelt – und gleichzeitig hatte er das Gefühl, in die Zukunft zu blicken. Alles wirkte richtig, vertraut und selbstverständlich, als ob ihre wie auch immer geartete Beziehung schon lange andauerte. Genau so sollte es sein.

Minutenlang betrachtete er das Foto auf dem Monitor und konnte sich seiner Magie nicht entziehen. Wenn es etwas gab, das er sich für sein Leben noch erträumte, dann steckte es in diesem Bild. Die Schmetterlinge, die er zwei Abende zuvor beim Blick in den Badezimmerspiegel in seinem Bauch gespürt hatte, verwandelten sich in ein Feuer, das ihm die Seele wärmte. Es war nicht wie in der Jugendzeit, wo man sich lichterloh entflammt fühlte, wenn man sich verliebte, sondern eher eine Art sanfte Wärme, die ein behagliches Wohlgefühl auslöste und einen lächeln ließ. Auch die unvermeidlichen Zweifel, die einen befielen, wenn man eine Antwort auf die Frage suchte, ob die Liebe erwidert wurde, stellten sich nicht ein. Pekunius gab sich ganz dem Bild hin und kostete die Minuten wie Nektar aus. Dass er sich verliebt hatte, löste ein weiteres Lächeln samt Kopfschütteln aus und er fühlte sich fast wie ein buddhistischer Mönch, angefüllt mit nichts anderem als heiterer Gelassenheit. Als er sich endlich satt gesehen hatte, atmete er tief ein und seufzend wieder aus. Seine Gefühle waren rein und unantastbar. Sie gehörten ihm allein. Niemand wusste davon und niemand würde davon erfahren. Es stand für ihn außer Frage, dass er sich Veronica nicht offenbaren würde. Sie war verheiratet, auch wenn ihr Mann inzwischen mit einer anderen Frau zusammenlebte und er, Pekunius, hatte nahezu sein ganzes Leben alleine verbracht. Einen alten Baum pflanzte man nicht mehr um. Er wollte das, was er für Veronica empfand, als sein kostbarstes Geheimnis hüten, hegen und pflegen und sich damit begnügen, mit ihr befreundet zu sein. Sie brachte ihm Sympathie, Vertrauen und Offenheit entgegen und wenn sie beide hin und wieder bei gemeinsamen Ausflügen die verborgenen Saiten des anderen ein wenig zum Klingen bringen konnten, so wollte er damit glücklich sein.


 

 

 

 

Sommer

 

 Die Großen hört man an,

aber die Kleinen beißen die Hunde

 


 

Seit Günther und Lissi Zwirn weggezogen waren und das Ende ihres Nähmaschinengeschäftes nur noch eine allerletzte Spur als Firmenschließung in der Statistik des gleichnamigen Bundesamtes für das zweite Quartal hinterließ, hatte Pekunius es sich zur Angewohnheit gemacht, jeden Samstag Frau Stier zu besuchen und ihr eine Kiste Mineralwasser zu bringen. Da sie ihn immer wieder aufs Neue nötigte, das Pfandgeld als Lohn für seine Mühe zu behalten, beschloss er, bei nächster Gelegenheit eine schöne Topfpflanze zu kaufen und ihr zu schenken.

Am letzten Samstag im Juni schloss er sein Geschäft gegen zwölf Uhr, hängte das Schild Komme gleich wieder an die Tür und ging die Hauptstraße ein paar Schritte hinauf bis zur Ampel, die früher den Weg für die Fahrzeuge freigegeben hatte. Die Umbaumaßnahmen waren mittlerweile in vollem Gange. Man hatte den Straßenbelag aufgerissen und nutzte die Gelegenheit, die Versorgungsleitungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu erneuern. Einzelne Bereiche der Baustelle waren mit rot-weißen Bändern abgesperrt worden und das Erreichen der Geschäfte glich einem Hindernislauf, bei dem man Gräben auf hölzernen Bohlen überqueren musste. Im Blumenladen erstand Pekunius eine mittelgroße Stechpalme und einen passenden Übertopf. Er wollte das Geschäft schon wieder verlassen, änderte aber im letzten Augenblick seine Entscheidung und kaufte noch einen kleinen, bunten Blumenstrauß für Veronica, mit der er sich für den Sonntag zum Wandern verabredet hatte.

„Ich hoffe, dass die Arbeiter bald fertig sind“, klagte Bruno Girasole, der Inhaber des Blumenladens, mit seinem unvergleichlichen italienischen Akzent, „es ist schon eine Zumutung. Wenn es trocken ist, fliegt der ganze Staub herein und wenn es regnet, bringen die Kunden den Dreck mit in den Laden. Na ja, Ihnen blüht das ja auch bald.“

Stimmt, dachte Pekunius, der bislang noch keinen Gedanken an das Problem verschwendet hatte. Von der Kreuzung aus arbeitete sich der Bautrupp in östlicher Richtung vor und es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis er auch das Modellbahngeschäft erreichte. Die Aussicht auf Schmutz und Staub war nicht gerade wünschenswert.

„Weiß man denn schon, wie lange es dauern wird?“, fragte Pekunius.

Der Italiener schüttelte bedauernd den Kopf.

„Keine Ahnung“, antwortete er und hob abwehrend die Hände, „aber es soll ja eine schöne Piazza geben, mit Brunnen und Palmen, ganz wie in meiner Heimat.“

„Eine Piazza?“

„Ja, ein schöner Platz“, erklärte Girasole, „da kann man dann sitzen und Kaffee trinken und reden. Das ist gut für die Deutschen.“

Pekunius sah den Blumenhändler fragend an.

„Wie meinen Sie das?“

„Ach, die Deutschen“, rief Girasole aus und unterstrich seine Rede mit typisch italienischen Gesten, „haben nie Zeit, immer in Eile und schnell-schnell, immer Termine. Keine Zeit zum Hinsetzen und Reden.“

„Ich glaube“, stimmte Pekunius zu, „da haben Sie nicht ganz unrecht.“

Ein wenig italienische Lebensart, ein kurzes Innehalten vom Tempo der modernen Zeit, würde dem Einen oder Anderen sicherlich gut tun. Er nahm seine Pflanzen, wünschte noch einen schönen Tag und ging zu seinem Laden zurück. Gegen halb zwei verließ er sein Geschäft mit einer Kiste Leergut und lief rasch zum Lebensmittelladen, um das Mineralwasser für Frau Stier zu kaufen. Außer ihm war kein weiterer Kunde im Laden. Als er mit der Sprudelkiste bei der Kasse ankam, blickte ihn Bertha Krämer aus rotgeweinten Augen traurig an.

„Oh, Frau Krämer“, sagte er mitfühlend, „kann ich etwas für Sie tun?“

„Nein, Herr Kaufmann“, antwortete sie schniefend, „Sie können nichts für mich tun.“

Pekunius schwankte zwischen Mitgefühl und Zurückhaltung. Er hatte spontan seine Hilfe angeboten, wollte aber nicht neugierig erscheinen. Schließlich entschied er, dass ein weinender Mensch Trost benötigte und fragte sanft nach.

„Haben Sie eine schlimme Nachricht erhalten?“

Frau Krämer schniefte noch einmal. In ihrer Hand hielt sie ein feuchtes Taschentuch, mit dem sie sich die Augen rieb.

„Sie werden es ja doch bald erfahren“, sagte sie traurig, „ich schließe in einem Monat.“

„Sie geben Ihr Geschäft auf?“, fragte er überrascht.

„Ja“, antwortete sie seufzend und zog einen Brief aus der Tasche ihrer Schürze, „gezwungenermaßen. Ich habe heute einen Brief vom Konzern erhalten. Hier, lesen Sie.“

Sie reichte Pekunius den Brief und er überflog den Inhalt. In knappen Sätzen wurde Frau Krämer darüber informiert, dass im Zuge der Modernisierung des Konzerns Ladengeschäfte, deren Verkaufsfläche kleiner als dreihundert Quadratmeter war, ab ersten August nicht mehr beliefert wurden. Alle laufenden Verträge wurden zum einunddreißigsten Juli gekündigt, mit freundlichen Grüßen. Es war ein nüchtern formuliertes Todesurteil ohne Aussicht auf Begnadigung. Der Lebensmittelladen von Bertha Krämer, dessen Verkaufsfläche kaum mehr als einhundert Quadratmeter betrug, fiel einfach durchs Raster. Er war zu klein, um als Supermarkt zu gelten und passte deshalb nicht mehr ins Konzept des Konzerns. Das Zerstören einer Existenz, das Vernichten der wirtschaftlichen Lebensgrundlage eines Menschen kostete den Konzern fünfundfünfzig Cent für eine Briefmarke.

„Sie könnten zumindest Widerspruch dagegen einlegen“, schlug Pekunius vor, „vielleicht gelingt es, den Vertrag doch noch einmal um ein, zwei Jahre zu verlängern.“

 „Glauben Sie das wirklich“, fragte Frau Krämer und schüttelte den Kopf, „wenn im Konzern etwas beschlossen wird, dann haben die Händler zu spuren. Widerspruch ist zwecklos. Wenn man nicht macht, was die wollen, fliegt man eben raus. So einfach ist das.“

„Aber man kann nicht so ohne Weiteres einen laufenden Vertrag kündigen“, widersprach Pekunius, „es wird zumindest eine Entschädigung fällig. Schließlich haben Sie doch einen erheblichen Nachteil aus der Kündigung.“

„Sie haben ja keine Ahnung“, erwiderte Frau Krämer bitter, „so etwas wird natürlich schlau eingefädelt. Vor vier Wochen habe ich einen Brief vom Konzern erhalten. Man hat mir angeboten, bei der Suche nach einem größeren Geschäft behilflich zu sein. Der Konzern wollte sogar einen Teil der Umzugskosten übernehmen. Ist das nicht großzügig? Wenn ich zugestimmt hätte, wäre ich zur Marktleiterin geschult worden, damit ich später mein Personal im Griff hätte.“

Sie schüttelte missbilligend den Kopf und seufzte.

„Ich habe abgelehnt“, fuhr sie fort, „ich wollte keinen größeren Laden und kein Personal. Mir hat mein Geschäft immer gereicht. Ich habe allerdings nicht geahnt, dass man mir so schnell den Hahn abdrehen würde. Gegen den Konzern zu klagen ist völlig sinnlos. Die beschäftigen ein ganzes Heer von Anwälten. Da habe ich nicht den Hauch einer Chance. Die wissen genau, wie man so etwas macht. Darauf gebe ich Ihnen Brief und Siegel.“

Pekunius nickte düster. Er nahm an, dass man von Konzernseite die Kündigung juristisch wasserdicht gemacht hatte. Selbst wenn Bertha Krämer die Möglichkeit der Klage offen stand, so konnte sie dennoch nichts unternehmen, weil sie nicht über die finanziellen Mittel verfügte, sich auf einen monate- oder gar jahrelangen Rechtsstreit einzulassen. Das Ende ihres Geschäfts brach wie eine Naturkatastrophe über sie herein, plötzlich und unerwartet. Im Gegensatz zu Günther und Lissi hatte sie den Zeitpunkt nicht einmal selbst bestimmen können. Die Entscheidung des Konzerns verdammte das Lebensmittelgeschäft Bertha Krämer dazu, das gleiche Schicksal wie das Nähmaschinengeschäft Günther Zwirn zu erleiden und der emotionslose Nachruf würde sich in der Statistik des Bundesamtes in der Spalte „Firmenschließungen im dritten Quartal“ finden.

„Wie wird es dann weitergehen?“, fragte Pekunius.

„Ich bin dreiundsechzig, da hat man nicht mehr viele Möglichkeiten“, antwortete die Händlerin, um gleich darauf das Thema zu wechseln, „eine Kiste Mineralwasser für Frau Stier?“

„Ja“, bestätigte Pekunius und respektierte, dass Frau Krämer offenbar nicht weiter über das bevorstehende Ende oder die Zeit danach sprechen wollte.

Er bezahlte, verabschiedete sich mit ein paar, wie er hoffte, aufmunternden Worten, verließ den Laden und ging die Straße wieder hinauf. Aus dem Modellbahngeschäft holte er den Blumentopf mit der Stechpalme, überquerte die Straße und stattete Frau Stier den samstäglichen Besuch ab.

„Pekunius, mein Junge“, begrüßte ihn die alte Dame, als er ihr an der Tür stehend die Palme überreichte, „das ist aber eine Überraschung. Komm herein. Jetzt musst du aber auch einen Kaffee trinken. Ich habe gerade welchen aufgebrüht. Das ist ja wirklich reizend von dir, mein Junge, und so ein schöner Übertopf.“

Pekunius folgte ihr in die Wohnung. Aus dem Wohnzimmer vernahm er die Stimme einer Nachrichtensprecherin. Frau Stier hörte nicht mehr so gut und deshalb drehte sie den Ton ihres Fernsehers meist ein wenig lauter. In der Küche tauschte Pekunius wie immer die volle Kiste gegen die leere aus, während Frau Stier eine Tasse und einen Unterteller aus dem Schrank nahm.

„Könntest du den Kaffee mitbringen?“, fragte sie.

Pekunius nahm die Kanne aus der Maschine und folgte Frau Stier ins Wohnzimmer.

„Warte, ich mach den Fernseher aus“, sagte sie.

„Einen Augenblick, bitte“, bat Pekunius, dessen Aufmerksamkeit von der Mattscheibe angezogen worden war.

Die Sprecherin verlas gerade eine Wirtschaftsnachricht. Im Hintergrund sah man das Logo des Konzerns, vom dem Bertha Krämer an diesem Tag unliebsame Post erhalten hatte und Pekunius lauschte interessiert.

„... wie ein Sprecher des angeschlagenen Konzerns mitteilte, wurde die erbetene Finanzhilfe in Höhe von fünfzehn Milliarden Euro vom Bundeswirtschaftsministerium bewilligt. Man habe ein überzeugendes Sanierungskonzept vorgelegt und bereits geeignete Maßnahmen getroffen, um den in Schieflage geratenen Konzern wieder zu stabilisieren, hieß es aus Regierungskreisen. Der Aktienkurs des börsennotierten Unternehmens stieg daraufhin um zwölf Prozent. Die Gewerkschaften begrüßten die Entscheidung der Bundesregierung. Man habe das Wohl der kleinen Leute im Auge gehabt, erklärte ein Sprecher ...“

 

<><><> 

 

„Die Großen hört man an, aber die Kleinen beißen die Hunde“, philosophierte Pekunius.

Sie saßen in Veronicas Küche und hofften, dass es zu regnen aufhören würde. Der Blick aus dem Fenster offenbarte jedoch, dass alle Hoffnung eitel war. Aus dem wolkenverhangenen Himmel regnete es unablässig und der Horizont verschwamm in einem trostlosen Grau. Vielleicht war es das trübe Wetter, das Pekunius veranlasste hatte, von Bertha Krämer und dem bevorstehenden Ende ihres Lebensmittelgeschäftes zu erzählen.

„Die Kleinen haben eben keine Lobby“, erklärte Veronica, „du bist doch selbst Händler. Um euch kümmert sich keine Gewerkschaft.“

„Du sagst es“, stimmte Pekunius zu, „der Begriff „Einzelunternehmer“ klang selten so hoffnungslos wie im Fall von Frau Krämer. Sie steht wirklich völlig alleine da.“

„Kann sie sich denn nicht an jemand anderen wenden“, fragte Veronica, „es gibt doch nicht nur diesen einen Konzern.“

Pekunius zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er, „ich glaube, in der Lebensmittelbranche gelten andere Gesetze als in meiner. Ich bin tatsächlich selbständig, denn ich kann entscheiden, bei wem ich kaufe und bei wem nicht. Frau Krämer aber ist fest an den Konzern gebunden, soweit ich weiß. Man schreibt ihr ja sogar die Größe ihres Geschäftes vor und ich vermute, dass sie bei einem Wechsel nur vom Regen in die Traufe kommen würde, sofern sich überhaupt ein anderer bereit findet, einen solch kleinen Laden zu beliefern. Es ist ein Jammer.“

„Was wird dann aus ihr?“

„Darüber schweigt sie sich aus. Ich wollte sie auch nicht bedrängen. Sie ist dreiundsechzig.“

Pekunius ließ die Aussage in der Luft hängen. Dreiundsechzig war ein Synonym für Keine-Chance-auf-dem-Arbeitsmarkt. In ihrem Alter würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch kein neues Unternehmen mehr gründen. Mehr als dreißig Jahre lang hatte sie ihren kleinen Laden geführt. Nun fiel er einem überzeugenden Sanierungskonzept zum Opfer. Dass Bertha Krämer ebenfalls zu den kleinen Leuten gehörte, interessierte niemanden, denn als selbständige Unternehmerin gehörte sie zur Phalanx der Kapitalisten und die waren nun einmal der natürliche Feind der Gewerkschaften.

„Es ist eine Gemeinheit“, schimpfte Veronica.

„Das ist es vermutlich“, stimmte Pekunius zu, „doch das Übel hat noch eine zweite Wurzel. Frau Krämers Geschäft lief schon lange nicht mehr gut. In den großen Supermärkten sind die Waren so billig, dass ihr kleiner Laden damit nicht konkurrieren konnte. Im Lauf der Zeit kamen immer weniger Kunden in ihren Laden und heute ist es selten, dass man jemanden trifft, wenn man dort zum Einkaufen geht. Das Geschäft ist nur noch eine Notfallpraxis für die Waren des täglichen Bedarfs.“

„Was meinst du damit?“, fragte Veronica.

Pekunius seufzte und schüttelte den Kopf.

„Die Leute kaufen im Supermarkt am Stadtrand ein“, erklärte er, „nur wenn jemand ganz dringend etwas braucht, wenn es ein Notfall ist, geht man zu Bertha Krämer, doch selbst damit sind die Leute noch nicht zufrieden. Ich verstehe das nicht.“

„Was verstehst du nicht?“

„Vor ein paar Wochen habe ich eine Szene beobachtet“, berichtete er, „und zwei Tage später hat mir Frau Krämer erzählt, wie sich die Geschichte weiterentwickelt hat. Es war ein Samstag und ich war der letzte Kunde im Laden. Frau Krämer hat hinter mir abgeschlossen, als ich den Laden verließ. Etwa eine Minute später kam eine junge Frau. Da der Laden bereits geschlossen hatte, klopfte sie gegen die Scheibe der Tür. Einige Augenblicke später verschwand die Frau im Laden. Offensichtlich hatte Frau Krämer noch einmal für die Kundin geöffnet. Als ich dann am folgenden Montag wieder im Laden war, erzählte sie mir empört, was sich anschließend zugetragen hatte. Die Kundin wollte lediglich einen Liter Milch kaufen – es war mal wieder ein Notfall – doch als Frau Krämer einen Euro und zehn Cent dafür haben wollte, weigerte sich die Kundin, den Preis zu zahlen. Ein Euro und zehn Cent für einen Liter Milch seien Wucher, verglichen mit den fünfundachtzig Cent, die man im Supermarkt bezahlt. Ist das nicht unglaublich?“

Veronica wollte antworten, doch Pekunius hob die Hand.

„Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Kundin wollte über den Preis verhandeln und bot einen Euro, doch Frau Krämer blieb hart. Bei ihr kostet die Milch einen Euro und zehn Cent, Punkt. Schließlich stimmte die Kundin unter Protest zu – man würde ihre Notlage ausnützen, weil es Samstagnachmittag sei und sie die Milch dringend brauchte – und bezahlte den geforderten Preis. Sie bestand jedoch darauf, dass Frau Krämer ihre elektrische Kasse noch einmal in Betrieb nahm, um einen Bon auszudrucken, den die Kundin für ihre Buchhaltung benötigte.“

Veronica legte den Kopf zur Seite und bedachte Pekunius mit einem kritischen Blick.

„Du nimmst mich auf den Arm“, vermutete sie.

„Leider nein“, widersprach er, „ich habe die Frau selbst gesehen, als sie gegen die Tür klopfte. Sie ist mir sogar seit Kurzem bekannt. Den Rest habe ich dir berichtet, wie ihn mir Frau Krämer erzählt hat. Ich habe keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln.“

„Aber das ist doch ...“, begann Veronica und suchte vergeblich nach einem Wort, das ihre Empörung ausdrücken sollte, „... ich meine, Frau Krämer hat doch extra noch einmal für die Kundin geöffnet. So eine Unverschämtheit, kaum zu glauben! Geh doch einmal nach Ladenschluss zum Supermarkt. Da kannst du klopfen, bis dir die Finger abfallen und es wird dir trotzdem niemand öffnen. An Frau Krämers Stelle hätte ich mir das nicht bieten lassen. Ich hätte die Kundin gleich hinausgeworfen.“

„Hättest du das wirklich?“, fragte Pekunius, „Versetz dich einmal in ihre Lage. Ihr Geschäft läuft schon lange nicht mehr. Ich weiß zwar nichts Genaues, doch es ist offensichtlich. Trotzdem ist das Geschäft ihr Lebensinhalt und sie klammert sich daran. Sie tut alles, damit sie ihren Laden am Leben oder besser Überleben halten kann. Unangenehme Situationen gibt es immer, wobei ich damit keinesfalls das Benehmen der Kundin entschuldigen möchte, doch für Frau Krämer ist es selbstverständlich, dass sie öffnet, wenn jemand klopft. Das war schon immer so. Vielleicht hat sie sich selbst etwas vorgemacht und die Situation nicht sehen wollen, wie sie ist. Vielleicht wollte sie aber auch um jeden Preis bis zu ihrem fünfundsechzigsten Geburtstag durchhalten. Es wären nur noch zwei Jahre gewesen. Ich glaube sogar, dass die Frage, wer für das Sterben des kleinen Lebensmittelladens verantwortlich ist, nicht einmal eindeutig beantwortet werden kann. Die Entscheidung des Konzern kam Knall auf Fall, doch das zunehmende Ausbleiben der Kundschaft wirkte schon lange wie ein schleichendes Gift.“

„Das ist traurig“, stellte Veronica fest.

„Es ist noch mehr als das“, ergänzte Pekunius, „es ist ein trauriges Paradoxon. Viele Leute möchten gerne den kleinen Laden an der Ecke haben, wo man schnell etwas kaufen kann, wenn es sich um einen Notfall handelt. Die gleichen Leute sind aber nicht bereit, den kleinen Laden mit ihren täglichen Einkäufen am Leben zu erhalten. Sie setzen sich lieber in ihr Auto und fahren an den Stadtrand, weil sie glauben, ein paar Euro sparen zu können. Dass sie einen guten Teil dieser Ersparnis aber wieder einbüßen, weil sie das Benzin, das Öl, die Abnutzung der Reifen, der Kupplung, der Bremsen und so weiter ebenfalls bezahlen müssen, interessiert dabei niemanden. Sie sehen nur die fünfundachtzig Cent auf dem Schild unter der fetten Überschrift „Billig“. Wenn der kleine Laden an der Ecke dann plötzlich verschwunden ist, lamentieren sie, weil sie keine Notfallpraxis mehr haben, wobei sie nicht einmal wissen, gegen wen sich ihre Anklage eigentlich richtet. Sie deuten mit dem Finger auf „die-da-oben“ und verkennen, dass jeder selbst mit der anderen Hand einen Sargnagel eingeschlagen hat.“

„Pekunius“, sagte Veronica sanft und legte ihre Hand auf seinen Arm.

Überrascht sah Pekunius auf. Die Wut war in ihm aufgestiegen und er hatte sich in Rage geredet.

„Bitte entschuldige“, erwiderte er, „das war wohl nicht sehr fair. Ich sehe das Ganze durch die Kaufmannsbrille und für mich ist es selbstverständlich, alle Kosten in eine Kalkulation einzubeziehen. Die meisten Leute werden vermutlich nur die Preise auf den Waren vergleichen. Natürlich kaufen sie dort ein, wo es ihnen am billigsten erscheint.“

„Kannst du es ihnen denn verdenken?“

Pekunius antwortete nicht. Es gab vieles, was er darauf hätte erwidern können – manche Leute kauften billiges Essen, damit sie sich einen teuren Fernseher leisten konnten – aber er wollte sich auch nicht zum Moralapostel aufspielen, indem er die Prioritäten anderer kritisierte. Auch wenn es wie im Fall von Bertha Krämer einen Umweg über den Konzern gab, so wurden die Todesurteile für die kleinen Händler stets demokratisch gefällt. Die Kunden stimmten mit den Füßen ab. Wenn sie ein Ladengeschäft nicht mehr betraten, so musste sich der Inhaber dem Urteil fügen. Eine Berufung, Revision oder die Aussicht auf Begnadigung gab es nicht.

„Ich glaube, das wird heute nichts mehr“, erklärte Veronica, „unsere Wanderung fällt buchstäblich ins Wasser.“

Pekunius sah aus dem Fenster. Der Regen fiel ohne Unterlass in langen, dünnen Fäden.

„Da hast du wohl recht“, antwortete er, „schade.“

„Was hältst du davon, wenn wir ins Kino gehen?“, schlug sie vor, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

„Ins Kino?“

„Ja, genau. Ich war seit Jahren nicht mehr im Kino.“

„Und in welchen Film?“

„Keine Ahnung. Ich weiß nicht, was gerade läuft und, um ehrlich zu sein, ist es mir auch egal. Ich würde einfach gerne mal wieder ins Kino gehen.“

„Na, gut“, stimmte Pekunius zu, „aber nur unter der Voraussetzung, dass wir uns keinen Horrorfilm ansehen.“

„Fürchtest du dich etwa?“, neckte Veronica.

„Nein“, antwortete er, „aber ich mag es nicht, wenn man hinterher das Blut unter der Leinwand mit einem Industriestaubsauger entfernen muss.“

„Einverstanden“, sagte Veronica und lachte, „das ist mit recht. Ich bin auch kein Liebhaber von blutrünstigen Metzeleien.“

Nach dem Mittagessen fuhren sie mit Veronicas Wagen in die Innenstadt, fanden auf Anhieb einen Parkplatz und als sie ausstiegen, zog Veronica einen Schirm hinter dem Rücksitz hervor. Pekunius spannte ihn auf, hielt ihn über ihre Köpfe und Veronica hängte sich bei ihrem Kavalier ein. Er fühlte ein leises Kribbeln, als er ihre Schulter an seiner spürte. Gleichermaßen verwundert wie belustigt stellte er fest, dass sich sein Herzschlag ein wenig beschleunigt hatte.

Im Foyer des Kinos informierten große Plakate, dass für die Mittagsvorstellung zwei Filme zur Auswahl standen. Ein martialisch aussehender, muskelbepackter und schwer bewaffneter Held konkurrierte mit einer Gruppe bunter  Trickfilmfiguren um die Gunst des Publikums, wobei für die Entscheidung weniger das Interesse als vielmehr die Angabe Freigegeben ab 16 Jahren verantwortlich war. Das zufällige Aufschnappen einiger Gesprächsfetzen amüsierte Pekunius. Vier Jungs im Konfirmandenalter diskutierten aufgeregt mit mühevoll unterdrückter Lautstärke, wer von ihnen wohl am ältesten erschien und die Karten für die Vorstellung kaufen könnte, ohne nach dem Ausweis gefragt zu werden.

„Was meinst du“, fragte Veronica, „Action oder Trickfilm?“

Pekunius sagte weder das Eine noch das Andere zu, doch es störte ihn auch nicht sonderlich. Veronica wollte ins Kino und er wollte sie begleiten. Die Wahl des Films spielte deshalb keine Rolle.

„Entscheide du“, antwortete er.

„Okay“, erwiderte sie, ging zur Kasse und kaufte zwei Karten.

Als sie zurückkehrte, wollte Pekunius seinen Geldbeutel aus der Hosentasche ziehen, doch Veronica legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Lass nur“, sagte sie, „du bist eingeladen.“

„Aber ...“

„Jetzt werde bitte nicht altmodisch, mein Lieber. Du bist ein Gentleman und ich bin eine moderne Frau. Glaubst du, dass wir einen gemeinsamen Nenner finden?“

„Schon gut“, wehrte er ab, „überredet. Danke für die Einladung.“

Veronica hatte sich für den Trickfilm entschieden. Es war ein mehr oder weniger lustiger Streifen über eine Gruppe unterschiedlicher Tiere, die einige Abenteuer zu bestehen hatten. Pekunius nahm erstaunt zur Kenntnis, dass der Film eine Detailtreue offenbarte, die weit über das hinausging, was früher unter der Bezeichnung „Zeichentrickfilm“ zu sehen gewesen war und schließlich ließ er sich bereitwillig vom Charme des Films einfangen. Manchmal sah er verstohlen zur Seite und beobachtete Veronica, die sich köstlich amüsierte. Wenn sie lachte, unterschied sie sich kaum von den Teenagern, die einige Plätze weiter saßen. Sie war heiter und unbekümmert und zum ersten Mal seit ihrem Besuch in seinem Geschäft war sie frei von jeder Traurigkeit, die sie sonst wie eine Seifenblase umgab. Pekunius freute sich aufrichtig darüber und im Stillen nickte er zu der Erkenntnis, dass sich Glück verdoppelte, wenn man es teilte. Er saß neben seiner Herzdame, für die er mehr empfand, als er zuzugeben bereit gewesen wäre. Veronica entsprach nicht dem von der Werbeindustrie proklamierten Ideal. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen war sie für ihn umso anziehender. Gleichzeitig war sich Pekunius aber auch der Schwierigkeit bewusst, eine Grenze abzustecken, die er nicht wollte, sich aber selbst auferlegt hatte. Es war nicht die Intimität, die jenseits dieser Grenze lag, denn er zweifelte nicht daran, dass sie vorbehaltlos über jedes Thema sprechen konnten, wie persönlich es auch immer sein mochte, sondern die Körperlichkeit. Als sie sich auf dem Weg vom Auto zum Kino bei ihm eingehängt hatte, war es eine Wanderung auf eben dieser Linie gewesen. Es war nichts dagegen einzuwenden, doch einen Fußbreit dahinter begann das Land, das er für verboten erklärt hatte. Er gestattete sich, sie sich als Freundin zu wünschen, doch er versagte es sich, sie als Frau zu begehren.

 

<><><> 

 

Der kleine Mann betrachtete das Schaufenster des Modellbahngeschäfts. Ihn interessierten weder die Auslagen noch die kleine Anlage mit der amerikanischen Lokomotive. Sein Augenmerk galt dem Glas. Als er bestätigt fand, was er vermutet hatte, wandte er sich der Eingangstür zu und öffnete sie. Das Pfeifen einer Dampflok ließ ihn überrascht innehalten, doch dann überzog ein breites Grinsen sein sonnengebräuntes Gesicht. Der Signalton gefiel ihm und er streckte seinen Kopf in den Laden.

„Guten Tag, Entschuldigung“, sagte der kleine Mann, „ich putze Fenster, nur fünf Euro.“

Pekunius kam hinter dem Tresen hervor und ging auf den Mann, der offenbar nicht eintreten wollte, zu. Der Fensterputzer war von schmächtiger Statur mit kantigem Gesicht und schwarzen Haaren. Pekunius vermutete, dass er vom Balkan oder dem vorderen Orient stammte.

„Sie putzen Fenster?“, fragte er.

„Ja“, bestätigte der Mann, „jetzt viel Dreck von Baustelle. Fenster immer schmutzig. Ich putze, nur fünf Euro, auch Schild oben.“

„Gut“, willigte Pekunius ein, „in Ordnung.“

Der Fensterputzer nickte zur Bestätigung und zog den Kopf zurück. Vor dem Schaufenster standen sein Eimer und die Stange, an deren oberem Ende ein Schwamm und ein Gummiwischer aufgesteckt waren. Er tauchte das Arbeitsgerät in die Seifenlauge und begann, das Schaufenster zu reinigen.

Pekunius beobachtete den kleinen Mann von seinem Laden aus. Je weiter die Arbeit voranschritt, desto mehr wurde ihm bewusst, wie schmutzig die Scheibe zuvor gewesen war. Der Bautrupp hatte zwar sein Geschäft noch nicht erreicht, doch die Spuren auf dem Schaufenster kündigten sein Näherkommen bereits an. Der Händler wandte sich um, ging zum Tresen zurück, öffnete die Kasse und entnahm einen Fünf-Euro-Schein. Die Frage, ob die Entlohnung für fünf Minuten Arbeit in einem angemessenen Verhältnis stand, stellte sich Pekunius nicht. Der Fensterputzer hatte eine Möglichkeit gefunden, sich auf ehrliche Art und Weise zu ernähren. Auch wenn es keine allzu harte Arbeit war und er vermutlich auch keine Steuern bezahlte, so anerkannte Pekunius doch, dass der Mann stolz genug war, sich sein Brot selbst zu verdienen. Reich würde er damit auf keinen Fall werden.

Als Pekunius wieder aus dem Fenster sah, war der Mann verschwunden. Er wollte schon nachsehen, doch dann vernahm er ein Geräusch an der Eingangstür, deren Glas der Fensterputzer nun reinigte. Das war jedoch nicht Gegenstand ihrer Vereinbarung gewesen. Wenige Augenblicke später kam der kleine Mann wieder in den Laden.

„Fertig, Meister“, verkündete er, „fünf Euro, bitte.“

„Und die Tür?“, fragte Pekunius.

„Auch fertig“, antwortete der Mann, „jetzt ganz sauber.“

„Ja, das sehe ich. Ich meinte, wie viel Sie dafür verlangen.“

Der Fensterputzer grinste und nickte beflissen.

„Fünf Euro, alles“, erklärte er, „nix extra. Schild oben auch sauber.“

Pekunius streckte ihm den Geldschein entgegen.

„Wie heißen Sie?“, fragte er.

„Gashi, Yetmir Gashi.“

Der Mann beugte sich vor und nahm den Geldschein mit ausgestrecktem Arm, als ob er befürchtete, dem Händler zu nahe zu kommen.

„Vielen Dank, Meister“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung.

Pekunius gefiel die höfliche und zurückhaltende Art des Mannes.

„Wie oft kommen Sie zum Fensterputzen?“, fragte er.

„Einmal, Woche“, antwortete Gashi, indem er jede zweite Silbe mit einem Kopfnicken unterstrich, „nächste Woche wieder?“

„Ja, Herr Gashi“, antwortete Pekunius lächelnd, „Sie dürfen nächste Woche gerne wiederkommen.“

„Nächste Woche, Meister“, bestätigte der Fensterputzer, verbeugte sich noch einmal und verließ das Modellbahngeschäft.

Er nahm seinen Eimer und seinen Stab und ging die Straße hinauf zum nächsten Schaufenster. Nicht jeder Ladenbesitzer nahm seine Dienste in Anspruch und nicht jeder war so freundlich wie der ältere Herr, der Modellbahnen verkaufte. Dass ihn der Händler nach seinem Namen gefragt hatte, war schon ungewöhnlich und machte ihm den Herrn noch sympathischer.

Zehn Minuten später ertönte das Pfeifen der Dampflok erneut.

„Ah, Herr Salmen“, begrüßte Pekunius den Kunden, „einen schönen guten Tag.“

„Guten Tag, Herr Kaufmann“, erwiderte Salmen, „wie geht´s?“

„Danke der Nachfrage. Was kann ich für Sie tun?“

„Nun“, antwortete Salmen und sah sich einmal im Laden um ohne etwas konkret in den Blick zu nehmen, „mein Neffe, der Sohn meiner Schwester, hat demnächst Geburtstag. Er wird elf. Der Junge hat seit jeher gern gebastelt und seit einiger Zeit besucht er mich immer häufiger, weil er sich für meine Modellbahnanlage begeistert. Das freut mich natürlich, denn in Zeiten von Playstation und Computerspielen ist das schon etwas ungewöhnlich.“

„Sie sagen es“, stimmte Pekunius zu, „und deshalb ist es doppelt schön zu sehen, dass sich immer noch junge Menschen dafür begeistern können.“

Salmen nickte bestätigend.

„Ich habe schon mit meiner Schwester gesprochen. Sie wird auf dem Speicher Platz schaffen, damit er sich eine eigene Anlage dort aufbauen kann.“

„Und von Ihnen bekommt er die Grundausstattung?“, vermutete Pekunius.

„Genau.“

„Ich weiß natürlich nicht, wie viel Geld Sie investieren möchten“, erklärte der Händler, „aber ich glaube, ich habe ein sehr günstiges Angebot für Sie.“

Er ging zum Schwarzen Brett und nahm zwei Blätter ab.

„Jemand möchte eine Anlage verkaufen“, erläuterte er, „hier ist eine Beschreibung und ein paar Fotos.“

Er reichte Salmen die Blätter, die er im Auftrag von Veronica angefertigt hatte und der potenzielle Käufer unterzog sie einer kurzen Betrachtung.

„Sehr schön“, sagte Salmen, „aber vermutlich zu teuer. Was soll sie denn kosten?“

„Der Preis ist Verhandlungssache“, erklärte Pekunius, „aber ich bin sicher, dass Sie mit dem Verkäufer eine Einigung erzielen werden. Dem Verkäufer ist daran gelegen, die Anlage komplett zu verkaufen. Der Preis spielt dabei nicht die erste Rolle.“

„Sie verkaufen die Anlage nicht selbst?“, fragte Salmen.

„Nein, ich vermittele den Verkauf lediglich. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass der Verkäufer mich bitten wird, bei dem Verkauf beratend zugegen zu sein.“

Salmen betrachtete die Fotos.

„Eigentlich“, sagte er zögernd, „dachte ich eher an eine Lokomotive samt Waggons und ein, zwei Gebäude, dazu Schienen und Weichen. Die Anlage hier ist doch um Einiges aufwändiger.“

„Aber Sie werden sie zu einem sehr günstigen Preis bekommen“, versprach Pekunius, „glauben Sie mir, Ihr Neffe wird begeistert sein.“

„Na gut“, stimmte Salmen zu, „ich kann sie mir ja zumindest einmal ansehen.“

„Bringen Sie Ihren Neffen doch einfach mit“, schlug Pekunius vor, doch Salmen schüttelte den Kopf.

„Der Kleine wird sie sofort mit nach Hause nehmen wollen“, wehrte er lachend ab, „ich sehe sie mir besser zuerst alleine an.“

„In Ordnung“, erwiderte Pekunius, „wann möchten Sie die Anlage besichtigen?“

„Tja, so bald wie möglich.“

„Einen Augenblick“, bat der Händler, ging zu seinem Schreibtisch, nahm das Telefon und wählte Veronicas Nummer.

Sie meldete sich nach dem ersten Läuten und er informierte sie darüber, dass er einen Interessenten für die Modellbahnanlage gefunden hatte. In Absprache mit Salmen vereinbarte er einen Termin für den Abend, verabschiedete sich von Veronica und schrieb ihre Adresse auf einen Zettel, den er Salmen reichte.

„Nur damit es hinterher keine Missverständnisse gibt“, sagte Salmen, „falls ich die Anlage kaufe. Wer zahlt Ihre Provision, Käufer oder Verkäufer?“

„Sie nicht“, antwortete Pekunius ausweichend, „Sie zahlen lediglich den Preis, den Sie mit dem Verkäufer vereinbaren.“

„Also gut, dann sehen wir uns um neunzehn Uhr“, erwiderte Salmen und warf noch einmal einen Blick auf den Zettel, „Mozartstraße sechs, bei Cornelius.“

„Exakt“, bestätigte Pekunius.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und Pekunius brachte Salmen zur Tür. Mit den Worten „bis heute Abend“ verabschiedeten sie sich voneinander. Als Pekunius die Tür schließen wollte, sah er, wie auf der anderen Straßenseite Frau Stier aus dem Haus kam. Mit einer Einkaufstasche in der Hand ging sie bis zum Bordstein, blieb stehen, sah zweimal nach links und nach rechts und überquerte schließlich die Straße. Er winkte ihr zu, doch sie nahm ihn nicht wahr. Mit kleinen Schritten schlug sie den Weg zu Bertha Krämers Laden ein.

Alte Gewohnheiten wird man schwerlich wieder los, dachte Pekunius. Obwohl die Straße seit Beginn der Bauarbeiten für den Autoverkehr gesperrt war, hatte sich Frau Stier zweimal vergewissert, ob sie die Straße gefahrlos überqueren konnte. Der Blick nach links, rechts, links und wieder rechts war seit vielen Jahren Bestandteil der täglichen Einkaufsroutine. Das verständnisvolle Lächeln, das Pekunius´ Gedanken hätte begleiten sollen, erreichte sein Gesicht jedoch nicht, denn ihm wurde bewusst, dass diese Routine bald ein jähes Ende finden würde. Wenn Bertha Krämer demnächst ihr Geschäft schließen musste, würde das Einkaufen für Frau Stier erheblich erschwert werden. Sie besaß kein Auto, mit dem sie zum Supermarkt am Stadtrand hätte fahren können. Somit würde sie ab August auf den Bus angewiesen sein. Pekunius hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als er überrascht die Augenbrauen hob. Ihn betraf das gleiche Problem. Auch er hatte kein Auto und wenn es den kleinen Lebensmittelladen in der Hauptstraße nicht mehr gab, würde er seine Einkäufe ebenfalls mit erheblichem Mehraufwand erledigen müssen. Dann konnte er sein Geschäft nicht mehr für ein paar Minuten schließen, um schnell etwas zu besorgen. Wie sollte er außerdem die wöchentliche Kiste Mineralwasser für seine Nachbarin oder seine eigenen Getränke transportieren? Es war eine mehr als unangenehme Erkenntnis, dass er sein Einkaufsverhalten grundsätzlich würde ändern müssen, auch wenn er von dem „Wie“ noch keine konkrete Vorstellung hatte. Eines jedoch war unzweifelhaft: der Brief, den Frau Krämer vom Konzern erhalten hatte, zog weitere Kreise, als auf den ersten Blick ersichtlich gewesen war. In Zukunft würden Pekunius und Frau Stier bei den einzelnen Lebensmitteln im Supermarkt zwar den einen oder anderen Cent sparen, doch der Preis, den sie dafür zu zahlen hatten, war höher, als dass man ihn in einer Währung hätte ausdrücken können. Während der Händler der alten Dame nachsah, ahnte er freilich nicht, dass er sich um ein Vielfaches verschätzt hatte.

Kaum eine Minute später betrat der nächste Kunde, ein Mitglied des Vereins der Modellbaufreunde, den Laden und als Pekunius mit dem Verkaufsgespräch begann, verschwanden Frau Krämer und Frau Stier aus seinen Gedanken. Er verkaufte einige Utensilien für den Modellbau, führte ein Fachgespräch über die Vor- und Nachteile bei der Verwendung von Gips als Werkstoff, begrüßte einen weiteren Kunden, ebenfalls Vereinsmitglied, und plauderte mit den beiden Kollegen, während die Zeit wie im Flug verging. Um halb sieben schloss er seinen Laden ab und fuhr mit dem Bus zu Veronica., die ihn bereits erwartete.

Salmen kam auf die Minute pünktlich, um die Modellbahnanlage von Horst in Augenschein zu nehmen und Pekunius führte die Verkaufsverhandlung in Veronicas Namen. Man erzielte eine Einigung über den Preis und vereinbarte, dass Salmen am folgenden Samstag wiederkommen würde, um die Anlage abzuholen.

„Ich danke dir vielmals“, sagte Veronica, nachdem sie Salmen an der Haustür verabschiedet hatten.

„Nicht der Rede wert“, antwortete Pekunius.

Er ging ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel, während Veronica zwei Gläser und eine Flasche Limonade aus der Küche holte.

„Bist du mit zehn Prozent einverstanden?“, fragte sie und füllte ihre Gläser.

„Als Provision?“, vermutete er.

„Ja“, bestätigte sie und setzte sich auf die Couch.

„Nein“, lehnte Pekunius ab ohne eine Miene zu verziehen.

Sie sah ihn fragend an und er kostete ihre Überraschung einen kleinen Augenblick aus, bevor er sie anlächelte.

„Ich nehme keine Provision von dir“, erklärte er, nahm sein Glas und trank die Limonade.

„Aber warum nicht“, fragte sie, „ohne deine Hilfe hätte ich die Anlage bestimmt nicht so schnell verkauft.“

„Mag sein, aber ich nehme trotzdem kein Geld von dir. Es war mir ein Vergnügen, dir behilflich gewesen zu sein.“

Veronica schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Das ist mir aber nicht recht“, sagte sie, „du bist doch extra gekommen und hast die Fotos gemacht. Außerdem ...“

„Keine Diskussion“, schnitt er ihr das Wort ab, „am Samstag holt Salmen die Anlage ab. Dann ist das Thema vom Tisch.“

„Ich würde mich aber trotzdem gerne revanchieren“, widersprach sie.

„Also gut“, gab er nach, weil er sah, dass es Veronica am Herzen lag, ihm ebenfalls etwas Gutes zu tun, „ich erkläre mich bereit, mich bei Gelegenheit wieder einmal von deiner Kochkunst verwöhnen zu lassen.“

„Mit dem größten Vergnügen“, antwortete sie strahlend, „und was darf es diesmal sein?“

Pekunius dachte nicht lange über eine Antwort nach.

„Ich lasse mich einfach überraschen“, erklärte er und erhob sich aus seinen Sessel, „wann wäre es dir denn recht?“

„Willst du schon gehen?“, fragte sie und er sah die leise Enttäuschung in ihrem Gesicht.

„Keine Sorge“, antwortete er, „ich komme ja wieder.“

Sie stand ebenfalls auf und er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

„Wie wäre es am Samstag“, schlug er vor, „dann könnte ich Salmen helfen, die Anlage zu verladen und hinterher machen wir es uns gemütlich.“

„Ja, gerne“, stimmte sie zu, „ich bringe dich noch zur Tür.“

Gemeinsam verließen sie das Wohnzimmer und durchquerten den Flur. Als Pekunius die Haustür öffnete, legte ihm Veronica die Hand auf die Schulter.

„Ich bin froh, dass es dich gibt“, sagte sie leise und sah ihm in die Augen, „du bist so ... ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll ... so ehrlich und aufrichtig.“

Pekunius antwortete nicht. Er war verlegen und wusste nicht, was er auf das Kompliment erwidern sollte. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit waren für ihn selbstverständlich und gehörten zu den elementaren Bedingungen jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Ein Miteinander, in welcher Form auch immer, konnte nur auf dieser Basis gelingen.

„Ein guter Freund“, fuhr Veronica fort und zitierte eine Liedzeile aus dem Film Die Drei von der Tankstelle mit Heinz Rühmann, „das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“

„Das ist wohl wahr“, erwiderte Pekunius.

„Du bist doch mein Freund, oder?“, fragte sie.

Er zögerte eine Augenblick, bevor er antwortete.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich meine, ich weiß nicht, wo Bekanntschaft endet und Freundschaft beginnt. Vermutlich gibt es keine klare Trennungslinie“, er unterbrach sich und sah Veronica mit einem warmherzigen Lächeln an, „aber eines weiß ich ganz gewiss: es wäre schön, wenn wir Freude wären.“

Mit ihrer Hand auf seiner Schulter stellte sich Veronica auf die Zehenspitzen, streckte den Kopf und küsste Pekunius auf die Wange.

„Für mich bist du ein Freund“, erklärte sie.

Pekunius fühlte das elektrisierende Kribbeln, das ihre Lippen auf seiner Haut ausgelöst hatten. Es ging ihm durch Mark und Bein. Natürlich war es nur ein freundschaftlicher Kuss auf die Wange gewesen – in anderen Ländern küsste man sich so bei jeder Begegnung und jedem Abschied – aber bei ihm fiel der Kuss auf einen mehr als fruchtbaren Boden. Dass sie sich gegenseitig freundschaftlich verbunden waren, hatten sie soeben ausgesprochen und er genoss das Gefühl, in gewisser Weise eine Stütze oder Hilfe für Veronica sein zu können. Dass er sich aber in sie verliebt hatte, wusste sie nicht und er würde es ihr auch nicht offenbaren.

„Was ist?“, fragte sie.

„Ach, nichts“, antwortete er, „ich war nur überrascht.“

„Weil ich gesagt habe, dass du mein Freund bist?“

„Ja.“

Das war weder ehrlich noch aufrichtig gewesen und Pekunius kam der Widerspruch zu seiner eigenen Einstellung sofort zu Bewusstsein. Er fühlte das schlechte Gewissen, Veronica belogen zu haben, doch er sah sich auch nicht im Stande zu erklären, warum ihn ihr Kuss für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Mit ein wenig Wohlwollen sich selbst gegenüber rang er sich jedoch zu der Auffassung durch, dass ihre Erklärung, ihn zum Freund gewonnen zu haben, ebenfalls überraschend gewesen war. Damit hatte er wenigstens die Klippe seines schlechten Gewissens umschifft.

Sie verabschiedeten sich voneinander und Pekunius verließ das Haus. Auf dem Weg zur Bushaltestelle schüttelte er mehrmals den Kopf, als ob er sich damit von seiner Verwirrung hätte befreien können. Er fühlte sich beschwingt und verunsichert, lebendig und ertappt, auf Wolken gehend und ratlos. Er spürte jedes einzelne dieser Gefühle und doch konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass es für ihre Summe einen gemeinsamen Begriff gab. Er war verliebt.

 

<><><> 

 

Es müssen nicht immer Blumen sein, dachte Pekunius. Eigentlich hatte er zu Bruno Girasole gehen wollen, um einen kleinen Strauß für Veronica zu kaufen, doch er änderte unvermittelt seinen Entschluss und überquerte die Straße. Es war Samstag, kurz nach dreizehn Uhr, und das Kosmetikgeschäft hatte noch geöffnet. Erwartungsvoll betrat er den Laden.

„Guten Tag, Frau Schröder“, begrüßte er die Inhaberin.

„Guten Tag, Herr ... äh ...“

„Kaufmann“, ergänzte er.

„Ja, genau, Herr Kaufmann“, erwiderte sie.

Maria Schröder trug eine hellblaue Pluderhose und eine bestickte Bluse. Ihr Gesicht war aufwändig geschminkt, wobei sie vor allem ihre Augen stark betont hatte, die mit dunkler Farbe zu den Schläfen hin spitz zulaufend optisch verlängert worden waren. Vielleicht wollte sie sich damit ein orientalischeres Aussehen geben, doch ihre blauen Augen und ihre blonden Haare machten den Versuch zunichte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie.

„Ich möchte jemandem etwas schenken“, erklärte Pekunius, „einer Dame.“

„Und woran haben Sie gedacht?“

Pekunius zuckte mit den Achseln.

„Eigentlich an nichts Bestimmtes, deshalb komme ich zu Ihnen, um mich beraten zu lassen.“

„Welche Vorlieben hat denn die Dame?“, fragte Frau Schröder.

Es war eine einfache Frage, doch für Pekunius schwierig zu beantworten. Er dachte an Veronicas kastanienbraune Haare, ihre Augen, deren Farbe zwischen grün, blau und grau lag, ihr herzförmiges Gesicht, den leicht gebräunten Teint ihrer Haut, ihre einfache, aber stets tadellose Kleidung, ihre warme, freundliche Stimme und ihr herzliches Wesen, das sich ihm mit jeder Begegnung mehr offenbarte. Sie benutzte Parfüm, denn sie roch meist betörend gut, doch er hatte keine Ahnung, um was es sich dabei handelte und es schien ihm nahezu unmöglich, diesen Duft zu beschreiben. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er an ihr schon unterschiedliche Parfüms bemerkt, was die ganze Sache noch komplizierter machte.

„Sie geht gerne ins Kino“, antwortete er, „aber ich vermute, dass Ihnen das nicht weiterhilft.“

„Nicht wirklich“, antwortete Frau Schröder und sah ihn abwartend an.

Pekunius war ratlos. Im ersten Augenblick schien es eine gute Idee gewesen zu sein, doch nun stand er im Laden und sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wie hätte er Frau Schröder erklären können, was er suchte, wenn er es selbst nicht einmal wusste?

„Ich muss zugeben, dass ich in kosmetischen Fragen völlig unbedarft bin“, erklärte er entschuldigend, „ich weiß wirklich überhaupt nicht ...“

„Irgendeinen Hinweis müssen Sie mir schon geben, wenn ich Ihnen behilflich sein soll“, forderte ihn Frau Schröder auf, „jede Frau hat ihre eigenen Düfte, die sie bevorzugt. Auch jede Haut ist anders. Mache Frauen tragen lieber Cremes auf, andere Body Lotions und wieder andere verwenden Öle.“

Pekunius kratzte sich unschlüssig am Kinn. Veronica war eine gepflegte Frau, doch er hatte nicht den leisesten Schimmer, was sie zur Pflege verwendete.

„Schenken Sie ihr doch einen Gutschein“, schlug Frau Schröder vor, „damit sind Sie immer auf der richtigen Seite und die Dame kann selbst aussuchen, was ihr gefällt. Damit machen Sie garantiert nichts falsch.“

Es war ein naheliegender Vorschlag, doch er entsprach überhaupt nicht Pekunius´ Vorstellung. Er wollte ein Mitbringsel, eine Kleinigkeit, die er Veronica überreichen konnte.

„Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken“, bat er.

„Schauen Sie sich ruhig um“, erwiderte Frau Schröder, „vielleicht finden Sie etwas, das Ihnen zusagt.“

Sie wandte sich ab und ging hinter den Tresen, den man seitlich neben der Eingangstür aufgestellt hatte. Pekunius glaubte nicht, dass diese Anordnung zufällig gewählt worden war. Günther hatte seinen Tresen im hinteren Bereich seines Ladens gehabt und im Modellbahngeschäft war es ebenso. Die Ladentheke lag der Eingangstür gegenüber. Wenn ein Kunde das Geschäft betrat, durchquerte er den Laden und näherte sich dem Händler mehr oder weniger langsam. Auf die gleiche Weise verließ er den Laden nach seinem Einkauf wieder. Im Kosmetikgeschäft von Maria Schröder dagegen stand die Ladentheke neben der Eingangstür. Wenn ein Kunde den Laden verließ, musste er die dahinter stehende Händlerin direkt passieren. Es war ein Fachgeschäft, aber kein Supermarkt, bei dem sich eine solche Anordnung zwangsläufig ergeben hätte. In ihrem überschaubaren, kleinen Geschäft suggerierte Frau Schröder damit, alles im Blick und unter Kontrolle zu haben. Niemand konnte das Geschäft ohne ihr Wissen und ihren prüfenden Blick verlassen. Vielleicht war es eine kluge Vorsichtsmaßnahme gegen Ladendiebstahl, doch gleichzeitig offenbarte sie auch, dass Vertrauen gut, Kontrolle jedoch besser war und stellte ihre Kundschaft damit unter Generalverdacht.

Pekunius schob die Erkenntnis beiseite. Er stand noch immer verloren im Kosmetikgeschäft und musste zu einer Entscheidung kommen. Einen Gutschein wollte er auf keinen Fall erwerben. Da er bei der Frage des „Was“ hilflos war, verfiel er auf die Idee, sich dem „Warum“ zuzuwenden. Er wollte Veronica eine kleine Freude machen, nichts Großes, nichts Teures, sondern nur ein Ich-denk-an-Dich. Es sollte etwas sein, das sie im Gegenzug an ihn denken ließ, wenn sie es verwendete und es sollte ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Die erste Wanderung, die sie gemeinsam unternommen hatten, fiel ihm ein und im gleichen Augenblick hatte er auch die richtige Idee.

„Ein Badezusatz“, sagte er.

Frau Schröder, die in der Zwischenzeit in einer Zeitschrift geblättert hatte, sah auf.

„Bitte?“, fragte sie.

„Ein Badezusatz“, wiederholte Pekunius, „wir gehen manchmal miteinander wandern. Wenn Veronica dann abends müde nach Hause kommt, nimmt sie gerne ein heißes Bad. Ein Badezusatz, der gut riecht und belebend wirkt, wäre genau das Richtige.“

Frau Schröder klappte die Zeitschrift zu, kam jedoch nicht hinter ihrer Theke hervor.

„Dann müssen wir zuerst die Frage der Doshas klären“, erwiderte sie, „damit wir die richtige Auswahl treffen können. Das Beste wäre natürlich, wenn die Dame selbst hier wäre und die entsprechenden Fragen beantworten könnte. Kennen Sie die Dame gut?“

„Ich fürchte nein“, gab Pekunius zu.

Es wusste weder, was man unter Doshas verstand, noch hatte er erwartet, auf solche Schwierigkeiten zu stoßen, wenn er einen Badezusatz kaufen wollte.

„Das macht die Sache eigentlich unmöglich“, erklärte Frau Schröder, „ohne Bestimmung der Doshas können Sie nicht herausfinden, welche Produkte für die Dame besonders geeignet sind.“

„Ich verstehe“, erwiderte Pekunius und nickte, „das war sehr aufschlussreich.“

„Möchten Sie nicht doch lieber einen Gutschein“, bot Frau Schröder noch einmal an, „wenn die Dame persönlich zu uns kommt, können wir auch die richtigen Produkte für sie herausfinden.“

„Ich werde der Dame Ihr Geschäft empfehlen“, antwortete er ausweichend, „dann mag sie selbst entscheiden. Vielen Dank fürs Erste.“

Er nickte der Geschäftsinhaberin zu, ging am Tresen vorbei, öffnete die Tür und verließ den Laden mit den Worten „alles Gute“. Bei Bertha Krämer kaufte er eine kleine Schachtel Pralinen und gegen fünfzehn Uhr bestieg er den Bus.

Während der Fahrt dachte er über das Verkaufsgespräch im Laden von Maria Schröder nach. Streng genommen war der Begriff nicht zutreffend, denn ganz offensichtlich hatte sie ihm nichts verkaufen wollen. Finde heraus, was der Kunde will und gib es ihm, lautete eine der wichtigsten Kaufmannsregeln. Genau das hatte Frau Schröder nicht getan. Sie hatte sich keine Mühe gegeben herauszufinden, was er wollte, sondern ganz im Gegenteil ihm das Gefühl vermittelt, von Tuten und Blasen keine Ahnung zu haben. Das war zwar zutreffend – er hatte von Kosmetik, Ayurveda und Doshas, was auch immer das sein mochte, wirklich keinen blassen Schimmer – doch deshalb war er schließlich in ihr Fachgeschäft gegangen. Er hatte den Wunsch geäußert, etwas kaufen zu wollen. Er hatte signalisiert, Geld ausgeben zu wollen, doch Frau Schröder hatte diesen Elfmeter ohne Torwart, um einmal ein ganz anderes Bild zu bemühen, nicht verwandelt. Sie hatte nicht einmal Anlauf genommen. Statt einer fachkundigen Beratung, wie er sie erwartet hatte, hatte sie ihn wie einen begriffsstutzigen Schulbuben stehen lassen. Nach ihrer Meinung mangelte es ihm am nötigen Wissen, um für Veronica einen Badezusatz zu kaufen, doch nach seiner Meinung mangelte es Frau Schröder am nötigen Wissen über den Umgang mit Kunden. Er nahm es nicht persönlich. Vermutlich war er der Exot im Ayurveda-Geschäft, der ahnungslose Mann, der sich versehentlich in Maria Schröders Laden verirrt hatte. Ob die germanische Walküre mit indischem Anstrich bei ihrer sonstigen Klientel Erfolg hatte, konnte Pekunius nicht einschätzen, doch auch sie würde sich letztlich der Abstimmung mit den Füßen beugen müssen.

Der Busfahrer sagte die Haltestelle Mozartstraße an. Pekunius erhob sich und als er ausstieg, wichen seine kritischen Gedanken der Vorfreude, Veronica zu sehen. Just als er ihr Haus erreichte, öffnete sie die Tür, um ihn zu begrüßen und er überreichte ihr die Pralinen. Ihren leisen, nicht wirklich ernst gemeinten Tadel, dass er nicht bei jedem Besuch ein Geschenk mitbringen müsse, nahm er zur Kenntnis, tat ihn jedoch als unbegründet ab. Ein Blumenstrauß oder eine Schachtel Pralinen waren schließlich nur Kleinigkeiten, über die sich Veronica jedoch freute, was wiederum Pekunius glücklich machte.

Sie gingen gemeinsam in den Keller und packten alle Teile von Horsts Modellbahnanlage zusammen. Alles, was nicht fest montiert war, wurde in einzelne Kartons verpackt, die sie anschließend in drei großen Kartons verstauten und im Hausflur für den Abtransport richteten. Kaum zehn Minuten später läutete Salmen an der Tür.

Das Verladen der Modellbahnanlage ging zügig vonstatten. Salmen war mit seinem Schwager gekommen und in dessen Wagen war bei umgeklappten Sitzen genügend Raum vorhanden, um die dreiteilige Platte transportieren zu können. Sobald sie und die drei Kartons verladen waren, schloss der Schwager die Heckklappe.

„Bitte sehr, Frau Cornelius“, sagte Salmen und überreichte Veronica fünfhundert Euro.

Der vereinbarte Kaufpreis entsprach nur einem Bruchteil des Wertes der Anlage, doch alle Beteiligten waren sich dieses Umstandes bewusst, hatten ihn akzeptiert und waren zufrieden. Salmen hatte ein gutes Geschäft gemacht und Veronica war froh, Horsts erste Geliebte endlich aus dem Haus zu haben.

„Danke“, antwortete sie, „ich wünsche Ihrem Neffen viel Spaß damit.“

Sie schüttelten sich die Hände, dann verabschiedete sich Salmen von Pekunius.

„Auch Ihnen vielen Dank, Herr Kaufmann“, sagte Salmen, „ich werde bestimmt bald mal wieder bei Ihnen vorbeischauen.“

„Sehr gerne“, antwortete Pekunius.

Salmen stieg zu seinem wartenden Schwager ins Auto, schloss die Tür und der Wagen fuhr davon.

„Ich bin jetzt eine Weile in der Küche beschäftigt“, erklärte Veronica, als sie wieder ins Haus gingen, „möchtest du so lange fernsehen oder etwas lesen?“

„Nein“, antwortete Pekunius, „aber ich könnte dir beim Kochen helfen. Hast du Arbeit für einen Küchenjungen?“

„Nein“, sagte Veronica und lachte, „aber du darfst mir Gesellschaft leisten.“

Pekunius folgte ihr in die Küche und setzte sich an den Tisch, während Veronica einige Sachen aus dem Kühlschrank nahm.

„Darf ich fragen, was es gibt?“

„Entenbrust mit Mango, dazu Basmati-Reis.“

„Oh, das hört sich ja köstlich an“, schwärmte Pekunius und freute sich schon auf dass Abendessen.

Es gefiel ihm, ihr bei der Zubereitung der Speisen zuzusehen. Ihre Handgriffe waren sicher und routiniert und es war offensichtlich, dass sie gerne kochte. Pekunius, dessen Kochkunst sich auf recht bescheidenem Niveau bewegte, ließ sich einzelne Arbeitsschritte erklären, hörte aufmerksam zu und kommentierte ihre Erläuterungen zuweilen mit einem „aha“ oder einem zustimmenden Brummen. Als Veronica eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank und einen Korkenzieher aus der Schublade nahm, ergriff Pekunius die Gelegenheit, sich zumindest ein klein wenig nützlich machen zu können. Er entkorkte die Flasche und reichte sie ihr.

„Horst hat das nie gemacht“, stellte sie nüchtern fest.

Sie goss etwas Wein in die heiße Pfanne. Es zischte und eine Dampfwolke stieg auf.

„Er hat keine Weinflaschen geöffnet?“, fragte Pekunius und beobachtete, wie Veronica mit einem Schneebesen hantierte.

„Nein“, antwortete sie, „ich meine, er hat kein Interesse an dem gezeigt, was ich getan habe. Du könntest jetzt auch im Wohnzimmer sitzen und fernsehen oder lesen, aber stattdessen sitzt du hier.“

Pekunius zuckte mit den Achseln.

„Ich kann nicht kochen“, erklärte er, „oder zumindest nicht richtig. Wenn ich dir zuschaue, kann ich etwas lernen.“

„Das könntest du auch, wenn du ein Kochbuch liest“, erwiderte sie und goss den Bratenfond über das Fleisch, das zusammen mit angeschwitzten Zwiebeln und Karotten in einer Kasserolle lag.

Sie öffnete den vorgeheizten Backofen und schob die Entenbrust hinein.

„Ja, schon“, gab er zu, „aber es ist doch viel anschaulicher, dir beim Kochen zuzusehen. Warum sollte ich auch alleine im Wohnzimmer sitzen, wenn ich dir hier Gesellschaft leisten kann?“

Veronica stellte auf der Uhr des Backofens die Garzeit ein. Als sie sich zu Pekunius umdrehte, wirkte sie eine Spur traurig.

„Weißt du, Pekunius, mit Horst gab es eigentlich kein Gemeinsam, sondern nur ein Nebeneinander. So wenig Interesse er an dem zeigte, was ich tat, so sehr schloss er mich von seinem Tun aus. Es störte ihn, wenn ich in seinem Hobbyraum war und ihm beim Basteln zusah. Er könne sich nicht konzentrieren, sagte er, weil ich ihn durch meine Anwesenheit ablenke.“

„Aber ihr müsst doch auch einiges gemeinsam gehabt haben“, wand Pekunius ein, „schließlich muss es einen Grund gegeben haben, warum ihr geheiratet habt.“

Veronica sah ihn unschlüssig an.

„Wahrscheinlich hast du recht“, erklärte sie und setzte sich an den Tisch, „aber ehrlich gesagt, weiß ich das nicht mehr. Wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir eigentlich kein triftiger Grund ein, warum ich ihn geliebt habe. Ist das nicht traurig?“

Pekunius wollte ihr zustimmen, doch Veronica sprach bereits weiter.

„Als Horst ausgezogen ist, tat das im ersten Moment sehr weh. Es fühlte sich wie eine Niederlage an, wenn du verstehst, was ich meine. Jetzt, ein paar Wochen später, ist es mir irgendwie egal geworden. Mein halbes Leben habe ich mit diesem Mann verbracht, doch jetzt, wo er nicht mehr da ist, vermisse ich ihn nicht. Das verstehe ich selbst nicht.“

„Hast du ein schlechtes Gewissen deswegen?“

„Vielleicht, ich kann es nicht einmal sagen. Unsere Ehe war eigentlich weder gut noch schlecht. Im Grund hatten wir keine Probleme. Mit dem Geld, das Horst verdiente, sind wir gut ausgekommen. Wir haben selten gestritten, es gab keine Gewalt, keine Alkohol- oder Drogenprobleme, kein Glücksspiel oder sonstige Schwierigkeiten, mit denen andere Ehepaare zu kämpfen haben. Wir hätten gerne Kinder gehabt, doch es hat nicht sollen sein. Eigentlich hätte es bis zum jüngsten Tag so weitergehen können, doch plötzlich war da diese andere Frau und von einem auf den anderen Tag war alles zu Ende.“

Pekunius verfügte über wenig eigene Erfahrungen mit Beziehungen, doch auch intellektuell verstand er nicht, was Veronica ihm zu sagen versuchte. Sie beschrieb ihre Ehe als großes Nichts, doch auf der anderen Seite bedauerte sie, dieses Nichts verloren zu haben, obwohl sie einen Augenblick vorher erklärt hatte, ihren Mann nicht mehr zu vermissen. Eine Frage drängte sich ihm auf, doch er hatte Angst davor, sie zu stellen. Trotzdem musste er sich Gewissheit verschaffen.

„Was würdest du tun, wenn Horst plötzlich wieder vor der Tür stünde?“

Veronica antwortete nicht und ihr Schweigen lastete schwer auf Pekunius´ Seele. Sie nahm den Korken vom Tisch und drehte ihn zwischen ihren Fingern, während Pekunius bange darauf wartete, dass sie zu sprechen beginnen würde.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich ohne ihn anzusehen, „ich weiß es wirklich nicht. Wenn man so viele Jahre zusammengelebt hat, gewöhnt man sich aneinander. Man geht abends zusammen ins Bett und wacht morgens nebeneinander auf. Manche Dinge muss man nicht selbst machen, weil man weiß, dass der andere sie erledigt. Vieles spielt sich ein und man denkt nicht mehr darüber nach. Alles läuft in geordneten Bahnen und es gibt eigentlich keinen Grund, etwas daran zu ändern. Aber jetzt ...“

Sie hielt inne und rollte den Korken auf dem Tisch hin und her. Pekunius hoffte, dass sie den Satz zuende bringen würde, auch wenn er nicht wusste, welche Antwort er am liebsten gehört hätte. Ihr Gespräch bewegte sich auf einem schmalen Grat und zu beiden Seiten taten sich Abgründe auf. Hätte Veronica erklärt, dass sie Horst wieder aufnehmen würde, wäre es eine schmerzliche Aussage für Pekunius gewesen, doch gleichzeitig fürchtete er, sie könnte sich für ihn als Horsts Nachfolger entscheiden und ihn damit konfrontieren. Was hätte er dann antworten sollen? Wie hätte er ihr erklären können, welche Art Beziehung er sich mit ihr wünschte, wenn er es selbst nicht einmal sicher wusste? Mit seiner Frage hatte er sich selbst in die Bredouille gebracht und er musste zusehen, dass sie das Thema wechselten.

„ ... aber jetzt“, griff er ihre letzten Worte auf, „wollen wir uns um ungelegte Eier kein Kopfzerbrechen machen. Tut mir leid, ich wollte dir die Stimmung nicht verderben.“

Als sie ihn ansah, kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück.

„Schon gut, Pekunius, es ist ja nicht deine Schuld. Das Thema Horst hat sich ja ohnehin bis auf weiteres erledigt. Jetzt sollten wir aber anstoßen, meinst du nicht? Wie wäre es mit einem Glas Wein?“

„Ja, eine gute Idee“, stimmte Pekunius zu.

Veronica erhob sich, ging zum Küchenschrank, nahm zwei Gläser heraus und füllte sie. Sie prosteten sich gegenseitig zu und tranken auf den erfolgreichen Geschäftsabschluss.

Nach dem vorzüglichen Abendessen, mit dem sie den Verkauf von Horsts Anlage feierten und das Pekunius gar nicht genug loben konnte, saßen sie noch lange zusammen, bevor er sich kurz vor Mitternacht verabschiedete. Schon auf der Busfahrt holte ihn Veronicas „bis auf weiteres“ wieder ein und als er eine Stunde später zu Bett ging, kehrten die Worte wie ein nicht enden wollendes Echo zurück. Die Geister, die er selbst gerufen hatte, ließen ihn nicht mehr los. „Bis auf weiteres“ beschrieb einen Zustand, der sich in der Schwebe befand, nach beiden Seiten offen und keine Möglichkeit ausschließend. Obwohl es bereits weit nach Mitternacht war, lag er hellwach im Bett, drehte sich von rechts nach links und von links nach rechts, während er sich hundertmal fragte, warum ihm diese Worte keine Ruhe ließen. Vielleicht bedeutete „bis auf weiteres“, dass sie darauf wartete, von Horsts Anwalt über ihre bevorstehende Scheidung informiert zu werden. Vielleicht bedeutete es aber auch, dass sie ihrem Mann eine zweite Chance geben würde, falls er sie darum bat. Pekunius konnte ihre Worte nicht einschätzen und während er darauf hoffte, den Ausschlag des Pendels erkennen zu können, wurde er sich bewusst, dass es noch ein drittes „Vielleicht“ gab. Vielleicht wartete Veronica darauf, dass er, Pekunius, ihr seine Zuneigung gestehen und eine Beziehung, sei es eine Affäre oder eine feste Partnerschaft, mit ihr beginnen würde. Die Erkenntnis, dass er im Lauf der Nacht keine Antwort auf diese Frage finden würde, änderte nichts daran, dass er nicht schlafen konnte. Jede halbe Stunde sah er auf die Uhr auf seinem Nachttisch und seine Gedanken drehten sich im Kreis. Je weiter die Nacht voranschritt, desto mehr wuchs die Gewissheit, dass er zuerst Klarheit über sich selbst haben musste. Veronica gegenüber hatte er Bekanntschaft von Freundschaft abgegrenzt. Für sich selbst hatte er eine Trennungslinie zwischen Freundschaft und Beziehung gezogen, die er nicht überschreiten wollte. Wenn er nicht bereit war, eine Beziehung mit ihr zu beginnen, durfte er auch keinen Anstoß daran nehmen, dass Veronica die Möglichkeit erwog, Horst wieder bei sich aufzunehmen, falls sich eine entsprechende Situation ergeben sollte. Da aber der Gedanke daran eine bange Reaktion in ihm hervorrief, so war das auch ein untrügliches Zeichen dafür, dass Pekunius im Grunde seines Herzens die Trennungslinie doch überschreiten wollte. Es war leicht gewesen, diese Linie zu ziehen und von der sicheren Seite aus einen Blick auf die jenseitige zu werfen. Je länger aber seine Bekanntschaft, die, wie Veronica richtig festgestellt hatte, längst zur Freundschaft geworden war, dauerte, desto mehr fühlte er sich zu ihr hingezogen. Die Gründe, diese Linie nicht zu überschreiten, verloren mehr und mehr an Gewicht. Er war gut zehn Jahre älter als sie, aber was machte das schon aus? Er war mit fast sechzig zu alt, um eine neue Beziehung zu beginnen, doch stimmte das wirklich? Er hatte die meiste Zeit seines Lebens alleine verbracht und würde vermutlich Schwierigkeiten haben, innerhalb einer Beziehung seine Souveränität ein Stück weit aufgeben zu müssen, doch warum wünschte er sich genau das? Er kannte Horst schon viele Jahre, doch ... was? Was hatte Horst damit zu tun? Er hatte sich von Veronica getrennt und damit war sie frei, oder etwa nicht? Noch waren die beiden miteinander verheiratet. Sollte Pekunius warten, bis die Scheidung vollzogen war? Wollten sich die beiden überhaupt scheiden lassen? Vielleicht blieben sie verheiratet, um Steuern oder Versicherungsprämien zu sparen.

Die vielen „Vielleichts“ ermüdeten Pekunius, aber trotzdem wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Als sich das Schwarz vor seinem Fenster allmählich aufzuhellen begann und den Anbruch des neuen Tages ankündigte, war er so erschöpft, dass er sich gegen das letzte „Vielleicht“ nicht mehr wehren konnte. Er kapitulierte und ließ die Frage zu, die ihm die meisten Sorgen bereitete. Vielleicht ging er von völlig falschen Voraussetzungen aus, denn vielleicht wollte Veronica überhaupt keine Beziehung mit ihm beginnen.

In der Morgendämmerung schlief Pekunius schließlich doch noch ein und wachte erst kurz vor Mittag wieder auf. Die Gedanken, die er in der Nacht gewälzt hatte, die vielen Fragen und die vielen „Vielleichts“ waren sofort wieder gegenwärtig, sobald er die Augen öffnete.

„Ich muss eine Entscheidung treffen“, sagte er zu sich selbst, weil er befürchtete, erneut in diesen Strudel hineingezogen zu werden, in dem er sich immer schneller drehen würde ohne den Grund erreichen zu können.

Er rieb sich die Augen, setzte sich im Bett auf, atmete einmal tief durch und beschloss, das Problem methodisch zu lösen. Für den Augenblick konnte er zu keiner Entscheidung gelangen, doch es war Anfang Juli und bald würden die Sommerferien beginnen. Wie jedes Jahr wollte er sein Geschäft für zwei Wochen schließen und Urlaub machen. Da er gerne wanderte, suchte er sich alljährlich Gegenden aus, deren Anziehungskraft in der Schönheit der Natur lag. Zwei Wochen am Strand zu faulenzen und in der Sonne zu braten war nicht nach seinem Geschmack. Er zog lieber mit dem Rucksack los, um auf Schusters Rappen neue Landstriche zu erkunden. Das Reiseziel für dieses Jahr hatte er bereits im Winter ausgesucht und im örtlichen Reisebüro ein Zimmer mit Frühstück für Anfang August im südlichen Schwarzwald gebucht. Dort, alleine und fernab von allem Bekannten, wollte er zu einer Entscheidung gelangen. Wie zur Bestätigung seines Entschlusses nickte er, schlug die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett.

Das Thermometer kletterte schnell und es war abzusehen, dass es ein heißer Tag werden würde. Pekunius zog es vor, nicht nach draußen zu gehen, sondern anstehende Hausarbeiten zu erledigen. Nach dem Frühstück befüllte er die Waschmaschine und schaltete sie ein, räumte Liegengebliebenes auf, saugte die Teppichböden, hängte die Wäsche auf und putzte das Badezimmer. Bevor er sich recht versah, war es bereits sechs Uhr abends und überrascht stellte er fest, dass es ihm geglückt war, möglichst wenig an Veronica zu denken. Die Arbeiten waren ihm gut von der Hand gegangen und zufrieden bereitete er sich ein kleines Abendbrot zu. Nach dem Essen wusch er das Geschirr und machte es sich anschließend vor dem Fernseher gemütlich. Er verfolgte die Tagesschau, in der wieder einmal die schlechte Wirtschaftslage das beherrschende Thema war und sah sich anschließend den neuesten Tatort an. Um zehn Uhr war es immer noch sehr warm, da sich die Wohnung im Lauf des Tages aufgeheizt hatte, doch Pekunius war müde genug, um wenige Minuten, nachdem er zu Bett gegangen war, einzuschlafen und er erwachte erst, als um sieben Uhr das Klingeln des Weckers den Montag einläutete.

Drei Stunden später brachte Baptiste die Post. Zwischen dem Üblichen fand Pekunius einen Brief seines Hauptlieferanten, dem führenden deutschen Hersteller von Modellbahnen. Er schlitzte das Kuvert auf und entnahm das Schreiben. Als er die Zeilen überflog, hatte er das Gefühl, als habe jemand die Welt unversehens ein kleines Stück zur Seite gerückt. Von einem Augenblick auf den anderen war sie mit jener, die er seit seiner Kindheit kannte, nicht mehr deckungsgleich. Es war nur eine winzige Veränderung, doch sie traf ihn mit der Endgültigkeit einer Guillotine. Mit dem Schreiben setzte der Hersteller die Händler davon in Kenntnis, dass das Unternehmen aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und rückläufiger Verkaufszahlen Insolvenz habe anmelden müssen. Ein Insolvenzverwalter sei eingesetzt worden, doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne man noch keine verbindliche Aussage über die Fortführung der Geschäfte tätigen. Man werde die Belegschaft um ein Viertel reduzieren und einen der beiden deutschen Produktionsstandorte schließen müssen. Außerdem bemühe man sich intensiv um neue Investoren, um das Unternehmen nach einer erfolgreichen Sanierung zu verkaufen.

Pekunius las den Brief ein zweites Mal und legte ihn schließlich auf den Schreibtisch. Immer wieder schüttelte er fassungslos den Kopf. Er konnte nicht glauben, dass der Modellbahnhersteller vor dem Aus stand. Es war einfach undenkbar. Der Hersteller war eines jener Unternehmen, die man untrennbar mit dem Wirtschaftswunder in Verbindung brachte. Seit Jahrzehnten stand er für Präzision und bestmögliche Verarbeitung. Sein Ruf war ausgezeichnet, seine Produkte waren qualitativ auf höchstem Niveau – deutsche Ingenieurskunst – und über Jahrzehnte hatte man sie in nahezu jedem Kinderzimmer zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen gefunden. Jeder kannte den Schriftzug der Marke, die wie keine zweite für Modellbahnen in Deutschland stand. Sie gehörte zu Deutschland, sie war ein Stück Deutschland und sie würde immer ein Beispiel deutscher Wertarbeit bleiben, ihr Heimatland in der ganzen Welt repräsentierend. Sollte das Traditionsunternehmen aber nun vom Markt verschwinden, so wäre das eine Zeitenwende in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Das Licht des letzten deutschen Leuchtturms im chinesischen Meer der Spielwarenbranche, zu der man die Modellbahnen rechnete, würde verlöschen.

Gut die Hälfte der Verkaufsverpackungen im Ladengeschäft trug den Schriftzug des insolventen Herstellers. Als Pekunius seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, hatte er plötzlich das Gefühl, als sei er ein Antiquitätenhändler in spe. Wenn der schlimmste Fall eintrat und der Hersteller nicht mehr liefern konnte, weil man die Produktion eingestellt hatte, dann gab es bald auch keine aktuellen Modelle mehr und es blieb nur noch der Ausverkauf der Restbestände. Danach würde mehr als die Hälfte des Umsatzes einfach wegbrechen. Um dem entgegenzuwirken, würde Pekunius bald vor die Alternative gestellt sein, zukünftig nur noch Waren Made in China zu verkaufen oder sein Geschäft zu schließen. Vor allem aber fand er es verwirrend, dass er die Nachricht quasi aus heiterem Himmel erhalten hatte. Natürlich hatte es innerhalb der Branche schon seit Längerem Gerüchte gegeben, doch damit verhielt es sich wie mit Ebbe und Flut. Sie nahmen zu oder ab, je nach allgemeiner oder spezieller Geschäftslage.

Als Pekunius an diesem Abend die Nachrichten im Fernsehen verfolgte, war die Insolvenz des Modellbahnherstellers das Thema des Tages. Aus der Berichterstattung ging hervor, dass zuerst die Händler und Geschäftspartner informiert worden waren, bevor man die Öffentlichkeit durch eine Pressemitteilung in Kenntnis gesetzt hatte. Höchst interessiert vernahm Pekunius, dass der Insolvenzverwalter zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keinerlei verbindliche Aussage über die wirtschaftliche Lage des Herstellers treffen könne, man aber bestrebt sei, alles Menschenmögliche zur Rettung zu unternehmen. Ein Firmensprecher erklärte unterdessen, dass man auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichte, weil der Blick nun nach vorn gerichtet sei, während gleichzeitig die Belegschaft um die restlichen Arbeitsplätze bangte und zitterte.

 

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Die zweite Hälfte des Julis war sehr heiß. Fast täglich kletterte das Thermometer auf über dreißig Grad. Die schwüle Hitze legte sich wie eine schwere Decke über die Stadt und nahm den Menschen den Atem. An den Nachmittagen oder frühen Abenden kam es oft zu Gewittern, die trotz ihrer zuweilen auftretenden Sturmböen von den Menschen mehr ersehnt als gefürchtet wurden. Die Erfrischung, die von den meist heftigen Regengüssen ausging, währte jedoch nicht lange. Vom heißen Asphalt stiegen Dampfschwaden auf und die Einwohner von Kleinstadt hatten das Gefühl, als habe man sie in die Tropen versetzt. Das Atmen fiel schwer und der Schweiß brach ihnen aus allen Poren, sobald sie sich bewegten. Zwischen feuchter Hitze und drückender Schwüle lähmte das Wetter jeglichen Tatendrang. Nur den Kindern, die sich im Schwimmbad vergnügten, schien der heißeste Sommer seit Jahren nichts auszumachen.

Die Geschäfte in der Hauptstraße lagen wie ausgestorben, obwohl die Händler jeden Morgen ihre Pforten für die Kunden öffneten. Kaum jemand kaufte ein, wenn die Besorgungen nicht dringend erforderlich waren. Als die Sommerferien begannen und ein guter Teil der Kleinstädter in den lang ersehnten Urlaub in Gegenden fuhr, wo die Hitze noch größer war, aber klaglos ertragen wurde, weil man schließlich gebucht und bezahlt hatte, erstarb das Leben in der Innenstadt fast vollständig. Außer den Bauarbeitern, die permanent lärmend eine Menge Staub aufwirbelten, zeigte sich fast niemand mehr auf der Straße. Es war Saure-Gurken-Zeit.

Bei Bertha Krämer kaufte Pekunius zwei Kisten Mineralwasser. Als er mit den Getränken in den Händen den Laden verließ, empfing ihn die Hitze wie eine Wand. Zwei Minuten und einhundert Schritte später klebte das Hemd an seinem Körper und der Schweiß rann von der Stirn in seine Augen. Schwer atmend vor Hitze und Anstrengung musste er die Kisten abstellen, damit er sich mit seinem Taschentuch die Augen ausreiben konnte. Er läutete bei „Stier“ und öffnete die Haustür, als er den Summton vernahm. Im Flur, dessen angenehme Kühle er einen Augenblick genoss, stellte er eine Kiste ab, nahm die zweite und stieg die Treppe nach oben.

„Pekunius, mein Junge“, empfing ihn die alte Dame, „heute ist doch erst Freitag.“

„Ja“, bestätigte er, „ich weiß, aber morgen habe ich keine Zeit.“

„Na, denn komm mal rein“, forderte sie ihn auf.

Pekunius brachte die Kiste wie immer in die Küche und ging gleich wieder zur Wohnungstür.

„Bist du in Eile, Pekunius?“, fragte Frau Stier.

„Nein“, antwortete er, „unten im Flur steht noch eine Kiste. Ich hole sie schnell herauf.“

„Noch eine? Aber warum denn zwei? Ich brauche doch immer nur eine.“

„Ja, Frau Stier. Ich bringe Ihnen heute zwei Kisten, weil ich nächsten Samstag nicht da sein werde. Dann haben Sie gleich einen Vorrat für die übernächste Woche. Ich bin gleich wieder zurück.“

Er stieg die Treppe hinunter, holte die zweite Kiste, stieg wieder hinauf und verstaute sie ebenfalls in der Küche. Noch immer klebte sein Hemd am Körper und er spürte die Schweißperlen, die aus seinen Haaren am Hals hinabliefen.

„Ich nehme das Leergut schon mal mit“, bot er an, obwohl in der Kiste zwei Flaschen fehlten.

„Ja, gut, mein Junge“, stimmte Frau Stier zu, „ich habe noch Wasser im Kühlschrank. Du kannst die Flaschen beim nächsten Mal mitnehmen.“

„Brauchen Sie noch etwas?“, fragte er.

„Was meinst du?“, erwiderte sie.

„Soll ich Ihnen noch etwas besorgen? Ich bin nämlich die nächsten beiden Wochen im Urlaub“, erklärte er.

„Ach, im Urlaub? Das ist aber schön, mein Junge.“

Sie lächelte ihn an und nickte.

„Und, brauchen Sie noch etwas?“, fragte er noch einmal.

„Nein, danke, Pekunius“, wehrte sie ab, „ich brauche sonst nichts. Wo fährst du denn hin?“

„In den Schwarzwald, zum Wandern“, antwortete er, „in zwei Wochen bin ich wieder zurück.“

„Wie?“

„In zwei Wochen bin ich wieder zurück“, wiederholte er etwas lauter.

„Ah, gut, mein Junge, ja. Dann erhol dich mal gut.“

Pekunius nahm das Leergut und ging zur Tür.

„Also dann“, verabschiedete er sich, „bis in zwei Wochen.“

„Pass schön auf dich auf“, ermahnte sie ihn.

„Mach ich, Frau Stier, auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, mein Junge.“

Pekunius ging die Treppe hinab und den Flur entlang bis zur Haustür. Bevor er sie öffnete, sah er auf seine Armbanduhr. Es war Viertel vor zwei.

Ich habe keine Eile, dachte er. Es war der letzter Arbeitstag vor seinem Urlaub und deshalb nicht notwendig, nach der Mittagspause sein Geschäft noch einmal zu öffnen. Er konnte ebenso gut seine Betriebsferien sofort beginnen lassen, denn es war leicht möglich, dass bis zum Abend kein Kunde mehr kommen würde. Damit gewann er einen halben Tag für seine Reisevorbereitungen. Etwas Wichtiges gab es noch zu erledigen, doch dafür wollte er zuerst sein Hemd wechseln. Er öffnete die Haustür und trat in die Sonnenglut hinaus. Der Lärm der Pressluftbohrer, die jetzt nur noch dreißig Schritte von seinem Laden entfernt den Straßenbelag malträtierten, bestätigte, dass er durch einen glücklichen Zufall den Termin für seinen Urlaub genau richtig gewählt hatte. In den kommenden vierzehn Tagen würden sich schwere Arbeitsgeräte weiter die Straße hinunterfressen und vermutlich beim Radiogeschäft von Walter Telemann angekommen sein, wenn er selbst aus dem Schwarzwald zurückkehrte.

Pekunius brachte das Leergut in Bertha Krämers Laden und legte ein Pfund Brot, eine Packung Salami und zwei Äpfel in seinen Einkaufskorb. Das genügte vollkommen als Reiseproviant, denn die Bahnfahrt am folgenden Tag würde kaum mehr als vier Stunden in Anspruch nehmen. Als er zwischen den Verkaufsregalen entlang schlenderte, fühlte er sich für einen Augenblick in Günther Zwirns Nähmaschinenladen zurückversetzt. Auch Bertha Krämer füllte Leergewordenes nicht mehr nach und die Lücken brachten Pekunius zu Bewusstsein, dass dies sein letzter Einkauf in dem kleinen Geschäft sein würde. Er blieb stehen und ließ seinen Blick einmal durch den ganzen Laden schweifen. Seine Augen fanden ein ganzes Sammelsurium von Indizien, die auf längst Vergangenes und nach moderner Auffassung nicht mehr Zeitgemäßes hindeuteten: eine Waschmittelwerbung, für die man noch Email statt Hochglanzpapier verwendet hatte, eine Ladenglocke, die von der aufschwingenden Tür angestoßen wurde, eine V-förmige Obstwaage mit einem großen Zeiger und einstellbaren Wiegebereichen, ein Kaugummiautomat, der seine Schätze seit Umstellung von Pfennigen auf Cent nicht mehr preis gab und schließlich der schmiedeeiserne Schirmständer neben der Eingangstür, dessen jahrzehntelange Geschichte von Vergesslichkeit vermutlich mehr als ein Buch gefüllte hätte. Es würde auf ewig sein Geheimnis bleiben, wie viele Schirme in Bertha Krämers Laden im letzten halben Jahrhundert die Besitzer gewechselt hatten.

An der Kasse nahm Pekunius seine Waren aus dem Einkaufskorb. Schweigend tippte Frau Krämer die Preise ein und nannte schließlich die Summe, die Pekunius zu bezahlen hatte. Er hätte die Händlerin gerne gefragt, wie es nun weitergehen würde und ob sie den Laden anderweitig vermieten wollte, doch er spürte, wie schwer es ihr ums Herz war. Sie saß traurig auf ihrem alten Bürostuhl und zählte das Wechselgeld ab. Pekunius nahm es entgegen und verstaute es in seinem Geldbeutel, dann packte er Brot, Salami und Äpfel in seine Einkaufstasche.

„Morgen ist Ihr letzter Tag, nicht wahr?“, fragte er.

Bertha Krämer seufzte und nickte.

„Ja, Herr Kaufmann, morgen ist der Letzte.“

Pekunius wusste nicht, was er erwidern sollte. Er hätte ihr gerne Mut gemacht und erklärt, dass das Leben weiterging, doch die Floskel erschien ihm schal wie altes Bier und er fand keine passenderen Worte.

„Ich werde morgen verreisen“, erklärte er stattdessen, „deshalb komme ich heute zum letzten Mal als Kunde. Wir werden aber doch Nachbarn bleiben, oder?“

„Ich wüsste nicht, wo ich sonst hin sollte“, antwortete sie, „mein ganzes Leben habe ich in diesem Haus verbracht. Ich will nicht mehr umziehen.“

„Na“, sagte er aufmunternd, „bald werden Sie ja mehr Zeit haben. So ein Laden ist doch schon ein rechter Klotz am Bein. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Man hat nie Feierabend und kaum ein freies Wochenende. Vielleicht legen Sie sich ja ein interessantes Hobby zu.“

„Ja, vielleicht“, antwortete Frau Krämer.

Unschlüssig betrachtete Pekunius die traurige Frau, deren Lebensinhalt und wirtschaftliche Existenz mit einem Federstrich der Konzernleitung wegrationalisiert worden war. Vielleicht würde es gelingen, eine Abfindung zu erhalten, doch er bezweifelte, dass Frau Krämer den Elan aufbrachte, dafür zu streiten oder gar vor Gericht zu ziehen.

„Bis bald, Frau Krämer“, verabschiedete er sich, „in zwei Wochen bin ich wieder zurück.“

„Auf Wiedersehen, Herr Kaufmann“, antwortete sie, „schönen Urlaub.“

Pekunius nickte ihr noch einmal lächelnd zu und verließ den Laden. Als sich die Tür hinter ihm schloss und das letzte gedämpfte Bimmeln des Glöckchens verklungen war, seufzte er betrübt. Bertha Krämer hatte sein Lächeln nicht erwidert. Er trat aus dem Schatten ins Sonnenlicht und die grelle Hitze des Tages empfing ihn, als sei er aus einem nostalgischen Damals in die Unbarmherzigkeit der Gegenwart zurückgekehrt.

Fünf Minuten später verstaute er seine Einkäufe im Kühlschrank, ging ins Badezimmer, zog sein durchgeschwitztes Hemd aus, wusch sich mit kaltem Wasser, trocknete sich ab, ging ins Schlafzimmer und nahm ein frisches Hemd aus dem Schrank. Als er es anzog, fühlte er sich gleich wesentlich besser als wenige Minuten zuvor. Er nahm seinen Schlüsselbund, verließ sein Haus und überquerte die Straße.

„Guten Tag, ich hoffe, ich störe nicht“, begrüßte er Frau Schröder und Herrn Wickremesinghe, als er das Kosmetikgeschäft betrat, „haben Sie einen Augenblick Zeit?“

„Sicher, Herr ... äh“, antwortete Frau Schröder.

„Kaufmann“, vollendete Pekunius.

„Genau, Herr Kaufmann“, erwiderte sie.

Sie stand hinter dem Verkaufstresen und sah ihn abwartend an, während Herr Wickremesinghe Pekunius entgegen ging.

„Was können wir für Sie tun?“, fragte er erwartungsvoll.

„Ich habe eine Bitte“, erklärte Pekunius, „ich fahre morgen für zwei Wochen in den Urlaub. Könnten Sie während dieser Zeit hin und wieder einmal nach Ihrer Nachbarin, Frau Stier, sehen?“

Die Angesprochenen sahen sich gegenseitig an, dann wandten sie ihre Blicke wieder Pekunius zu.

„Ich habe Frau Stier gerade Getränke gebracht“, fuhr Pekunius fort, „sie ist also versorgt. Es könnte aber sein, dass sie Hilfe beim Einkaufen benötigt, da Frau Krämer ihren Laden morgen schließt.“

„Wer ist Frau Krämer?“, fragte Frau Schröder.

„Die Lebensmittelhändlerin ein Stück die Straße hinunter“, erläuterte Pekunius, „sie hat morgen zum letzten Mal geöffnet. Deshalb wird Frau Stier ab nächster Woche vermutlich nicht mehr alleine einkaufen können. Die alte Dame ist schon Mitte achtzig und nicht mehr so gut zu Fuß. Es wäre mir wohler, wenn ich wüsste, dass Sie sich ein wenig um sie kümmern, bis ich wieder zurück bin.“

„Hm“, brummte Frau Schröder und zuckte mit den Achseln.

„Meinetwegen“, antwortete Herr Wickremesinghe und zuckte ebenfalls mit den Achseln.

„Ich hoffe, es macht keine allzu großen Umstände“, fügte Pekunius hinzu, „aber ich wäre wirklich beruhigt, wenn ich wüsste, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Es ist ja nur für zwei Wochen und Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen.“

„In Ordnung“, stimmte Herr Wickremesinghe zu, „es ist ja keine große Sache.“

Pekunius trat einen Schritt vor und schüttelte ihm die Hand.

„Danke, das Sie sich um Frau Stier kümmern“, sagte er.

„Nicht der Rede wert“, antwortete der Ceylonese lächelnd.

„Wo soll´s denn hingehen?“, fragte Frau Schröder.

„In den Schwarzwald, zum Wandern.“, erklärte Pekunius.

„Okay“, kommentierte sie gedehnt mit nach oben gezogener Betonung.

Es war offensichtlich, dass der Schwarzwald für sie kein Reiseziel war, an das einen Gedanken zu verschwenden sich lohnte. Außerdem ergaben sich nach ihrer Meinung Berührungspunkte zwischen Wandern und Urlaub erst, wenn man den vierzigsten Geburtstag eindeutig hinter sich gelassen hatte. Pekunius nickte beiden noch einmal zu und verabschiedete sich. Es war Zeit zum Kofferpacken.

 

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Veronica und Pekunius saßen an einem hübsch dekorierten Tisch eines Restaurants, das für seine gute Küche bekannt war. Der Kellner hatte ihnen gebackenen Zander mit Safransauce besonders empfohlen und sie wurden nicht enttäuscht. Das leichte Fischgericht, das man seit Erfindung der Tiefkühltechnik bedenkenlos auch im Sommer genießen konnte, schmeckte ihnen vorzüglich und sie tranken einen badischen Riesling dazu.

„Es gibt doch bestimmt einen Grund für diese Einladung, oder?“, fragte Veronica.

„Ja“, bestätigte Pekunius, „aber es ist keine große Sache. Ich wollte nur den letzten Abend mit dir verbringen.“

„Den letzten Abend?“

Pekunius sah das erschrockene Gesicht Veronicas. Ihre spontane Reaktion ließ ihn schuldbewusst aufschauen. Gleichzeitig freute er sich aber auch, dass seine Ankündigung sie nicht kalt gelassen hatte.

„Ja, für die nächsten zwei Wochen“, beeilte er sich zu sagen, „ich fahre morgen in den Schwarzwald.“

„Oh“, entfuhr es ihr in einer Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung, „du fährst in Urlaub?“

„Ja, ich habe schon im Winter gebucht. Dieses Jahr habe ich mich für den Schwarzwald entschieden. Ich bin noch nie dort gewesen, aber ich glaube, es ist eine schöne Gegend zum Wandern.“

Veronica nickte. Ihre Miene spiegelte ihre gegensätzlichen Gefühle wider und Pekunius lächelte, weil er ahnte, was sie dachte.

„Es ist ja nur für zwei Wochen“, erklärte er.

Er hob sein Weinglas und prostete ihr zu.

„Na dann, schönen Urlaub“, wünschte Veronica und prostete ihm ebenfalls zu, „ich hoffe, du schreibst mir eine Karte.“

„Aber sicher“, versprach Pekunius.

Sie tranken, stellten ihre Gläser wieder ab und aßen schweigend weiter. Pekunius betrachtete Veronicas Hände, ihr Gesicht, ihren Hals und ihr Dekolletee. Ihre Haut war glatt und hatte einen sanftbraunen Teint. Nur um die Augen, die sie mit einem schwarzen Stift und türkisfarbenem Lidschatten geschminkt hatte und um die Mundwinkel zeigten sich kleine Fältchen.

„Was ist?“, fragte sie, als sie seinen Blick bemerkte, „ist mein Lippenstift verschmiert?“

„Entschuldige“, erwiderte Pekunius, dessen Blick damit automatisch auf die burgunderrot geschminkten Lippen gelenkt wurde, „ich wollte dich nicht anstarren. Dein Lippenstift ist einwandfrei.“

„Aber warum schaust du dann so kritisch?“, hakte sie nach.

Pekunius legte sein Besteck auf den Teller, nahm die Servierte und tupfte sich den Mund ab.

„Es ist mir klar geworden, wie wenig ich über dich weiß“, antwortete er.

Veronica neigte den Kopf zur Seite und bedachte Pekunius mit einem zweifelnden Blick.

„Was möchtest du denn gerne wissen?“, fragte sie gespannt.

Pekunius trank einen Schluck Wein und setzte sein Glas behutsam wieder ab. „Alles“ wäre die richtige Antwort gewesen, doch damit hätte er sich zu weit vorgewagt.

„Ich möchte etwas über deine Vorlieben wissen“, erklärte er, „deine Vorlieben als Frau.“

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als ihm die Zweideutigkeit seiner Aussage klar wurde.

„Ich meine, welche Parfüms du bevorzugst“, präzisierte er, „und was du zur Körperpflege benutzt.“

Veronica verharrte mitten in der Bewegung und es war nicht zu übersehen, dass sie überrascht war, in welche Richtung sich ihr Gespräch entwickelte. Pekunius hatte das intensive Gefühl, sich gerade um Kopf und Kragen zu reden.

„Am besten fange ich vorne an“, erläuterte er, bevor es zu einem Missverständnis kommen konnte, „erinnerst du dich an den Tag, als Salmen Horsts Anlage abgeholt hat?“

„Sicher“, antwortete Veronica.

„An diesem Tag“, fuhr Pekunius fort, „habe ich dir Pralinen mitgebracht.“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Nun, das war ein Verlegenheitsgeschenk.“

„Was meinst du damit?“

Pekunius faltete die Hände und stütze die Ellenbogen auf den Tisch. Er beugte sich vor und sah Veronica liebevoll an.

„Eigentlich wollte ich dir etwas anderes mitbringen“, erklärte er, „ich war in dem Kosmetikgeschäft, das Anfang Mai meinem Laden gegenüber eröffnet hat. Es war ein spontaner Einfall. Ich hatte mich an deine müden Beine nach unserer ersten gemeinsamen Wanderung erinnert und wollte dir einen Badezusatz schenken“, er hielt inne und zuckte mit den Achseln, „aber ich muss gestehen, dass ich es nicht geschafft habe. Frau Schröder, die Inhaberin, hat mich gefragt, was für ein Typ du seiest und welche Vorlieben du hast. Ich konnte ihre Fragen nicht beantworten. Meine Aussage, dass du gerne ins Kino gehst, hat uns auch nicht weiter gebracht.“

Während Pekunis´ Erklärung hatten sich Veronicas Züge entspannt und ein Lächeln war auf ihrem Gesicht erschienen. Nun lachte sie auf und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

„Oh, Pekunius!“ sagte sie und legte ihr Besteck auf den Teller.

Sie streckte ihre Hand aus und berührte seine Finger. Pekunius nahm die Ellenbogen vom Tisch, drückte Veronicas Hand einmal sanft und ließ sie wieder los.

„Ich wusste es wirklich nicht“, gab er zu.

„Aber das macht doch nichts“, erwiderte sie, „woher hättest du das auch wissen sollen? Kosmetik ist nun mal ein Frauenthema. Es wundert mich nur, dass dir die Verkäuferin nicht irgendetwas Neutrales gegeben hat.“

Ja, mich auch, dachte Pekunius. Auch er hatte sich gewundert, dass Frau Schröder ihn mir leeren Händen aus ihrem Geschäft hatte gehen lassen.

„Tja, das scheint dort nicht so einfach zu sein“, stellte er fest, „Frau Schröder geht vermutlich sehr viel mehr auf die Individualität ihrer Kunden ein als mir bewusst war. Ich bin in diesen Dingen wirklich ein Laie.“

„Wir können ja einmal gemeinsam in das Geschäft gehen“, schlug sie vor, „dann wirst du sicherlich auch das Eine oder Andere über mich erfahren.“

Ihre Worte verklangen langsam, während Pekunius und Veronica sich in die Augen sahen. Das Ungesagte zwischen ihnen wuchs langsam an und Pekunius erkannte, dass sie nun genau seine selbst gesteckte Grenze erreicht hatten. Er hatte das romantische Abendessen initiiert, aber er hatte sich auch vorgenommen, im Urlaub über sich und Veronica nachzudenken, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Es war wundervoll, sie so vor sich zu sehen, mit diesem Blick und diesen Lippen. Es war aufregend, dieses Knistern zu spüren, das er für sich und sein Alter als nicht mehr möglich erachtet hatte, doch es war auch beängstigend, die Möglichkeit einschließen zu müssen, dass er sich vielleicht irrte. Ihm war heiß und kalt und wieder fühlte er sich in ihrer Gegenwart wie ein Teenager.

„Darf ich abräumen?“, fragte der Kellner.

Pekunius hatte nicht bemerkt, dass der junge Mann an ihren Tisch gekommen war.

„Sicher, danke“, antwortete er und lehnte sich zurück, „es war vorzüglich.“

„Danke“, erwiderte der Kellner und begann, Teller und Bestecke einzusammeln, „darf ich Ihnen die Dessertkarte bringen?“

Pekunius sah Veronica fragend an und sie nickte.

„Ja, bitte“, entschied er.

Der Kellner entfernte sich und Pekunius griff nach seinem Weinglas. Es war eine günstige Gelegenheit, das Thema zu wechseln.

„Was ist mit dir“, fragte er, „fährst du auch in Urlaub?“

„Nein, zumindest nicht jetzt im Sommer“, antwortete sie, „ich wollte auch gar nicht alleine wegfahren. Irgendwie weiß ich selbst noch nicht so recht, wie es weitergehen soll. Im Augenblick ist alles so vage und unbestimmt. Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, endlich meine Freiheit gefunden zu haben, aber auf der anderen Seite weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll. Verstehst du das?“

„Keine Sorge“, beschwichtigte er und lächelte sie an, „das wird sich finden. Du hast doch selbst festgestellt, dass du jetzt Entscheidungen für dich treffen kannst ohne jemand anderen mit einbeziehen zu müssen. Vermutlich ist das im Augenblick noch ungewohnt, aber Übung macht bekanntlich den Meister. Du wirst schon herausfinden, wonach dir der Sinn steht. Ich glaube, das kommt von ganz alleine.“

„Wahrscheinlich hast du recht“, erwiderte sie ohne überzeugt zu wirken, „ich hoffe nur, dass aus der Freiheit am Ende keine Einsamkeit wird.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte er überrascht.

Veronica zuckte mit den Schultern und sah ihn erwartungsvoll an. Pekunius spürte deutlich, dass es die Gelegenheit war, etwas Entscheidendes zu sagen. Er hätte die Entscheidung nur treffen müssen. Sein Vorhaben, sich in seinem Urlaub über sich selbst und seine Beziehung zu Veronica klar zu werden, war richtig und einleuchtend gewesen, doch ganz plötzlich fühlte er sich von der Situation unter Druck gesetzt. Nur allzu gerne hätte er ihre Befürchtungen zerstreut, doch dabei bestand die Gefahr, vielleicht zu viel zu sagen und zuviel preis zu geben. Er wollte keinen Fehler machen und während er noch nach Worten suchte, kam der Kellner und brachte die Dessertkarte.

 

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Um acht Uhr, auf die Minute pünktlich, schlossen sich die Türen des Regionalzuges, der Pekunius nach Großstadt brachte. Dort stieg er eine Stunde später um und fuhr mit dem ICE Richtung Süden. Er teilte sich ein Abteil mit einem älteren Ehepaar, das, wie er ihren Gesprächen entnahm, unterwegs war, um Tochter, Schwiegersohn und Enkel zu besuchen. Als sie das Abteil verließen, um an ihrem Zielbahnhof auszusteigen, bekam Pekunius Gesellschaft von vier jungen Männern. Ihre Kleidung und ihre Ausrüstung – sie führten Rucksäcke mit sich, an denen Seile, Karabinerhaken und Pickel befestigt waren – ließen unschwer darauf schließen, dass es sich um Bergsteiger handelte. Sie grüßten ihn freundlich, schenkten ihm aber keine weitere Beachtung. Nachdem sie ihre Rucksäcke verstaut und sich auf den Sitzen niedergelassen hatten, fachsimpelten sie über ihr Vorhaben, am folgenden Tag eine schwierige Wand in den Alpen zu besteigen. Pekunius hörte ihrem Gespräch eine Weile zu, doch als sie das Thema wechselten und darüber zu diskutieren begannen, wer im folgenden Semester welche Facharbeit zu schreiben habe, wandte er den Kopf, sah aus dem Fenster und ließ seine Gedanken treiben. Der vorherige Abend, den er mit Veronica im Restaurant verbracht hatte, kam ihm als erstes in den Sinn, doch mit der Frage, die ihn am meisten umtrieb, wollte er sich noch nicht auseinandersetzen und so dachte er stattdessen an Günther und Lissi. Drei Monate waren inzwischen vergangen, seit er sie zum letzten Mal gesehen und gesprochen hatte. Nach ihrem Umzug nach Großstadt hatten sie sich nicht bei ihm gemeldet. Er hatte allerdings auch keinen Versuch unternommen, ihre neue Adresse und Telefonnummer ausfindig zu machen. Aus den Augen, aus dem Sinn, dachte er wehmütig und ein wenig schuldbewusst. Es interessierte ihn, ob der Start in ihr neues Leben erfolgreich verlaufen war und er beschloss, nach seinem Urlaub Kontakt mit ihnen aufzunehmen. 

„... Insolvenz des Modellbahnherstellers ...“

Die Worte eines der Mitreisenden drangen an Pekunius´ Ohr. Ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden lauschte er dem Gespräch der vier jungen Männer. Allem Anschein nach waren sie Studenten und diskutierten aktuelle Wirtschaftsfragen.

„... das war doch klar“, fuhr der Sprecher fort, „die Eigentümer waren völlig zerstritten. Deshalb verkauften sie das Unternehmen vor drei Jahren an eine dieser Heuschrecken.“

„Einen Hedgefond?“, fragte einer der anderen.

„Eine britische Beteiligungsgesellschaft“, erklärte der Sprecher weiter, „die hat dann noch eine amerikanische Großbank mit ins Boot geholt. Zuerst wurde die Unternehmensleitung ausgetauscht, dann begann der fröhliche Leichenschmaus. Willkommen in Schlaraffia!“

Pekunius, der mehr als brennend an dem Thema interessiert war, wandte den Kopf dem Sprecher zu.

„Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich in ihr Gespräch einmische“, sagte er, „Sie scheinen über die Hintergründe der Insolvenz Bescheid zu wissen. Was meinen Sie mit Schlaraffia?“

Der Sprecher, ein junger Mann mit blondem Lockenkopf, sah Pekunius mit einem schiefen Grinsen an.

„Schlaraffia“, erklärte er, „steht für zügellose Selbstbedienung. Es ist eine Wortschöpfung aus Schlaraffenland, Raffgier und Mafia.“

„Aha“, erwiderte Pekunius, „und das trifft für den Modellbahnhersteller zu?“

„So ist es“, antwortete der Blondschopf und seine Kollegen nickten, „die neuen Eigentümer hatten eine neue Geschäftsleitung eingesetzt. Das Geld, das die Manager verdient haben, rechnet sich nach Millionen!“

„Das ist nicht ihr Ernst“, widersprach Pekunius zweifelnd.

„Das sind doch nur Peanuts“, erklärte der Blondschopf mit einer wegwerfenden Handbewegung, „den richtig geilen Deal haben sie mit externen Beratern gemacht. Innerhalb von drei Jahren hat der Modellbahnhersteller vierzig Millionen Euro an Unternehmensberater bezahlt, vierzig Millionen! Rechnen Sie dazu noch die exorbitanten Gehälter für die Führungsetage, dann können Sie sehen, wie die einhundert Millionen Euro Schulden zusammenkamen. Das war ein Schlachtfest!“

Pekunius´ Zweifel verwandelten sich in Fassungslosigkeit. Was der junge Mann sagte, nahm ihm schier den Atem und er musste sich erst räuspern, bevor er die nächste Frage stellen konnte.

„Woher wissen Sie das?“

„Einfache Recherche“, antwortete der Blondschopf achselzuckend, „Wirtschaftsnachrichten. Ich schreibe gerade an meiner Hausarbeit über das Thema, wer sich mit Sanierungen saniert. Eines können Sie mir glauben: es sind nicht die Patienten, denen es hinterher besser geht, sondern die Ärzte.“

„Aber ...“, begann Pekunius, doch der Blondschopf schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

„Die Sanierer haben den Modellbahnhersteller ausbluten lassen“, fuhr er fort, „nun haben die Banken den Geldhahn zugedreht und die Insolvenz war die logische Folge. Ein Produktionsstandort in Deutschland wurde bereits geschlossen und ein Viertel der Belegschaft steht sich jetzt beim Arbeitsamt die Beine in den Bauch. Ich schätze, dass man auch den zweiten deutschen Standort schließen wird, um die Produktion nach China zu verlagern. Dann geht zwar auch der Rest der Arbeitsplätze in Deutschland zum Teufel, doch die Leiche kann man wenigstens noch verhökern.“

„Ich verstehe das nicht“, erwiderte Pekunius, „soweit ich weiß, haben die Investoren die Traditionsmarke vor drei Jahren gekauft, um sie zu sanieren. Man wollte doch Geld damit verdienen.“

„Ja und nein“, erklärte der Blondschopf, „sie haben die Marke gekauft, um sich zu sanieren, nicht das Unternehmen. Geld wurde verdient, da können Sie sicher sein. Da werden Tochterunternehmen gegründet, um Geldflüsse umzuleiten und zu verschleiern.“

„Tatsächlich?“

„Klar, man lagert Gelder in Tochterunternehmen aus, die wiederum die Eigentümer der Muttergesellschaft als Berater engagieren und schon sind wieder ein paar Millionen beim Teufel.“

„Aber das müsste man doch verbieten!“, rief Pekunius, der in seiner Aufregung nicht bemerkte, dass seine Stimme lauter geworden war.

„Das ist verboten“, erklärte einer der anderen, „ich schätze, dass auch die Staatsanwaltschaft ein Auge auf die Insolvenz haben wird. Ob man allerdings jemandem Betrug, Untreue oder sonst etwas nachweisen kann, steht in den Sternen. Schließlich verfügen Finanzinvestoren und Banken über ganze Heere von Anwälten.“

Pekunius stutzte. Der letzte Satz kam ihm merkwürdig bekannt vor. Erst kürzlich hatte er mit jemandem gesprochen, der den gleichen Ausdruck verwendet hatte. Er dachte nach und erinnerte sich an Bertha Krämer, die es mit einem Heer von Anwälten beim Lebensmittelkonzern, der ihren Vertrag gekündigt hatte, nicht aufnehmen wollte.

Die Neuigkeiten, die er von seinen Mitreisenden erfahren hatte, beunruhigten Pekunius zutiefst. Allem Anschein nach stand es um den Modelbahnhersteller schlecht oder sogar sehr schlecht. Er konnte nicht einschätzen, ob das Traditionsunternehmen, das sich fast einhundertfünfzig Jahre lang in Familienhand befunden hatte, aus der Krise geführt werden konnte, doch es stand außer Zweifel, dass sein eigenes Schicksal als Händler untrennbar mit dem seines Hauptlieferanten verbunden war. Seine Annahme, dass die Konkurrenz aus Fernost die Ursache für die Insolvenz war, erwies sich nun als Fehleinschätzung, sofern die Darstellung des jungen Mannes der Wahrheit entsprach. Um das zu überprüfen, benötigte er weitere Informationen. Er bedankte sich bei den jungen Männern für das Gespräch und sah stirnrunzelnd aus dem Fenster. Über seine Urlaubsstimmung und die Vorfreude auf den Schwarzwald hatte sich ein grauer Schleier gelegt.

Eine gute Stunde später lief der Zug in den Freiburger Hauptbahnhof ein. Pekunius nahm sein Gepäck, verabschiedete sich von den vier jungen Männern, wünschte ihnen viel Glück bei ihrem, wie er vermutete, nicht ganz ungefährlichen Vorhaben und stieg aus. Vom Bahnhof aus fuhr er mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle im Freiburger Osten und stieg dort in den Bus um, der ihn zu seinem Urlaubsziel brachte.

Die Pension war größer und komfortabler, als Pekunius erwartet hatte. Sie bestand aus zwei Gebäuden und war eher ein kleines Landhotel am Rande eines Schwarzwalddorfes östlich von Freiburg. Das Zimmer war hell, freundlich und sauber und das Kruzifix im „Herrgottswinkel“ verriet, dass er sich im katholischen Süden Deutschlands befand. Pekunius packte seinen Koffer und seinen Rucksack aus und richtete sich ein. Er öffnete die Tür zum Balkon, trat hinaus und blickte über die baumbestandenen Hügel. Ein schmales Tal führte nach Südosten. Es schien nur darauf zu warten, durchwandert zu werden und zufrieden nickend kehrte er in sein Zimmer zurück. Mit seinem Kulturbeutel in der Hand ging er ins Bad, das über eine Dusche, ein Waschbecken und eine Toilette verfügte. Alles war peinlich sauber.

„Herzlichen Dank“, murmelte er, als er an die junge Dame im Reisebüro dachte, die ihm die Pension empfohlen hatte.

Pekunius schloss sein Zimmer ab und ging in die Gaststube im Hauptgebäude. Er fragte die Wirtin, wo er eine Wanderkarte erwerben könne. Zu seiner Überraschung zog sie ein Exemplar aus einem der Regale hinter dem Tresen.

„Sie wollen zu Fuß gehen?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete er über die ungewöhnliche Frage verwirrt.

„Ich frage nur“, erklärte sie und reichte ihm die Karte, „weil wir für die Mountainbiker eigene Karten haben. Das hier ist die offizielle Wanderkarte vom Schwarzwaldverein. Fünf Euro zwanzig, bitte.“

Pekunius bezahlte die Karte und richtete eine weitere Frage an die Wirtin.

„Gibt es hier im Haus einen PC mit Internetanschluss, den ich benutzen kann?“

„Ja, sogar zwei“, erklärte sie, „drüben im Nebengebäude, wo ihr Zimmer ist, im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss.“

„Danke“, erwiderte er und nickte der Wirtin zu.

„Schon recht“, antwortete sie, wobei sie ihres alemannischen Dialektes wegen das „n“ verschluckte und das „ch“ hart und kehlig aussprach.

Im Nebengebäude fand Pekunius beide PCs von etwa zehnjährigen Jungs besetzt, die sich leidenschaftlich Computerspielen hingaben. Da er der Frage, die ihm auf den Nägeln brannte, nicht nachgehen konnte, zog er sich in sein Zimmer zurück. Auf dem Bett breitete er die Wanderkarte aus und suchte den Ort Oberried, in dem er sich gerade befand. Mit dem Finger folgte er dem Tal, das er vom Balkon aus gesehen hatte. Es führte hinauf bis zum Feldberg, der mit fast fünfzehnhundert Metern über Meereshöhe den höchsten Punkt im Schwarzwald markierte. Pekunius überprüfte den Maßstab der Karte und schätzte, dass die Entfernung von der Pension zum Gipfel ungefähr zehn Kilometer Luftlinie betrug. Rechnete man die doppelte Wegstrecke, so ergab sich bereits die erste, schöne Tagestour. Er las die Namen von Bergen und Tälern, Gewässern und Ortschaften. Auf der Karte war ein Dorf namens Himmelreich verzeichnet, an das sich das Höllental anschloss. Er fand ein Hexenloch und einen Teufelsgrund, das Bärental, den Notschrei und einen Berg mit dem Namen Toter Mann. Zu jener Zeit, als diese Namen entstanden waren, musste der Schwarzwald eine furchteinflößende Gegend gewesen sein, dunkel, geheimnisvoll und mit gefährlichen, wilden Tieren bevölkert. Die Vorfreude auf die verschiedenen Wanderungen, die er in den folgenden beiden Wochen unternehmen wollte, ließ Pekunius schmunzeln.

Nach dem Abendessen hatte er mehr Glück. Beide PCs waren frei und erwartungsvoll rief er eine Suchmaschine auf. Er gab den Namen des Modellbahnherstellers und den Begriff „Insolvenz“ ein, was zu mehreren tausend Treffern führte. Schon bei der Übersicht der ersten beiden Seiten erkannte er, dass einige Artikel in großen deutschen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen erschienen waren. Nach und nach klickte er die einzelnen Seiten an. Die Artikel waren ähnlichen Inhalts und bestätigten im Großen und Ganzen, was der junge Mann im Zug berichtet hatte. Mehrmals tauchte die Behauptung auf, die britische Beteiligungsgesellschaft habe von Anfang an im Sinn gehabt, aus dem mittelständischen Unternehmen einen Selbstbedienungsladen zu machen. Die Zahl „vierzig Millionen Euro“ für externe Berater wurde kolportiert und einmal fand er eine Aussage, wonach die Sekretärin des neuen Geschäftsführers fünfundvierzigtausend Euro verdient haben sollte – pro Monat, wohlgemerkt!

Nach einer halben Stunde hatte Pekunius genug. Er wollte die Seite schon schließen, als er auf den Begriff „Staatsanwaltschaft“ stieß. Interessiert folgte er dem Link und fand die Nachricht, dass aufgrund einer Anzeige bereits ein Anfangsverdacht hinsichtlich der Veruntreuung von Geldern bestehe. Man prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren in Gang gesetzt werde. 

Da liegt also der Hase im Pfeffer, dachte Pekunius. Der Bericht in den Nachrichten, den er am Abend jenes Tages verfolgt hatte, an dem er über die Insolvenz durch einen Brief des Herstellers informiert worden war, hatte darauf hingewiesen, dass man auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichten wolle, weil der Blick nach vorn gerichtet sei. Nun entpuppte sich das, was er für eine leere Floskel gehalten hatte, als Mittel zur Verschleierung der Hintergründe.

Willkommen in Schlaraffia!

 

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Vom Gipfel des Feldbergs aus hatte Pekunius einen atemberaubenden Blick über das Land. Im Norden und Osten erstreckten sich die unzähligen Hügel und Täler des Schwarzwaldes, im Westen überblickte er die Rheinebene bis hinüber zu Hängen der Vogesen in Frankreich und im Süden erhoben sich majestätisch die Schweizer Alpen, wo an diesem Sonntag eine Seilschaft aus vier jungen Männern ihr Glück versuchen wollte.

Pekunius war am frühen Morgen mit gepacktem Rucksack und ausgerüstet mit seiner Wanderkarte und seiner Digitalkamera gestartet. Er war dem Tal gefolgt, in das ein Bach in jahrtausendelanger Arbeit sein Bett gegraben hatte, hatte den Ortsteil Zastler und die dahinter liegenden, alpin anmutenden Felswände passiert und war stetig aufwärts gewandert. Innerhalb von vier Stunden hatte er eintausend Höhenmeter überwunden und der Blick, den er nun genoss, belohnte ihn reichlich für diese Anstrengung. Nachdem er mit seiner Kamera einige Aufnahmen gemacht hatte, nahm er sein Mittagessen ein, belegte Brote und den obligatorischen Pfefferminztee, und setzte seinen Weg fort. Eine Weile wanderte er auf dem Höhenzug in der Sonne, bevor er wieder in den dunklen und angenehm kühlen Wald eintauchte, in dem der Höhe wegen fast ausschließlich Nadelbäume standen. Aus der Ferne betrachtet konnten sie in ihrer Undurchdringlichkeit fast schwarz erscheinen, was dem Wald vermutlich seinen Namen eingebracht hatte. Der breite Forstweg ermöglichte ein angenehmes Gehen und da Pekunius nicht ständig konzentriert auf einen sicheren Schritt achten musste, sperrte er sich nicht länger gegen den Gedanken an Veronica. Es wäre ihm lieb gewesen, sie an seiner Seite zu haben und er spürte eine leise Sehnsucht nach ihr. Das bittersüße Gefühl ließ ihr Bild in seinen Gedanken erscheinen. Er hatte sich vorgenommen, eine Antwort zu finden und so löste er sich von allem Bekannten und Vertrauten. In der friedvollen Atmosphäre des Waldes weitete sich seine Seele. Er liebte Veronica, daran bestand kein Zweifel. Wenn er in ihrer Nähe war, fühlte er sich beschwingt. Wenn sie ihn ins Vertrauen zog und sich um Hilfe bittend an ihn wandte, erwachte der Mann in ihm, der sie beschützen wollte. Wenn sie zusammen wanderten und dabei über Wichtiges und Nichtiges philosophierten, dann hatte er das Gefühl, als sei er ganz, vollständig und angekommen. Erst die Abwesenheit von Veronica machte ihm bewusst, dass ihm etwas fehlte, was er zuvor selten vermisst hatte. Durch das Zusammensein mit ihr hatte sich ihm ein neues Land erschlossen, ein neuer Kontinent, eine neue Welt. Sein Herz schlug kräftiger, wenn sie sich bei ihm einhakte. Es wurde wärmer, wenn er sie ansah und sie mit einem Lächeln antwortete. Er wollte sie bei sich haben, er wollte sie in seine Arme nehmen, er wollte über sie wachen, wenn sie schlief und er wollte sie von Horst befreien!

Der Gedanke an seinen Vereinskollegen war wie das schrille Klingeln eines alten Telefons. Der erhobene Zeigefinger seines moralischen Weltbildes deutete auf die selbst gesteckte Grenze. Veronica war die Frau eines anderen Mannes, noch dazu von jemandem, mit dem er persönlich bekannt war. Wenn er eine feste Beziehung mit ihr begann, hinterging er Horst, doch wenn er ihn zuvor in Kenntnis setzte, erniedrigte er sich selbst, weil er damit quasi um Erlaubnis bat. Er fühlte sich plötzlich beengt. Der Gedanke an Veronicas Mann hatte eine Mauer errichtet, die etwas einzwängte, was nach Ausdehnung rief. Allein Horst war dafür verantwortlich, dass Pekunius sich mit einem Mal wie in einem Gefängnis fühlte.

„Was für ein dämlicher Gedanke“, sagte er leise zu sich selbst.

Er blieb unvermittelt stehen und schüttelte den Kopf. Es war Unsinn, Horst dafür verantwortlich zu machen. Er, Pekunius, er ganz allein musste den Mut haben, nicht nur eine Entscheidung zu treffen, sondern auch dazu zu stehen. Nicht Horst engte ihn ein, sondern er sich selbst. Es gab keinen Grund, auf Horst Rücksicht zu nehmen. Veronicas Mann hatte sich längst für eine andere Frau entschieden und wohnte bei ihr. Die Ehe mit Veronica war nur noch eine Formalie mit begrenzter Haltbarkeit. Dass Horst noch immer einen großen Raum in ihren Gedanken einnahm, war in der Situation unvermeidlich, doch er, Pekunius, war Manns genug, ihn nahezu vollständig zu vertreiben. Wenn er sich Veronica erklärte und sie „ja“ sagte, dann würde auch sie sich im Lauf der Zeit von dieser Fessel befreien. Er musste es nur wagen – und er würde es tun!

Pekunius nahm seinen Schritt wieder auf. Er hatte soeben eine Entscheidung getroffen und hätte sich rundum glücklich fühlen sollen, doch merkwürdigerweise stellte sich dieses Gefühl nicht ein. Es schien, als habe sich die Mauer aufgelöst und dennoch spürte er deutlich, dass er noch nicht zu der erhofften Freiheit gelangt war. Ein diffuses Unwohlsein begleitete seinen Entschluss wie das schlechte Gewissen eine Lüge. Er blieb erneut stehen und sah sich um. Nichts regte sich. Es war still, abgesehen vom vereinzelten Zwitschern eines Vogels. Pekunius lauschte der Stille und als das entfernte Hämmern eines Spechts an sein Ohr drang, war es, als ob jemand „Achtung!“ geflüstert hätte. Er wagte kaum zu atmen und wartete. Etwas, von dem er noch nicht wusste, was es war, stand unmittelbar bevor. Das Gefühl war überdeutlich. Mit offenen Augen und Ohren und an nichts Bestimmtes denkend verharrte er reglos. In diesem Augenblick traf ihn die Erkenntnis. Sie war zugleich heiß und kalt, anziehend und abstoßend und sie war gleißend hell. Es war der Widerstreit zwischen völliger Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber und seiner Angst. Erst seine Offenheit erlaubte ihm, das Gefühl wahrzunehmen, das die Erklärung für sein zuvor empfundenes Unwohlsein lieferte. Seine Annahme, dass seine moralischen Bedenken die Schwierigkeit gewesen waren, die zu überwinden er sich entschlossen hatte, war schlicht falsch. Deshalb hatte sein Entschluss auch nicht zu dem erwarteten Hochgefühl geführt. Der wahre Grund, das wahre Hindernis, war seine Angst. Er fürchtete sich davor, von Veronica eine abschlägige Antwort erhalten zu können.

„Ja, genau!“

Pekunius sprach die Worte laut aus. Er richtete sie an die Fichten rechts und links des Weges, die schweigend seinem Eingeständnis lauschten. Den wundervollen Traum von Veronica und ihm konnte er träumen, solange er wollte und doch würde er stets nur ein Traum bleiben. Um ihn real werden zu lassen, musste er die Gretchenfrage stellen. Das war ihm die ganze Zeit klar gewesen. Dass er die Vermeidung der Frage an Veronica jedoch mit seiner moralisch bedingten Zurückhaltung begründet hatte, war eine Ausrede sich selbst gegenüber gewesen. In Wirklichkeit fürchtete er sich vor einer Zurückweisung, vor dem Beschämtsein und dem unwiderruflichen Zerplatzen seines Traums.

Seiner Angst in die Augen zu schauen, erfüllte Pekunius mit einer tiefen Befriedigung, auch wenn ihm dies widersinnig erschien. Das Sehen der Wahrheit, das Erlangen der Erkenntnis und das sich Stellen führten endlich zu der erhofften Freiheit und dem Mut, den er brauchte, um seine Angst zu überwinden. Natürlich konnte sich Veronica für oder gegen ihn entscheiden. Eine Absage, wie schmerzlich sie auch sein mochte, war dennoch besser als ein Leben lang über die Frage zu sinnieren, wie wohl ihre Antwort ausgefallen wäre, wenn er sie gefragt hätte. Seine Verliebtheit hatte ihn in Watte gepackt. Es war nur allzu menschlich, dieses Warme, Weiche und Kuschelige nicht verlieren zu wollen. Sich dieser Schwäche aber endlos lange hinzugeben, nur weil er sich vor dem letzten Schritt fürchtete ohne sich indessen diese Furcht einzugestehen, war ganz und gar inakzeptabel.

Pekunius kehrte in das Hier und Jetzt zurück. Er stand auf einem Waldweg und hörte das Zwitschern eines Vogels. Aus der Ferne drang das Hämmern des Spechts an sein Ohr. Für einen unbestimmbar langen Augenblick war er der Welt entrückt gewesen. Jetzt war das Hämmern lauter, das Zwitschern fröhlicher und der Geruch des Waldes nach Erde und Harz begrüßte ihn wie einen Ankommenden. Die Sonne stand noch hoch am Himmel und als Pekunius seine Wanderung fortsetzte, begann wieder das irisierende Farbenspiel zwischen Licht und Schatten. Die Leichtigkeit seines Schrittes ließ ihn kaum den Boden unter den Füßen spüren. Ihm war nicht nach Singen oder Pfeifen zumute, doch das Lächeln, das seiner heiteren Gelassenheit entsprang, ließ sein Gesicht leuchten.

 

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Der Bahnhof von Kirchzarten, dem Nachbarort von Oberried im Schwarzwald, hätte gut als Vorlage für einen Modellbausatz dienen können. Das Gebäude, das aus drei Teilen bestand und an das sich eine kleine Lagerhalle anschloss, war aus Backsteinen errichtet worden. Pekunius gefiel vor allem das obere Stockwerk, das mit für den Schwarzwald typischen Holzschindeln verkleidet war. Wind und Wetter hatten die Farbe der Schindeln verwittern lassen, doch das tat dem heimeligen Erscheinungsbild keinen Abbruch. Die dunkelbraunen, hölzernen Verzierungen, die man auch häufig an Bauernhäusern in der Gegend fand, unterstrichen das Verspielte des Gebäudes ebenso wie das kleine, steile Schopfwalmdach auf dem linken Teil des Bahnhofs. Von der Bushaltestelle gegenüber aus fotografierte Pekunius das Gebäude, bevor er sich in den Wartesaal begab.

Das dunkle, glänzende Holz der alten Bänke war durch die fortwährende Benutzung im Lauf vieler Jahre blank gewetzt. Die Wände waren nicht vergilbt und verrieten, dass die letzte Renovierung noch nicht allzu lange zurück lag, doch die mit eingeritzten Herzen und Initialen versehenen Bänke schienen ebenso alt zu sein wie die Eingangstür mit ihren schmiedeeisernen Beschlägen. An den Wänden zwischen den Rundbögen der Fenster hatte man Bilder lokaler Nachwuchskünstler aufgehängt und über der Tür zum Bahnsteig hing eine Blumengirlande. Der ausgetretene, unebene Holzdielenboden mochte wohl schon Generationen von Reisenden ertragen haben und verlieh zusammen mit der übrigen Einrichtung dem Raum etwas für einen Wartesaal untypisch Heimeliges. Bevor sich Pekunius jedoch von der nostalgischen Stimmung gefangen nehmen lassen konnte, hörte er bereits das Einfahren des Zuges in den Bahnhof, das durch das Quietschen der Bremsen signalisiert wurde. Er verließ den Wartesaal und trat auf den Bahnsteig hinaus, wo die Türen der Waggons bereits geöffnet waren. Zusammen mit einer Handvoll anderer Fahrgäste stieg Pekunius ein und suchte sich einen Sitzplatz am Fenster. Eine Minute später setzte sich die Regionalbahn, die den Namen „Höllentalbahn“ trug, in Bewegung.

Schon nach wenigen Minuten erkannte Pekunius, warum die Strecke zu einer der steilsten Deutschlands zählte. Im Höllental betrug die Steigung fünfeinhalb Prozent und war deshalb bis zu den Dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nur mit einer Zahnradbahn befahrbar. Auf einer Streckenlänge von nur fünfzehn Kilometern überwand die Bahn fünfhundert Höhenmeter, durchfuhr sieben Tunnels und überquerte die Ravennaschlucht auf einem vierzig Meter hohen Viadukt. Nach etwa zwanzig Minuten hatte die Bahn den Scheitelpunkt der Strecke erreicht. Pekunius befand sich nun fast neunhundert Meter über Meeresniveau und während er aus dem Fenster sah, entdeckte er die eindrucksvolle Adlerschanze bei Hinterzarten, von deren höchstem Punkt aus sich sommers und winters die mutigen Skispringer in die Tiefe stürzten, um mehr als einhundert Meter weit zu fliegen.

Wenige Minuten später lief die Höllentalbahn in Titisee ein. Pekunius stieg aus und kaufte am Bahnhofskiosk eine Ansichtskarte samt Briefmarke. Er schlenderte durch den Ort und suchte schließlich ein Cafe am Ufer des Titisees auf. Von der Terrasse hatte man einen herrlichen Blick über das dunkelblaue Gewässer. Das jenseitige Ufer ging fast unmittelbar in einen bewaldeten Hang über, der sich bis zu einem Gipfel hinaufzog, auf dem ein Aussichtsturm thronte. Pekunius hatte seine Wanderkarte an diesem Tag nicht dabei, doch er war sicher, dass er diesen Turm wenige Tage zuvor aus der Nähe gesehen hatte. Als die Bedienung kam und er eine Tasse Kaffee und ein Stück Käsekuchen bestellte, fragte er nach dem Namen des Berges.

„Das ist der Feldberg“, erklärte sie, „das Höchste im Schwarzwald.“

Es war jener Berg, von dessen Gipfel er bis nach Frankreich und in die Schweiz gesehen hatte. Beim Abstieg hinunter zu seiner Pension in Oberried hatte er die Erkenntnis erlangt, die, wie er hoffte, sein Leben verändern würde. Er zog die Ansichtskarte und einen Kugelschreiber aus seiner Jacke. Nach einem Augenblick der Besinnung schrieb er einen kurzen Gruß.

 

Liebe Veronica,

der Schwarzwald ist wirklich eine herrliche Gegend, um Urlaub zu machen, auch wenn ich es schade finde, ohne Dich zu wandern.

Viele liebe Grüße und bis bald

Pekunius

 

Er adressierte die Karte und steckte seinen Stift wieder ein. Die Grußbotschaft an Veronica enthielt alles, was ihm in diesem Augenblick wichtig war. Es gefiel ihm ausgezeichnet, im Schwarzwald Urlaub zu machen. Die Berge waren höher, der Fernblick weiter und der harzige Geruch des Waldes intensiver als in der Umgebung von Kleinstadt. Die Fahrt mit der Höllentalbahn hatte das Herz des Modellbahners höher schlagen lassen und das Sitzen am Ufer des Titisees, wo die Luft selbst an diesem warmen Sommertag klar und rein war, verleitete zum Träumen.

Veronica könnte jetzt neben mir sitzen, dachte er, auch ihr würde es hier gefallen. Sie könnten sogar ein Tretboot mieten, auf den See hinaus fahren und später einem Souvenirladen einen Besuch abstatten.

„Ein Kaffee, ein Käsekuchen.“

Die Bedienung stellte Teller und Tasse auf den Tisch. Pekunius bezahlte und rundete den Rechnungsbetrag nach oben auf. Er wusste, dass Bedienungen nur einen sehr geringen Stundenlohn erhielten, weil ihre Arbeitgeber immer die möglichen Trinkgelder einkalkulierten. Die fünf Euro, die er ihr gegeben hatte, beinhalteten nicht nur Kaffee, Kuchen und Trinkgeld, sondern auch den Panoramablick über den See und die gesundheitsfördernde Lage des Luftkurortes, der bei Touristen aus der ganzen Welt beliebt war, wie ein Blick über die gut gefüllte Terrasse unschwer erkennen ließ.

 

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Während der letzten Tage seines Urlaubs befiel Pekunius eine zunehmende Unruhe, für die er keine Erklärung hatte. Zuerst hielt er sie für Lampenfieber, eine Art banger Vorfreude auf das Wiedersehen mit Veronica, doch mehr und mehr beschlich ihn das Gefühl eines drohenden Unheils wie bei einem heraufziehenden Gewitter. Jeden Tag legte er unzählige Kilometer bei seinen Wanderungen zurück, ohne dass er umknickte oder stürzte. Er besuchte einen Bergwildpark, der neben Tiergehegen mit Hirschen und Rehen, Steinböcken und Gemsen, Wildschweinen, Waschbären und Luchsen als besondere Attraktion die längste Seilbrücke der Welt anpries. Auf einer Länge von über zweihundert Metern führte sie in dreißig Metern Höhe über den Talgrund. Die Information sicherte zu, dass die beiden fast zehn Zentimeter dicken und jeweils zwölf Tonnen schweren Tragseile darauf ausgelegt seien, problemlos mehr als eintausend Personen gleichzeitig halten zu können. Pekunius überquerte die Brücke ohne Zwischenfall.

Es gab nichts, was zur Besorgnis Anlass geboten hätte. Er fühlte sich gut erholt, gesund und kräftig. Von einem Regentag abgesehen war das Wetter durchweg freundlich und warm gewesen. Seine täglichen Wanderungen hatten ihn kreuz und quer durch den südlichen Hochschwarzwald geführt, während seine Gedanken meist bei Veronica gewesen waren. Am Abreisetag, es war ein Samstag, fiel ihm das Gespräch wieder ein, das er im Zug mit den jungen Männern über die Insolvenz des Modellbahnherstellers geführt hatte und er fragte sich, ob dies das Damoklesschwert sei, das er über seinem Haupt wähnte. Während der Zugfahrt von Freiburg nach Kleinstadt dachte er darüber nach, kam zu keinem Ergebnis und fragte sich am Ende, ob sein ungutes Gefühl nicht einfach grundlos sei und lediglich seiner Einbildung entsprang.

Es war später Nachmittag, als er die Tür aufschloss und seine Wohnung betrat. Er stellte Koffer und Rucksack ab, zog die Rollläden auf und öffnete die Fenster. Bevor er ans Auspacken ging, versorgte er zuerst seine Zimmerpflanzen und gab ihnen reichlich Wasser. Allem Anschein nach hatten sie seine Abwesenheit unbeschadet überstanden. Anschließend leerte er den Briefkasten, fand aber neben einer Menge Werbung lediglich zwei an ihn persönlich adressierte Briefe. Es waren Rechnungen, aber keine Hiobsbotschaften. Unschlüssig stand Pekunius im Wohnzimmer und betrachtete seinen Koffer, der darauf wartete, ausgepackt zu werden. Alles schien in bester Ordnung zu sein. Bevor er das Haus betreten hatte, war er zuerst zum Schaufenster gegangen, hatte einen Blick in sein Ladengeschäft geworfen und alles so vorgefunden, wie er es verlassen hatte. Keine Einbrecher hatten ihm einen unliebsamen Besuch abgestattet und kein Wasserrohr war gebrochen. Auch Strom und Telefon funktionierten einwandfrei. Er wandte sich ab, ging zum Fenster und sah hinaus. Der Straßenbautrupp war in den vergangenen zwei Wochen an seinem Haus vorübergezogen, wie Pekunius es erwartet hatte. Auf der anderen Straßenseite las er die noch immer ungewohnte Aufschrift auf dem Schild über dem Schaufenster des Kosmetikladens. Die Fensterläden im ersten Obergeschoss, wo Frau Stier wohnte, waren geschlossen. Pekunius entschied, der alten Dame einen kurzen Besuch abzustatten, um sich aus dem Urlaub zurückzumelden. Kurzentschlossen verließ er sein Haus und überquerte die Straße. Er klingelte, wartete, klingelte erneut, wartete wieder und klingelte schließlich zum dritten Mal. Als die Tür nicht geöffnet wurde, wandte er sich ab und wollte im Kosmetikgeschäft nachfragen, doch der Laden war seit sechzehn Uhr geschlossen. Er ging zur Haustür zurück und läutete bei Schröder/Wickremesinghe, die neben Frau Stier wohnten. Als der Türsummer ertönte, betrat Pekunius das Haus und ging die Treppe hinauf zum Obergeschoss.

„Guten Tag, Herr Kaufmann“, begrüßte ihn Wickremesinghe, „wie ich sehe, sind Sie wieder aus dem Urlaub zurück.“

„Ja“, erwiderte Pekunius, „ich möchte Sie auch nicht lange stören. Ich habe bei Frau Stier geklingelt, doch sie scheint nicht zuhause zu sein.“

Das Lächeln im Gesicht des Ceylonesen wich einem nachdenklichen Ausdruck.

„Ich weiß es nicht“, erklärte er achselzuckend, „ich habe sie auch schon eine Weile nicht mehr gesehen.“

Das Gefühl drohenden Unheils wurde plötzlich intensiver. Pekunius spürte, wie sein Nacken heiß wurde.

„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“, fragte er angespannt.

„Ich ... äh ... ich weiß es nicht“, antwortete Wickremesinghe.

Pekunius ging zur Wohnungstür von Frau Stier und klopfte mit den Fingerknöcheln dagegen.

„Frau Stier“, rief er, „sind Sie zuhause?“

Er legte sein Ohr gegen die Tür und lauschte. Aus der Wohnung war nichts zu hören.

„Frau Stier“, rief er noch einmal, „hallo, Frau Stier, sind Sie da?“

In der Wohnung rührte sich nichts. Vielleicht war Frau Stier tatsächlich nicht zuhause, vielleicht war sie einkaufen oder bei jemandem zu Besuch. Die Möglichkeiten gingen Pekunius durch den Kopf – sie klangen allesamt logisch und plausibel – aber seine Intuition sagte ihm, dass dem nicht so war. Seine Unruhe nahm zu und er traf eine Entscheidung.

„Rufen Sie die Polizei“, forderte er, „schnell.“

„Aber warum?“, fragte Wickremesinghe.

„Weil Frau Stier vielleicht Hilfe benötigt!“

„Sind Sie sicher?“

„Nein, ich bin nicht sicher“, drängte Pekunius, „aber ich möchte sicher gehen.“

Wickremesinghe zog sein Handy aus der Hosentasche und reichte es Pekunius, der sofort den Notruf wählte.

„Mein Name ist Pekunius Kaufmann“, stellte er sich vor, nachdem sich die Stimme aus der Notrufzentrale gemeldet hatte, „ich stehe vor der Tür meiner Nachbarin in der Hauptstraße Nummer zehn, Frau Stier. Ich fürchte, der alten Dame ist etwas zugestoßen. Ich habe geklopft und geklingelt, doch sie öffnet nicht. Bitte schicken Sie jemanden, der die Tür öffnet. Ich mache mir große Sorgen.“

„Wir schicken Ihnen einen Einsatzwagen“, antwortete die Stimme.

„Danke“, erwiderte Pekunius knapp und drückte auf die Unterbrechertaste.

Er gab Wickremesinghe das Handy zurück, betrachtete ihn einen Moment schweigend und lief schließlich wortlos die Treppe hinunter. Voll banger Vorahnung öffnete er die Haustür und blieb im Türrahmen stehen, damit sie nicht wieder zufiel. Eine Minute später hörte er das Martinshorn. Mit eingeschaltetem Blaulicht fuhr das Einsatzfahrzeug soweit es die Baustelle zuließ an das Haus heran und hielt schließlich, als Pekunius winkend auf sich aufmerksam machte. Zwei Polizeibeamte, ein Mann und eine Frau, stiegen aus und liefen auf ihn zu.

„Guten Tag“, sagte Pekunius, „ich hoffe, ich habe Sie nicht umsonst gerufen, aber ich mache mir wirklich große Sorgen.“

„Was können wir für Sie tun?“, fragte die Beamtin.

„Ich fürchte, meiner Nachbarin ist etwas zugestoßen“, erklärte er, „sie ist schon fünfundachtzig und man hat sie seit Tagen nicht mehr gesehen.“

„Vielleicht ist sie verreist“, mutmaßte der Beamte.

„Nein, bestimmt nicht“, antwortete Pekunius, „können Sie die Tür öffnen, damit wir nachsehen können?“

„Ich rufe den Schlüsseldienst“, erklärte der Beamte und griff nach seinem Funkgerät.

„Wo ist die Wohnung der Frau?“, fragte die Polizistin.

„Im ersten Stock“, antwortete Pekunius, „kommen Sie, ich zeige es Ihnen. Ihr Kollege sollte nur aufpassen, dass die Tür nicht zufällt.“

Sie warteten, bis der Beamte seinen Funkspruch beendet hatte, baten ihn, auf die Tür zu achten und liefen die Treppe hinauf. Als sie im Obergeschoss ankamen, war von Wickremesinghe nichts mehr zu sehen. Seine Wohnungstür war geschlossen. Pekunius läutete bei Frau Stier und klopfte gegen die Tür.

„Frau Stier“, rief er, „können Sie mich hören?“

Wiederum legte er sein Ohr an die Tür, doch von drinnen war nichts zu vernehmen. Die Beamtin trat neben ihn und klopfte ebenfalls.

„Frau Stier, hier ist die Polizei. Bitte öffnen Sie die Tür.“

Pekunius sah die Polizistin an. Kein Laut drang aus der Wohnung und seine Nervosität nahm zu.

„Wann haben sie Frau Stier zum letzten Mal gesehen?“, fragte die Beamtin.

„Vor zwei Wochen“, antwortete er, „ich war bei ihr und habe ihr gesagt, dass ich in Urlaub fahre. Ich bin erst heute Nachmittag zurückgekehrt.“

„Warum glauben Sie, dass ihr etwas zugestoßen ist? Sie könnte doch auch beim Frisör sein oder einkaufen.“

Pekunius schüttelte ungeduldig den Kopf.

„Ich habe mit Herrn Wickremesinghe gesprochen. Er wohnt hier nebenan. Auch er hat sie seit Tagen nicht mehr gesehen.“

Die Minuten verrannen langsam bis im Treppenhaus endlich gedämpfte Stimmen und das Geräusch von Schritten zu hören waren. Der zweite Polizeibeamte kam die Treppe herauf. Ein Mann mittleren Alters in einem grauen Arbeitsmantel begleitete ihn. In der Hand trug er einen kleinen Koffer, den er neben der Tür von Frau Stiers Wohnung abstellte.

„Hier?“, fragte er.

„Ja“, bestätigte Pekunius.

„Ist die Tür abgeschlossen oder nur zugezogen?“

„Das weiß ich nicht.“

Der Mann vom Schlüsseldienst besah sich kurz das Schloss, öffnete seinen Koffer und entnahm ihm ein Werkzeug, das aus einem mehrfach gebogenen Draht angefertigt war. Er führte es in den Spalt zwischen Tür und Rahmen, bewegte es einige Male auf und ab und stieß schließlich die Tür an, die sich langsam öffnete. Der Vorgang hatte nur wenige Sekunden gedauert. Während der Experte sein Werkzeuge wieder einräumte, betrat die Beamtin die Wohnung.

„Frau Stier“, sagte sie laut, „sind sie zuhause?“

Pekunius wollte ihr folgen, doch der zweite Beamte hielt ihn zurück.

„Wir müssen zuerst überprüfen, ob die Wohnung sicher ist“, erklärte er.

Pekunius verkniff sich die Frage, was an Frau Stiers Wohnung unsicher sein könnte und wartete mit angehaltenem Atem. Nur mit Mühe widerstand er dem Drang, ihnen zu folgen, während die Beamten die Türen zu den einzelnen Zimmern öffneten.

„Hier!“, rief die Polizistin plötzlich.

Ihre Stimme kam aus dem Schlafzimmer. Pekunius hielt es nicht länger im Treppenhaus. Er durchquerte den Flur und folgte dem zweiten Beamten ins Schlafzimmer. Der Raum wurde durch das wenige Licht, das durch die Ritzen in den Rollläden drang, nur spärlich erhellt. Die Luft war stickig und übel riechend, verbraucht und abgestanden.

„Sie lebt“, stellte die Beamtin fest, „ruf den Notarzt.“

Pekunius schob sich an dem Polizisten vorbei, der bereits sein Funkgerät in der Hand hielt. Seine Kollegin stand über das Bett gebeugt und hatte ihre Fingerspitzen am Hals von Frau Stier, um den Puls zu ertasten. Pekunius glaubte, sein Herz müsse einen Schlag aussetzen, als er die alte Dame sah. Sie lag halb zugedeckt auf dem Rücken. Ihr Gesicht war bleich und eingefallen, die Augen waren nur einen Spalt geöffnet, sodass man die Pupillen nicht erkennen konnte und unter dem dünnen Stoff ihres Nachthemdes traten die Schlüsselbeine hervor.

„Frau Stier“, flüsterte er heiser.

Er lief schnell zum Fenster, zog die Rollläden hoch und öffnete beide Flügel, um frische Luft ins Schlafzimmer zu lassen. Die plötzliche Helligkeit wirkte wie ein Blitzlicht, das alle Konturen schärfer hervortreten ließ. Pekunius lief zum Bett und setzte sich auf den Rand. Die Stimme des Polizeibeamten, der den Notarzt verständigte, drang vage an sein Ohr. Behutsam griff er nach Frau Stiers Hand, die nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Sie war trocken und kühl. Auch Elle und Speiche des Unterarms traten unter der dünnen, faltigen, pergamentartigen Haut deutlich hervor.

„Frau Stier“, flüsterte er noch einmal, während er sorgenvoll beobachtete, wie wenig sich ihr Brustkorb hob und senkte.

Die alte Dame atmete geräuschlos, reagierte aber weder auf seine Ansprache noch auf einen sanften Händedruck. Pekunius wusste nicht, ob sie überhaupt etwas wahrnahm. Er sah auf und begegnete den Blicken der beiden Polizisten. Weder sie noch er konnten etwas unternehmen.

„Ich gehe nach unten“, erklärte der Beamte, „und weise den Notarzt ein, wenn er kommt.“

„Okay“, antwortete seine Kollegin.

Der Polizist verließ das Schlafzimmer und seine Schritte verhallten im Flur. Pekunius hielt noch immer die Hand von Frau Stier und sprach leise auf sie ein.

„Alles wird gut. Der Arzt kommt gleich. Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird wieder gut.“

Die alte Dame reagierte nicht. Im hellen Licht des Tages sah sie noch zerbrechlicher aus. Selbst die Rippen zeichneten sich unter dem Stoff des Nachthemdes ab. Ein strenger, fast beißender Geruch ging von ihr aus. Vermutlich hatte sie sich seit Tagen nicht mehr gewaschen. Vielleicht hatte sie sogar seit Tagen das Bett nicht mehr verlassen und Pekunius musste mit Macht dem Drang widerstehen hastig aufzuspringen, weil ihm zu Bewusstsein kam, was er unter der Bettdecke vorfinden würde, wenn er sie anhob.

Sie ist so dünn, dachte er, sie ist viel zu dünn. Frau Stier war eine schmächtige Person, doch er hatte sie nicht so ausgezehrt in Erinnerung. Ihre Wangen waren eingefallen, ihre blutleeren Lippen waren bleich und ihr dünnes, graues Harr klebte strähnig an ihrem Schädel. Sie hatte mehr Ähnlichkeit mit einer Mumie als mit einem lebenden Menschen.

„Sie haben richtig reagiert.“

Überrascht sah Pekunius auf. Die Beamtin lächelte ihn an und nickte ihm aufmunternd zu.

„Sie haben richtig reagiert“, sagte sie noch einmal, „sie haben doch den Notruf abgesetzt, oder?“

Pekunius konnte sich kaum auf ihre Frage und eine mögliche Antwort konzentrieren. Seine Gedanken führten zu einer Selbstanklage. Er wusste, dass er schuldlos war. Er hatte Frau Stier vorsorglich zwei Kisten Mineralwasser gebracht und Herrn Wickremesinghe und Frau Schröder gebeten, nach der alten Dame zu sehen, während er im Urlaub war. Er hatte sich nach seiner Rückkehr sofort bei ihr melden wollen und die Polizei verständigt, weil er einen Notfall vermutet hatte. Er hatte sich nichts vorzuwerfen und trotzdem fühlte er sich schuldig. In seinen Gedanken konnte er sich freisprechen, doch das bittere Gefühl blieb.

Durch das Fenster drang das näherkommende Sirenengeheul zweier Fahrzeuge, das abrupt endete. Autotüren wurden zugeschlagen und wenige Augenblicke später hörte Pekunius polternde Schritte. Eine Notärztin, gefolgt von zwei Rettungsassistenten und dem zweiten Polizeibeamten, kam ins Schlafzimmer. Die Polizistin trat zur Seite und Pekunius erhob sich. Er ging drei Schritte zurück, um den Helfern nicht im Weg zu sein. Mit banger Hoffnung lauschte er der Stimme der Notärztin, die bereits mit der Untersuchung der Patientin begonnen hatte.

„... Puls schwach, aber regelmäßig ... Atmung schwach ... Pupillenreaktion normal ... keine sichtbaren Verletzungen ... Körper stark unterernährt und dehydriert ...“

Weitere Worte wurden gesprochen und erste Maßnahmen wurden getroffen, um das Leben von Frau Stier zu retten. Die Notärztin verabreichte eine Spritze und legte eine Infusion, während die Rettungsassistenten eine Trage aus ihrem Wagen holten.

Man könnte sie aus dem Fenster werfen, dachte Pekunius, und sie würde wie ein Blatt im Wind sanft zu Boden schweben. Im nächsten Augenblick tadelte er sich selbst für diesen absurden Gedanken, der ihn plötzlich überfallen hatte. Es war geschmacklos, über den Zustand der Frau, die vermutlich um ihr Leben kämpfte, Scherze zu machen, doch er war über den ganzen Vorfall zu schockiert, um sich völlig unter Kontrolle zu haben. Das logische Denken bereitete ihm Mühe. Immer wieder kehrten die Worte „stark unterernährt und dehydriert“ zurück, die ihm wie Messer in die Seele schnitten. Was war passiert? Warum befand sich Frau Stier in dieser gleichermaßen hilflosen wie bedrohlichen Lage? Wie hatte es dazu kommen können?

Einen Moment lang war es völlig still im Zimmer. Die Notärztin hatte die Erstversorgung beendet und wartete auf die Sanitäter.

„Was ist mit ihr?“, fragte Pekunius.

„Sie ist sehr schwach“, antwortete die Ärztin, „vermutlich hat sie seit Tagen weder gegessen noch getrunken. Sie ist völlig ausgezehrt.“

„Wird sie durchkommen?“

„Das kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich sind ihre Nieren durch den Flüssigkeitsmangel in Mitleidenschaft gezogen worden. Genaueres ergibt sich erst durch eine Untersuchung im Krankenhaus. Man muss die nächsten achtundvierzig Stunden abwarten.“

Die Rettungsassistenten brachten die Trage und stellten sie neben das Bett, während die Ärztin die Decke zurückschlug. Behutsam, aber mit geübten Handgriffen, hoben sie Frau Stier hoch und legten sie auf die Trage. Sie breiteten eine Decke über den zerbrechlichen Körper und fixierten die Patientin mit drei Sicherheitsgurten.

„Können Sie bitte die Flasche halten?“, fragte die Ärztin.

„Sicher“, antwortete der Polizeibeamte und nahm die Infusionsflasche.

Die Rettungsassistenten hoben die Trage an und verließen zusammen mit dem Polizisten das Schlafzimmer, während die Ärztin ihren Notfallkoffer schloss. Sie nickte Pekunius und der Beamtin zu und wandte sich zum Gehen.

„Frau Doktor“, sagte Pekunius.

„Ja?“

„Danke!“

Sie nickte noch einmal und verließ ebenfalls das Schlafzimmer. Pekunius starrte auf das Bett. In der Mitte des Lakens kündete ein großer, gelblich-brauner Fleck von der Tragödie, die sich abgespielt hatte. Drei weitere stumme Zeugen – eine Spritze, ein Kanüle in einer Kunststoffhülle und eine Ampulle mit abgebrochenem Kopf – lagen auf dem Nachttisch.

Pekunius fühlte sich leer und verloren. Das Wenige, das in seiner Macht gestanden hatte, hatte er getan. Er hatte die Polizei verständigt und alles Weitere den dafür ausgebildeten Spezialisten überlassen müssen. Nun war er hilflos, ohnmächtig und voller Sorge um das Leben der alten Dame.

„Sind Sie mit Frau Stier verwandt?“, fragte die Polizistin.

„Nein“, antwortete Pekunius und schüttelte den Kopf, „aber ich kenne sie schon so lange ich denken kann. Ich bin mit ihrem Sohn zur Schule gegangen.“

„Dann muss ich Sie leider auffordern, die Wohnung zu verlassen“, erklärte sie.

„Warum?“

„Sie gehören nicht zur Familie. Ohne das Einverständnis von Frau Stier darf ich Sie nicht alleine in der Wohnung lassen.“

„Aber wer kümmert sich dann um das hier?“, fragte er und wies mit der Hand auf das Bett.

„Was ist mit dem Sohn von Frau Stier?“, gab die Polizistin zurück.

Pekunius zuckte mit den Achseln.

„Er hat damals nach der Schule Kleinstadt verlassen und ist nie wieder zurückgekehrt. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist.“

„Wie heißt der Sohn?“

„Sein Name ist Manfred, Manfred Stier.“

Die Polizistin zog einen Notizblock aus ihrer Brusttasche und notierte den Namen.

„Und Ihr Name?“

„Pekunius Kaufmann. Ich wohne gegenüber, Hausnummer neun.“

Sie schrieb seinen Namen auf und steckte den Notizblock wieder ein. Aus der Gesäßtasche nahm sie ihren Geldbeutel, öffnete ihn und entnahm ihm eine Visitenkarte, die sie Pekunius überreichte.

„Können Sie bitte am Montag aufs Revier kommen? Ich muss Ihre Aussage zu Protokoll nehmen.“

„In Ordnung“, erwiderte Pekunius und steckte die Karte in die Brusttasche seines Hemdes, „aber wer kümmert sich in der Zwischenzeit um die Wohnung?“

„Wir werden den Sozialdienst verständigen“, antwortete die Polizistin.

Pekunius seufzte.

„Soll ich nicht wenigstens die Bettwäsche wechseln? Ich könnte sie zumindest waschen.“

„Das ist nett gemeint, Herr Kaufmann, aber darum wird sich der Sozialdienst kümmern.“

Pekunius schüttelte traurig den Kopf. Er wollte etwas tun, doch er konnte nicht, weil er nicht durfte.

„In Ordnung“, stimmte er schließlich zu.

Er drehte sich um, ging zum Fenster und ließ den Rollladen herunter ohne jedoch die Fensterflügel zu schließen. Nach einem letzten Blick durch den nun im Dämmerlicht liegenden Raum verließ er das Schlafzimmer und die Polizistin folgte ihm. Er ging durch den Flur, zögerte einen Moment an der Küchentür und wandte den Kopf.

„Einen Augenblick, bitte“, bat er.

Er ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank.

„Sehen Sie sich das an“, forderte er die Polizistin auf.

Die Beamtin kam in die Küche und spähte über seine Schulter.

„Der Kühlschrank ist leer“, stellte sie nach einem kurzen Blick fest.

Pekunius schloss die Kühlschranktür. Er ging zum Vorratsschrank, öffnete ihn und wies mit der Hand ins Innere.

„Leer“, sagte er.

Er öffnete die Türen des Küchenschranks.

„Sehen Sie das?“, fragte er.

„Was meinen Sie?“

„Der Kühlschrank ist leer, der Vorratsschrank ist leer und der Küchenschrank ist ebenfalls leer. Es gibt überhaupt keine Lebensmittel. Das Einzige, was man hier noch findet, sind ein paar Gewürze, sonst nichts.“

„Das ist ungewöhnlich“, stellte die Polizistin fest.

„Ungewöhnlich?“, fragte Pekunius und seine Stimme wurde lauter, „Haben Sie denn nicht gehört, was die Ärztin gesagt hat? Frau Stier ist völlig unterernährt, das waren ihre Worte, unterernährt! Sie hatte nichts mehr zu essen! Sie ist ...“

Er sprach das letzte Wort nicht aus. Seine Wut, seine Verzweiflung und seine Schuldgefühle hatten ihn immer lauter werden lassen. Er wollte hinausschreien, was ihm auf der Seele lag, doch er schüttelte nur noch stumm den Kopf. Die Fassungslosigkeit machte ihn sprachlos. Ohne die Schranktüren wieder zu schließen verließ er die Küche. Im Flur blieb er noch einmal stehen.

„Was ist mit dem Schlüssel?“, fragte er, „Frau Stier wird wahrscheinlich das Eine oder Andere benötigen, eine Zahnbürste, ein Nachthemd, einen Morgenmantel und so weiter.“

Der Wohnungsschlüssel steckte im Schloss. Er war an einem Ring befestigt, an dem zwei weitere Schlüssel hingen, die zur Haustür und zum Briefkasten gehörten.

„Darum kümmert sich der Sozialdienst“, antwortete die Polizistin und zog den Wohnungsschlüssel ab.

Sie traten hinaus in den Hausflur. Die Beamtin zog die Wohnungstür zu und schloss ab. Das Klacken des Schließzylinders klang wie das Ende der Geschichte. Pekunius ging die Treppe hinunter, verließ das Haus und überquerte die Straße ohne das Einsatzfahrzeug oder den Polizeibeamten wahr zu nehmen. Er flüchtete von diesem Ort des Grauens.

In seiner Wohnung packte er mechanisch seinen Koffer aus und warf die gebrauchte Kleidung in den Wäschekorb, doch er konnte sich nicht aufraffen, die Waschmaschine in Gang zu setzen. Immer wieder tauchte das Bild von Frau Stier in seinen Gedanken auf. Der Anblick der mehr tot als lebendigen alten Dame hatte sich in seiner Erinnerung festgebrannt. Immer wieder stellte er sich die Frage, wie viel Schuld ihn an dem traurigen Ereignis traf und er fand keine Erklärung, warum er in der Küche von Frau Stier keinerlei Lebensmittel vorgefunden hatte. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit Frau Schröder oder Herrn Wickremesinghe danach zu fragen. Es war ein Leichtes, die Beiden für das Unglück verantwortlich zu machen. Ihnen die Schuld zu geben würde ein wenig Last von seiner Seele nehmen, doch er wollte sie auch nicht verurteilen, bevor er mit ihnen gesprochen hatte.

Am nächsten Tag fuhr Pekunius ins Krankenhaus. Frau Stier lag auf der Intensivstation. Vom Flur aus konnte man durch eine große Scheibe in das Zimmer sehen, in dem sie lag. Pekunius blieb davor stehen und betrachtete die alte Dame, die, wie eine Krankenschwester ihm erklärt hatte, nicht bei Bewusstsein war. Er sah nur ihren Kopf, Hals, Schultern und Arme. Der restliche Körper zeichnete sich unter dem dünnen Laken kaum ab. Neben und hinter dem Bett standen diverse Apparaturen. Ein EKG-Monitor zeichnete ihren Puls nach und eine Anzeige, deren Ziffern zwischen zehn und zwölf pendelten, gab Auskunft über ihre Atemfrequenz. Die Bedeutung der anderen Zahlen und der diversen Abkürzungen waren ihm unbekannt. An einem Ständer hing eine Infusionsflasche und in dem Schauglas, das die Leitung zur Armvene unterbrach, konnte Pekunius die Tropfen in regelmäßigen Abständen fallen sehen. Die hoch entwickelte Technik, die man einsetzte, um das Leben von Frau Stier zu retten, das Wissen der Mediziner und die Freundlichkeit des Pflegepersonals konnten Pekunius nicht hoffnungsvoll stimmen. Man hatte ihm gesagt, dass der Zustand der alten Dame kritisch sei und ein einziger Blick in ihr Gesicht genügte, um diese Aussage bestätigt zu finden. Niedergeschlagen wandte er sich ab und fuhr wieder nach Hause.

Am Nachmittag saß Pekunius auf seiner Couch im Wohnzimmer und sann darüber nach, welche Verbindung zwischen ihm und Frau Stier bestand. Während der letzten Tage seines Urlaubs im Schwarzwald war er immer unruhiger geworden, ohne dass er einen Grund dafür gefunden hatte. Nun war er überzeugt, dass das Schicksal der alten Dame jenes ungute Gefühl in ihm hervorgerufen hatte. Etwas hatte ihn alarmiert, doch dieses Etwas war nicht in Worte zu fassen. Von welcher Seite er es auch beleuchtete, es blieb stets vage und entzog sich jeder erhellenden Betrachtung. Trotzdem zweifelte er nicht daran, dass dieses Etwas vorhanden gewesen war.

Am nächsten Morgen, es war der Montag nach seinen Betriebsferien, schaltete Pekunius das Licht in seinem Ladengeschäft ein, während draußen der Regen in langen, dünnen Fäden fiel. Es schien, als seien die heißen Tage vorüber. Er setzte die Modellbahnanlage im Schaufenster in Gang und ging zu seinem Schreibtisch hinter dem Verkaufstresen. Alles war gewohnt und vertraut und doch schien es auf seltsame Weise fremd, als ob sich die Welt während seiner Ferien verändert hätte. Zum ersten Mal stellte er sich die Frage, ob der Sinn, den er in seinem Unternehmertum sah, auch wirklich vorhanden war. Als Fachhändler war er eines jener kleinen Zahnrädchen, das für das Funktionieren der großen Wirtschaftsmaschine mitverantwortlich war. Das Geld, das er mit seinem Geschäft verdiente, war gleichsam jener Tropfen Öl, der das reibungslose Drehen des Rädchens garantierte. Ein größeres Zahnrad, der Modellbahnhersteller, war jedoch ins Stocken geraten und die Insolvenz wirkte wie Sand im Getriebe. Sollte das Rad stehen bleiben, würde sich auch das Rädchen nicht mehr drehen. Pekunius hatte sich immer frei und unabhängig gefühlt, doch nun wurde er sich bewusst, dass seine unternehmerische Selbständigkeit Bedingungen unterworfen war, auf die er keinen Einfluss hatte. Als Teil des Marktes unterlag auch er dessen Abhängigkeiten. Sollte das größere deutsche Zahnrad durch ein beispielsweise chinesisches ersetzt werden, musste er das akzeptieren oder sein eigenes kleines Rädchen von der Maschine abkuppeln.

Das Pfeifen der Dampflok kündigte den Postboten an, der dem Ladeninhaber zuwinkend den Verkaufsraum betrat.

„Guten Tag, Monsieur“, begrüßte ihn Baptiste, „hatten Sie einen schönen Urlaub?“

„Oh ja, danke“, antwortete Pekunius.

Der Postbote kam grinsend auf ihn zu.

„Ist der Schwarzwald wirklich schwarz?“, fragte Baptiste und übergab Pekunius die Sendungen des Tages.

„Nachts schon“, erwiderte Pekunius ohne sich über seinen Scherz zu amüsieren.

Achtlos legte er die Post auf seinen Schreibtisch. Er wollte Baptiste anbieten, die Post von Frau Stier entgegen zu nehmen, solange sie im Krankenhaus war, doch dann erinnerte er sich an die Erklärung der Polizistin, wonach der Sozialdienst sich um die Belange der alten Dame kümmern würde.

„Sagen Sie, Baptiste“, fragte er, „haben Sie Frau Stier in der letzten Zeit gesehen?“

„Frau Stier“, wiederholte der Postbote und dachte einen Augenblick nach, „nein, schon eine Weile nicht mehr ... warten Sie ... das letzte Mal ... ja, das war vor zwei Wochen. Ich erinnere mich. Ja, es war der Montag, heute vor zwei Wochen. Frau Stier stand vor dem Laden von Frau Krämer. Ich glaube, sie wollte einkaufen, doch der Laden war ja schon zu. Ich habe Frau Stier gesagt, dass Frau Krämer ihr Geschäft aufgegeben hat. An der Ladentür hing sogar ein Schild, aber vielleicht hatte Frau Stier ihre Brille nicht dabei. Warum fragen Sie?“

Pekunius seufzte.

„Es geht ihr nicht gut“, antwortete er, „sie ist vorgestern ins Krankenhaus eingeliefert worden.“

„Oh“, erwiderte Baptiste und die Besorgnis zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, „was fehlt ihr denn?“

„Ich bin kein Arzt“, antwortete Pekunius ausweichend, „und ich weiß auch nicht, ob und wann sie wieder entlassen wird. Hoffen wir das Beste.“

„Man muss immer hoffen und beten“, erklärte der Postbote.

„Ja, Baptiste, hoffen und beten ...“

Die letzten Worte sprach Pekunius mehr zu sich selbst. Er nickte Baptiste zu und der Ivorer verabschiedete sich. Als das Pfeifen der Dampflok verklungen war, ließ sich Pekunius auf seinen Stuhl sinken und stützte den Kopf in die Hände. In seiner Phantasie sah er Frau Stier vor Bertha Krämers Laden stehen. Die alte Dame hatte ihren Einkauf erledigen wollen, doch das Geschäft war bereits für immer geschlossen. Vermutlich war sie dann nach Hause gegangen und hatte in den folgenden Tagen all ihre Lebensmittel aufgebraucht. Die Frage aber, die sich an diesen Gedanken anschloss, verlangte nach einer Antwort. Pekunius hängte das Schild Komme gleich wieder an seine Eingangstür, schloss ab und überquerte die ehemalige Straße, die sich langsam zur Fußgängerzone mauserte. Er traf Frau Schröder und Herrn Wickremesinghe im Kosmetikgeschäft.

„Ich habe eine Frage“, sagte er nach einer knappen Begrüßung und der Vergewisserung, dass niemand sonst im Laden war, „vor meinem Urlaub hatte ich Sie gebeten, Frau Stier beim Einkaufen behilflich zu sein.“

Frau Schröder und Herr Wickremesinghe sahen sich gegenseitig an, dann wandten sie sich Pekunius wieder zu. Keiner von beiden antwortete.

„Haben Sie für Frau Stier eingekauft“, drängte Pekunius, „haben Sie nach ihr gesehen?“

Wieder wechselten beide einen stummen Blick.

„Sie haben es nicht getan“, folgerte Pekunius.

Er spürte, wie die Wut in ihm aufstieg. Sie breitete sich in seinem Magen aus und schnürte ihm die Kehle zu. Seine Hände begannen zu zittern. Er ballte sie zu Fäusten, atmete tief ein und hörbar wieder aus. Das „Warum?“ lag ihm auf der Zunge, doch er unterdrückte die Frage, weil ihn keine der möglichen Antworten befriedigt hätte. Er hätte keine Ausrede und keine Entschuldigung akzeptieren können. Wortlos drehte er sich um und verließ den Laden.

Der Gedanke, seinem Tagesgeschäft wieder nachzugehen, erschien ihm absurd. Ohne auf den Regen zu achten, ohne Schirm und ohne Jacke ging er die Straße hinunter zur Bushaltestelle. Sie haben es nicht getan, dachte er immer wieder, sie haben es nicht getan. Er stieg in den Bus und fuhr zum Krankenhaus. Es drängte ihn, Frau Stier um Verzeihung zu bitten. Da er Frau Schröder und Herrn Wickremesinghe kaum kannte, hätte er jemand anderen bitten müssen, nach der alten Dame zu sehen, jemanden, über dessen Zuverlässigkeit kein Zweifel bestand. Warum hatte er sich nicht an Veronica gewandt? Der plötzliche Gedanke an sie durchfuhr ihn wie ein glühendes Messer. Er hatte sich nach dem Urlaub noch nicht bei ihr gemeldet, weil das Unglück der alten Dame ihn so sehr gefangen genommen hatte und ihm war, als würde Veronicas Existenz alles nur noch schlimmer machen. Während des Urlaubs hatte er jeden Tag an sie gedacht. Seine Gedanken und seine Gefühle waren wie goldener Honig gewesen, doch dabei hatte er Frau Stier völlig vergessen. Nicht einmal in den letzten Tagen im Schwarzwald, als die Unruhe begonnen und zugenommen hatte, war er auf die Idee gekommen, dass die hilflose alte Dame die Ursache sein könnte. Sein Egoismus hatte ihn ausschließlich auf sein eigenes, vermeintliches Glück schielen lassen.  

Auf der Intensivstation lief er den Flur entlang und blieb vor dem Fenster, das einen Einblick in das Zimmer von Frau Stier erlaubte, stehen. Das Bett war leer! Die Apparaturen waren abgeschaltet und nichts rührte sich im Zimmer. Überrascht drehte sich Pekunius um. Eine Krankenschwester kam aus dem Stationszimmer und begegnete seinem Blick. Als er in ihr Gesicht sah, ahnte er, was sie ihm gleich sagen würde. Die junge Frau kam auf ihn zu und antwortete ohne auf seine Frage zu warten.

„Frau Stier ist heute Nacht verstorben“, erklärte sie leise.

 

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Pekunius erschrak, als das Telefon läutete. Er saß in seiner Küche und wusste nicht, wie lange er schon seinen Kaffee umrührte. Nach dem Besuch im Krankenhaus war er nach Hause gefahren und direkt in seine Wohnung gegangen ohne seinen Laden an diesem Tag noch einmal zu öffnen. Zuerst hatte er eine Weile im Wohnzimmer gesessen und sich später Kaffee aufgebrüht. Nun ließ er den Löffel los, erhob sich schwerfällig und ging zum Telefon.

„Kaufmann?“, meldete er sich.

„Hallo, Pekunius, hier ist Veronica“, antwortete die vertraute Stimme.

Leise aufstöhnend schloss er die Augen. Es war schön, ihre Stimme zu hören, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Veronica schien in eine andere Welt zu gehören, eine andere Zeit oder ein anderes Universum.

„Was ist?“, fragte sie und er hörte den leisen Zweifel in ihrer Stimme.

„Es ist ... es ist schön, dass du anrufst“, antwortete er.

„Ist etwas passiert?“, hakte sie nach.

Es ist nichts passiert, dachte er, niemand hat einen Finger gerührt, bis es zu spät war. Es hat niemanden interessiert, niemand hat sich darum gekümmert. Und weil nichts passiert war, blieb nur noch Wut, Trauer, Verzweiflung und Schuld.

„Pekunius?“

Die Nennung seines Namens, als Frage betont, holte ihn aus seinen Gedanken.

„Ja, bitte entschuldige.“

„Was ist denn? Bist du verletzt? Ist dir etwas zugestoßen? Sag doch etwas!“

„Nein“, antwortete er und seufzte schwer, „mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen. Es ist nur ... ich bin ...“

„Soll ich zu dir kommen?“

Nein, dachte Pekunius. Er wollte nicht, dass Veronica ihn so sah. Er wollte sie nicht mit seinen Problemen, seiner Wut und seiner Schuld konfrontieren.

„Pekunius?“

„Ja, bitte komm“, antwortete er instinktiv.

Er wusste nicht, warum er „nein“ gedacht und „ja“ gesagt hatte. Ohne sich von ihr zu verabschieden drückte er auf die Unterbrechertaste und stellte das Telefon auf die Ladestation. Er ging in die Küche zurück, wo eine Tasse kalter Kaffee auf ihn wartete, setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf wieder auf die Hände und schloss die Augen.

Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als es an der Tür läutete. Pekunius erhob sich und drückte im Flur auf den Türöffner. Er öffnete die Wohnungstür und beobachtete Veronica, die eilig die Treppe hinaufstieg. Als sie in sein Gesicht sah, erschrak sie, obwohl sie damit gerechnet hatte, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein musste. Sie ging wortlos auf ihn zu, schloss ihn in ihre Arme und drückte ihn an sich. Als sie ihn losließ, sah sie das Glitzern in seinen Augen.

„Komm herein“, bat er und ging einen Schritt zur Seite.

Veronica betrat die Wohnung und blieb im Flur stehen.

„Gib mir deine Jacke“, forderte er sie auf.

Sie zog ihre Jacke aus und Pekunius hängte sie an die Garderobe.

„Möchtest du Kaffee?“, fragte er.

„Ja, gerne“, antwortete sie.

Er ging in die Küche und sie folgte ihm.

„Setz dich“, sagte er mit der Hand auf einen Stuhl weisend.

Er nahm eine Tasse aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch. Nachdem er Kaffee eingeschenkt hatte, stellte er die Kanne zurück in die Maschine und ließ sich auf seinen Stuhl sinken. Veronica beobachtete ihn abwartend.

„Meine Nachbarin ist heute gestorben“, begann er und dann erzählte er ihr die ganze Geschichte.

Veronica unterbrach ihn nicht. Sie hörte geduldig zu und wartete, bis er zu sprechen aufhörte.

„Ich verstehe, dass du dir Vorwürfe machst“, sagte sie und griff nach seiner Hand, „dein Mitgefühl für deine Nachbarin ist ein liebenswerter Zug an dir, aber es gibt keinen Grund, dich selbst anzuklagen. Du hast dich vor deinem Urlaub um Frau Stier gekümmert, du hast mit den Nachbarn gesprochen und du bist sofort nach deiner Rückkehr zu ihr gegangen. Es gibt nichts, was du dir vorzuwerfen hättest.“

„Ich habe den falschen Leuten vertraut“, widersprach er, „ich hätte dich bitten sollen.“

„Vielleicht“, erwiderte sie, „aber es war nicht vorherzusehen.“

Pekunius sah Veronica in die Augen und sie erkannte den ganzen Schmerz in seinem Blick.

„Sie ist verhungert“, stellte er fest, „kannst du dir das vorstellen? Verhungert! Wir leben in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, wo jeder mit jedem in Kontakt steht, wo man Emails nach Australien schickt und Minuten später schon die Antwort erhält, wo es mehr Handys als Einwohner gibt, wo jeder überall und jederzeit erreichbar ist – und auf der anderen Straßenseite verhungert ein Mensch, ohne dass es jemand bemerkt.“

Die Vorstellung war zu monströs, um sie wahrhaben zu wollen und doch hatte sich genau das zugetragen. Viel schlimmer als der Tod der alten Dame war der Grund, warum sie gestorben war.

„Es ist traurig, Pekunius“, sagte Veronica mitfühlend und drückte seine Hand, „und ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“

„Verhungert“, wiederholte er und schüttelte den Kopf, „der Preis ist höher, als ich für möglich gehalten hätte.“

Veronica wusste nicht, worauf er anspielte und sah ihn fragend an.

„Was meinst du damit?“

„Ich meine den Preis für die erfolgreiche Sanierung des Lebensmittelkonzerns“, antwortete er, „ich dachte, Frau Krämer hätte den Preis zu zahlen, weil sie ihre Existenz verlor und wir, ihre Kunden, hätten in Zukunft nur einen längeren Einkaufsweg, aber jetzt hat sich gezeigt, dass der Preis viel höher war. Ich habe mich um ein Vielfaches verschätzt.“

„Aber du kannst doch nicht den Konzern für Frau Stiers Tod verantwortlich machen“, widersprach sie.

„So? Kann ich nicht?“, fragte er sarkastisch und mit drohendem Unterton.

„Nein“, antwortete Veronica ruhig.

Pekunius wusste nicht, gegen wen oder was er seine Wut richten sollte. Er wollte jemanden anklagen und er wollte, dass jemand dafür bestraft wurde. Frau Stier war keines natürlichen Todes gestorben. Es gab Schuldige, es gab sogar viele Schuldige und er selbst war einer davon. Der Schmerz und die Verzweifelung schrieen nach Vergeltung. Pekunius sah Veronica an, begegnete ihrem sanften, verständnisvollen Blick und langsam verwandelte sich seine Wut in Trauer. Es war sinnlos, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen.

„Es ist diese Ohnmacht“, erklärte er, „dieses Unvermögen, noch etwas ändern zu können. Wenn jemand tot ist, kann man keine Fehler mehr korrigieren.“

Mit der Linken hielt Veronica seine Hand fest und mit der Rechten streichelte sie sanft darüber.

„Dann mach dir bitte auch keine Vorwürfe mehr“, bat sie, „dich trifft mit Sicherheit am wenigsten Schuld. Hatte Frau Stier eigentlich keine Verwandten?“

Pekunius zuckte mit den Achseln.

„Ihr Mann ist schon lange tot“, berichtete er, „und ihren Sohn, Manfred, hat man seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt. Mir ist auch nicht bekannt, ob sie Geschwister oder andere Verwandte hatte.“

Veronica sprach ihre Vermutung, dass Frau Stier eine einsame alte Dame gewesen war, nicht aus. Sie wollte Pekunius auf andere Gedanken bringen.

„Danke, übrigens, für deine Karte“, sagte sie, „wie war denn dein Urlaub?“

Ein leiser Schreck durchfuhr Pekunius. Für das erste Wiedersehen mit Veronica hatte er sich etwas vorgenommen, doch die Ereignisse hatten ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es gab keinen ungeeigneteren Augenblick, um ihr seine Gefühle für sie zu offenbaren. Wie hätte er sich aus der Dunkelheit seiner Trauer binnen eines Augenblicks in die lichten Höhen seiner Liebe hinaufschwingen können?

„Ich bin viel gewandert“, antwortete er, „es ist schön im Schwarzwald.“

Veronica, die von seinen Gedanken nichts ahnte, sah seinen noch immer schmerzvollen Blick. Sie fühlte mit Pekunius, aber sie war gewillt, ihn abzulenken und wenn möglich ein wenig aufzuheitern.

„Erzähl doch mal“, forderte sie ihn auf, „auf der Karte stand ja nicht viel.“

Wieder fühlte Pekunius diesen leisen Stich. Er hatte ihr geschrieben, dass er sie gerne bei sich gehabt hätte und damit gemeint, dass er sich nach ihr gesehnt hatte, doch auch dies konnte er in diesem Augenblick nicht erklären. Er musste sich zusammenreißen, um sich aus dem Durcheinander seiner Gefühle zu befreien, aber der Sinn stand ihm auch nicht danach, einen vergnügten Urlaubsbericht zu liefern. Trotzdem wollte er Veronicas Bitte nachkommen.

„Ich habe viele Fotos gemacht“, erklärte er, „möchtest du sie sehen?“

„Ja, gerne“, stimmte sie zu.

„Dann komm“, sagte er, stand auf und ging ins Wohnzimmer.

Er fuhr seinen Rechner hoch, nahm den Speicherchip aus seiner Kamera, steckte ihn in den PC und startete das entsprechende Programm.

„Setz dich“, sagte er und wies auf seinen Schreibtischstuhl.

Während Veronica es sich bequem machte, drehte Pekunius seinen Fernsehsessel um und setzte sich neben sie. Er nahm die Mouse und klickte das erste Bild an.

„Das ist der Blick vom Balkon der Pension“, berichtete er und deutete mit dem Finger auf das Bild, „durch dieses Tal hier bin ich am ersten Tag bis hinauf zum Gipfel des Feldberges gewandert.“

Er klickte Bild für Bild an und sprach jeweils einige erklärende Sätze dazu. Während seines Berichts veränderte sich seine Stimmung. Die Trauer trat in den Hintergrund und langsam wurde Pekunius wieder gelöster. Er erzählte von seiner Fahrt mit der Höllentalbahn, seinem Besuch am Titisee, wo er die Karte geschrieben hatte und wie bei einer Wanderung in der Nähe von Sankt Peter mitten im Wald plötzlich ein Wasserfall aufgetaucht war, dessen drei Stufen zusammen fast fünfundzwanzig Meter maßen. Sein Bericht dauerte eine ganze Stunde. Es war mittlerweile dunkel geworden und das Zimmer wurde nur noch vom spärlichen Licht des Monitors erhellt.

„Hast du Hunger?“, fragte Veronica, nachdem Pekunius die Bilderschau und seinen Reisebericht für beendet erklärt hatte.

„Hunger schon“, betätigte er, „aber ich fürchte, die Auswahl ist nicht sehr groß. Eigentlich hatte ich heute noch einkaufen wollen, aber das muss ich wohl auf morgen verschieben. Ich kann dir höchstens eine Tiefkühlpizza anbieten.“

„Warum nicht“, antwortete sie lächelnd, „es muss schließlich nicht immer Kaviar sein, oder?“

„Ja, das stimmt“, erwiderte er, zögerte einen Augenblick und legte die Stirn in Falten, „gab es nicht einmal eine Fernsehserie, die so hieß?“

„Ja, eine Romanverfilmung. Das Buch ist von Simmel.“

Pekunius nickte zustimmend.

„Richtig, ich erinnere mich.“

Er betrachtete Veronicas lächelndes Gesicht, das im unwirklichen Schein des Monitors etwas Mädchenhaftes an sich hatte. Ihre Anwesenheit hatte seine zuerst wütende und später traurige Gemütsverfassung nahezu vollständig verscheucht. Sie tat ihm gut und in diesem Augenblick hätte er sie gerne geküsst, doch stattdessen erhob er sich aus seinem Sessel.

„Dann wirst du heute meine Kochkunst bestaunen können“, erklärte er, „ich bin sehr geübt darin, den Ofen einzuschalten und die Weinflasche zu entkorken.“

 

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Pekunius erwachte erst spät am nächsten Morgen. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er verschlafen, doch sein erster Gedanke galt Veronica und dem romantischen Abendessen, selbst wenn es nur aus Fertigpizza und Rotwein bestanden hatte. Dass sie auf elektrisches Licht verzichtet und stattdessen Kerzen angezündet hatten, war eine gute Idee gewesen. In der verträumten Stimmung hatte er seine Trauer um die tote Nachbarin vergessen. Sie hatten sich über Literatur unterhalten und einen weiten Bogen von Simmel bis Tolstoi geschlagen. Über „Krieg und Frieden“ waren sie dann zu Napoleon und dessen Heimat Korsika gelangt, einer Insel, die bei Wanderern sehr beliebt war. Das Thema Urlaub war zum zweiten Mal aufgekommen und schließlich hatte Pekunius von seinem Traum erzählt, einmal die USA in der Eisenbahn von Ost nach West zu durchqueren. Es war lange nach Mitternacht gewesen, als Veronica sich verabschiedet hatte. Bei der Tür stehend war Pekunius kurz davor gewesen, sie zu fragen, ob sie nicht bleiben wolle, doch er hatte den Mut nicht aufgebracht. Nach einem flüchtigen Kuss hatte er sie in der Gewissheit, dass er bald den Entschluss, den er im Urlaub gefasst hatte, in die Tat umsetzen würde, in die Nacht entlassen. Eine halbe Stunde später war er glücklich eingeschlafen.

Seinen ersten Kaffee des Tages trank er ausnahmsweise in seinem Geschäft. Mit der Tasse in der Hand ging er in sein Lager, das sich direkt an den Verkaufsraum anschloss. Gleich neben der Tür stand eine große Werkbank, auf der die Holzplatte lag, die bis Ostern in seinem Schaufenster gestanden hatte. Aus der Stadt mit ihren vielen und vielfach beleuchteten Gebäuden war mittlerweile eine Winterlandschaft geworden. Die Gleise hatte er schon verlegt, doch es stand noch kein Gebäude. Neben der Holzplatte lagen einige Blätter Papier, die mit Bildern bedruckt waren. Er hatte sie im Internet zusammen gesucht und sie dienten ihm als Vorlagen für die ländliche Ansiedlung und den kleinen Bahnhof, die er zu bauen beabsichtigte. Er nahm die Blätter und ging in den Verkaufsraum zurück, wo er sich an seinen Schreibtisch setzte und damit begann, eine maßstabgerechte Zeichnung für den Bahnhof anzufertigen.

Gegen zehn Uhr kam der erste Kunde. Pekunius verkaufte einen Satz Weichen, eine Packung Schienen und zwei Bausätze für Gebäude. Nachdem der Kunde bezahlt hatte, hielt ihm Pekunius die Tür auf und verabschiedete ihn. Durch die offene Tür fiel sein Blick auf die andere Straßenseite, wo Herr Wickremesinghe gerade das Kosmetikgeschäft öffnete und es zusammen mit Frau Schröder betrat. Pekunius betrachtete die Szene nachdenklich. Er war unschlüssig, wie er sich seinen Nachbarn gegenüber verhalten sollte. Natürlich konnte er ihnen aus dem Weg gehen. Es gab keinen Grund, ihr Geschäft zu betreten und höchstwahrscheinlich würden sie auch nicht in seinen Laden kommen. Die Frage war, wie er sie sehen wollte. Bis zu seinem Urlaub hatte er sie, zwei Neulinge in der Gilde der Händler, mit freundlichem Wohlwollen betrachtet. Nun aber war seine Sympathie in Antipathie umgeschlagen. Er hatte sie darauf hingewiesen, dass die selige Frau Stier hilfsbedürftig gewesen war. Sie hatten Tür an Tür mit der alten Dame gewohnt, doch sie hätten ebenso in Timbuktu leben können. Die wenige Zentimeter dicke Wand, die beide Wohnungen voneinander trennte, hatte sich als ebenso unüberwindlich dargestellt wie einst die Berliner Mauer und die Frage, warum Frau Stier ihrerseits nicht ihre Nachbarn um Hilfe gebeten hatte, würde auf ewig unbeantwortet bleiben. Pekunius wusste nicht, ob seine Nachbarn von der anderen Straßenseite absichtlich den Kontakt zu Frau Stier vermieden oder die alte Dame nur schlicht vergessen hatten. Die Antwort auf diese Frage war ihm nicht wichtig. Er würde die Beiden nicht danach fragen. Es war am besten, sie möglichst aus seinen Gedanken zu verdrängen, damit aus Antipathie nicht Verachtung wurde.

Am Rand seines Blickfeldes nahm Pekunius eine Bewegung wahr. Er ging hinaus ins Freie, drehte den Kopf und sah die Straße hinunter. Vor dem Radio & HiFi Geschäft von Walter Telemann stand eine Handvoll Passanten. Einer von ihnen war Baptiste. Als Telemann einen Fernseher tragend aus seinem Geschäft kam, warf der Postbote die Arme in die Luft und ging auf Telemann zu, doch der Händler stieß ihn mit seiner Schulter beiseite. Die Arbeiter des Straßenbautrupps, die nur noch das letzte Stück zwischen dem Radio & HiFi Geschäft und der Kreuzung zu bearbeiten hatten, stellten ihre Tätigkeit ein und beobachteten Telemann. Ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne auf den Verkehr zu achten trat der Händler mitten auf die Kreuzung, hob den Fernseher hoch und ließ ihn krachend auf den Asphalt fallen, wo die Bildröhre mit einem dumpfen Knall implodierte. Einige Jugendliche, die auf der anderen Seite an der Ampel standen, spendeten johlend Beifall. Telemann drehte sich um und ging zu seinem Geschäft zurück, während der Verkehr an der Kreuzung, begleitet vom vielstimmigen Gehupe einiger Fahrzeuge, zum Erliegen kam.

Pekunius schloss seine Tür ab und lief eilig die Straße hinunter.

„Er ist verrückt geworden“, rief Baptiste, doch Pekunius achtete nicht auf den Postboten, sondern hielt auf die Eingangstür des Geschäftes zu.

Als er hineingehen wollte, kam ihm Telemann mit einem weiteren Fernseher entgegen. Sein Gesicht war rot angelaufen und seine Augen funkelten drohend.

„Aus dem Weg!“, rief er, doch Pekunius blieb vor ihm stehen.

„Walter“, sagte er eindringlich.

„Aus dem Weg!“, forderte Telemann noch einmal.

Pekunius schüttelte stumm den Kopf.

„Weg da oder ich schmeiß dir den Fernseher auf die Füße!“

„Walter, bitte!“

„Brauchst du einen Fernseher?“

„Nein.“

„Dann hau ab!“

Wieder schüttelte Pekunius den Kopf. Telemann versuchte sich vorbeizudrängen, doch Pekunius versperrte ihm weiterhin den Weg. Plötzlich schrie Telemann auf, stemmte den Fernseher in die Höhe und schleuderte ihn von sich. Pekunius konnte gerade noch ausweichen. Der Fernseher schlug krachend auf dem Boden auf und auch seine Bildröhre implodierte. Glücklicherweise wurde niemand von den herumfliegenden Glasscherben verletzt.

„Hör auf, Walter!“, bat Pekunius eindringlich, doch Telemann achtete nicht auf ihn.

Er drehte sich um, sah einmal nach links und rechts, ging zurück in sein Geschäft und hielt auf den nächsten Fernseher zu. Pekunius folgte ihm und packte ihn am Arm.

„Genug jetzt, Walter!“, rief er.

Telemann wirbelte auf dem Absatz herum und starrte Pekunius wütend an. Sein Atem ging schwer und keuchend und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Einen Augenblick fürchtete Pekunius, Telemann würde ihn schlagen, doch plötzlich ließ der Radio- und Fernsehhändler seine Arme sinken. Sein Kopf kippte nach vorn, sein Körper sackte zusammen und er setzte sich auf den Sockel neben den Fernseher. Für einen Moment war es totenstill. Pekunius betrachtete Telemann, dann sah er sich um. Neben der Kasse stand Karin Telemann, Walters Frau, und begegnete seinem Blick mit rotgeweinten Augen.

„Schließ die Tür ab“, rief Pekunius ihr zu, doch Karin rührte sich nicht.

Er sah Telemann noch einmal an, wandte sich um und ging zu dessen Frau.

„Schließ die Tür ab“, forderte er sie noch einmal auf, während er sie am Arm fasste und sanft nach vorn zog.

Sie setzte sich in Bewegung, ging zur Eingangstür, zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche und sperrte die Tür ab.

„Ich denke, eine Tasse Kaffee würde uns jetzt gut tun“, schlug Pekunius vor.

Karin sah zu ihrem Mann, der mit hängendem Kopf und auf die Knie gestützten Unterarmen noch immer neben dem Fernseher saß. Die Tränen hatten ihre Schminke verlaufen lassen. Ihre Unterlippe zitterte und es sah so aus, als würde sie gleich wieder zu weinen beginnen. Pekunius ging zu ihr, fasste sie erneut am Arm und sprach leise auf sie ein.

„Komm, Karin, mach uns einen Kaffee, dann reden wir darüber.“

Sie schniefte, nickte, schniefte noch einmal, warf ihrem Mann einen Blick zu und trottete schließlich in Richtung Küche davon, während Pekunius zu Telemann ging.

„Komm, Walter, steh auf. Lass uns in die Küche gehen.“

Als Telemann sich nicht rührte, schüttelte ihn Pekunius sanft an der Schulter.

„Jetzt komm schon, Walter.“

Telemann atmete einmal tief durch und erhob sich schließlich. Er bedachte Pekunius mit einem traurigen Blick, setzte an, als ob er etwas sagen wollte, blieb aber doch stumm, stand schließlich auf und ging davon. Pekunius folgte ihm in die Küche. Sie setzten sich, während Karin bereits die erste Tasse dampfenden Kaffees auf den Tisch stellte und die Espressomaschine zischend eine zweite Tasse füllte.

„Was ist los?“, fragte Pekunius.

Karin sah ihren Mann an, doch Walter blickte nur schweigend auf die Tischplatte.

„Wir sind am Ende“, antwortete sie.

„Was heißt am Ende?“, hakte Pekunius nach.

Sie stellte die zweite Tasse auf den Tisch.

„Möchtest du auch eine, Walter?“, fragte sie leise.

Telemann schüttelte den Kopf ohne aufzusehen. Karin setzte sich und fuhr mit der Fingerspitze über den Rand ihrer Tasse. Pekunius griff nach dem Zuckerstreuer, süßte seinen Kaffee und sah sich nach einem Löffel um. Da er keinen entdecken konnte, stand er auf, öffnete die Schublade des Küchenschrankes, entnahm zwei kleine Löffel, schloss die Schublade wieder, setzte sich und legte einen neben Karins Tasse. Mit dem anderen rührte er seinen Kaffee um.

„Unser Geschäft ist am Ende“, erklärte Karin leise, „wir haben keine Zukunft mehr.“

Eine Duplizität der Ereignisse, dachte Pekunius. Vier Monate zuvor hatte er bei Günther Zwirn in der Küche gesessen, Kaffee getrunken und mit dem Freund über das Ende des Nähmaschinenladens gesprochen. Nun wiederholte sich das Gleiche bei den Telemanns.

„Warum gerade heute?“, fragte er.

Karin sah ihn verständnislos an.

„Warum gerade heute“, fragte er noch einmal, „was ist heute vorgefallen, das Walter so aus der Bahn geworfen hat?“

„Heute habe ich den Sargnagel bekommen“, antwortete Telemann und sah Pekunius an.

„Welchen Sargnagel?“

„Den von der Stadt.“

Pekunius konnte mit der Aussage nichts anfangen. Er sah von Walter zu Karin und forderte sie auf, die Geschichte von Anfang an zu erzählen.

„Letztes Jahr gab es eine Anfrage“, begann sie, „der Elektronikkonzern wollte in Kleinstadt einen Markt eröffnen. Damit sind sie bei der Stadt natürlich auf offene Ohren gestoßen, denn sie wollten dreißig neue Arbeitsplätze schaffen.“

Sie unterbrach sich, deutete ein verächtliches Lachen an und fuhr fort.

„Aber natürlich gibt es nichts umsonst. Die Verhandlungen liefen darauf hinaus, dass sie im Gewerbegebiet am Stadtrand ein Grundstück zu Vorzugskonditionen erhielten und die Stadt für die Erschließungskosten aufkam, ein echtes Schnäppchen.“

„Woher wisst ihr das?“, fragte Pekunius.

„Wir sind Mitglied im Gewerbeverein“, antwortete sie, „dort wurde das Thema heiß diskutiert, aber gebracht hat es natürlich nichts. Der Gewerbeverein hat keine Stimme im Stadtrat. Der Elektronikkonzern bekam sein Grundstück und baute seinen Markt. Das Sahnehäubchen war unser werter Bürgermeister, der am zweiten Mai die feierliche Einweihung vorgenommen hat. Das war der Anfang vom Ende.“

„Eure Umsätze sind zurückgegangen“, vermutete Pekunius.

„Ja, schlagartig“, antwortete Karin, „du kannst dir vorstellen, dass wir mit den Preisen von denen nicht mithalten können. Wenn es nur das gewesen wäre, hätten wir es schon schaffen können, aber jetzt hat uns die Stadt eins übergezogen, so richtig, mit dem großen Knüppel.“

„Wie soll ich das verstehen?“

Karin legte die Hände um ihre Tasse, um sich die Finger daran zu wärmen.

„Das meiste Geld“, erklärte sie, „haben wir mit den Car HiFi Anlagen verdient, die Walter und Klaus eingebaut haben.“

Pekunius wusste, dass Klaus der Angestellte war, den die Telemanns beschäftigten und der in erster Linie Musikanlagen in Autos einbaute.

„Bisher konnten die Kunden immer zu unserem Geschäft fahren“, fuhr Karin fort, „doch dann kam die Stadt auf die glorreiche Idee, aus der Hauptstraße eine Fußgängerzone zu machen und sie für Fahrzeuge aller Art zu sperren. Wir haben uns an die Stadtverwaltung gewandt und ihnen unser Problem erklärt. Da wir darauf angewiesen sind, dass die Kunden mit ihren Autos zu uns kommen, haben wir eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Es ging nur um die zwanzig Meter von der Kreuzung bis zu unserem Hof, mehr nicht. Heute kam die Antwort.“

„Der Antrag wurde abgelehnt“, folgerte Pekunius und Karin nickte.

„Eine Ausnahmegenehmigung könne nicht erteilt werden“, zitierte sie, „weil die Gleichbehandlung aller gewahrt bleiben müsse. Eine Vorzugsbehandlung einzelner sei nicht statthaft.“

Pekunius und Karin sahen gleichzeitig auf, als sie eine megaphonverstärkte Stimme hörten.

„Hier spricht die Polizei! Bitte öffnen Sie die Tür!“

Erschrocken stand Karin auf und auch Pekunius erhob sich. Sie verließen die Küche und gingen gemeinsam zur Eingangstür, vor der zwei uniformierte Beamte standen. Bei ihrem Anblick erinnerte sich Pekunius daran, dass er noch eine Aussage bezüglich des Notfalls von Frau Stier zu machen hatte und er beschloss, seiner Bürgerpflicht im Lauf des Tages nachzukommen.

„Kommen Sie herein“, sagte Karin zu den Beamten, nachdem sie die Tür geöffnet hatte.

„Brauchst du mich noch?“, fragte Pekunius.

„Nein“, antwortete sie, „aber danke, dass du gekommen bist.“

„Sind Sie Herr Telemann?“, fragte einer der Beamten.

„Nein“, antwortete Pekunius, „mein Name ist Kaufmann. Ich bin ein Freund des Hauses.“

„Haben Sie den Vorfall beobachtet?“, hakte der Beamte nach.

Pekunius wollte die Frage nicht bejahen. Es widerstrebte ihm, als Zeuge womöglich gegen Telemann aussagen zu müssen, falls die Angelegenheit vor Gericht kam. Der Gang der Ereignisse hatte Walter erschüttert. Pekunius wusste, wie es dazu gekommen war und entschied sich für eine diplomatische Antwort.

„Ich bin zu spät gekommen“, erklärte er.

Er verabschiedete sich von Karin und den Beamten. Vor dem Radio & HiFi Geschäft hatten sich noch weitere Schaulustige versammelt. Als Pekunius ins Freie trat, sahen sie ihn erwartungsvoll an.

„Was ist denn passiert?“, fragte einer.

„Hat man Telemann verhaftet?“, wollte ein anderer wissen.

Pekunius sah einmal in die Runde, zeigte aber keine Reaktion, aus der man eine mögliche Antwort hätte entnehmen können. Er bahnte sich einen Weg durch die Gaffer und ging die Hauptstraße hinauf zurück zu seinem Geschäft.

Gegen fünfzehn Uhr hängte er das Schild Komme gleich wieder an seine Tür und machte sich auf zum Polizeirevier, wo er bei der Beamtin, die ihm ihre Visitenkarte gegeben hatte, seine Zeugenaussage über den Vorfall mit Frau Stier machte. Während er die Fragen der Polizistin beantwortete, durchlebte er die Szene noch einmal und empfand das gleiche Grauen wie in Frau Stiers Schlafzimmer. Er war sehr erleichtert, als er endlich seine Unterschrift unter das Protokoll setzen konnte.

Pekunius verließ das Polizeirevier und machte sich auf den Heimweg. Als er in der Hauptstraße das Radiogeschäft passierte, sah er, dass man Trümmer und Scherben bereits entfernt hatte. Nichts deutete mehr auf den Vorfall hin. Telemann hatte sich wieder beruhigt, da er seiner Wut durch das Zerstören zweier Fernseher Luft gemacht hatte. Die Bruchstücke vor seiner Eingangstür waren seine Privatangelegenheit, doch die auf der Kreuzung stellten einen Eingriff in den Straßenverkehr dar, wofür er sich noch zu verantworten hatte. Pekunius überlegte, ob er den Telemanns noch einmal einen Besuch abstatten sollte, entschied sich jedoch dagegen und ging weiter. Als er am Haus von Bertha Krämer vorbeikam, blieb er stehen und drückte auf den Klingelknopf. Er wartete einige Augenblicke, läutete noch einmal, wartete wieder und wandte sich ab, als keine Reaktion erfolgte. Auch die ehemalige Lebensmittelhändlerin konnte sich den neuen Umständen nicht entziehen. Falls sie ihre Einkäufe erledigte, wie Pekunius vermutete, musste nun auch sie das Haus verlassen und zum Stadtrand fahren.

Es war bereits später Nachmittag. Da er selbst noch einkaufen wollte, öffnete er sein Geschäft an diesem Tag nicht mehr. Er ging in seine Wohnung, fertigte sich einen Einkaufszettel an, nahm zwei Einkaufstaschen und machte sich auf den Weg. Zum ersten Mal fuhr er mit dem Bus zum großen Supermarkt am Stadtrand.

Während der Fahrt dachte er über das Gespräch nach, das er am Morgen mit Karin und Walter geführt hatte. Dass die Telemanns wirtschaftlich unter Druck geraten waren, weil der neue Elektronikfachmarkt am Stadtrand seine Pforten geöffnet hatte, lag in der Natur des Handels. In der freien Marktwirtschaft traten immer wieder neue Spieler auf den Plan, mit denen sich die alten messen mussten. Diesem Gesetz hatten auch die Zwirns Tribut zollen und ihr Geschäft aufgeben müssen. Schon als Pekunius kurz nach Ostern die Werbung, mit der die Neueröffnung angekündigt worden war und die Baptist den Telemanns vorenthalten hatte, gelesen hatte, war ihm klar gewesen, dass dem Radio & HiFi Geschäft bald ein rauerer Wind ins Gesicht blasen würde. Aus dem Wind war jedoch ein Sturm geworden und es stand zu befürchten, dass er die Telemanns vom Markt fegen würde. Der Sturm war aber nicht von dem Elektronikkonzern, sondern von der Stadtverwaltung angeblasen worden. Der Brief, den die Telemanns erhalten hatten, war der blanke Hohn. Die Stadtverwaltung hatte das Ersuchen nach einer Zufahrtsmöglichkeit für Telemanns Kunden abgelehnt, um eine Gleichbehandlung zu gewährleisten. Davon konnte jedoch keine Rede sein, sofern man ins Kalkül zog, wie weit sie dem Elektronikkonzern entgegen gekommen war. Wenn man nur einen Augenblick über diesen Sachverhalt nachdachte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch der ablehnende Bescheid ein heimliches Zugeständnis an den neuen Hecht im Karpfenteich gewesen war, obwohl sich dafür vermutlich niemals Beweise finden lassen würden. Juristisch konnte man die Entscheidung der Stadtverwaltung nicht anfechten, doch es fiel schwer, sie mit der Sozialen Marktwirtschaft in Verbindung zu bringen. Auf dem Altar des Wettbewerbs hatte man ein kleines Fachgeschäft geopfert und es interessierte niemanden, dass auch Klaus, der Angestellte der Telemanns, vermutlich bald seine Arbeitsstelle verlieren würde. Der Händler, seine Frau und der Angestellte gehörten einfach zu den Kleinen, die von den Hunden gebissen wurden.

Am nächsten Morgen begleitete Veronica Pekunius auf den Friedhof, obwohl sie selbst Frau Stier nicht persönlich gekannt hatte. Sie wollte ihm nahe sein, weil sie wusste, wie schmerzlich das Erweisen der letzten Ehre für ihn sein würde. Auch wenn er mittlerweile intellektuell davon überzeugt war, keine Schuld am Tod der alten Dame zu tragen, so lastete das Gefühl immer noch schwer auf ihm. Außer ihnen, dem Pfarrer und den beiden Bestattern waren nur fünf andere Menschen zum Abschiednehmen gekommen. Drei Frauen und ein Mann, alle in Frau Stiers Alter, saßen in der Einsegnungshalle beisammen. Manfred Stier war nicht erschienen. Abseits davon, still und alleine, hatte Frau Krämer Platz genommen. Sie war die Einzige, die Pekunius kannte. Nachdem der Pfarrer einige Worte über die Verstorbene gesprochen hatte ohne jedoch auf die Umstände ihres Todes einzugehen, verließen die Anwesenden die Halle und versammelten sich um das Grab. Der Sarg wurde hinabgelassen und man sprach ein letztes Gebet. Nach einem kurzen stillen Gedenken warfen die Trauernden Blumen auf den Sarg und wandten sich ab. 

Pekunius bot Frau Krämer an, im Wagen von Veronica mitfahren zu können, doch sie lehnte ab. Mit gebeugten Schultern und hängendem Kopf ging sie davon.

„Vielleicht empfindet sie ähnlich wie ich“, vermutete Pekunius, „soweit ich weiß, war sie die Letzte, die Frau Stier hatte aufsuchen wollen. Baptiste, der Postbote, hat mir erzählt, dass er Frau Stier zum letzten Mal vor der verschlossenen Tür des ehemaligen Lebensmittelladens gesehen hatte.“

„Aber Frau Krämer trifft doch wahrscheinlich ebenso wenig Schuld wie dich“, erwiderte Veronica.

Pekunius zuckte mit den Achseln, antwortete aber nicht.

Am nächsten Morgen sah Pekunius, dass die Möbel von Frau Stier aus dem Haus gebracht wurden. Die Angestellten der Caritas mussten alles um das Haus herumtragen und auf der rückwärtigen Seite in ihren Kleinlaster laden, weil das Befahren der Fußgängerzone verboten war. Während er beobachtete, wie sie am Kosmetikgeschäft vorbeigingen, glaubte Pekunius, hinter der Schaufensterscheibe zwei Schemen zu erkennen. Er hatte Herrn Wickremesinghe und Frau Schröder bei der Beerdigung nicht vermisst, doch enttäuscht zur Kenntnis genommen, dass sie nicht erschienen waren. Da er aber keinen Kontakt mehr zu seinen Nachbarn von gegenüber haben wollte, spielte es auch keine Rolle, ob ihr Fernbleiben ihrem schlechten Gewissen entsprang oder einfach nur ihrem Desinteresse.

 

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Nach einigen Tagen mit wechselhaftem Wetter zeigte sich der Spätsommer von seiner schönsten Seite. Die Temperaturen stiegen noch einmal bis an die dreißig Grad. Das Ende der Sommerferien brachte wieder mehr Volk auf die Straße und viele Menschen kehrten gut erholt und sonnengebräunt aus dem Urlaub zurück. Die Umbaumaßnahmen in der Hauptstraße waren nahezu abgeschlossen. Auf der Höhe von Bruno Girasoles Blumenladen hatte man einen Brunnen aufgestellt und dort, wo früher weiße Striche die Mitte der Fahrbahn markiert hatten, standen nun große Pflanzkübel mit Palmen, die der neuen Shopping Area, wie die Fußgängerzone von der Stadtverwaltung offiziell genannt wurde, ein mediterranes Flair verleihen sollten.

Am ersten September eröffnete ein Cafe und die Gäste konnten an Bistrotischen im Freien sitzen, die Sonne genießen und den Passanten beim Flanieren zusehen. Im Großen und Ganzen waren die Kleinstädter mit der Fußgängerzone zufrieden. Zwischen den Palmen standen Parkbänke, die zum Verweilen einluden und man erhoffte sich noch den einen oder anderen Gastronomiebetrieb, vor allem aber eine Eisdiele. Da der Herbst jedoch schon fast vor der Tür stand, würde man sich wohl bis zum nächsten Frühjahr gedulden müssen.

Die Händler in der neuen Fußgängerzone blickten mit gespannter Erwartung auf die nächste Jahreszeit. Als die Hauptstraße noch von Autos befahren worden war, hatte es einen täglichen Kampf um die wenigen Parkplätze vor den Geschäften gegeben. Mehr als einmal waren heftige Worte gewechselt worden, wenn zwei Autofahrer vermeintlich gleichzeitig eine Parklücke erspäht und versucht hatten, sie als erster zu besetzen. Dieses Problem gab es nun nicht mehr, denn man hatte in unmittelbarer Nähe das Gelände, auf dem früher das Hallenbad gestanden hatte, eingeebnet, asphaltiert und als Parkflächen ausgewiesen. Damit hatte die Stadtverwaltung zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Auf der einen Seite gab es ausreichend viel Platz für die Fahrzeuge der Anhänger des Individualverkehrs und auf der anderen konnten nun Erträge aus Parkgebühren erwirtschaftet werden, wo man früher Aufwendungen für die Instandhaltung des Hallenbades hatte tragen müssen. Da es mehr zahlungswillige Autofahrer als Schwimmer gab, war die Entscheidung leicht gefallen. Die Zuversicht der Händler bekam jedoch in der letzten Sommerwoche einen mittelschweren, für mache sogar heftigen Dämpfer. Für Pekunius war es keine Überraschung. Sein Kunde Salmen, der Horsts ehemalige Anlage gekauft hatte und dessen Bruder Mitglied des Stadtrates war, hatte dem Händler ganz im Vertrauen bereits vor Ostern zugeflüstert, was dieser nun durch einen Brief des Gewerbeamtes schwarz auf weiß bekam. Durch den Ausbau der Hauptstraße zur Fußgängerzone und die dadurch deutlich verbesserte Einkaufsqualität, so hieß es, sei es nun unumgänglich, den Gewerbesteuerhebesatz anzupassen. Mit Beginn des neuen Jahres sollte er vierhundert statt wie bisher dreihundertzwanzig Prozent betragen. Gegen den Beschluss, der im Stadtrat gefällt worden war, konnte weder Beschwerde noch Widerspruch eingelegt werden und so hatte er für die Händler eher die Qualität einer Naturkatastrophe. Für Pekunius bedeutete dies, dass seine Gewerbesteuerschuld für das Folgejahr auf einen Schlag um rund siebenhundert Euro ansteigen würde.

Am letzten Sommersonntag unternahmen Pekunius und Veronica wieder eine gemeinsame Wanderung. Sie waren südwestlich der Stadt unterwegs, wo das Land weniger hügelig war. Zwischen Maisfeldern und Streuobstwiesen unterhielten sie sich über die Veränderungen, die mit Kleinstadt vorgingen. Dass die neue Fußgängerzone die Stadt aufwertete, war unzweifelhaft, doch Pekunius hatte wenig Verständnis dafür, dass manche Bürger stolz darauf waren, seit Mai auch einen dieser großen Elektronikfachmärkte in ihrer Stadt zu haben, als ob dies ein Schritt vom Klein- zum Großbürgertum wäre. Er musste jedoch anerkennen, dass damit auch dreißig neue Arbeitsplätze geschaffen worden waren. Diesem Argument konnte man nur schwerlich begegnen. Dass die Telemanns dabei wahrscheinlich auf der Strecke bleiben würden, war eben einer jener Späne, die beim Hobeln immer anfielen.

Gegen zwölf Uhr erreichten sie eine alte Mühle, die zu einem Gasthaus ausgebaut worden war. Im Schatten einer Linde saßen sie an einem Biertisch und ließen sich ihr Mittagessen schmecken.

„Gestern habe ich mit Horst gesprochen“, erzählte Veronica, „er möchte, dass ich das Haus verkaufe.“

„Warum solltest du?“, fragte Pekunius.

„Weil ich sonst einen Kredit aufnehmen müsste, um ihn auszuzahlen“, erläuterte sie, „ohne Einkommen kann ich mir das aber nicht leisten.“

„Dann ist eure Scheidung also beschlossene Sache?“

„Im Prinzip, ja. Es wird aber mindestens noch ein halbes Jahr dauern, bis es soweit ist. Wir sind ja noch nicht so lange getrennt.“

Pekunius spürte die einsetzende Aufregung als Kribbeln in seinem Magen. Ein Punkt, der ihm bisher viele Sorgen bereitet hatte, schien sich nun in Luft aufzulösen. Veronica und Horst verhandelten über die Modalitäten ihrer Scheidung. Damit wurde es zunehmend unwahrscheinlicher, dass der Ehemann wieder zu seiner Ehefrau zurückkehren würde. Eine Garantie gab es freilich nicht – manche Paare heirateten nach ihrer Scheidung zum zweiten Mal – doch es gab auch keinen Grund, sein Vorhaben noch länger hinauszuzögern. Er hatte seinen Entschluss schon vier Wochen zuvor gefasst, doch die Umsetzung immer wieder vor sich hergeschoben. Das Einzige, das er noch benötigte, war ein Blumenstrauß. Er wusste selbst, dass es eine lahme Ausrede war. Nichts und niemand hinderte ihn daran, Veronica in diesem Augenblick seine Liebe zu gestehen, doch zu diesem, ihr Leben verändernden Anlass wollte er auch die entsprechenden Begleitumstände schaffen. Ein großer Strauß roter Rosen war dafür unverzichtbar. 

„Ich möchte dich etwas fragen“, begann Veronica und unterbrach seine Gedanken, „es macht auch nichts, wenn du nein sagst, aber ...“

Pekunius spürte, wie sehr sein Herz klopfte und voll gespannter Erwartung forderte er sie auf, ihre Frage zu stellen. Veronica schien ein klein wenig verlegen, als sie sprach.

„Ich würde gerne einen Tanzkurs mit dir machen.“

„Einen Tanzkurs?“, fragte er überrascht.

„Ja“, antwortete sie, „Horst war dafür nicht zu haben und ich glaube, ehrlich gesagt, nicht einmal, dass es mit ihm funktioniert hätte, aber mit dir kann ich mir das wunderbar vorstellen. Ich würde wahnsinnig gerne mit dir einen Tanzkurs belegen.“

Pekunius wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte noch nie darüber nachgedacht oder gar Lust dazu verspürt.

„Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Talent zum Tanzen habe“, antwortete er schließlich, „vielleicht habe ich zwei linke Füße.“

„Möchtest du es herausfinden?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Natürlich wollte er das. Die Frage, ob er Talent zum Tanzen besaß, war zweitrangig, denn die Vorstellung, Veronica im Arm zu halten und sie an sich zu drücken, erschien ihm himmlisch. Es war eine glänzende Idee.

„Nun“, antwortete er, nahm ihre Hand und küsste sie, „sofern du keine Angst um deine Zehen hast, wäre es mir ein Vergnügen.“

„Oh, wundervoll“, erwiderte Veronica, „du machst mir wirklich eine große Freude damit.“

In vergnügter Stimmung beendeten sie ihr Mittagessen und machten sich wieder auf den Weg. Während des Wanderns genossen sie die wärmenden Strahlen der Sonne des letzten Sommersonntags. Sie scherzten, lachten und neckten sich, verweilten bei einem Bach, wo sie Schuhe und Strümpfe auszogen und ließen auf Steinen sitzend ihre Füße ins Wasser hängen.

„Es ist schön mit dir“, schwärmte Veronica.

„Danke, gleichfalls“, erwiderte Pekunius und freute sich über das unerwartete Kompliment.

Veronica zog ihre Füße aus dem Wasser und beobachtete die abperlenden Tropfen.

„Weiß du, was ich am meisten an dir mag?“, fragte sie.

„Nein“, antwortete Pekunius wahrheitsgemäß.

„Wenn ich mit dir zusammen bin“, fuhr sie fort und sah ihn an, „dann habe ich überhaupt keine Angst.“

„Keine Angst wovor?“

Sie umschlang die Knie mit ihren Armen und legte den Kopf zur Seite.

„Vielleicht ist Angst nicht das richtige Wort“, erklärte sie, „wenn ich mit dir zusammen bin, dann habe ich immer das Gefühl, dass ich mir keine Gedanken zu machen brauche. Bei dir muss ich mich nie fragen, was du denkst, wenn ich dies tue oder jenes sage. Für dich ist alles so ...“

„Selbstverständlich?“, schlug er vor.

„Ja, genau“, stimmte sie zu, „selbstverständlich, unproblematisch. Es ist so ... leicht, irgendwie. Ich weiß selbst nicht, wie ich es erklären soll.“

„Dann lass es. Du musst es nicht erklären.“

Veronica wandte ihren Blick ab. Sie betrachtete das gurgelnde und glucksende Wasser, während sie nach Worten suchte, um etwas zu erklären, das nicht vorhanden war.

„Vorhin habe ich gesagt, dass ich meine Füße ins Wasser strecken will“, begann sie.

„Ja?“

„Und du hast nichts dazu gesagt.“

„Was hätte ich denn sagen sollen?“

„Nichts“, antwortete sie und sah ihn wieder an, „genau das meine ich. Du nickst einfach und wir setzen uns hin, ziehen Schuhe und Strümpfe aus und lassen die Füße ins Wasser baumeln, einfach so.“

„Ja, und?“

„Du bist ganz anders als Horst“, stellte sie fest, „er hätte wahrscheinlich gesagt, dass ich kein Kind mehr sei, das am Bach spielen will und außerdem hätten wir sowieso kein Handtuch dabei. Deshalb hätte ich den Vorschlag vermutlich auch gar nicht erst gemacht. Ich hätte schon von vornherein Angst gehabt, dass er meinen Wunsch als lächerlich abtut, verstehst du?“

„Ich bin nicht Horst“, antwortete er, „was soll ich dazu sagen? Es ist doch schön, dass wir hier sitzen. Was spielt es dabei für eine Rolle, ob wir Schuhe und Strümpfe anhaben?“

„Siehst du“, erwiderte sie, während ein Lächeln ihre zuvor ernsthaften Züge aufhellte, „genau das meine ich. Mit dir ist das so leicht, so einfach. Für dich war mein Vorschlag vielleicht lustig, aber für Horst wäre er lächerlich gewesen. Das ist der Unterschied.“

Pekunius erwiderte ihr Lächeln. Auf der einen Seite freute er sich über ihre Feststellung, doch auf der anderen Seite war es ihm auch ein wenig peinlich, über den grünen Klee gelobt zu werden.

„Du bist mit Horst verheiratet“, sagte er, „aber mit mir befreundet. Vielleicht ist das der Unterschied. Mit einem Freund redet man anders als mit einem Ehemann.“

„Das stimmt zwar“, erwiderte sie, „doch das ist nicht der Grund. Du bist ganz anders als er, du hast einen ganz anderen Charakter. Zu dir kann ich aufschauen ohne dabei das Gefühl zu haben, dass du auf mich herabschaust. Du würdest niemals etwas ins Lächerliche ziehen, was mir wichtig ist. Bei dir fühle ich mich geborgen, verstanden und respektiert.“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt“, tadelte er sie sanft, „dazu sind Freunde schließlich da, oder? Darüber muss man keine großen Worte machen.“

„Ach, Pekunius“, seufzte Veronica, hängte sich bei ihm ein und legte ihren Kopf an seine Schulter, „ich frage mich, wieso mir das nie aufgefallen ist.“

„Was?“

„Na, du! Wir kennen uns doch schon seit Jahren, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als hätte ich dich zum ersten Mal gesehen, nachdem Horst mich verlassen hatte.“

„Kein Wunder“, erklärte er, „du hattest ja selbst mit Modellbau nichts am Hut. Wir haben uns immer nur bei Feiern im Vereinsheim getroffen. Früher warst du Horsts Frau, aber heute bist du Veronica und siehst die Welt mit anderen Augen.“

Pekunius spürte, wie Veronicas Griff an seinem Arm für einen Augenblick fester wurde. Die stumme Geste drückte ihren Dank aus und er verstand genau, was sie ihm damit sagen wollte.

Eine ganze Weile saßen sie einfach aneinandergelehnt auf den Steinen am Bachufer und hingen ihren Gedanken nach, während die Spätsommersonne ihre Füße trocknete. Keiner von ihnen sprach aus, was sie beide an diesem Nachmittag erkannten. Sie konnten miteinander schweigen und empfanden dies wie ein Geschenk.

 

 


 

  

Herbst

 

Handel und Wandel


 

 

Kaum hatte der Kalender den Beginn des Herbstes angezeigt, fielen die Temperaturen um fünfzehn Grad. Das Laub an den Bäumen verfärbte sich rasch und es war ratsam, das Haus nicht ohne Regenschirm zu verlassen. Für Pekunius spielte das Wetter keine Rolle. Mit Sonne im Herzen fühlte sich jeder Tag wie Frühling an.

Es war der Samstag nach ihrem Ausflug zur alten Mühle, als er im Blumenladen von Bruno Girasole einen Strauß Rosen kaufte. Der kleine, freundliche Italiener ahnte sofort, dass Pekunius eine Herzdame haben musste und er wünschte seinem Nachbarn viel Glück.

„Viel Glück?“, fragte Pekunius überrascht.

„Aber ja, Herr Kaufmann“, antwortete Girasole, „ich kenne Sie doch schon lange. Sie haben keine Frau und Sie haben auch noch nie rote Rosen gekauft. Da ist es nicht schwer zu raten.“

Pekunius nickte lächelnd. Er hätte das Offensichtliche auch nicht leugnen können, selbst wenn er gewollt hätte. Sein Gesicht strahlte vor Glückseligkeit. Für den Abend war er mit Veronica verabredet und, Pathos hin oder her, es war der Tag der Entscheidung. Er bezahlte die Blumen, wünschte Girasole ein schönes Wochenende und verließ den Laden.

Zuhause stellte er die Blumen in eine Vase, ging ins Badezimmer, duschte und rasierte sich, zog ein frisches Hemd und seinen besten Anzug an und wählte eine dezent gemusterte Krawatte aus. Es war siebzehn Uhr und er hatte noch zwei Stunden Zeit bis zu ihrer Verabredung. Sie wollten sich bei Veronica treffen, um dann gemeinsam zu einem Landgasthof außerhalb der Stadt zu fahren. Da es ihm unmöglich schien, noch etwas Sinnvolles zu beginnen, weil er viel zu aufgeregt war, setzte er sich in die Küche und schlug die Zeitung auf. Er las die Überschriften, merkte aber gleich, dass er sich auf die Artikel nicht konzentrieren konnte. Sobald er einen Satz zu lesen begann, hatte er den vorherigen schon vergessen. Er wollte die Zeitung wieder zuschlagen, als sein Blick auf eine Überschrift fiel, die ihn sofort in ihren Bann zog. Der letzte Patriarch des Modellbahnherstellers, der das Unternehmen bis zur Übernahme durch den britischen Finanzinvestor geführt hatte, war tot. Pekunius las den Artikel, der in knappen Worten schilderte, dass der Urenkel des Firmengründers im einhundertfünfzigsten Jahr seit Bestehen des Unternehmens nach einer Herzoperation verstorben war. Er hatte sich drei Jahre zuvor lange und heftig gegen eine fremde Übernahme des Familienunternehmens gewehrt. Dass damit, wie er vorhergesagt hatte, auch keine Besserung erzielt worden war, habe er nicht verkraftet, sagte seine Tochter, und nun habe ihm die Insolvenz das Herz gebrochen. Er war fünfundsechzig Jahre alt geworden.

Fünfundsechzig, dachte Pekunius und schüttelte den Kopf. Er hatte den Verstorbenen bei der Spielwarenmesse in Nürnberg einige Jahre zuvor persönlich kennen gelernt und sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Nun war der Patriarch tot und das Unternehmen lag im Sterben, sofern es dem Insolvenzverwalter nicht gelang, ihm wieder neues Leben einzuhauchen. Mit der Todesnachricht am Küchentisch sitzend wäre es ein Leichtes gewesen, in Pessimismus zu verfallen. Die Zwirns hatten ihr Geschäft ebenso aufgeben müssen wie Bertha Krämer, Frau Stier war auf tragische Weise gestorben, die Telemanns standen vor dem Aus und die Zukunft seines eigenen Ladens war ungewiss, doch Pekunius war nicht gewillt, sich davon anstecken zu lassen. Auch wenn es schien, dass in diesem Jahr Tod und Untergang näher gerückt waren als je zuvor, so sollte dennoch sein eigener Weg davon gänzlich unberührt bleiben. Er gedachte noch einmal des Patriarchen, dann schlug er die Zeitung zu. Er hatte anderes im Sinn.

Zwei Stunden später läutete er bei Veronica. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, während er darauf wartete, dass die Tür geöffnet wurde.

„Schön, dass du da bist“, begrüßte sie ihn, als sie sich gegenüber standen, „komm herein.“

Pekunius trat ein und Veronica schloss die Tür hinter ihm.

„Ich bin fertig“, erklärte sie, „wir können gleich fahren.“

Sie warf einen Blick auf den Blumenstrauß, der noch in undurchsichtiges Papier eingewickelt war.

„Ich hätte dich doch auch abholen können“, erklärte sie, „du hättest nicht extra mit dem Bus hierher fahren müssen.“

Pekunius sah sich unschlüssig im Flur um. Das war nicht der richtige Ort für eine Liebeserklärung.

„Können wir noch einen Augenblick ins Wohnzimmer gehen?“, fragte er.

Veronica legte den Kopf zur Seite, sah Pekunius amüsiert an und stimmte mit einer einladenden Handbewegung zu.

„Sicher, bitte.“

Er ging voraus und sie folgte ihm. Als sie im Wohnzimmer waren, wickelte er die Blumen aus dem Papier.

„Wenn ich nicht schon verheiratet wäre“, bemerkte sie scherzhaft, „würde ich glauben, dass du mir gleich einen Antrag machst. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir jemand zum letzten Mal rote Rosen geschenkt hat.“

Pekunius legte das Papier auf den Wohnzimmertisch und wandte sich zu Veronica um.

„Meine liebe Veronica ...“, sagte er feierlich.

Plötzlich wusste er nicht mehr weiter. Sein Herz klopfte laut in der Brust und das Blut rauschte in seinen Ohren. Ihm war, als ob sein ganzer Körper vibrieren würde.

„Du machst es aber spannend“, erwiderte sie und sah ihn erwartungsvoll an.

Mit zitternden Fingern überreichte er ihr die Rosen. Sie nahm den Strauß entgegen und wartete, dass er ihr den Anlass für das Geschenk erklären würde.

„Ich weiß, dass du noch nicht geschieden bist“, begann er und brach wieder ab.

Selbst sein Atem zitterte und seine Stimme hatte nicht die sonst gewohnte Festigkeit. Er kam sich verloren vor und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. In seinen Gedanken war es so einfach gewesen, ihr seine Gefühle zu offenbaren, doch nun wusste er nicht, wie er es anstellen sollte. Er nahm Veronica die Blumen wieder ab, legte sie auf den Tisch und fasste nach ihren Händen.

„Meine liebe Veronica“, sagte er noch einmal, „ich habe mich verliebt.“

Sie sah ihn nur stumm an und er wusste, dass das Entscheidende noch fehlte. Er atmete ein letztes Mal tief durch und sprach es aus.

„Ich habe mich in dich verliebt!“

Mit großen Augen und einem Blick, den er nicht deuten konnte, sah sie ihn an. Da sie nicht antwortete, vermutete er, dass sie ihn nicht oder nicht richtig verstanden hatte.

„Ich liebe dich, Veronica“, erklärte er mit einem Lächeln, in dem mehr Furcht als Hoffnung lag.

Ein ausgesprochenes Wort konnte nicht zurückgeholt werden und nun musste er warten, wie sie reagieren würde. Es war die längste Sekunde seines Lebens.

„Oh, Pekunius“, antwortete sie.

Ihre Augen wurden feucht. Sie trat einen kleinen Schritt vor und entzog ihm ihre Hände, dann warf sie ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich.

„Oh, Pekunius“, flüsterte sie noch einmal.

Er legte seine Arme um sie und hielt sie fest. Sein Herz schlug noch immer laut und das Blut rauschte noch immer in seinen Ohren. Plötzlich spürte er, dass sie zu beben begonnen hatte. Einen Augenblick später hörte er sie schluchzen. Erschrocken und besorgt fasste er sie an den Schultern und schob sie ein klein wenig von sich. Ihre Augen waren feucht, ihre Schminke war verschmiert, Tränen liefen über ihre Wangen und sie lächelte.

„Oh, Pekunius, ich liebe dich auch“, erklärte sie lachend und weinend gleichzeitig.

Einen Augenblick sahen sie einander an, verlegen und glücklich gleichermaßen. Es hatte nur weniger Worte bedurft. Alle Erklärungen, die Pekunius sich lange und sorgfältig überlegt hatte und all die Komplimente, die er ihr hatte machen wollen, waren wie weggeblasen.

„Bitte entschuldige“, bat sie und wischte sich mit den Fingern die Tränen von den Wangen, „ich bin ... ich bin so glücklich!“

Er nahm seine Hände von ihren Schultern, legte sie auf ihre Hüften und zog Veronica sanft an sich. Er hatte keine Worte, mit denen er seine Gefühle ausdrücken konnte. Er wollte Veronica festhalten, sie an sich drücken und nicht mehr loslassen, doch sie hielt ihn noch ein wenig auf Abstand.

„Du darfst die Braut jetzt küssen“, sagte sie.

 

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Pekunius erwachte, öffnete die Augen für einen Moment, sah einen dunklen Haarschopf vor sich und schloss die Lider wieder. Veronica hatte ihm den Rücken zugewandt. Er hatte den Arm um sie gelegt und sie hielt im Schlaf seine Hand fest. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Pekunius drückte sich ein klein wenig fester gegen sie. In seinen Gedanken erschienen die Bilder vom Abend zuvor. Nach ihrer Aufforderung hatte er sie geküsst. Zuerst hatten sich ihre Lippen nur sanft und zärtlich berührt. Dann war der Kuss leidenschaftlicher und schließlich fordernd geworden. Ehe sie sich versehen hatten, waren sie auf das Sofa gesunken und hatten sich geliebt. Alles war so schnell gegangen, dass er nicht einmal Zeit gefunden hatte, sich zu fragen, ob er das Richtige tat. Später, als sie sich voneinander gelöst hatten, war er verlegen geworden, doch sie hatte seine Unsicherheit mit einem „wir sind doch zwei erwachsene Menschen“ einfach hinweggewischt. Zum Ausgehen waren sie nicht mehr gekommen. In Veronicas Küche hatten sie bei Kerzenschein Brot und Käse gegessen und Rotwein dazu getrunken. Danach hatte sie ihn in ihr Schlafzimmer mitnehmen wollen, doch er war bei der Tür stehen geblieben und hatte den Kopf geschüttelt. Die Vorstellung, in dem Bett zu liegen, dass sie sich jahrelang mit Horst geteilt hatte, rief einen Widerwillen in ihm hervor. Veronica hatte nur kurz mit den Achseln gezuckt und seine Ressentiments lächelnd akzeptiert. Es schien ihr nichts auszumachen. Er hatte ein Taxi rufen wollen, doch sie hatte darauf bestanden, ihn nach Hause zu fahren. Zu seiner Überraschung und zu seiner Freude hatte sie ihren Wagen geparkt und Pekunius in seine Wohnung begleitet. Ohne viele Worte zu wechseln waren sie direkt in sein Schlafzimmer gegangen und hatten sich ebenso leidenschaftlich geliebt wie auf Veronicas Sofa.

Er wusste nicht, wann er zum letzten Mal neben einer Frau aufgewacht war. Das Gefühl war unbeschreiblich und erfüllte ihn bis in die Haarspitzen. Er hatte daran gedacht, aber nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie miteinander schlafen würden und er hatte sich begeistert von ihrer Leidenschaft anstecken lassen. Nun lag er neben ihr, lauschte auf ihren Atem und wagte kaum, sich zu bewegen, um sie nicht zu wecken. Er hatte einen langen Anlauf nehmen müssen, um ihr seine Liebe zu gestehen und sie hatte auf eine Weise reagiert, die jeden seiner Wünsche und Hoffnungen übertroffen hatte. Dem Sprung, den er gewagt hatte, war eine sanftere Landung gefolgt als er sich erträumt hatte.

Der Morgen nach ihrer ersten gemeinsamen Liebesnacht war angebrochen. Mit geschlossenen Augen und einem seligen Lächeln hielt Pekunius Veronica im Arm, doch ganz langsam tauchte ein Gedanke auf, unbarmherzig und immer lauter werdend wie ein tropfender Wasserhahn. Es war der Morgen danach, doch was sollte diesem Morgen folgen? Bis zu seinem Besuch bei ihr am Vorabend war seine Vorstellung nur vage und unscharf gewesen, ähnlich einem Aquarell. Nun jedoch verlangte es ihn nach schärferen Konturen. Er wollte keine Affäre mit Veronica und schon gar keinen One-Night-Stand. Er wollte, dass sie die Frau an seiner Seite wurde, seine Gefährtin, seine Freundin und ja, seine Frau fürs Leben, selbst wenn er die Hälfte davon schon längst hinter sich gelassen hatte. Du darfst die Braut jetzt küssen. Was hatte sie damit gemeint? Er hatte ihr keinen Heiratsantrag gemacht, schließlich war sie ja noch nicht geschieden. War es nur eine scherzhafte Bemerkung gewesen oder hatte sie ohne es zu wollen ihm zu verstehen gegeben, was sie von ihm erwartete? Und wie sollte er eine Antwort auf diese Frage finden? Es wurde ihm bewusst, dass er sich über das „Danach“ zu wenig Gedanken gemacht hatte und im nächsten Augenblick sagte er sich, dass eine Beziehung nicht planbar war.

Veronica seufzte im Schlaf. Pekunius öffnete die Augen und erkannte, dass ihr unfreiwilliger Kommentar genau die richtige Antwort auf seine unausgesprochenen Fragen war. Warum machte er sich so viele Gedanken, anstatt den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen? Er küsste Veronica sanft auf die Schulter, dann löste er sich von ihr und stand auf. Nur mit einem Morgenmantel bekleidet, was sonst nicht seiner Art entsprach, ging er in die Küche und richtete das Frühstück.

Es wurde ein heiterer, entspannter Sonntag. Zum ersten Mal in seinem Leben frühstückte Pekunius auf Veronicas Vorschlag hin im Bett. Nebeneinander sitzend aßen und tranken sie fröhlich, fast ausgelassen, und Pekunius fühlte sich wie in ein anderes Leben versetzt, als ob er ein Student oder ein Künstler sei. Es gab nichts Wichtiges, nichts Eiliges, nichts, um das man sich hätte kümmern müssen. Sie neckten sich und lachten miteinander, sie unterhielten sich über Gott und die Welt, sie liebten sich und sie träumten einander in den Armen haltend. Als sich Veronica am Abend verabschiedete, war Pekunius überzeugt, einen der schönsten Tage seines Lebens mit ihr verbracht zu haben.

Am nächsten Morgen erwachte er mit der Frage, ob das alles nicht vielleicht nur ein Traum gewesen sei. Versonnen griff er nach dem Kissen neben sich. Es roch nach Veronica und als er es an sich drückte, war ihm fast, als ob er seine Geliebte im Arm halten würde.

Sein Leben hatte sich verändert. Er ging wie auf Wolken und lächelte den ganzen Tag. Baptiste war der Erste, dem die Verwandlung auffiel und er erriet, genau wie Bruno Girasole, dass eine Frau die Ursache sein musste.

„Oh, lala, Monsieur“, sagte er grinsend, „Sie haben die Liebe gefunden. Jetzt sind Sie ein reicher Mann.“

Damit hatte der Postbote den Nagel auf den Kopf getroffen. Pekunius fühlte sich reich beschenkt und er dankte seinem Schicksal, dass es ihm eine solch wunderbare Frau zugeführt hatte. Ihr heiteres Gemüt und ihre Unkompliziertheit empfand er als wohltuenden Gegenpol zu seinem Hang, sich hin und wieder zu viele Gedanken zu machen. Veronica konnte eine schwierige Frage mit einem achselzuckenden Lächeln beantworten und damit dem Thema die Schwere nehmen. Er fand es erstaunlich, wie einfach der Umgang und das Zusammensein mit ihr waren und er konnte sich nicht vorstellen, jemals mit ihr zu streiten. Dass sie jedoch eine Woche zuvor bei ihrer letzten Wanderung am Bach sitzend genau das Gleiche über ihn gesagt hatte, ließ ihn staunend den Kopf schütteln und er kam zu dem Ergebnis, dass sich zwei verwandte Seelen gefunden haben mussten.

 

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Im Lauf des Septembers zog das Geschäft merklich an. Die Entwicklung überraschte Pekunius, denn es war noch weit bis Weihnachten und niemand kaufte jetzt schon Geschenke. In der Kleinstädter Tageszeitung erschienen wie eh und je zwei Anzeigen pro Monat, mit denen er um Kundschaft warb. Er hatte seine Werbestrategie, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdiente, nicht geändert. Trotzdem nahm die Anzahl der Neukunden weiter zu. Es verging keine Woche, in der nicht mindestens zwei oder drei Interessenten, die er nie zuvor gesehen hatte, seinen Laden besuchten. Die neue Klientel unterschied sich in zwei Punkten merklich von der alten. Niemand kam in den Laden, um sich „nur mal umzuschauen“, wie man das hin und wieder in jedem Geschäft erlebt, sondern um gezielt zu kaufen. Damit stieg der Umsatz auf das Niveau des Weihnachtsgeschäftes und das war mehr als erstaunlich. Der andere, noch ungewöhnlichere Punkt war die Auswahl der Produkte. Sämtliche Neukunden kauften ohne Ausnahme Lokomotiven, hin und wieder auch Tender, Güter- und Personenwaggons, doch weder Gleise noch Weichen und schon gar keine Gebäude oder Bausätze. Sie kamen mit ganz konkreten Vorstellungen und bestellten zum Teil drei, vier oder gar fünf Lokomotiven im Wert von mehreren hundert Euro. Dabei verlangten sie kaum aktuelle Modelle, sondern meist ältere und in die Jahre gekommene Stücke. Pekunius hatte ein seltsames Gefühl bei dieser Art von Kundschaft. Keiner von ihnen verwickelte den Händler in ein Fachgespräch, wie es bei den Modellbahnern üblich war. Sie kamen, erkundigten sich nach den Preisen und Lieferzeiten, bestellten, kamen einige Tage später wieder, holten ihre Waren ab, bezahlten und gingen. Da sein EC-Gerät ihre Kreditkarten akzeptierte oder sie Bargeld auf den Tresen legten, gab es an den Geschäftsabschlüssen nichts auszusetzen. Pekunius hatte allen Grund zur Freude, denn es wurde der umsatzstärkste September, den er in seiner Firmengeschichte erlebt hatte und der Oktober begann auf die gleiche Weise, doch das seltsame Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging, hielt sich hartnäckig. Jeder der neuen Kunden vermittelte ein nicht näher bestimmbares Gefühl von Distanziertheit oder Kühle ohne jedoch dabei unfreundlich zu sein. Ihnen war der Mangel an Leidenschaft gemein, der normalerweise jedem, der ein Hobby hatte, im Blut steckte und Pekunius fühlte sich wie ein Junge beim Abschlussball, dessen Vater die Mädchen dafür bezahlte, dass sie mit ihm tanzten. Als ihm dieser Vergleich einfiel, musste er lächeln, denn vermutlich hatte der bevorstehende Beginn seines eigenen Tanzkurses, für den Veronica sie bei einer Tanzschule angemeldet hatte, das Bild in ihm ausgelöst.

Der dritte Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, fiel auf einen Donnerstag. Am Abend zuvor trafen sich Pekunius und Veronica zum ersten Mal vor der Tanzschule. Es war kurz vor neunzehn Uhr und schon als sie ihn begrüßte, spürte er die freudige Erwartung, mit der Veronica ihrer ersten Tanzstunde entgegen fieberte.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darauf freue, den Tanzkurs mit dir zu machen“, erklärte sie mit leuchtenden Augen.

„Vielleicht sollten wir erst das Ende der Stunde abwarten“, wehrte er ab, „ich möchte dir nicht auf die Füße treten, aber ich weiß nicht, ob ich dieses Versprechen auch halten kann.“

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und hängte sich bei ihm ein. Gemeinsam betraten sie die Tanzschule. Etwa ein Duzend Paare, von denen das jüngste Mitte zwanzig und das älteste schon im Rentenalter war, hatte sich im Vorraum versammelt. Weder Pekunius noch Veronica kannten einen der anderen Teilnehmer. Das Tanzlehrerpaar, beide um die vierzig und gertenschlank, begrüßte die Anfänger. Nach der Überprüfung der Teilnehmerliste begann die erste Stunde. Pekunius war überrascht, als sie den Übungsraum betraten und er feststellte, dass eine Wand komplett verspiegelt war. Für eitlere Naturen mochte dies eine ständige Versuchung sein. Er wusste jedoch noch nicht, dass es auch einen praktischen Nutzen gab, wenn man selbst Haltung oder Tanzschritte kontrollieren wollte.

Man begann mit einem langsamen Walzer. Der Tanzlehrer, der die Stunde alleine leitete, führte die erste Schrittkombination vor. Der Grundschritt war nicht schwierig und da jeder für sich allein und ohne Musik übte, stellte das richtige Setzen der Füße für niemanden eine Herausforderung dar. Das änderte sich jedoch drastisch, als die Paare die Tanzhaltung einnahmen und versuchen mussten, die Schritte nun gemeinsam zu koordinieren. Da Veronica wie nahezu alle Frauen bereits den Walzer beherrschte und Pekunius sich nicht ungeschickt anstellte, klappte es auf Anhieb recht gut. Als der Tanzlehrer wenige Minuten später die Musik einschaltete und Pekunius zum ersten Mal zu den Klängen von „Mull Of Kintyre“ tanzte, wurde er von einem Virus infiziert, von dessen Existenz er bis zu diesem Augenblick nicht einmal etwas geahnt hatte. Ohne dass er jemals ein Instrument zu spielen gelernt hatte, besaß er ein gutes Rhythmusgefühl. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, sich im Takt der Musik richtig zu bewegen. Seine Schritte waren noch etwas staksig und seine Haltung zu steif, doch mit Veronica im Arm bekam er eine Ahnung von der Harmonie, die zwischen geübten Tanzpartnern herrschte. Je länger die Stunde dauerte, desto leichter fiel es ihm und desto mehr Gefallen fand er daran. Es kam selten vor, dass er einen falschen Schritt machte und sie kamen weniger häufig ins Stolpern als andere Paare.

„Nun, was meinst du?“, fragte Veronica, als das überraschend schnelle Ende der Stunde gekommen war.

„Sag mit zuerst, wie es deinen Füßen geht“, antwortete Pekunius, „ich fürchte, dass es mir nicht gelungen ist, deine Zehen zu verschonen.“

Veronicas Augen leuchteten noch immer. Es war nicht zu übersehen, wie sehr sie die erste Übungsstunde genossen hatte, obwohl man nicht über die Grundschritte bei Walzer und Foxtrott hinausgekommen war.

„Halb so schlimm“, erwiderte sie, „ich werde keine bleibenden Schäden davontragen.“

Er nahm ihre Hand und küsste sie.

„Dann würde ich gerne nächste Woche einen zweiten Versuch wagen“, kündigte er an.

„Das habe ich mir gedacht“, antwortete sie glücklich, „ich wusste, dass es dir gefallen würde.“

„Woher wusstest du das?“

„Das spürt man eben als Frau“, erklärte sie lächelnd und mit einem Achselzucken.

Sie verabschiedeten sich von den anderen Teilnehmern, verließen die Tanzschule und gingen zu Veronicas Auto. Zehn Minuten später stellten sie den Wagen auf dem Parkplatz, wo früher das Hallenbad gestanden hatte, ab und gingen langsam die Fußgängerzone hinauf.

„Früher gab es hier eine Bäckerei“, berichtete Pekunius und wies mit der Hand auf ein Gebäude, in dessen Erdgeschoss nun ein Sonnenstudio logierte, „und hier gegenüber war die Metzgerei Stier.“

„Stier?“

„Ja, genau die. Nachdem Manfred Kleinstadt verlassen hatte und ihr Mann gestorben war, hat Frau Stier das Haus verkauft und ist in die Wohnung neben den Zwirns gezogen, über dem Nähmaschinengeschäft.“

„Hat das nicht auch erst dieses Jahr zugemacht?“, fragte Veronica und Pekunius nickte seufzend.

„Ja“, bestätigte er, „Günther und Lissi haben ihr Geschäft im Frühjahr aufgegeben und sind nach Großstadt gezogen.“

„Günther und Lissi“, wiederholte Veronica, „warst du mit ihnen befreundet?“

„Ja“, antwortete er wehmütig, „aber leider habe ich keine neue Adresse von ihnen und so ist der Kontakt abgebrochen.“

Sie kamen am Radiogeschäft der Telemanns vorbei und passierten das Haus von Bertha Krämer. Hinter der gläsernen Eingangstür und der Schaufensterscheibe gähnte ein lichtloses Nichts. Pekunius hatte Frau Krämer bei der Beerdigung von Frau Stier zum letzten Mal gesehen. Er wusste nicht, ob und welche Zukunftspläne die ehemalige Lebensmittelhändlerin verfolgte oder ob sie für das Ladengeschäft einen Mieter suchte.

„Können wir einen Blick ins Schaufenster werfen?“, fragte Veronica und sah zum Kosmetikgeschäft auf der anderen Straßenseite, als sie ein Stück weiter die Fußgängerzone hinaufgegangen waren.

Pekunius hatte nichts dagegen und sie hielten darauf zu. Er erinnerte sich an die Szene, als er einen Badezusatz für Veronica hatte kaufen wollen und am Ende mit leeren Händen das Geschäft wieder verlassen hatte.

„Hast du dich mit ihnen ausgesprochen?“, fragte Veronica.

„Nein“, gab er zu, „ich werde es auch nicht tun.“

„Warum nicht?“

„Warum sollte ich? Wir haben keinen Kontakt.“

„Aber ihr seid doch Nachbarn.“

Pekunius bezweifelte, dass dieser Ausdruck für die Inhaber des Kosmetikgeschäftes angebracht war. In seinen Augen hatten sich Frau Schröder und Herr Wickremesinghe dafür selbst disqualifiziert. Nachbarschaft hatte für ihn etwas mit Gemeinschaft zu tun, mit Interesse und Hilfsbereitschaft. Nachbarn hatten Kontakt zueinander und unterstützten sich gegenseitig, wenn jemand Hilfe benötigte. Zu einem Nachbarn ging man auch mal zwischendurch, um einen Kaffee zu trinken und über dies und jenes zu plaudern. Bei Frau Schröder und Herrn Wickremesinghe hatte er jedoch den Eindruck, dass sie am liebsten für sich blieben und den Kontakt zu anderen vermieden. Keiner von ihnen hatte Pekunius nach Frau Stiers Tod angesprochen oder ihn gar in seinem Laden besucht.

„Ganz schön teuer“, stellte Veronica fest, während sie die Auslagen betrachtete.

„Teuer ist relativ“, antwortete Pekunius, nur um etwas zu sagen.

Er kannte sich mit Kosmetika nicht aus und wusste nicht, welche Preise für Cremes und Öle angemessen waren.

„Meinst du, der Laden läuft?“, fragte sie.

„Keine Ahnung“, erwiderte er und schüttelte den Kopf, „ich kann nichts darüber sagen. Manchmal sehe ich zufällig, dass jemand hineingeht oder herauskommt, aber wie viele Kunden im Geschäft kaufen und ob es sich trägt, weiß ich wirklich nicht.“

„Lass uns gehen“, schlug Veronica vor, „das Tanzen hat mich hungrig gemacht. Vielleicht finde ich noch etwas in deinem Kühlschrank, aus dem ich uns etwas Leckeres zubereiten kann.“

„Davon bin ich überzeugt“, stimmte Pekunius zu.

 

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Sie standen erst spät auf und frühstückten ausgiebig. Es war schon fast Mittag, als sie den Tisch abräumten.

„Ich möchte nicht unhöflich sein“, entschuldigte sich Pekunius mit einem schiefen Lächeln, das seine ganze Verlegenheit ausdrückte, „aber sofern du den Nachmittag nicht alleine in meiner Wohnung verbringen möchtest, bitte ich Dich zu gehen.“

„Oh“, erwiderte Veronica überrascht, „ich weiß nicht, ich habe heute nichts vor. Bei dir scheint das aber anders zu sein.“

„Ja“, bestätigte er, „du kannst natürlich auch gerne hier bleiben und dir einen gemütlichen Nachmittag vor dem Fernseher machen. Du kannst auch etwas lesen, wenn du möchtest. Fühl dich ganz wie zu Hause.“

„Und was machst du?“

Pekunius antwortete nur ungern, denn er hatte die leise Enttäuschung in ihrer Stimme nicht überhört und nahm an, dass seine Begründung ihr nicht gefallen würde.

„Ich habe zu tun“, erklärte er, „ich muss an der Anlage für mein Schaufenster weiterarbeiten, denn ich bin schon ganz schön im Verzug. Im Frühjahr ist Ostern mein Stichtag und im Herbst der dritte Oktober.“

„Kann ich dir Gesellschaft leisten?“, fragte Veronica leichthin.

„Ich dachte, du magst Modellbau nicht“, antwortete Pekunius, der nicht mir dieser Reaktion gerechnet hatte.

„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte sie, „ich beschäftige mich nicht damit. Es war nur früher so, dass Horst mich nicht dabeihaben wollte, weil er sich durch mich gestört fühlte. Ich kann natürlich verstehen, wenn du ...“

„Aber nein“, unterbrach er sie, „ganz im Gegenteil. Ich würde mich natürlich freuen, wenn du mir Gesellschaft leistest. Ich befürchte jedoch, dass du dich langweilst.“

Wieder einmal schenkte sie ihm ein achselzuckendes Lächeln als Antwort, das seine Zweifel schneller ausräumte als jedes gesprochene Wort. Gemeinsam gingen sie hinunter in den Raum, der Pekunius als Lager und Werkstatt diente. Er hatte seinen Schreibtischstuhl aus dem Verkaufsraum mitgenommen und räumte einige Kartons zur Seite, um für Veronica Platz zu schaffen.

„Da sind fast nur Lokomotiven drin“, erklärte er, „kannst du dir das vorstellen?“

„Ist das so ungewöhnlich?“, fragte sie.

Pekunius stapelte die Kartons aufeinander und stellte den Stuhl für Veronica zurecht.

„Ja, eigentlich schon“, antwortete er, „in den letzten drei Wochen habe ich so viele Lokomotiven verkauft, wie sonst in einem halben Jahr.“

Während er die Arbeitslampe über der Werkbank einschaltete und das Leintuch, das die unfertige Anlage vor Staub schützte, entfernte, berichtete er ihr von seinen neuen, ihm seltsam erscheinenden Kunden. Veronica hörte zu ohne ihn zu unterbrechen. Sie betrachtete die Winterlandschaft, die im Lauf der letzten Monate auf der Holzplatte entstanden war.

„Klarer Fall“, folgerte sie, nachdem er seinen Bericht beendet hatte, „das sind Hamsterkäufe.“

Pekunius verharrte mitten in der Bewegung.

„Hamsterkäufe?“, fragte er ungläubig.

„Ja, ich denke schon“, antwortete sie, „und die Kunden sind Spekulanten.“

„Spekulanten? Du meinst ...“, begann er und Veronica beendete den Satz, „... dass die Insolvenz des Herstellers die Leute dazu treibt, sich die Lokomotiven unter den Nagel zu reißen, solange sie noch lieferbar sind. Wenn die Firma Pleite macht und die Produktion eingestellt wird, werden sie im Wert steigen. Darauf spekulieren sie.“

Pekunius stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Veronica hatte die ebenso simple wie einleuchtende Erklärung geliefert. Vermutlich war er selbst zu sehr Modellbahner, als dass er darauf hätte kommen können. Die Distanziertheit und der Mangel an Leidenschaft, die ihm aufgefallen waren, rührten daher, dass die neuen Kunden tatsächlich keine Modellbahner waren. Sie waren Spekulanten, kühle Rechner und Kalkulatoren, die ihren erhofften Gewinn aus einem der Grundgesetze des Marktes ableiteten. Wenn eine Ware knapp wurde, stieg der Preis. So einfach war das.

„Das gefällt mir nicht“, sinnierte er, „das gefällt mir ganz und gar nicht.“

„Was gefällt dir nicht?“

„Die Spekulanten. Sie hoffen auf den Untergang eines alten, traditionsreichen Unternehmens, um daraus ihren Gewinn zu ziehen. Nicht genug damit, dass dieser Finanzinvestor die Firma ausgeblutet und an den Rand des Ruins gebracht hat, jetzt treten auch schon die Leichenfledderer auf den Plan.“

Mit den Fingerspitzen fuhr Veronica über die Hügel, um die Oberfläche zu ertasten. Pekunius hatte sie aus Zeitungspapier und Kleister modelliert und mit weißer Farbe angemalt. Im verkleinerten Maßstab wirkte die Landschaft so echt, dass man automatisch annahm, sie müsse kalt wie Schnee sein.

„Des einen Tod ist des andern Brot“, zitierte sie ein Sprichwort.

„Aber ich muss dabei nicht mitmachen“, widersprach er ärgerlich.

„Sondern?“

Das war eine gute Frage. So sehr ihm die Praxis des Spekulantentums auch widerstrebte, so wenig konnte er dagegen tun. Es war nicht gut möglich zu erforschen, welche Beweggründe ein Kunde hatte, wenn er eine Lokomotive kaufte. Pekunius konnte kein moralisches Urteil fällen, um zu entscheiden, wem er etwas verkaufte und wem nicht.

„Abwarten“, antwortete er, „bisher hatte ich einfach gehofft, dass der Modellbahnhersteller wieder auf die Beine kommt, nicht zuletzt, weil mein eigenes Geschäft untrennbar damit verbunden ist. Jetzt hoffe ich doppelt, denn wenn es mit dem Unternehmen wieder aufwärts geht, dann werden sich einige Herrschaften ganz schön verspekuliert haben.“

Er öffnete einen großen Karton und entnahm ihm die Gebäude, die bereits fertig gestellt waren. Mit einigen Streifen zweiseitigem Klebeband befestigte er sie auf der Holzplatte.

„Hält das?“, fragte Veronica zweifelnd.

„Das hält schon“, erklärte Pekunius, „das Klebeband soll nur dafür sorgen, dass die Teile nicht verrutschen, wenn ich die Anlage zum Schaufenster trage.“

Veronica betrachtete den einfachen, altertümlichen Bahnhof. Pekunius hatte große Mühe darauf verwandt, dem Gebäude ein altes, halb verwittertes Aussehen zu verleihen. Der Schornstein war ein wenig verschoben, an manchen Stellen blätterte die Farbe ab, vom Dach fehlte eine Ecke und ein Fensterladen hing schief in seinen Angeln. Der Bahnhof sah aus, als hätte er bereits seit Jahrzehnten Wind und Wetter getrotzt. An der Dachtraufe hingen sogar einige Eiszapfen und an einer Wand lehnte ein Schneeschieber.

„Es steckt viel Liebe darin, nicht wahr?“, vermutete sie.

„Ja, das kann man schon sagen“, bestätigte Pekunius, „zumindest viel Liebe zum Detail.“

„Denkst du dir das alles aus?“

„Ja und nein. Ich suche mir ein Thema aus, hier zum Beispiel eine sibirische Winterlandschaft, und dann suche ich nach Bildern, meistens im Internet. Sobald ich Fotos von Gebäuden gefunden habe, benutze ich sie als Vorlagen für die Modelle. Die Landschaft und die Bebauung sollen möglichst authentisch wirken.“

„Das ist dir auf jeden Fall gelungen“, lobte sie, „wenn man nicht wüsste, dass es nur ein Modell ist, könnte man direkt glauben, es wäre eine Szene aus Doktor Schiwago.“

Den ganzen Nachmittag verbrachten sie in Pekunius´ Werkstatt. Hin und wieder ging Veronica ihm zur Hand, wenn er sie darum bat. Er zeigte ihr, mit welcher Maltechnik man grüne Bäume in schneebedeckte Wintertannen verwandelte und forderte sie auf, selbst ein kleines Wäldchen zu gestalten, was sie jedoch dankend ablehnte. Trotzdem freute sie sich, dass er sie mit einbezog, auch wenn sie seinem Hobby wohl niemals die gleiche Leidenschaft entgegenbringen würde. Sie plauderten miteinander und unterhielten sich über eine Fülle von Themen, während die sibirische Winterlandschaft immer weiter an Gestalt gewann. Gegen achtzehn Uhr erklärte Pekunius die Arbeit für diesen Tag für beendet. Die letzten Handgriffe und die Inbetriebnahme der Bahn sollten am nächsten Tag folgen.

Nach dem Abendessen verabschiedete sich Veronica und zwei Tage später, am Samstag kurz nach vierzehn Uhr, holte sie Pekunius mit ihrem Auto ab. Er nutzte gerne die Möglichkeit, seine Einkäufe nicht mit dem Bus nach Hause bringen zu müssen. Als sie später an diesem ersten Samstag im Oktober das Fahrzeug auf dem Parkplatz abstellten und mit den Einkäufen bepackt die Fußgängerzone hinauf gingen, fielen Pekunius die Transparente im Schaufenster der Telemanns sofort auf.

 

Räumungsverkauf

Alles reduziert

 

Er blieb stehen und ließ seinen Blick über die Schaufensterfront des Radio & HiFi Geschäftes schweifen. Nirgends fand sich ein Hinweis auf den Grund des Räumungsverkaufs.

„Wartest du bitte einen Augenblick?“, bat er und stellte die Taschen ab.

„In Ordnung“, antwortete Veronica, „aber beeil dich bitte. Es sieht nach Regen aus.“

„Ich bin gleich zurück“, erwiderte er und lief rasch zur Eingangstür.

Kaum hatte er die Schwelle überschritten, bemerkte er die Veränderung. Ebenso wie damals im Nähmaschinengeschäft fielen ihm die Löcher auf, die entstanden waren, weil Verkauftes nicht mehr durch Neues ersetzt wurde. Voll böser Vorahnung ging er zum Tresen, hinter dem Karin Telemann ihn begrüßte.

„Hallo Pekunius, wie geht´s?“

„Hallo Karin, ich habe gesehen, dass Ihr einen Räumungsverkauf ausgeschrieben habt.“

„Ja“, antwortete sie, „alles muss raus.“

Einen Räumungsverkauf durfte man nur ankündigen und durchführen, wenn man einen gewichtigen Grund hatte, sei es eine Umbaumaßnahme oder die Geschäftsaufgabe. Es war Pekunius nicht wohl zumute, als er seine Frage stellte.

„Ihr gebt Euer Geschäft auf?“

„Nein“, widersprach Karin, „wir ziehen um.“

„Ihr zieht um?“

„Ja, zum Monatsende. Wir haben ein Geschäft im Gewerbegebiet gemietet. Dort haben wir eigene Parkplätze und die Kunden können uns direkt anfahren, was ja, wie du weißt, hier nicht mehr möglich ist.“

„Aha“, sagte Pekunius erleichtert, „dann fällt mir aber ein Stein vom Herzen. Ich hatte schon befürchtet, dass Ihr aufgeben würdet.“

„So schnell lassen wir uns nicht unterkriegen“, erklärte Karin.

Ein leiser Zweifel schwang in ihrer Stimme mit. Sie schien nicht ganz davon überzeugt zu sein, dass sie an ihrem neuen Standort erfolgreich genug sein würden, um ihr kleines Unternehmen weiterführen zu können.

„Gut, ich bin ein wenig in Eile“, erklärte Pekunius, „grüß Walter von mir.“

„Er ist mit Klaus im Lager. Soll ich ihn holen?“

„Nein, nicht nötig. Sag ihm nur, dass ich froh über Eure Entscheidung bin, auch wenn ich es schade finde, dass wir bald keine Nachbarn mehr sein werden.“

„Tja“, sagte Karin und zog die Augenbrauen für einen Moment nach oben.

Das in der Luft hängende Wort und ihre Mimik verrieten, dass es keine frei getroffene Entscheidung war. Die Telemanns mussten sich den veränderten Gegebenheiten fügen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Ein rascher Umzug in andere Räumlichkeiten und an einen anderen Standort war dabei nicht die schlechteste Idee. Pekunius nickte Karin zu und verabschiedete sich.

„Und?“, fragte Veronica, als er wieder bei ihr war und seine Einkaufstaschen nahm.

„Sie ziehen um“, berichtete er, „ab November werden sie im Gewerbegebiet ansässig sein. Ich bin froh, dass sie eine schnelle Entscheidung getroffen haben, denn, ehrlich gesagt, hatte ich befürchtet, dass sie hier langsam, aber unaufhaltsam auf ihre Geschäftsaufgabe zusteuern könnten.“

Sie setzten sich in Bewegung, um Pekunius´ Haus zu erreichen, bevor der befürchtete Regen beginnen würde.

„Glaubst du, dass sie im Gewerbegebiet eine Zukunft haben werden?“, fragte Veronica.

„Warum nicht?“, erwiderte er.

„Na, weil der große Elektronikmarkt doch auch im Gewerbegebiet ist“, erklärte sie.

Pekunius zuckte unschlüssig mit den Schultern, was beim Gehen durch die beiden Einkaufstaschen erschwert wurde.

„Ich hoffe es“, antwortete er seufzend, „es wäre schade, wenn Walter und Karin das gleiche Schicksal beschieden wäre wie Günther und Lissi, sehr schade.“

Sie gingen schweigend nebeneinander her, bis sie das Modellbahngeschäft erreichten. Ein Passant stand vor der Schaufensterscheibe und betrachtete die Auslagen. Als Pekunius näher kam, drehte der Mann seinen Kopf schnell und ruckartig wie eine Eidechse. Er wirkte ungeduldig oder ärgerlich oder beides.

„Sie sind doch der Geschäftsinhaber hier, oder?“, fragte er.

„Ja, das bin ich“, bestätigte Pekunius.

„Wieso haben Sie nicht geöffnet?“

Pekunius betrachtete den kleinen Mann, dessen unsteter Blick zwischen ihm und Veronica hin und her ging und er erinnerte sich, dass der Kunde schon zwei oder drei Mal etwas bei ihm gekauft hatte.

„Es ist Samstagnachmittag“, erklärte der Händler.

Der Mann sah demonstrativ auf seine Armbanduhr.

„Es ist sechzehn Uhr sieben“, verkündete er triumphal, „und ich stehe hier vor verschlossener Tür.“

„Vielleicht haben Sie das Schild mit den Öffnungszeiten nicht bemerkt“, erwiderte Pekunius, obwohl er davon überzeugt war, dass der Kunde es registriert hatte, „samstags schließe ich um vierzehn Uhr.“

Der Mann, der fast einen ganzen Kopf kleiner als Pekunius war, reckte den Hals.

„Alle anderen haben bis achtzehn Uhr geöffnet“, konstatierte er, „mache sogar bis zwanzig Uhr, nur Sie nicht.“

Pekunius zögerte einen Augenblick, doch er fand es nicht wert zu antworten. Es gab keinen Grund, sich vor dem Mann zu rechtfertigen.

„Gib mir deinen Schlüssel“, verlangte Veronica, „ich bringe schon mal die Einkäufe nach oben.“

Pekunius drehte den Kopf und betrachtete sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. Offensichtlich nahm sie an, dass er sein Geschäft für den Kunden noch einmal öffnen würde, was er jedoch nicht vorgehabt hatte. Ihre Bemerkung hatte ihn aber aus dem Konzept gebracht und er überlegte, wie er sich verhalten sollte. Schließlich stellte er die Einkaufstaschen ab und griff in seine Hosentasche, von wo er seinen Schlüsselbund hervorzog.

„Nicht nötig“, sagte der Mann plötzlich, „Sie brauchen nicht extra noch einmal zu öffnen.“

„Wenn ich schon mal dabei bin“, erwiderte Pekunius und unterdrückte den leisen Anflug von Ärger über die Situation, doch den Mann schüttelte vehement den Kopf.

„Ich wollte sowieso nichts kaufen. Ich kam nur zufällig vorbei und habe gesehen, dass Ihr Geschäft geschlossen ist“, erwiderte er und hob den Zeigefinger, um damit seine Belehrung zu unterstreichen, „Sie können nicht schon mittags um zwei zumachen, wenn Sie es zu etwas bringen wollen, sonst verärgern Sie Ihre Kunden und dann kommen sie nicht wieder.“

Pekunius holte Luft, um zu einer Antwort anzusetzen, doch der Mann kam ihm zuvor.

„Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Es ist nur ein guter Rat, sonst nichts.“

Veronica tat, als wolle sie den Schlüsselbund an sich nehmen, doch stattdessen hielt sie Pekunius´ Hand fest. Er spürte ihren sanften Druck, wandte den Kopf und sah sie an. Ihre Augen übermittelten die stumme Botschaft, dass jede Erwiderung überflüssig war und Pekunius verstand sie.

„Vielen Dank für die Information“, sagte er zu dem kleinen Mann, schenkte ihm noch einen durchdringenden Blick und drehte sich um.

Er nahm die Einkaufstaschen und ging zur Haustür. Das „keine Ursache“ des Mannes hätte er gerne überhört.

„Was war das denn?“, fragte Veronica, als sie die Treppe hinaufstiegen, doch Pekunius antwortete nicht.

Er konnte sich nicht gegen den Ärger wehren, den die Szene in ihm ausgelöst hatte. Was bildete sich der Mann eigentlich ein? Was maßte er sich an? Von neun Uhr morgens bis halb sieben am Abend und samstags von neun bis zwei war das Modellbahngeschäft geöffnet. Das alleine waren schon über fünfzig Stunden jede Woche. Dazu kam noch die Stunden, die er am Abend über seinen Büchern verbrachte und nun kam dieser Hanswurst und ...

„Hast du dich über mich geärgert?“, fragte Veronica und riss ihn aus seinen Gedanken.

Pekunius bemerkte, dass sie vor seiner Wohnungstür standen, ohne dass er Anstalten machte, sie aufzuschließen.

„Über dich? Nein, wie kommst du darauf?“, fragte er.

Er stellte eine Tasche ab und steckte den Schlüssel in den Schließzylinder.

„Weil ich dachte“, erwiderte sie, „dass du das Geschäft für diesen schrägen Vogel noch einmal öffnen würdest. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“

Sie betraten die Wohnung und gingen in die Küche, wo sie ihre Einkaufstaschen auf dem Tisch abluden. Pekunius überlegte, was er ihr antworten sollte, doch er entschied, dass es am besten war, den Vorfall so schnell wie möglich zu vergessen. Es gab keinen Grund, sich davon den Samstagabend vermiesen zu lassen.

„Schon gut“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung, „es gibt wahrscheinlich tausend erquicklichere Themen als das Ladenschlussgesetz. Was kochen wir heute Abend?“

„Heute machen wir den Lammbraten“, antwortete Veronica, „der reicht für zwei oder drei Tage.“

Im Lauf der Zeit hatte es sich ergeben, dass sie samstags gemeinsam kochten. Dabei war die Rollenverteilung eindeutig: Veronica lehrte und Pekunius lernte. Beide genossen das Zusammensein mit dem Anderen gleichermaßen und in der Küche herrschte stets eine heitere, entspannte Atmosphäre. Pekunius machte es Spaß, sich neue Fertigkeiten anzueignen. Er konnte sich sogar darüber freuen zu verstehen, warum es einen Unterschied machte, ob man eine Sauce mit dem Kochlöffel oder dem Schneebesen zubereitete. Zwar hatte er nicht den Ehrgeiz, es eines Tages mit Veronica aufnehmen zu können, doch er war ambitioniert genug, um sich nach und nach von Fertiggerichten zu verabschieden. Für Veronica waren diese Stunden noch wertvoller als die sich immer daran anschließenden Liebesnächte, auch wenn sie es selbst nicht einmal ahnte. Pekunius tat ihr gut. Sie liebte den leisen, aufrichtigen und aufmerksamen Mann. In seiner Gegenwart fühlte sie sich nicht nur wohl, sondern auch größer und wichtiger als in ihrer ganzen Zeit mit Horst. Pekunius gab ihr nicht nur das Gefühl akzeptiert zu sein, er zeigte es auch. Bei Themen, von denen er nichts oder nur wenig verstand, stellte er Fragen, hörte zu, ließ sich etwas zeigen oder erklären und gab Veronica damit die Wertschätzung, die ihr lange gefehlt hatte. Durch ihn erfuhr sie, dass die Zubereitung einer Zabaione keinen geringeren Stellenwert besaß als das rechtzeitige Bestellen von Waren oder das Ausfüllen einer Steuererklärung. Für Pekunius war der aufmerksame und respektvolle Umgang mit ihr selbstverständlich, doch er spürte auch, was er damit bei ihr auslöste. Seine natürliche Weigerung, einen Unternehmer höher zu bewerten als eine Hausfrau, sein völliges Negieren der biblischen Sichtweise, wonach die Frau dem Manne untertan sei und sein Mangel an Rechthaberei ließen Veronica aufblühen. Niemals zuvor hatte sie sich so wertvoll gefühlt und wann immer sie Pekunius ansah, leuchteten ihre Augen. Er hingegen wunderte sich am meisten über die Körperlichkeit, die zwischen ihm und ihr entstanden war. Dabei war nicht die Tatsache, dass sie jeden Mittwoch und jeden Samstag miteinander schliefen das Verblüffende, sondern der beständige Wunsch, Veronica berühren zu wollen. Er konnte nicht an ihr vorbeigehen ohne sie an der Schulter, am Arm oder an der Hüfte anzufassen. Wenn er neben ihr stand, legte er fast ohne es selbst zu bemerken den Arm um ihre Taille. Vor jeder Mahlzeit wünschten sie sich mit einem Kuss einen guten Appetit und manchmal, wenn er auf einem Stuhl oder im Sessel saß und sie an ihm vorbeiging, packte er sie einfach und zog sie auf seinen Schoß, nur um sie für einen Augenblick bei sich zu spüren, als ob er sich damit vergewissern müsse, dass das alles kein Traum war. Sie bereicherte sein Leben auf eine Weise, die er bislang nicht gekannt hatte. Seine Sorge, dass er als langjähriger Junggeselle Schwierigkeiten haben würde, sich auf einen anderen Menschen einzulassen und seine Befürchtung, dass er einen Teil seiner Selbständigkeit aufgeben müsse, wenn er sein Leben mit jemandem teilte, stellten sich als unbegründet heraus. Die Beziehung mit Veronica schränkte ihn nicht ein, sondern erweiterte seine Möglichkeiten, glücklich zu sein.

 

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Das Verhängen des Schaufensters mit Leintüchern am Montagmorgen war wieder einmal der Beginn des persönlichen Feiertages von Pekunius. Er hatte die neue Anlage am Freitag zuvor fertig gestellt. Nun tauschte er sie gegen die vorherige aus und die amerikanische Bergbauszene wurde durch die mit reichlich Kunstschnee hergestellte Winterlandschaft ersetzt, in der die Transsibirische Eisenbahn ihre Runden drehte. Es gab nur wenige Gebäude – die kleine Bahnstation, eine Ansiedlung von fünf Häusern und zwei entfernt liegende Gehöfte – denn Pekunius hatte versucht, die Weitläufigkeit der sibirischen Steppe darzustellen, was ihm sogar bei der geringen Größe der Anlage gelungen war. Am liebsten war ihm der Pferdeschlitten, der auf einem verscheiten Fahrweg zur Bahnstation unterwegs war. Der Mann, der die Zügel hielt und die Frau an seiner Seite, die beide in eine Decke eingewickelt waren und Pelzmützen auf ihren Köpfen trugen, stellten natürlich ihn selbst und Veronica dar. Schon als er den Schlitten angefertigt hatte, war ihm bewusst geworden, wie romantisch er sein konnte und Veronica hatte ihm dies lächelnd bestätigt.

Er war gerade dabei, die Leintücher wieder abzunehmen, als Baptiste die Tagespost brachte. Der Postbote ging wieder nach draußen, begutachtete die Anlage durch die Schaufensterscheibe und kam grinsend zurück in den Laden.

„Mon dieu, so viel Schnee“, stellte er fest, „das ist ein richtiger Winter.“

„Ja“, bestätigte Pekunius, „so sollte es sein. Wir hoffen zwar jedes Jahr auf weiße Weihnachten, doch leider ist es dafür meist zu warm.“

In Kleinstadt zeichnete sich der Winter oft durch schmutzigbraunen Schneematsch aus und die Kinder hatten selten Glück, geeignete Bedingungen für eine Schlittenbahn außerhalb der Stadt an einem der kleinen, umliegenden Hügel vorzufinden.

„Haben Sie schon von Telemann gehört“, fragte Baptiste, „er macht Räumungsverkauf und bald wird sein Laden auch geschlossen sein.“

Pekunius faltete die Leintücher zusammen und legte sie auf einen Stapel.

„Ja, ich habe mit Karin gesprochen. Sie ziehen ins Gewerbegebiet um.“

„Ins Gewerbegebiet“, fragte der Ivorer mit großen Augen, „aber dort ist es nicht schön.“

„Das war mit Sicherheit keine ästhetische Entscheidung“, erklärte Pekunius kopfschüttelnd.

„Oh, ich weiß“, erwiderte Baptiste und hob abwehrend die Hand, „das habe ich gleich geahnt. Der Elektronikmarkt hat ihm die Kunden geklaut.“

Er zog die Augenbrauen nach oben, neigte den Kopf zur Seite und sah Pekunius zweifelnd an.

„Aber was macht Telemann jetzt“, fragte er, „wieso zieht er ins Gewerbegebiet? Da hat er doch die Konkurrenz gleich vor der Nase.“

„Wegen den Kunden“, erläuterte Pekunius, „die Stadtverwaltung hat die Fußgängerzone für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Telemann hat zwar eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um weiterhin Musikanlagen in die Autos seiner Kunden einbauen zu können, doch sein Antrag wurde abgelehnt. Man könnte sagen, dass er der Fußgängerzone zum Opfer gefallen ist.“

Baptiste schüttelte ungläubig den Kopf und rollte mit den Augen, was wegen seiner fast schwarzen Hautfarbe eindrucksvoll aussah.

„Oh weh, Monsieur, das ist nicht gut. Sie haben die Welt auf den Kopf gestellt.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Pekunius.

„Ich habe einmal gehört“, berichtete der Postbote, „wie jemand gesagt hat, dass man mit der Fußgängerzone die Händler in der Hauptstraße stark machen wollte, aber warum hat man Telemann nicht gelassen? Das verstehe ich nicht.“

„Nun“, erwiderte Pekunius seufzend und dachte an die angekündigte Erhöhung der Gewerbesteuer, „Politik wird mit dem Kopf gemacht, nicht mit dem Rückgrat.“

„Oui, Monsieur“, stimmte Baptiste zu und nickte, „ich glaube, genau so ist es.“

Der Postbote verabschiedete sich und Pekunius brachte die Leintücher und die leeren Schachteln ins Lager. Kurz danach stellte ihm der Paketdienst eine Warenlieferung zu. Er kontrollierte den Wareneingang, fakturierte die einzelnen Positionen und ordnete die Produkte den jeweiligen Bestellungen zu. Der Anteil der Lokomotiven war noch immer überproportional groß und der Begriff „Hamsterkäufe“ tauchte in seinen Gedanken auf. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, rief eine Suchmaschine im Internet auf und informierte sich über den aktuellen Stand der Dinge hinsichtlich der Insolvenz des Modellbahnherstellers. Der neueste Artikel war am Samstag zuvor ins Netz gestellt worden. Er bezog sich auf einen Kommentar des Insolvenzverwalters, wonach das derzeitige Geschäftsjahr vermutlich ohne Verlust abgeschlossen werden könne. Auch prüfe man derzeit rund einhundert Angebote von Investoren und der Insolvenzverwalter sprach von verhaltenem Optimismus. Es habe sich sogar eine Interessengemeinschaft aus Modellbahnfreunden gebildet, die versuchen wollte, durch private Einlagen die benötigten einhundert Millionen Euro für eine Übernahme zusammen zu bekommen. Die Chancen, das Unternehmen zu retten, stünden weniger schlecht als befürchtet. Pekunius nahm die Informationen mit leiser Befriedigung zur Kenntnis. Dass die Modellbahnfreunde dabei selbst aktiv geworden waren, nötigte ihm einen gewissen Respekt ab. Er kannte zwar keine genaue Zahl, doch die in Deutschland in Clubs und Vereinen organisierten Hobbybastler mussten sich in einer Größenordnung von etwa fünfzigtausend bewegen. Wenn jeder von ihnen zweitausend Euro auf den Tisch legte, dann verfügten sie über genügend Kapital, um eine Übernahme zu wagen. Auch wenn der Insolvenzverwalter dieser Idee skeptisch gegenüberstand, so hatte es doch den Anschein, als ob zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer zum ersten Mal ein wahrhaft volkseigener Betrieb entstehen könnte. Das wäre eine Ironie der Geschichte, anachronistisch und sensationell gleichermaßen. Die Idee hatte zweifellos etwas Bestechendes, auch wenn sich auf der anderen Seite die Frage nach den vielen Köchen stellte, die bekanntlich den Brei verdarben. Pekunius konnte sich ein klein wenig Schadenfreude nicht verkneifen. Wie auch immer eine Lösung aussehen mochte, so war jeder Tag des Weiterbestehens des Modellbahnherstellers ein kleiner Schlag auf die Hamsternasen der Spekulanten.

Am Abend, als er mit dem Sektglas in der Hand in seinem Ohrensessel saß, dachte er über das vergangene Halbjahr nach. An die wirtschaftliche Entwicklung seines Geschäftes verschwendete er kaum einen Gedanken. Es gab keinen Anlass zur Besorgnis und nichts, was dringend korrigiert oder geändert werden musste. Die Frage der höheren Gewerbesteuer würde sich erst im Folgejahr stellen. Es waren die persönlichen Erlebnisse, die seine Aufmerksamkeit forderten. An erster Stelle und weit über allem anderen stand Veronica. Die Beziehung zu ihr hatte sein Lebensgefühl kolossal verändert. Zuvor war er weder unglücklich gewesen, noch hatte ihm etwas gefehlt. Nun aber fragte er sich, warum er jahrelang nicht bemerkt hatte, dass der Mann in ihm erst dann zur Geltung kam, wenn eine Frau in sein Leben trat. Langsam kam ihm zu Bewusstsein, dass nicht nur er das Weibliche in Veronica begehrte, sondern sie auch das Männliche in ihm. Erst dieser Gedanke versetzte ihn in die Lage zu sehen, dass etwas in ihm steckte, dem er bislang wenig Beachtung geschenkt hatte. Es war schwierig in Worte zu fassen und ging eindeutig über das rein Sexuelle hinaus. Dass er, plötzlich und unerwartet, überhaupt über ein regelmäßiges Liebesleben verfügte, war wie ein Geschenk des Himmels. In den vergangenen Jahren war er, früher häufiger, später seltener, zu einer Prostituierten gegangen. Dabei war er realistisch genug gewesen, um zu erkennen, dass er genau die Menge an Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit bekam, für die er bezahlt hatte. Jetzt aber hatte Veronica etwas in ihm wach gekitzelt. Wenn sie nach seiner Hand fasste oder ihren Kopf an seine Schulter legte, dann regte sich etwas Neues in Pekunius. Er spürte eine Mischung aus Kraft, Stärke und Willen, die sehr tief in ihm verborgen gewesen war. Nicht umsonst ging man davon aus, dass der Wunsch, eine Frau beschützen zu wollen, ein männlicher Instinkt sei. Pekunius registrierte dieses Neue, das im Grunde uralt war, erst mit Verblüffung, dann mit Freude und schließlich mit Stolz. Auf die Frage, wann ein Mann ein Mann sei, hatte er seine eigene Antwort gefunden: wenn er mit einer Frau ein Ganzes bildete, eine vollkommene Einheit aus Yin & Yang. Er hob sein Glas und prostete dieser Erkenntnis zu.

Es wurde zunehmend dunkler, doch Pekunius blieb im Sessel sitzen ohne das Licht einzuschalten. Im letzten halben Jahr waren auch Ereignisse eingetreten, die keinen Anlass zur Freude boten. Günther und Lissi, seine ältesten Freunde, waren weggezogen ohne eine neue Adresse zu hinterlassen. Er wusste immer noch nicht, was er davon halten sollte. Sie hatten sich nicht im Streit voneinander verabschiedet und er wusste auch keinen Grund, warum der Kontakt so plötzlich abgebrochen war. Vielleicht fühlten sie sich ihm unterlegen oder schämten sich sogar dafür, dass sie die Segel hatten streichen müssen, während er sein Geschäft erfolgreich weiterführte. Vielleicht wollten sie aber auch nicht mehr an den Ort ihrer Niederlage erinnert werden und vermieden deshalb den Kontakt zu ihm. Er hatte keine Antwort auf diese Frage und schüttelte ratlos den Kopf. Das Ereignis aber, das ihn am meisten gefordert hatte, war der Tod von Frau Stier gewesen. Die Begleitumstände ihres Sterbens, ihr Anblick, seine Ohnmacht und seine Schuldgefühle hatten ihn in tiefe Verzweiflung gestürzt, während die Untätigkeit und das tödliche Desinteresse der Nachbarn seinen Zorn hervorgerufen hatten. Veronica war ihm in diesem Augenblick eine Stütze gewesen, ohne dass er es tatsächlich wahrgenommen hatte. Erst jetzt, während er mit ein wenig Abstand das Unglück überdachte, wurde ihm bewusst, dass sie ihn vor sich selbst in Schutz genommen hatte und der Gedanke an sie brachte das Lächeln zurück.

Zwei Tage später, am Mittwochabend nach der Tanzstunde, saßen Pekunius und Veronica in der Küche und sprachen zum ersten Mal von einer gemeinsamen Zukunft. Als Folge der Trennung und der geplanten Scheidung von Horst musste Veronica eine Entscheidung treffen.

„Ich werde mir auf jeden Fall eine Arbeitsstelle suchen“, erklärte sie, „aber selbst wenn ich eine finde, werde ich das Haus nicht halten können. Das Geld, das ich Horst für seinen Anteil ausbezahlen müsste, kann ich unmöglich aufbringen.“

„Und wenn Horst das Haus behält und dich ausbezahlt?“, schlug Pekunius vor.

„Das wäre natürlich auch möglich“, stimmte sie zu, „aber ich weiß nicht, ob er das will. Letztendlich spielt es aber auch keine Rolle. Auf lange Sicht werde ich mir etwas anderes suchen müssen. Außerdem ist das Haus für mich alleine zu groß.“

Nachdenklich strich er sich mit den Fingern über das Kinn. Es gab mehrere Optionen, die ihnen offen standen.

„Wenn du sowieso aus deinem Haus ausziehen musst, könntest du bei mir einziehen“, bot er an, „es wäre natürlich eine Umstellung. Ich habe nicht so viel Platz, aber ich denke, die Wohnung wäre trotzdem groß genug für uns beide.“

„Hältst du das für eine gute Idee?“, fragte sie skeptisch.

„Warum nicht?“, erwiderte er.

„Ich weiß es nicht, Pekunius, schließlich kennen wir uns noch nicht so lange. Wir wissen gar nicht so viel voneinander. Wäre es nicht besser, erst einmal abzuwarten?“

„Wie du meinst“, antwortete er und versuchte, seine Enttäuschung, die ihre Zweifel bei ihm ausgelöst hatten, beiseite zu schieben, „so ein Haus verkauft sich ja auch nicht von heute auf morgen. Wir müssen das Ganze auch nicht übers Knie brechen.“

„Du bist enttäuscht“, erriet sie und er antwortete mit einer wegwerfenden Handbewegung.

„Halb so schlimm. Niemand drängt uns, also haben wir alle Zeit der Welt.“

Sie sah ihn mit einem dankbaren Lächeln an und fasste nach seiner Hand.

„Was hältst du von einem gemeinsamen Urlaub?“, fragte sie.

Pekunius zog die Augenbrauen zusammen. Die Frage überraschte ihn, denn seit seinem letzten Urlaub waren gerade einmal zwei Monate vergangen.

„Ein gemeinsamer Urlaub?“

„Ja, irgendwo hin, nur du und ich.“

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, erwiderte er und seufzte, „grundsätzlich möchte ich liebend gerne mit dir in Urlaub fahren. Allerdings sind es nur noch acht Wochen bis Weihnachten. Das ist die umsatzstärkste Zeit im Jahr und darauf möchte ich ungern verzichten.“

„Und im Januar?“, schlug Veronica vor.

„Warum nicht? Der Vorschlag kommt zwar etwas überraschend, doch, ehrlich gesagt, gefällt er mir eigentlich ziemlich gut“, er sah in ihre Augen und lächelte sie an, „wenn ich es mir genau überlege, gefällt er mir sogar ausgezeichnet. Die Frage ist nur, wohin?“

„Ach“, antwortete sie leichthin, „das ist mir eigentlich egal. Hauptsache, wir fahren zusammen.“

„Kannst du Ski fahren?“

„Nein, leider nicht.“

„Gut, ich nämlich auch nicht. Damit scheiden die Wintersportgebiete schon einmal aus.“

Sie lachten und machten sich darüber lustig, dass sie beide, vom Wandern und Tanzen abgesehen, keine ausgewiesenen Sportskanonen waren. Während sie miteinander herumalberten, verflüchtigte sich die leise Enttäuschung, die Pekunius zuvor empfunden hatte. Er vermutete jedoch, dass der gemeinsame Urlaub, den Veronica vorgeschlagen hatte, ein Test sein könnte. Vielleicht hatte sie Recht und es war tatsächlich besser, erst einmal ein Zusammensein auf Probe abzuwarten, bevor sie Nägel mit Köpfen machten.

„Eine Frage habe ich noch“, sagte Pekunius und wechselte das Thema, „du hast vorhin davon gesprochen, dir eine Arbeitsstelle zu suchen. Hast du schon eine konkrete Vorstellung?“

„Nein“, antwortete sie, „im Augenblick habe ich keine Geldsorgen. Es gibt noch einige Ersparnisse und außerdem zahlt Horst Unterhalt für mich. Auf der anderen Seite möchte ich aber lieber unabhängig sein. Es gefällt mir nicht, von Horsts Geld zu leben, selbst wenn ich einen Anspruch darauf habe. Ich würde lieber gerne wieder in meinem Beruf arbeiten, aber es besteht kaum Aussicht, eine Stelle zu finden.“

„Und was hast du gelernt?“, fragte er interessiert.

„Buchhändlerin“, antwortete sie, „vor unserer Ehe habe ich eine Weile in meinem Beruf gearbeitet. Als wir dann geheiratet haben, wollte Horst, dass ich zuhause bleibe und mich um das Haus und den Garten kümmere. Jetzt bin ich schon zu lange draußen und im Buchhandel sind die Stellen rar gesät. Ich werde mir etwas anderes suchen müssen. Glücklicherweise bin ich nicht auf Sozialhilfe angewiesen und stehe deshalb nicht so sehr unter Druck.“

„Buchhändlerin“, wiederholte Pekunius und nickte, „deshalb.“

Er hatte nicht vermutet, dass Veronica eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte.

„Deshalb was?“, fragte sie.

„Die vielen Bücher“, erklärte er, „in deinem Wohnzimmer stehen Hunderte von Büchern, zwei ganze Regale voll.“

Veronica sah ihn halb versonnen und halb entschuldigend an.

„Ja, die Bücher“, gab sie zu, „ich gestehe, dass ich mich kaum von einem trennen kann, selbst wenn es mir nicht gefallen hat. Bücher bedeuten mir sehr viel.“

„Jetzt verstehe ich auch, warum du dich mit Literatur so gut auskennst. Als du zum ersten Mal hier warst, haben wir uns über Bücher unterhalten, aber vermutlich war ich zu verliebt, um zu bemerken, wie viel Ahnung du tatsächlich von dem Metier hast. Ich hing nur an deinen Lippen. An dem Tag hättest du mir auch Strickmuster erklären können und ich wäre dir begeistert gefolgt.“

„Mein lieber Pekunius“, erwiderte sie und strahlte ihn wieder einmal mit leuchtenden Augen an, „manche Menschen machen aus jeder Mücke einen Elefanten. Du aber machst aus einer Mücke ein Kompliment. Du bist einfach wundervoll!“

 

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Am nächsten Abend, es war der dritte Donnerstag im Oktober, fand sich Pekunius kurz vor zwanzig Uhr im Nebenzimmer der Gaststätte Zum Spielmann zum monatlichen Stammtisch der Modellbahnfreunde ein. Die Begrüßung durch die Stammtischbrüder fiel an diesem Tag jedoch anders aus als gewohnt. Als Pekunius an den Tisch trat, stand er sofort im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und die Redewendungen, die von allen Seiten auf ihn einprasselten, gerieten zu einem bunten Strauß aus Respekt, Belustigung, Anerkennung und Schadenfreude.

„Sieh mal an, der Pekunius.“

„Na, du alter Schwerenöter.“

„Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

„So ist´s richtig, Pekunius.“

„Das war aber auch mal Zeit.“

„Stille Wasser gründen tief.“

Die Vereinskollegen hatten von seiner Beziehung mit Veronica erfahren. Im ersten Augenblick war Pekunius erschrocken, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass die Neuigkeit so schnell die Runde machen würde, doch Kleinstadt war eben eine kleine Stadt und Nachrichten verbreiteten sich schnell. Nach dem Schulterklopfen kamen die Fragen, doch er wehrte sie lächelnd, aber stumm ab.

„Sieh an“, sagte einer, „der Genießer schweigt.“

Die Bemerkung wurde mit Gelächter und zustimmendem Gemurmel kommentiert.

„Jetzt wird sich zeigen“, fiel ein anderer ein, „wer von euch beiden den besseren Fang gemacht hat.“

Pekunius ließ sich nicht darauf ein. Er wollte nicht mit Horst im Wettbewerb stehen und er wollte auch keinen Vergleich zwischen Veronica und Horsts Freundin, die er sowieso nicht kannte, ziehen. Seine Beziehung war seine Privatangelegenheit, aber er registrierte auch, dass man sie am Stammtisch mit Wohlwollen und Zustimmung aufgenommen hatte. Das lag sowohl an ihm und Veronica, die einige Sympathien im Verein genoss, als auch an der Ablehnung, die man Horst entgegen brachte, weil er seine Frau für eine wesentlich jüngere verlassen hatte. Vielleicht, dachte Pekunius, hatte sich Horst auch den Neid des Einen oder Anderen zugezogen. Es gab wohl kaum jemanden am Tisch, der nicht gerne mit einer jungen, kurvenreichen Geliebten im Cabrio spazieren gefahren wäre. Da Pekunius keine Anstalten machte, zu seiner Beziehung mit Veronica eine Erklärung abzugeben oder Fragen zu beantworten, wandte man sich bald einem anderen Thema zu. Der Tod des Patriarchen, der den Modellbahnhersteller viele Jahre geführt hatte, war mit Trauer und Anteilnahme aufgenommen werden. Einige hatten ihn persönlich gekannt und er hatte als Unternehmer der alten Schule gegolten. Man stellte seinen Namen und die seiner Vorväter in eine Reihe mit Bosch, Siemens oder Benz.

„Mich wundert es nicht“, sagte einer, „sein Urgroßvater hat das Unternehmen gegründet. Hundertfünfzig Jahre lang hat die Familie die Firma geführt. Dann kommen diese Halsabschneider ...“

„Heuschrecken!“

„... ja, von mir aus auch Heuschrecken und richten die Firma innerhalb von drei Jahren zu Grunde. Das hat dem Mann das Herz gebrochen, ganz eindeutig.“

„So hat es auch seine Tochter ausgedrückt“, stimmte Pekunius zu.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte jemand.

Alle Augen richteten sich auf Pekunius und man wartete auf seine Antwort.

„Im Augenblick wird das Unternehmen von einem Insolvenzverwalter geführt“, berichtete er, „ihr habt vermutlich schon gehört, dass einige Mitarbeiter entlassen wurden. Einen Standort hat man bereits geschlossen, aber der andere, der Stammsitz, soll erhalten bleiben. Auch das Werk in Ungarn will man retten.“

Am Tisch entstand ein empörtes Gemurmel, weil man einen deutschen Standort geschlossen hatte, den ungarischen aber erhalten wollte. Der Modellbahnhersteller war ein deutsches Unternehmen, gegründet von einem deutschen Pionier, vorangebracht und zu Weltruhm geführt durch deutsche Ingenieurskunst und schließlich ein Synonym für das deutsche Wirtschaftswunder. Dass das Unternehmen von einem ausländischen Finanzinvestor in die Insolvenz getrieben worden war, bestätigte nur die Meinung an diesem deutschen Stammtisch und war Wasser auf den Mühlen der Diskutanten.  Pekunius wartete, bis sich das empörte Gerede am Tisch gelegt hatte, um von der Idee zu erzählen, über die er im Internet gelesen hatte.

„Man könnte das Unternehmen kaufen“, berichtete er, „es gibt bereits eine Initiative der organisierten Modellbahner.“

„Ja, ich habe auch schon davon gehört“, stimmte jemand zu, „wenn alle mitmachen, müsste jeder ungefähr zwei bis dreitausend Euro aufbringen. Dann könnten wir den ganzen Laden kaufen.“

„Im Ernst?“

„Ja, tatsächlich.“

Die Idee wurde interessiert diskutiert und stieß bei den Stammtischbrüdern auf verhaltene Zustimmung. Grundsätzlich war jeder dafür, doch nicht jeder hatte das dazu benötigte Kleingeld übrig. Man kam überein, den Vorschlag bei der Jahreshauptversammlung im November vorzulegen und darüber abzustimmen, ob sich der Verein in die Riege potenzieller Unternehmenskäufer einreihen wolle.

Als Pekunius später auf dem Nachhauseweg am Radio & HiFi Geschäft von Walter Telemann vorbeikam, fiel ihm das Schild auf, das die Kundschaft über den bevorstehenden Umzug und die neue Adresse in Kenntnis setzte. Es hatte etwas Tröstliches zu wissen, wo er das Geschäft finden würde, wenn er wieder einmal Batterien brauchte oder ein neues Radio kaufen wollte, selbst wenn er dafür ins Gewerbegebiet fahren musste.

Zu Beginn der letzten Oktoberwoche blieb Telemanns Laden geschlossen, obwohl fleißige Hände von früh bis spät arbeiteten. Alles wurde in Kisten verpackt oder in Decken eingeschlagen, um an den neuen Bestimmungsort transportiert zu werden. Pekunius traf Karin Telemann, als er die Fußgängerzone hinunter und zur Bushaltestelle ging. Es war Mittwochabend und er war unterwegs zur Tanzstunde.

„Hallo Karin, wie geht´s?“, fragte er.

„Na ja, viel Arbeit“, antwortete sie, „bis übermorgen müssen wir hier fertig sein, denn am Montag ist Neueröffnung.“

„Und, kommt ihr gut voran?“

„Es geht schon, aber im neuen Laden ist auch noch so viel zu tun. Walter arbeitet jeden Tag bis spät in die Nacht.“

Pekunius sah ihr sorgenvolles Gesicht. Karin wirkte müde und erschöpft. Sie war eine hübsche, jugendlich wirkende Frau, doch nun hatte sie dunkle Ränder um die Augen und ihre Wangen waren ein wenig eingefallen. Es war nicht zu übersehen, dass sie viel arbeitete und wenig schlief.

„Kann ich euch behilflich sein?“, bot er an.

„Danke, Pekunius, aber das ist nicht nötig“, lehnte sie ab, „wir haben zwei junge Männer engagiert, die uns diese Woche aushelfen. Wir schaffen das schon.“

Sie versuchte sich an einem tapferen Lächeln, doch es gelang ihr nicht recht.

„Ein Tapetenwechsel tut doch auch mal ganz gut“, erwiderte er, doch seine Aufmunterung klang sogar in seinen eigenen Ohren ziemlich lahm.

„Ich weiß nicht, Pekunius“, antwortete Karin und schüttelte den Kopf, „ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“

„Warum nicht?“

„Weil sich niemand zufällig ins Gewerbegebiet verirrt“, erklärte sie, „dort gibt es keine Laufkundschaft. Hier in der Hauptstraße waren wir immer präsent. Die Leute kamen hier vorbei und wussten, wo unser Geschäft war. Beim Telemann in der Hauptstraße, das kannte jeder. Aber jetzt?“

Sie brach ab und schüttelte wieder den Kopf.

„Aber eure Kunden werden euch doch nicht von heute auf morgen vergessen“, widersprach Pekunius, „Telemann ist doch immer noch Telemann. Nur die Adresse hat sich geändert.“

„Glaubst du das wirklich“, fragte sie und sah ihn herausfordernd an, „es hat sich mehr geändert als nur die Adresse. Vielleicht klingt das jetzt blöd, aber früher galten die Händler noch etwas. Sie hatten ein gewisses Ansehen in der Stadt. Wenn es den Händlern gut ging, dann ging es auch der Stadt gut. Und heute? Heute jagen sie dich mit einem Fußtritt davon!“

„Aber ...“

„Kein aber! Du wirst es auch noch merken. Der Einzelhändler zählt heute nichts mehr, nur noch die Konzerne. Weißt du, wie man den Elektronikmarkt hofiert hat? Hast du eine Ahnung, wie viel Geld man denen in den Hintern geblasen hat, damit sie in Kleinstadt eine Filiale eröffnen?“

Pekunius hörte die Verbitterung in Karins Stimme und sah den Zorn in ihren Augen. Natürlich konnte er ihren Standpunkt nachvollziehen, doch, wie immer, gab es auch eine andere Seite der Medaille.

„Immerhin hat der Konzern dreißig neue Arbeitsplätze in Aussicht gestellt“, merkte er an, „das war vermutlich der Honig ...“

„... den sie der Stadt ums Maul geschmiert haben“, vollendete Karin den Satz, „wenn du das glaubst, bist du ihnen genau so auf den Leim gegangen wie die ganze Stadtverwaltung. Ich sage dir, wie es wirklich ist. Die Arbeitsplätze sind der Zuckerguss, mit dem die Stadt den Deal uns Bürgern verkauft hat. Das finanzielle Entgegenkommen brauchte schließlich eine Rechtfertigung. Tatsächlich spekuliert der Stadtrat auf die Gewerbesteuer. So ein großer Markt, hinter dem ein börsennotiertes Unternehmen steht, macht schließlich ordentlich Gewinne, nicht wahr?“

Pekunius wollte etwas erwidern, doch Karin ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„So jedenfalls hat der Konzern dem Stadtrat den Deal verkauft. Ich kann dir aber sagen, wie das läuft. Die Gewinne werden so lange heruntergerechnet, bis nichts mehr übrig bleibt. Du bist doch selbst Unternehmer, du weißt doch, wie das geht. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ein neu eröffneter Markt in den ersten Jahren auch nur einen Euro Steuern bezahlt. Die Stadt wird sich noch umschauen, das garantiere ich dir.“

Pekunius konnte dem nicht widersprechen. Er wusste tatsächlich, wie das Prinzip der Steuervermeidung funktionierte. Ein neu gegründeter und neu eingerichteter Markt dieser Größe verfügte über diverse Möglichkeiten, seinen Gewinn durch Abschreibungen so weit zu verringern, dass er keine Steuern bezahlen musste. Es gab unzählige legale Tricks, die Bilanzen so lange zu manipulieren, bis man zu einem gewünschten Ergebnis kam. Man konnte sich reich oder arm rechnen, je nachdem, wie man sich selbst darstellen wollte. Einem kleinen Einzelhändler, der nur über wenige Investitionsgüter verfügte, standen diese Möglichkeiten nicht offen. Pekunius ahnte, dass Karin mit ihrer Einschätzung am Ende Recht behalten würde. Ihre Verbitterung war deshalb mehr als verständlich.

„Ich verstehe deine Besorgnis“, sagte Pekunius, „und ich verstehe auch deinen Ärger. Trotzdem solltest du zuversichtlich nach vorn blicken. Ein neuer Anfang ist auch immer eine neue Chance. Ich drücke euch auf jeden Fall die Daumen und wenn ich auch selten etwas von euch brauche, so werde ich dennoch euer Kunde bleiben.“

„Danke, Pekunius“, erwiderte Karin, „das ist nett von dir. Jetzt muss ich aber sehen, dass ich vorankomme. Ich habe noch so viel zu tun.“

Sie verabschiedeten sich voneinander und Pekunius machte sich auf den Weg. Karins Prophezeiung kam ihm noch einmal in den Sinn und als er darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass ihnen ein Denkfehler unterlaufen war. Man würde sich im neuen Elektronikfachmarkt keine Gedanken darüber machen müssen, wie man eventuelle Gewinne klein rechnen konnte. Der Markt gehörte zu einem Konzern und so floss sein Ergebnis in das Konzernergebnis mit ein. Abgerechnet und besteuert wurde am Stammsitz des Konzerns. Damit war es gleichgültig, wie hoch der Gewinn des hiesigen Marktes war. Kleinstadt würde so oder so nicht einen einzigen Euro Gewerbesteuer einziehen können, weder gleich noch in Zukunft.

 

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Pekunius hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und sah durch die Schaufensterscheibe. Sie war blitzblank, denn Herr Gashi, der Fensterputzer, hatte sie am Morgen gereinigt. Es war ein klarer, wolkenloser Tag und die Temperaturen waren bis zum Nachmittag auf zwanzig Grad angestiegen, was für Anfang November ungewöhnlich warm war. Seit einer Viertelstunde hatte sich Pekunius nicht mehr bewegt. Er sah hinaus auf die Straße und zermarterte sich den Kopf, was er Veronica zum Geburtstag schenken könnte. Das Kosmetikgeschäft auf der anderen Straßenseite hätte wahrscheinlich eine Antwort auf die Frage bieten können, doch Pekunius zog nicht in Erwägung dort einzukaufen. Sein erster Versuch war unbefriedigend verlaufen und seit dem Tod von Frau Stier hatte er mit seinen Nachbarn gegenüber kein Wort mehr gewechselt. Die Wohnung der alten Dame war zwischenzeitlich neu vermietet worden und das Klingelschild, der letzte Zeuge eines Lebens, über dessen tragisches Ende er immer noch nicht ganz hinweggekommen war, hatte man ausgetauscht.

Es waren nur wenige Passanten, die in der Fußgängerzone unterwegs waren. Noch trugen sie nicht mehrere Taschen in ihren Händen. Das würde sich jedoch im Lauf der nächsten Wochen ändern. Spätestens ab Mitte Dezember sah man kaum noch jemanden, der nicht mit Weihnachtseinkäufen bepackt von hier nach dort hastete, weil wieder einmal wie jedes Jahr die Zeit drängte. Pekunius sah auf seine Armbanduhr. Es war halb fünf, zwei Stunden vor Ladenschluss, doch er hatte noch immer keine Idee. Natürlich hätte er ihr, da sie gerne las, ein Buch schenken können, doch das fand er nicht sonderlich originell. Er dachte an eine Einladung ins Kino und an einen Seidenschal, doch er konnte sich nicht dafür erwärmen. Auch ein echtes Schmuckstück kam nicht in Frage, denn Veronica war noch verheiratet und Modeschmuck schien ihm zu billig. Der sattsam bekannte Ausblick aus seinem Schaufenster bot ihm keinerlei Inspiration. Er sah noch einmal auf seine Uhr, ein Erbstück, das er von seinem Vater erhalten hatte und endlich kündigte sich ein Silberstreif am Horizont an. Er wusste zwar immer noch nicht, was er erwerben wollte, doch zumindest war ihm eingefallen, wo er nach etwas Passendem suchen konnte. Da er nicht weit zu gehen hatte, verzichtete er auf den Mantel, hängte das Schild Komme gleich wieder an die Tür und schloss seinen Laden ab.

In der Poststraße, gleich neben der Gaststätte Zum Spielmann, gab es ein kleines Antiquitätengeschäft. Pekunius warf einen Blick auf die Auslagen, wo Schmuck, Uhren, Silberbestecke und Porzellanfiguren den Blick der Passanten fangen sollten. Zuversichtlich betrat er den Laden. Der Inhaber, ein Mann mittleren Alters mit langen Haaren und einem Norwegerpullover, begrüßte ihn freundlich.

„Schönen, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag“, erwiderte Pekunius, „ich bin auf der Suche nach Inspiration.“

Der Antiquitätenhändler zuckte nicht einmal mit einer Augenbraue. Pekunius´ halb scherzhaft gemeinte Antwort schien ihn nicht im Mindesten zu verwundern.

„Wie wäre es mit dem Tao Te King von Laotse?“, fragte er, „LSD kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“

Gute Antwort, dachte Pekunius und lachte.

„Vielleicht können Sie mir tatsächlich dabei behilflich sein, mein Bewusstsein zu erweitern“, erklärte er, „ich bin auf der Suche nach einem Geschenk, aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, was es sein könnte.“

„Nichts leichter als das“, erwiderte der Ladenbesitzer, „die erste Entscheidung haben Sie ja schon getroffen. Es soll etwas Antikes sein, sonst wären Sie nicht zu mir gekommen und das Geschenk ist für eine Dame. Richtig?“

„Was bringt Sie zu dieser Annahme?“, fragte Pekunius überrascht und fühlte sich ertappt.

„Erfahrung“, antwortete der Antiquitätenhändler.

Pekunius nickte grinsend. Der Händler verstand sein Handwerk.

„Eins zu null für Sie“, sagte er, „das Geschenk ist tatsächlich für eine Dame.“

„Ihre Frau?“

„Nein, eine ...“, er wollte Bekannte sagen, entschied sich aber dagegen, „... eine Freundin.“

„Ist sie eine Sammlerin?“, fragte der Händler.

Pekunius dachte einen Augenblick nach.

„Nein“, antwortete er und schüttelte den Kopf, „nicht, dass ich wüsste.“

„Kennen Sie ihre Wohnung?“

„Ja.“

„Wie ist sie eingerichtet?“

Wieder dachte Pekunius einen Augenblick nach.

„Die Küche ist modern“, berichtete er, „hauptsächlich weiß. Im Esszimmer stehen Holzmöbel, Tisch, Stühle, ein Schrank, nicht ganz neu, aber auch nicht antik. Das Wohnzimmer ist ... ganz normal ... eine Couchgarnitur, eine Schrankwand und zwei gut gefüllte, große Bücherregale. Das Schlafzimmer kenne ich nicht.“

Die letzte Bemerkung entsprach nicht ganz der Wahrheit – er hatte einmal einen Blick ins Schlafzimmer geworfen, als Veronica ihn in ihr Bett hatte mitnehmen wollen – doch es war ihm bewusst, dass er damit ein Statement abgegeben hatte. Er wollte jedoch den Anschein erwecken, kein Verhältnis mit Veronica zu haben.

„Wenn ich es mir recht überlege“, fuhr er fort, „dann gibt es in ihrer Wohnung überhaupt keine Antiquitäten. Ich weiß wirklich nicht ...“

Er brachte den Satz nicht zu Ende und sah den Ladeninhaber fragend an.

„Ich denke, ich habe das Richtige für Ihre Freundin“, erklärte der Antiquitätenhändler nickend und ging an Pekunius vorbei, „sehen Sie hier.“

Auf einem geschwungenen, mit Intarsien verzierten Tisch stand eine Lampe. Sie hatte einen Schirm aus weißem Milchglas in Form eines hängenden Blütenkelchs und einen Messingfuß. Der Händler nahm sie und reichte sie Pekunius.

„Art Deco, vermutlich Mitte der dreißiger Jahre“, erläuterte er, „wählen Sie eine matte Glühbirne, die nicht mehr als vierzig Watt hat, dann verbreitet die Lampe ein sanftes, warmes Licht, das die Augen nicht blendet, wenn man es sich im Wohnzimmer auf dem Sofa gemütlich macht, um ein gutes Buch zu lesen. Vor allem in der dunklen Jahreszeit schafft die Lampe eine gemütliche, heimelige Atmosphäre.“

Pekunius hielt die Lampe in der Hand, betrachtete sie kopfschüttelnd und war entzückt. Sie war ein wundervolles Geschenk, genau das, was er gesucht hatte ohne es zu wissen. Eine Leselampe!

„Wie sind Sie darauf gekommen?“, fragte er verblüfft.

Der Ladeninhaber war mittlerweile hinter seinen Tresen gegangen. Er bückte sich und brachte einen Pappkarton und eine Zeitung zum Vorschein.

„Ihrem Alter und Ihrer Kleidung nach zu urteilen“, erklärte er, „gehören Sie zur Mittelschicht. Ich nehme an, dass Ihre Freundin aus der gleichen Gesellschaftsschicht stammt. Die Wohnung der Dame ist durchschnittlich eingerichtet und verfügt über ein Esszimmer, was darauf schließen lässt, dass es sich nicht um eine Sozialwohnung handelt. Im Wohnzimmer stehen nicht ein, sondern gleich zwei gut gefüllte Bücherregale. Ihre Freundin wird demnach viel und gerne lesen. Sie haben weder Arbeitszimmer noch Schreibtisch erwähnt, deshalb liegt die Vermutung nahe, dass ihre Freundin im Wohnzimmer auf der Couch liest. Was liegt also näher, als ihr eine Leselampe zu schenken? Darf ich?“

Er streckte die Hand aus und nahm die Lampe entgegen, die Pekunius ihm halb abwesend überreichte. Die Beweisführung – er wusste selbst nicht, warum ihm gerade dieser Begriff dazu einfiel – hatte ihn so beeindruckt, dass er kaum bemerkte, wie der Händler die Lampe in Zeitungspapier einwickelte, im Pappkarton verstaute und den Karton mit einem breiten Klebestreifen sicher verschloss.

„Bitte schön, Ihr Geschenk für Ihre Freundin.“

Pekunius nahm den Karton entgegen und betrachtete ihn unschlüssig. Er hatte mit keinem Wort erwähnt, ob ihm die Lampe gefiel und ob er sie kaufen wollte. Sie hatten nicht einmal über den Preis gesprochen.

„Und wenn ihr die Lampe nicht gefällt?“, fragte er.

„Frauen mögen schöne Dinge“, erklärte der Antiquitätenhändler, „vor allem, wenn sie aus Glas sind. Sie haben eine wunderschöne Lampe ausgesucht, eine echte Antiquität. Sie wird ihrer Freundin gefallen, da können Sie sicher sein und Sie wird Ihr geschmackvolles Geschenk zu schätzen wissen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.“

Pekunius wollte widersprechen. Der Händler kannte weder ihn noch Veronica, doch sein Widerstand war bereits erlahmt. Es war wirklich ein wundervolles Geschenk und er glaubte schon, dass die Lampe Veronica ebenso gut gefallen würde wie ihm selbst.

„Na gut“, stimmte er zu, „Sie sind der Experte.“

Der Antiquitätenhändler nickte und lächelte verbindlich.

„Neunundachtzig Euro“, verlangte er.

Pekunius zögerte eine Sekunde. Der Preis war mehr als doppelt so hoch wie das Budget, das er sich für das Geschenk gesetzt hatte. Er sah auf den Karton in seinen Händen, spürte das Gewicht der Lampe, dachte an Veronica – und akzeptierte.

„In Ordnung“, sagte er, stellte den Karton auf den Tresen, zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und entnahm ihm zwei Fünfzig-Euro-Scheine.

„Ich habe leider kein Geschenkpapier“, erwiderte der Händler und gab Pekunius das Wechselgeld.

Während Pekunius seinen Geldbeutel einsteckte, ging der Antiquitätenhändler zur Eingangstür und öffnete sie.

„Ich wünsche Ihnen und Ihrer Freundin einen vergnüglichen Abend“, sagte er und hielt Pekunius die Tür auf, „und vergessen Sie die Blumen nicht.“

„Danke“, erwiderte Pekunius, dessen Verblüffung sich langsam in Ungläubigkeit verwandelte, „auf wiedersehen.“

„Sehr gern“, antwortete der Antiquitätenhändler und schloss die Tür hinter seinem neuen Kunden.

Pekunius trat auf die Straße hinaus. Mit dem Karton unter dem Arm machte er sich auf den Heimweg. Er war noch immer davon beeindruckt, auf welche Weise ihm der Antiquitätenhändler die Lampe verkauft hatte. Der Mann verfügte zweifellos über eine sehr gute Menschenkenntnis, ganz zu schweigen von seinem hervorragenden Talent, dem Kunden zu suggerieren, eine eigene Entscheidung getroffen zu haben. Es stimmte nicht, dass Pekunius die Lampe ausgesucht hatte, doch er hatte sich der Einflüsterung nahezu wehrlos ergeben. Dabei hatte er nicht einmal den Eindruck gehabt, als habe man ihm etwas aufgedrängt. Mit freundlicher Bestimmtheit und bestechender Logik hatte der Händler erklärt, warum nur diese Lampe als Geschenk für Veronica in Frage kam. Er hatte herausgefunden, was der Kunde wollte und er hatte es ihm gegeben. Selbst jetzt, mit dem Geschenk unter dem Arm, zog Pekunius nicht ein Wort in Zweifel. Es grenzte fast an Hexerei, dachte er amüsiert. Ein anderer Punkt, etwas, das er selbst gesagt hatte, stimmte ihn jedoch nachdenklich. Warum hatte er den Eindruck erwecken wollen, kein Verhältnis mit Veronica zu haben? In gewisser Weise war er stolz auf seine Beziehung mit ihr und da man bereits am Stammtisch darüber tratschte, gab es keinen Grund für Heimlichtuerei. Trotzdem hatte er sich einen Moment lang unwohl gefühlt, als sei er bei etwas Verbotenem beobachtet worden. Nach einem weiteren Augenblick des Nachdenkens kam er auf des Rätsels Lösung. Bei seiner Beschreibung des Wohnzimmers hatte er die Couchgarnitur erwähnt und sich sofort lebhaft daran erinnert, was er und Veronica dort getan hatten. Das Verhältnis mit einer verheirateten Frau schmeckte wie eine verbotene Frucht und er hätte sich dabei auf keinen Fall von jemandem beobachten lassen wollen. Vielleicht hatte er einen Anflug von schlechtem Gewissen gehabt und so war es instinktiv zu einer Abwehrreaktion gekommen. Wenn das zutraf, dann war er doch nicht so mutig, wie er gedacht hatte. Es war jedoch genauso gut möglich, dass seine Behauptung, Veronicas Schlafzimmer nicht zu kennen, seinem neu erwachten Beschützerinstinkt entsprungen war. Er hatte sich damit quasi schützend vor sie gestellt, um jeden denkbaren Angriff gleich von vornherein zu unterbinden.

„Du übertreibst“, sagte er zu sich selbst, doch gleichzeitig beschloss er, bei nächster Gelegenheit noch einmal über das Problem nachzudenken.

Am Ende der Poststraße bog er ab und ging die Fußgängerzone hinauf. Zu seiner Rechten lag das nun verwaiste, ehemalige Radio & HiFi Geschäft von Walter und Karin Telemann. In den beiden großen Schaufenstern hingen Plakate einer Maklerfirma, die einen Nachmieter für das Objekt suchte. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen ging Pekunius daran vorbei. Nur wenige Meter weiter lag das ebenfalls ehemalige Geschäft von Bertha Krämer. Am Schaufenster hingen keine Plakate und nicht einmal ein kleiner Zettel wies darauf hin, dass das Ladengeschäft zur Miete angeboten wurde. Er überlegte, ob er bei Bertha Krämer läuten sollte, denn mittlerweile waren Wochen vergangen, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte, doch es war ein ungünstiger Zeitpunkt. An seiner eigenen Ladentür hing das Schild Komme gleich wieder und er wollte einen potenziellen Kunden nicht zu lange warten lassen. Er beschleunigte seinen Schritt und eine Minute später schloss er seinen Laden auf. Niemand hatte davor gewartet. Es war kurz nach siebzehn Uhr und obwohl das Geschenk für Veronica mehr Geld gekostet hatte als er eigentlich hatte ausgeben wollen, musste er Bruno Girasole noch einen Besuch abstatten. Ein Blumenstrauß zum Geburtstag war unverzichtbar. Er stellte den Karton ab und ohne das Schild von der Tür zu nehmen schloss er wieder zu. Mit raschen Schritten lief er die Fußgängerzone hinauf bis zum Blumenladen.

Im ersten Augenblick dachte Pekunius, dass es an der Jahreszeit liegen müsse. Der November war gemeinhin kein Monat, den man mit Blumen in Verbindung brachte, doch seit der Erfindung von Dünger und Gewächshaus gab es keine Woche mehr im Jahr, in der man keine frischen Rosen kaufen konnte. An diesem Tag jedoch war die Auswahl bei dem Italiener ziemlich begrenzt.

„Nanu“, entfuhr es Pekunius beim Eintreten, „streiken die Blumenzüchter?“

„Nein, nein“, antwortete Girasole, „ich habe nur keine Ware mehr bestellt.“

„Aha“, erwiderte Pekunius und wartete, ob der Blumenhändler noch eine Begründung liefern würde.

Er sah Girasole fragend an und der Italiener seufzte.

„Ich werde auch keine Blumen mehr bestellen“, erklärte der Blumenhändler, „was bis zum Wochenende nicht verkauft ist, landet in der Biotonne.“

„Aber warum?“, fragte Pekunius.

„Finito la musica“, antwortete Girasole und unterstrich die Redewendung mit einer Geste, als ob er sich Schmutz von den Handflächen reiben würde, „der letzte Vorhang, wie man so sagt.“

Pekunius war nicht sicher, ob er den Italiener richtig verstanden hatte.

„Schließen Sie Ihr Geschäft?“, fragte er und ahnte bereits, was Girasole antworten würde.

„Ja“, antwortete der Blumenhändler knapp.

Es war eine schlichte Feststellung und sie klang wie ein Pfeil, der eine Zielscheibe traf. Pekunius war von der plötzlichen Wendung der Ereignisse überrascht. Im Frühjahr, kurz bevor man mit den Bauarbeiten begonnen hatte, schien der Italiener erfreut gewesen zu sein, bald eine Piazza, wie er den Platz genannt hatte, vor seinem Laden zu haben.

„Darf ich fragen, warum Sie schließen?“, fragte Pekunius.

„Ist es nicht eine schöne Fußgängerzone geworden?“, gab der Blumenhändler mit hörbarem Sarkasmus zurück, während er die Arme wie ein Heldentenor ausbreitete.

„Ich verstehe nicht, was Sie mir damit sagen wollen“, erwiderte Pekunius ratlos.

„Aber schauen Sie doch, Herr Kaufmann, schauen Sie hinaus. Alles ist neu, die Straße, die Häuser, die Menschen, alles schön und neu.“

Pekunius nahm die Mischung aus Ironie und Sarkasmus wahr, doch er verstand nicht, worauf Girasole hinaus wollte. Man hatte aus der ehemaligen Hauptstraße eine Fußgängerzone gemacht. Davon waren aber nur der Fahrbahnbelag und die Bürgersteige betroffen. An den Häusern war nichts verändert worden und die Menschen waren aller Wahrscheinlichkeit nach dieselben wie zuvor.

„Tut mir leid“, erklärte Pekunius, „aber ich kann Ihnen nicht folgen.“

Der Italiener wies mit der Hand nach draußen.

„Sehen Sie nicht, wie schön die Häuser jetzt sind?“, fragte er.

Wider besseres Wissen sah Pekunius aus dem Schaufenster und fand bestätigt, dass sich kein Haus verändert hatte.

„Und sehen Sie, wie reich die Menschen jetzt sind?“, drängte Girasole.

Pekunius antwortete nicht und der Italiener nickte.

„Sie sehen es nicht“, stellte er fest, „und ich sehe es auch nicht. Aber die Hausverwaltung sieht es. Sie hat andere Augen.“

„Die Hausverwaltung?“

Girasole seufzte. Seine Schultern sackten herab und der Sarkasmus wich aus seiner Stimme. Es schien, als habe er seinen Widerstand aufgegeben.

„Ja, die Hausverwaltung“, erklärte er müde, „sie schreibt, dass jetzt alles schön und neu ist. Alles ist viel besser als früher und deshalb müssen sie jetzt auch mehr Miete verlangen, wegen der Qualität. Dreißig Prozent.“

„Dreißig Prozent Mieterhöhung“, stieß Pekunius fassungslos hervor, „aber das ist doch ...“

Er hatte „Wucher“ sagen wollen, doch das Wort war ihm buchstäblich im Hals stecken geblieben.

„Egal“, sagte Girasole plötzlich und zuckte mit den Schultern, „ich werde sowieso nicht zahlen. In zwei Wochen bin ich zu Hause.“

„Sie gehen nach Italien zurück?“, vermutete Pekunius.

„Ja“, bestätigte der Blumenhändler, „mein Bruder hat viele Olivenbäume. Bei ihm werde ich Arbeit finden.“

„Aber warum suchen Sie sich nicht einen anderen Laden, einen, der nicht so teuer ist? Der Laden von Bertha Krämer, die früher das Lebensmittelgeschäft hatte, steht leer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eine hohe Miete verlangen wird.“

Girasole lächelte traurig und schüttelte den Kopf.

„Es geht nicht mehr. Man kann kein Geld mehr verdienen. Im Supermarkt verkaufen sie Rosen, sieben Stück für einen Euro neunundneunzig. Verstehen Sie? Ein Euro neunundneunzig für sieben Rosen! Die Blumen sind eine Katastrophe, taugen nichts und welken schon nach einem Tag, aber die Leute kaufen sie, weil sie billig sind. Und die Topfpflanzen? Die gibt es im Baumarkt“, er schlug sich vor Empörung mit der Hand gegen die Stirn, „im Baumarkt! Verkaufe ich vielleicht Bohrmaschinen, eh?“

Pekunius nickte zustimmend, aber er konnte nichts darauf erwidern. Girasole hatte mit wenigen Sätzen die für sein Geschäft fatale Entwicklung zusammengefasst. Es gab keine Worte, mit denen Pekunius dem Italiener hätte Mut machen können und der Scherz mit der Bohrmaschine verleitete nicht einmal zum Grinsen. Die Mieterhöhung war nicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, sondern der Fangschuss, mit dem man den Blumenhändler endgültig erlegt hatte.

„Es ist schade“, sagte Pekunius schließlich, obwohl „traurig“ das treffendere Wort gewesen wäre, „es tut mir wirklich leid für Sie.“

„Wollen Sie wieder Rosen kaufen?“, fragte Girasole und beendete damit das Thema.

„Ja, das möchte ich tatsächlich“, antwortete Pekunius.

Der Blumenhändler grinste verschmitzt.

„Immer noch die gleiche Dame?“

„Ja, immer noch die gleiche Dame. Sie hat Geburtstag.“

Girasole ging zu einem Kübel, in dem etwa zwei Duzend langstielige, dunkelrote Rosen standen. Er nahm sie alle auf einmal heraus.

„Halt, nein“, wehrte Pekunius ab, „nicht so viele. Ich wollte nur fünf oder vielleicht sieben Stück.“

„Ja“, erwiderte der Blumenhändler, doch er legte alle Rosen auf den Tresen, nahm ein Band, fasste sie zu einem Strauß zusammen und wickelte sie schließlich in eine durchsichtige Folie ein.

„Prego“, sagte er und reichte Pekunius den Strauß.

„Aber ...“

„Nein, Herr Kaufmann, nehmen Sie. Das ist mein Geschenk für Ihre Dame. Geben Sie ihr einen Kuss und sagen Sie ihr meinen Glückwunsch.“

„Aber ...“, versuchte es Pekunius noch einmal, doch Girasole trat einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände.

„Bitte, Herr Kaufmann, mein Geschenk, zum Abschied.“

Es blieb Pekunius nichts anderes üblich als zu akzeptieren. Er dankte Girasole herzlich, wünschte dem Italiener für dessen Zukunft alles erdenklich Gute und verließ den Blumenladen zum letzten Mal.

Zwei Stunden später stand er vor Veronicas Haustür.

„Du siehst fantastisch aus“, bemerkte er anerkennend, als sie die Tür öffnete.

Sie trug ein knielanges Kleid, dessen Farbe nicht genau bestimmbar war. Zuerst erschien es hellblau, doch wenn sie sich bewegte, wurde es plötzlich lila, um im nächsten Augenblick wieder zu seiner ursprünglichen Farbe zurückzukehren. Pekunius hatte einen solchen Stoff noch nie gesehen.

„Hallo, Pekunius. Schön, dass du da bist“, begrüßte sie ihn.

Da er keine Hand frei hatte, weil er in der rechten ein in Geschenkpapier eingewickeltes Paket und in der linken einen Blumenstrauß hielt, trat sie einen Schritt vor, legte ihre Hände an seine Wangen und gab ihm einen Kuss.

„Danke für das Kompliment. Komm herein.“

Pekunius folgte der Einladung und Veronica schloss die Tür hinter ihnen.

„Alles Gute zum Geburtstag“, wünschte er und überreichte ihr die Rosen.

„Oh, Pekunius“, antwortete sie strahlend, „die müssen ja ein Vermögen gekostet haben.“

„Nein“, widersprach er, „ganz und gar nicht. Ich werde es dir gleich erklären. Lass uns erst ins Wohnzimmer gehen.“

Er ging voraus und Veronica folgte ihm. Im Wohnzimmer legte er das Paket auf den Tisch, wandte sich zu Veronica um, fasste sie an den Hüften, zog sie zu sich heran und küsste sie.

„Der ist von Bruno Girasole“, erklärte er, „er wünscht dir alles Gute.“

„Danke, aber wer ist Bruno Girasole?“

„Ein Blumenhändler“, antwortete er, zögerte einen Augenblick und ergänzte, „genauer gesagt, bald ein ehemaliger Blumenhändler.“

Er schob Veronica ein wenig von sich, zog die Augenbrauen nach oben und lächelte.

„Du warst beim Frisör“, stellte er fest, „es sieht toll aus.“

Sie bedachte ihn mit jenem wundervollen Blick, den er so sehr an ihr liebte und seufzte.

„Ach, Pekunius, wieso fällt dir das auf?“

Der Sachverhalt war offensichtlich und so verstand er die Frage nicht. Ratlos zuckte er mit den Schultern.

„Weißt du“, fuhr sie fort, „Horst hätte nicht einmal bemerkt, wenn ich mit einer Irokesenfrisur nach Hause gekommen wäre.“

Horst war kein Thema, das Pekunius vertiefen wollte. Er betrachtete Veronicas Gesicht und hatte den Eindruck, als habe sie noch etwas anderes verändert.

„Wenn ich es nicht besser wüsste“, sagte er, „dann würde ich glauben, du kämst aus dem Urlaub. Du siehst so gut aus.“

„Du bist wirklich ein aufmerksamer Beobachter“, erwiderte sie, „ich habe mir tatsächlich so etwas wie Urlaub gegönnt. Ich war im Sonnenstudio.“

„Im Sonnenstudio?“

„Ja, heute Nachmittag. Ich wollte dir danach einen kurzen Besuch abstatten, doch dein Geschäft war geschlossen und ich wollte nicht warten.“

„Oh, das tut mir leid. Ich war ...“

Pekunius sprach nicht weiter, denn der Grund, warum sie ihn nicht angetroffen hatte, lag auf dem Tisch. Er nahm das Geschenk und überreichte es ihr.

„Das habe ich heute Nachmittag erstanden“, berichtete er, „und es war einer der seltsamsten Einkäufe meines Lebens.“

„Wieso?“, fragte sie gespannt.

„Pack es zuerst aus. Ich möchte sehen, ob es dir gefällt.“

Veronica entfernte das Geschenkpapier.

„Hältst du mal“, bat sie und reichte ihm das Paket, „ich hole schnell eine Schere.“

Sie lief in die Küche und Pekunius betrachtete den braunen Karton. Er trug keinerlei Beschriftung und nichts deutete auf seinen Inhalt hin. Gleich würde sich zeigen, ob der Antiquitätenhändler mit seiner Vorhersage richtig lag.

Veronica kehrte aus der Küche zurück. Sie nahm das Paket, schnitt das Klebeband auf, öffnete den Deckel und entnahm den in Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand.

„Oh!“, rief sie aus, nachdem sie das Papier entfernt hatte.

Ihre Miene war ein Abbild reinsten Entzückens.

„Gefällt sie dir?“, fragte Pekunius überflüssigerweise.

„Oh, sie ist wundervoll“, antwortete Veronica, „was für eine schöne Lampe!“

Sie hob sie hoch, drehte sie hin und her und ohne sie loszulassen schlang sie ihre Arme um seinen Hals.

„Danke, Pekunius, vielen Dank. Das ist wirklich ein wunderschönes Geschenk.“

Sie löste sich von ihm, betrachtete die Lampe noch einmal und ging zur Couch, neben der ein kleiner Beistelltisch stand. Als sie die Lampe placiert hatte, drehte sie sich um.

„Sie ist doch wie für hier gemacht, oder?“, fragte sie.

Er wollte erklären, dass es sich um eine Leselampe handelte, doch in diesem Augenblick fiel ihm siedend heiß ein, was er vergessen hatte. Er senkte den Kopf und bedeckte die Augen mit der Hand.

„Ich habe die Glühbirne vergessen“, gestand er mit einem verlegenen Augenaufschlag.

„Kein Problem“, erwiderte sie, „ich habe noch welche im Haus.“

„Sie sollte nicht mehr als vierzig Watt haben, sagte der Verkäufer.“

„Ich sehe gleich mal nach.“

Sie ging in die Küche und kehrte kurz darauf mit einer Glühbirne in Kerzenform wieder. Nachdem sie die Birne eingeschraubt hatte, steckte sie den Stecker in die Steckdose und schaltete die Lampe an.

„Oh, ist sie nicht schön?“, fragte sie entzückt.

„Es freut mich, dass sie dir gefällt“, antwortete er und dachte schmunzelnd an den langhaarigen Antiquitätenhändler mit dem Norwegerpullover.

„Sie ist echt, oder?“, vermutete Veronica.

„Echt?“

„Ich meine antik.“

„Ja“, bestätigte er nickend, „wahrscheinlich sogar noch antiker als ich.“

Mit leuchtenden Augen kam sie auf ihn zu und küsste ihn erneut.

„Danke, mein Lieber. Jetzt werde ich jedes Mal, wenn ich auf der Couch sitze und lese, an dich denken.“

Pekunius schloss die Augen und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Was ist?“, fragte Veronica.

„Ach, es ist wirklich eine seltsame Geschichte mit dieser Lampe“, antwortete er lakonisch.

„Da bin ich aber gespannt. Lass mich nur schnell das Papier wegräumen und die Blumen in die Vase stellen. Setzt dich doch schon mal. Möchtest du ein Glas Wein?“

„Ja, gerne.“

Pekunius machte es sich auf der Couch bequem, während Veronica aufräumte, eine Kristallvase mit den Rosen, eine Flasche Weißwein, zwei Gläser und ein Platte mit Schnittchen, die sie vorbereitet hatte, auf den Tisch stellte. Pekunius füllte ihre Gläser und als sie sich neben ihn gesetzt hatte, stießen sie an.

„Auf dich“, sagte er.

„Auf uns“, widersprach sie.

„Gut, dann auf uns.“

Sie tranken und stellten ihre Gläser wieder ab.

„Und jetzt erzähl mir, was es mit dieser seltsamen Lampe auf sich hat“, forderte sie ihn auf, „ist das etwa eine Wunderlampe?“

„Vielleicht“, begann er mit einer vagen Handbewegung und erzählte ihr die Geschichte, wie sie sich am Nachmittag zugetragen hatte.

„Das Erstaunliche ist“, schloss er seinen Bericht, „dass sich die Vorhersagen des Antiquitätenhändlers als ebenso treffsicher herausgestellt haben wie die eines biblischen Propheten.“

„Vielleicht war es einfach nur ein Glückstreffer“, vermutete sie, „er konnte ja nicht wissen, dass ich noch keine Leselampe hatte.“

„Das ist richtig“, stimmte Pekunius zu, „vermutlich hast du recht.“

„Eine schöne Geschichte ist es trotzdem“, stellte sie fest und betrachtete den Rosenstrauß, „aber was hat es mit diesem Bruno auf sich?“

„Bruno Girasole? Das ist eine andere Geschichte.“

Er nahm sein Weinglas, trank einen Schluck und betrachtete versonnen die blassgoldene Flüssigkeit.

„Bruno Girasole ist Italiener“, fuhr er fort, „ihm gehört der kleine Blumenladen oben an der Kreuzung. Als ich heute bei ihm war, erklärte er, dass er seinen Laden in den nächsten Tagen schließen wird, sobald er seine letzten Bestände verkauft hat. Er hat mir oder besser dir die Rosen geschenkt, zum Abschied.“

Veronica betrachtete Pekunius´ Gesicht.

„Es berührt dich, nicht wahr?“, erriet sie.

„Ja, schon“, antwortete er, „irgendwie hat es den Anschein, als würde die Fußgängerzone die Händler fressen.“

„Wie meinst du das?“

„Ach, seit ich zum ersten Mal davon gehört habe – das war so um Ostern – haben Günther und Lissi ihr Geschäft geschlossen, dann Bertha Krämer, dann die Telemanns und jetzt Bruno Girasole. Man kann nicht einmal sagen, dass es nur ein Zufall wäre, zumindest nicht, was die Telemanns und den Blumenladen betrifft. Den Telemanns hat die Stadt die Genehmigung verweigert und unserem italienischen Freund hat man die Miete erhöht, weil durch die Fußgängerzone angeblich die Wohn- und Einkaufsqualität gestiegen sei. So lautet zumindest die Begründung.“

„Aber könnte das nicht stimmen“, fragte Veronica mit skeptischer Miene, „vielleicht bringt die Fußgängerzone tatsächlich mehr Kunden und höhere Umsätze.“

Pekunius erinnerte sich, was Girasole über den Blumenverkauf im Supermarkt gesagt hatte.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er, „Herr Girasole wird es auch nicht herausfinden wollen. Er geht nach Italien zurück. Es sieht gerade so aus, als wäre es das letzte Jahr der Händler in der Hauptstraße.“

Er leerte sein Glas und stellte es auf den Tisch zurück. Die Schnittchen sahen appetitlich aus und als sein Magen knurrte, wurde ihm bewusst, dass er seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte.

„Aber es werden doch auch wieder neue Händler kommen“, bemerkte Veronica.

Pekunius nahm ein Häppchen mit Fischpastete und biss hinein.

„Mmh, sehr gut“, lobte er, während seine Gedanken zu Maria Schröder und Sarath Wickremesinghe wanderten.

Mit ihrem Kosmetikgeschäft gehörten sie zu jenen neuen Händlern, von denen Veronica gerade gesprochen hatte und Pekunius war davon überzeugt, dass sie nicht für die Zukunft der ehemaligen Hauptstraße standen. Er wusste zwar nichts von ihren Umsätzen und Erträgen, doch sein Gespür als Händler sagte ihm, dass sich ihr Geschäft nicht allzu lange würde halten können. Frau Schröder und Herr Wickremesinghe, die Sängerin und der Wirtschaftswissenschaftler, waren in seinen Augen keine Händler, sondern Glücksritter.

„Lassen wir uns überraschen“, sagte er, um das deprimierende Thema zu beenden, „schließlich ist die Gilde der Händler ja noch nicht ganz ausgestorben. Es werden sich schon wieder neue Nachbarn finden.“

Er nahm die Weinflasche und füllte ihre Gläser.

„Übrigens“, fuhr er fort, „ist „Sonnenstudio“ nicht ein irreführender Begriff? Wäre UV-Strahlungsstudio nicht treffender?“

„Vermutlich schon“, stimmte Veronica zu, „aber bestimmt nicht sehr werbewirksam. Allerdings wäre „Münchhausentreff“ auch nicht besser.“

Pekunius reichte ihr ein Weinglas, nahm sein eigenes und prostete ihr zu.

„Münchhausentreff“, wiederholte er kopfschüttelnd, „wie kommst du darauf?“

„Weil dort gelogen wird, dass sich die Balken biegen“, erklärte Veronica, „du würdest es nicht glauben. Eigentlich wollte ich schon gar nicht mehr hingehen, doch da ich Mitglied bin und jeden Monat der Beitrag von meinem Konto abgebucht wird, war ich heute Nachmittag noch einmal dort.“

Sie trank einen Schluck Wein und fuhr fort.

„Früher bin ich häufiger im Sonnenstudio gewesen. Es war ein kleiner Luxus und Zeit hatte ich ja im Überfluss. Nach und nach lernt man die anderen Frauen kennen, trinkt hinterher einen Kaffee zusammen und wundert sich. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was man dort zu hören bekommt, dann gibt es nur glückliche Frauen erfolgreicher Männer mit hochbegabten Kindern. Sie kaufen nur das Neueste und fahren dreimal im Jahr in Urlaub, weil ihre Sprösslinge ja im Internat sind. Das einzige Problem, das diese Frauen haben, ist zu entscheiden, bei welchem Arzt sie sich die Lippen aufspritzen lassen. Ich kann das nicht mehr hören und es wird Zeit, dass ich mich dort abmelde.“

„Erstaunlich“, erwiderte Pekunius, der noch nie ein Sonnenstudio von innen gesehen hatte, „warum ist das so?“

„Tja, weil nicht nur Männer miteinander konkurrieren, sondern auch Frauen. Wer ist die Schönste? Wer hat die begabtesten Kinder? Wer hat den erfolgreichsten Mann? Da würde selbst Münchhausen der Mund vor Staunen offen stehen bleiben. Prost!“

Sie stieß ihr Weinglas gegen das von Pekunius.

„Lass uns lieber über unseren Urlaub reden“, schlug sie vor, „das ist ein angenehmeres Thema.“

 

<><><> 

 

Pekunius drückte auf den Klingelknopf und wartete.

„Ja?“, fragte eine Stimme über ihm.

Er legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Frau Krämer hatte sich aus dem Fenster gebeugt und schaute zu ihm herunter.

„Guten Tag, Frau Krämer“, antwortete er, „ich möchte Ihnen einen Besuch abstatten.“

Das Gesicht verschwand, das Fenster wurde geschlossen und kurz danach ertönte der Türsummer. Pekunius trat ein und stieg die Treppe nach oben. Frau Krämer stand in der offenen Wohnungstür. Ihr Haar war fettig und klebte an ihrem Kopf. Sie trug einen Morgenmantel, der schon lange keine Waschmaschine mehr gesehen hatte und der Geruch, der von ihr ausging, ließ vermuten, dass auch sie schon länger nicht mehr mit Wasser in Berührung gekommen war.

„Was gibt´s?“, fragte sie, anstatt ihn zu begrüßen.

„Ach, nichts Besonderes“, erwiderte er, „ich wollte nur mal guten Tag sagen. Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen.“

Wortlos drehte sie sich um und schlurfte in den Flur, während Pekunius ihr folgte und die Tür schloss. In der Wohnung empfing ihn ein unangenehmer Geruch. Die Luft war abgestanden und stickig.

„Wollen Sie einen Kaffee?“, fragte Frau Krämer.

Gern, wollte Pekunius antworten, doch als sein Blick in die Küche fiel, stockte ihm der Atem. In der Spüle, auf der Ablage und auf dem Herd türmte sich schmutziges Geschirr. Es roch gammelig nach altem Essen und auf manchen Tellern hatten sich Schimmelpilze gebildet. Die Oberfläche des Elektroherdes, die man zwischen den Töpfen stellenweise noch erkennen konnte, war schmutzverkrustet und seine Seite verunzierten braune Nasen herabgelaufenen Fettes.

„Was ist passiert?“, fragte Pekunius schockiert.

Frau Krämer antwortete nicht. Sie nahm die gläserne Kanne aus der Maschine und Pekunius erkannte, dass der Boden  rabenschwarz von eingebrannten Kaffeeresten war.

„Die muss man zuerst einweichen“, stellte er fest, obwohl es wahrscheinlich besser gewesen wäre, sie zu entsorgen und durch eine neue zu ersetzen.

Frau Krämer schien ihn nicht gehört zu haben. Sie nahm den Deckel von der Kanne, hielt sie unter den Wasserhahn und drehte ihn auf.

„Lassen Sie mal“, sagte Pekunius, nahm ihr die Kanne aus der Hand und drehte das Wasser ab.

Er stellte die Kanne in die Maschine zurück, deren ehemals silberfarbene Warmhalteplatte schwarzbraun angelaufen war.

„Was ist passiert?“, fragte er noch einmal.

Frau Krämer stand unschlüssig neben der Spüle. Sie wirkte verloren, als ob sie nicht recht wusste, wo sie sich befand. Ihre Erscheinung konnte man nicht ungepflegt nennen. Sie war schmuddelig und schien, seit Pekunius sie bei der Beerdigung von Frau Stier einige Wochen zuvor zum letzten Mal gesehen hatte, um zwanzig Jahre gealtert zu sein.

„Frau Krämer“, sprach Pekunius leise auf sie ein, „brauchen Sie Hilfe?“

„Setzen Sie sich doch“, antwortete sie.

Pekunius warf einen kurzen Blick auf den Stuhl, doch in dieser Küche wollte er mit keinem Gegenstand in Berührung kommen. Alles war mit einem schmutzigen Fettfilm überzogen und der Raum hätte dringend einer Generalreinigung bedurft. Einen Augenblick dachte er daran, wie wohl die anderen Räume, vor allem das Badezimmer, aussehen mochten und fast hätte es ihn bei dem Gedanken geschüttelt. Mit sorgenvollem Gesicht betrachtete er Frau Krämer, die einen abwesenden Eindruck machte. Der Blick aus ihren wässrigen Augen war leer.

„Nehmen Sie Medikamente?“, fragte er.

„Wie?“, entgegnete sie und sah sich um, als ob sie gerade aufgewacht sei.

„Nehmen Sie Medikamente?“, fragte er noch einmal.

„Warum?“

Pekunius wollte tief Luft holen, doch der Geruch in der Küche ließ ihn den Versuch abbrechen.

„Sie brauchen Hilfe“, entschied er.

Er sah sich um und wusste nicht, wo er beginnen sollte. Überall war Not am Mann.

„Vielleicht ziehen Sie sich zuerst einmal etwas Sauberes an“, schlug er vor, „ich werde in der Zwischenzeit schon mal die Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen.“

„Niemand besucht mich“, erwiderte sie und es sah so aus, als ob sie im nächsten Augenblick zu weinen beginnen würde.

Pekunius wollte instinktiv den Arm um sie legen, doch er tat es nicht. Beschämt stellte er fest, dass er sich vor ihr ekelte und er konnte sich nicht überwinden, sie anzufassen. Er hatte nur seiner Nachbarin einen Besuch abstatten wollen, doch unversehens fand er sich in einem Alptraum aus Hoffnungslosigkeit und sprachlosem Entsetzen wieder. Das war nicht jene Frau Krämer, die er seit vielen Jahren kannte. Etwas hatte sie aus der Bahn geworfen. Der Schock über ihren Zustand und den ihrer Wohnung packte Pekunius mit einer eiskalten Hand.

„Haben Sie Verwandte, die ich verständigen kann?“, fragte er, doch Frau Krämer schüttelte nur stumm den Kopf.

Da er vermutete, dass sie unter dem Einfluss von Medikamenten stand, fragte er nach ihrem Arzt, doch sie antwortete immer noch nicht.

„Frau Krämer“, drängte er, „soll ich den Sozialdienst verständigen? Jemand muss sich um Sie kümmern.“

Sie sah ihn an und plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf.

„Soll ich Kaffee kochen?“, fragte sie.

„Nein, danke, ein andermal“, antwortete er und dachte daran, den Notarzt zu verständigen.

Dass Frau Krämer Hilfe benötigte, war offensichtlich, doch es gab keinen Grund, den Notarzt anzurufen, da sie augenscheinlich keine äußeren Verletzungen aufwies. Ihre Wunden waren seelischer Art, aber Pekunius wusste nicht, ob es einen psychologischen Notdienst gab. Sie hatte seine Frage nach ihren Verwandten nicht beantwortet und so entschied er, dass es am besten war, den Sozialdienst zu informieren.

Frau Krämer setzte sich plötzlich in Bewegung, ging an Pekunius vorbei ohne ihn anzusehen, verließ die Küche und schlurfte ins Wohnzimmer. Pekunius folgte ihr und fand seine Vermutung bestätigt. Der muffige Geruch und die stickige Luft im Zimmer unterstrichen den abstoßenden Anblick, der sich seinen Augen bot. Müll, Dreck und vergammelte Essensreste hatten den Raum in ein Bild des Elends verwandelt. Frau Krämer ging zum Wohnzimmerschrank, öffnete eine Schublade und begann, sie auszuräumen. Offenbar suchte sie etwas und es schien, als habe sie die Anwesenheit von Pekunius völlig vergessen.

„Haben Sie ein Telefonbuch?“, fragte er, doch er erhielt keine Antwort.

Er sah sich im Wohnzimmer um, konnte jedoch kein Telefon entdecken und ging in den Flur zurück. Bei der Garderobe fand er den Anschluss. Er nahm das Kabel zur Hand und folgte ihm, bis er im Wohnzimmer den Apparat unter einem kleinen Berg schmutziger Wäsche fand. Unter der Wäsche kam ein Beistelltisch zum Vorschein und unter einem Stapel alter Illustrierten entdeckte er das Telefonbuch. Als er nach der Nummer des Sozialdienstes zu suchen begann, verließ Frau Krämer das Wohnzimmer.

Pekunius zog sein Handy aus der Tasche, denn der Gedanke, ihren Telefonhörer an sein Ohr zu drücken und die Sprechmuschel in die Nähe seines Mundes zu bringen, rief seinen Widerwillen hervor. Er wählte die Nummer des Sozialdienstes und wartete. Nach dem sechsten Freizeichen meldete sich der Anrufbeantworter und informierte Pekunius darüber, dass er außerhalb der Bürozeiten anrief. Eine Nummer für Notfälle wurde nicht bekannt gegeben. Enttäuscht drückte er auf die Unterbrechertaste und steckte sein Handy wieder ein.

„Frau Krämer?“, rief er, aber wie erwartet bekam er keine Antwort.

Er ging zur Küche und sah hinein, doch Frau Krämer war nicht im Raum. Pekunius ging in den Flur zurück und warf einen Blick ins Schlafzimmer, das einen ebenso verheerten Eindruck machte wie das Wohnzimmer. Auch hier war sie nicht.

„Frau Krämer?“, rief er etwas lauter und durchquerte den Flur erneut.

Das Badezimmer lag neben der Küche. Die Tür war geschlossen und er klopfte mit den Fingerknöcheln leicht dagegen.

„Frau Krämer?“

Er legte die Hand auf die Klinke, zögerte jedoch, denn er wollte Frau Krämer nicht auf der Toilette überraschen.

„Hallo, Frau Krämer, sind Sie im Bad?“

Er lauschte und hörte plötzlich einen leisen Aufschrei, gefolgt von einem schweren, dumpfen Schlag. Ohne zu zögern drückte er die Klinke nach unten und stieß die Tür auf. Im ersten Moment konnte er Frau Krämer nicht sehen. Erst auf den zweiten Blick entdeckte er ihre Füße. Frau Krämer lag in der Badewanne. Die Vorhangstange war auf einer Seite abgerissen und der Duschvorhang bedeckte ihren Körper. Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr und zog den Vorhang zur Seite.

„Frau Krämer!“, rief er und dann sah er die Wäscheleine.

Ein Ende hatte Frau Krämer an der Vorhangstange befestigt und das andere um ihren Hals geknotet.

„Oh, mein Gott!“, stieß Pekunius hervor.

Der Knoten war genau über der Schlagader und Pekunius löste ihn, so schnell er konnte. Ein dünner, roter Striemen zog sich rings um den Hals.

„Frau Krämer, können Sie mich hören?“, stieß er hervor.

Sie atmete und bewegte die Augen, aber sie antwortete nicht. Am Rand der Wanne, knapp über ihrem Hinterkopf, entdeckte Pekunius einen Blutfleck. Vorsichtig nahm er ihren Kopf in beide Hände und drehte ihn behutsam zur Seite. Am Hinterkopf waren die Haare rot verfärbt, doch die Wunde blutete nicht stark. Er sah sich um, fand ein Handtuch in Griffweite, löste eine Hand von ihrem Kopf und zog es vom Halter. Notdürftig legte er es mit einer Hand zusammen und placierte es unter ihrem Kopf.

„Bitte, nicht bewegen“, forderte er sie auf, denn es war durchaus möglich, dass sie sich bei ihrem Sturz einen Halswirbel verletzt hatte.

Er zog sein Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Eine männliche Stimme nahm seinen Anruf entgegen. So ruhig wie möglich schilderte er den Vorfall und gab die Adresse durch. Man sagte ihm zu, sofort einen Notarzt loszuschicken. Pekunius dankte und unterbrach die Verbindung.

Frau Krämer hatte sich nicht bewegt. Ihre Augen waren offen und Pekunius sah, wie sich ihre Brust hob und senkte.

„Der Arzt kommt gleich“, sprach er auf sie ein, doch er bezweifelte, dass sie ihn hörte.

Pekunius sah nach oben. In der alten Wand, wo die Stange des Duschvorhangs befestigt gewesen war, fehlte ein Stück des Putzes. Ein Loch verriet, dass die Dübel nicht in einer massiven Wand, sondern lediglich in einer Gipsplatte gesteckt hatten. Sie hatten das Gewicht der zum Sterben entschlossenen Frau nicht tragen können.

 

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Es war dunkel geworden, doch Pekunius schaltete das Licht nicht an. Er saß in seinem Ohrensessel und starrte ins Leere. Zwei Fragen tauchten in seinen Gedanken immer wieder auf. Was war passiert und warum hatte sie das getan? Sie waren wie ein großes Pendel, das hin und her schwang ohne jemals anzuhalten oder die Richtung seines Ausschlages zu ändern. Was und warum, was und warum?

Die Szene, die er zwei Stunden zuvor erlebt hatte, lief wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab. Je häufiger sie sich wiederholte, desto mehr hatte er den Eindruck, als sei er gar nicht körperlich anwesend gewesen. Frau Krämer hatte ihn anfangs wenig und später überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Er kam sich vor wie ein Statist, verwarf den Gedanken aber wieder, denn Kameramann schien ihm der geeignetere Ausdruck zu sein. Er hatte alles gesehen, mehr als ihm lieb war, und in seiner Erinnerung hatte er alles wie auf einer Filmrolle festgehalten. Nun lief die Wiedergabe und er konnte keine Stoptaste finden. Nach und nach aber streuten sich andere Bilder ein, als ob ein verrückter Filmvorführer zwei Projektoren mit unterschiedlich bestückten Spulen gleichzeitig laufen lassen würde. Frau Krämer und Frau Stier wechselten ihre Gesichter und ihre Körper. Pekunius wusste bald nicht mehr, wer im Bett und wer in der Badewanne gelegen hatte. Das einzig Beständige war die grellrote Signalfarbe der Jacke des Notarztes. 

Wenn die Lebenswege zweier Menschen sich kreuzten, so hielten manche das für Schicksal, Karma oder göttliche Fügung, andere für puren Zufall und für einige war es lediglich die logische Folge vorausgegangner Ereignisse. Für Pekunius war der Zufall die am wenigsten wahrscheinliche Möglichkeit. Die Duplizität der Ereignisse sprach eindeutig dagegen, doch welche Erklärung sollte man dafür finden, dass er sich innerhalb von drei Monaten zweimal in der Situation befunden hatte zu versuchen, einer Nachbarin das Leben zu retten? Eine Interpretation jedoch war noch schwieriger. Der Retter in höchster Not konnte ebenso gut der Todesengel sein. Bei dem Gedanken stöhnte er unwillkürlich auf. Frau Krämer war noch am Leben und wahrscheinlich war keine ihrer Verletzungen bedrohlich. Dennoch war der Tod nahe gewesen.

Das Unerklärliche ergründen zu wollen führte bei Pekunius, wie bei anderen Menschen auch, zu einem Dilemma. Wenn es kein Zufall war, musste eine göttliche Macht existieren. Die Existenz Gottes jedoch widersprach der freien Entscheidung und Pekunius spürte den Widerwillen, seine Autonomie eingeschränkt zu sehen. Hatte er nun aus freien Stücken entschieden, auf den Klingelknopf von Bertha Krämer zu drücken oder hatte ihn sein Schicksal zu genau dieser Zeit an genau diesen Ort geführt? War die Unruhe, die er in den letzten Tagen seines Urlaubs gespürt hatte, ebenfalls ein göttlicher Fingerzeig gewesen? Zwang Gott ihn jetzt, die Frage zu beantworten, die zuvor für ihn noch nie Relevanz besessen hatte? Und wie sollte er diese Frage beantworten? Ihm stand nicht einmal die Möglichkeit offen, einen Experten hinzu zu ziehen, denn schon allein die Alternative, zwischen einem Priester und einem Atheisten zu wählen, führte zu einem vorhersagbaren Ergebnis.

Pekunius spürte den Ärger, den die unbeantwortete Frage nach dem „Warum?“ mit sich brachte. Ruckartig erhob er sich aus seinem Sessel und ging zum Fenster. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen sah er hinaus. Weder die Silhouetten der Häuser, die sich scharf gegen den noch nicht ganz dunklen Nachthimmel abzeichneten noch die vereinzelten, hell erleuchteten Fenster waren hilfreich. Seine Gedanken wanderten im Kreis und er suchte nach einem Weg, dieser unaufhörlich sich drehenden Mühle zu entfliehen. Es war am besten, ganz vorne zu beginnen.

Wo ist ganz vorne, dachte er. Gab es überhaupt einen Anfang? Auch diese Frage ließ sich nicht beantworten, also brauchte er einen anderen Ansatz. Gab es einen gemeinsamen Nenner? Was verband Frau Stier mit Frau Krämer? Pekunius musste nicht lange danach suchen. Der gemeinsame Nenner hieß Einsamkeit. Frau Stier war einsam gestorben, so einsam, dass sie mitten in der Stadt verhungert war. Ihr letzter Tag im Krankenhaus tat dabei nichts zur Sache. Niemand besucht mich. Pekunius konnte sich deutlich an die Worte von Frau Krämer erinnern. Dass diese Aussage irrational war, weil er in jenem Augenblick genau neben ihr gestanden hatte, war dabei nicht von Bedeutung. Sie hatte ihn kaum oder gar nicht wahrgenommen. Niemand besucht mich. Wenn niemand sie besuchte, hatte sie auch niemanden, mit dem sie reden konnte. Niemandem konnte sie ihre Sorgen erzählen, niemand hörte ihr zu und bei niemandem konnte sie sich Rat holen. Niemand hatte ihr geholfen und so war aus der ehemaligen Lebensmittelhändlerin eine einsame, alte Frau geworden.

Früher war alles anders, dachte Pekunius. Außer dem Lebensmittelladen hatte es die Bäckerei, die Metzgerei und das Nähmaschinengeschäft gegeben. Vornehmlich die Hausfrauen gingen täglich aus dem Haus, um Brot und Wurst, Waschpulver und Nähseide zu kaufen. Die Nachbarinnen trafen sich in den Geschäften oder auf der Straße und tauschten sich aus. Jede sprach mit jeder. Es wurde sicherlich viel getratscht, aber es wurde auch vieles besprochen. Man ging mit den täglichen Sorgen und Nöten aus dem Haus, erzählte sie anderen und redete sich damit so manches von der Seele. Auf der anderen Seite hörte man zu, wenn jemand sein Leid klagte und sprach sich gegenseitig Trost und Mut zu. Die Hausfrauen und die Ladeninhaberinnen, allesamt Nachbarinnen, gehörten einer Gemeinschaft an, der das Wort Anonymität unbekannt war. Man interessierte sich füreinander und die Rollen der Trost Spendenden und der Trost Empfangenden wechselten permanent. So waren die Frauen früher Therapeutinnen und Patientinnen gleichermaßen ohne sich dessen je bewusst zu sein und in ihrer Gesamtheit trugen sie Sorge für die Volksgesundheit. Mit dem Sterben der Händler in der Hauptstraße war dieser über viele Jahre gut funktionierende Mikrokosmos aus den Fugen geraten. Das gleichzeitige Zerfallen familiärer und nachbarschaftlicher Strukturen steuerte unaufhaltsam auf ein Desaster zu. Heute ging eine Frau mit ihren Sorgen aus dem Haus, setzte sich alleine in ihr Auto, fuhr alleine zum Supermarkt am Stadtrand, schob alleine ihren Einkaufswagen durch die Gänge, fuhr alleine wieder nach Hause, hatte sich mit niemandem wirklich ausgetauscht und brachte deshalb ihre Sorgen, die durch das Nichtaussprechen ein klein wenig weiter angewachsen waren, wieder mit zurück. Es war eine einsame Prozedur, die darüber hinaus bei vielen nur noch einmal pro Woche stattfand. Dabei büßte nicht nur die Frau ein Stück ihrer eigenen seelischen Gesundheit ein. Durch die nicht mehr vorhandene Gemeinschaft litt die Volksgesundheit ebenfalls darunter. Die reinigende Kraft der sozialen Kontakte, des täglichen Gesprächs und Austauschs, war verloren gegangen.

Pekunius nickte düster, als er sich erinnerte, was Veronica ihm erzählt hatte. In den Schönheitsstudios, in denen die Kundinnen Mitglieder hießen, fanden nicht nur keine notwendigen Gespräche statt, aus denen die Frauen Kraft hätten schöpfen können. Sie mussten stattdessen Energie aufwenden, um die Fassade oder mehr noch das Trugbild von Glück und Erfolg aufrecht zu erhalten. Das dort grassierende Münchhausensyndrom war demnach nichts anderes als der Gipfel der Einsamkeit. Die Gründe, die dazu geführt hatten, erreichten in ihrer Ironie eine Banalität apokalyptischen Ausmaßes. Ein Glas Marmelade kostete im Supermarkt zehn oder zwanzig Cent weniger als bei Bertha Krämer. Um diese Centbeträge zu sparen, hatten sich die Kunden von den kleinen Händlern abgewandt. Dass sie aber in den großen Discountmärkten, wo ein erbarmungsloser Preiskampf tobte, jedes Mal eine unsichtbare Position auf ihrem Kassenbon hatten, nahmen sie geflissentlich nicht zur Kenntnis. Da auch der Preis für diese Position unsichtbar war, wusste niemand, dass es Einsamkeit heutzutage jederzeit im Sonderangebot gab.

Es war eine deprimierende Erkenntnis, zu der Pekunius gelangt war. Vielleicht war sie ein wenig zu weit hergeholt und vielleicht hatte er auch in Gedanken zu sehr polemisiert, doch es war nicht von der Hand zu weisen, dass das Sterben der Händler und die um sich greifende Vereinsamung inmitten der Städte parallel und zeitgleich verliefen. Nur ein Blinder oder ein Unverbesserlicher konnte einen Zusammenhang leugnen. Wenn man dann noch ins Kalkül zog, dass die Notwendigkeit, das Haus zum Einkaufen verlassen zu müssen, mit dem ständig anwachsenden Angebot im Internet abnahm, konnte einem angst und bange werden. Es gab nahezu nichts mehr, was man sich nicht direkt bis zur Wohnungstür liefern lassen konnte und bei ganz dringenden, unaufschiebbaren Notfällen, wenn sich das Verlassen des Hauses nicht vermeiden ließ, fuhr man zur Tankstelle.

Pekunius wandte sich vom Fenster ab. Obwohl er hungrig war, weil er seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte, stand ihm der Sinn nicht nach einer Mahlzeit. Er verzichtete auf sein Abendbrot und ging zu Bett. In der Nacht schlief er sehr unruhig, wachte mehrmals aus wilden, beängstigenden Träumen auf und fühlte sich am Morgen erschöpft und wie gerädert. Während seines Arbeitstages schien die Zeit langsamer zu vergehen als gewohnt und er war froh, als es endlich Abend war. Er schloss seinen Laden ab und fuhr ins Krankenhaus, wo er die Information erhielt, dass sich Frau Krämer außer der kleinen Platzwunde am Hinterkopf lediglich ein Hämatom am Steißbein zugezogen hatte. Der Sturz war glücklicherweise glimpflich verlaufen. Allerdings konnte Pekunius sie nicht besuchen, denn man hatte sie wegen des Selbstmordversuchs in die Psychiatrische Landesklinik in Großstadt verlegt. Weitere Auskünfte bekam er nicht, da er mit der Patientin nicht verwandt war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu fahren.

Am nächsten Abend saß er mit Veronica nach der Tanzstunde in seinem Wohnzimmer. Er schilderte ihr den Vorfall und stellte die Frage, die ihn am meisten beschäftigte.

„Warum hat sie das getan? Warum hat sie versucht, sich umzubringen, während ich im Zimmer nebenan war?“

Veronica nahm seine Hand und streichelte sie sanft.

„Ich glaube“, antwortete sie, „das hat gar nichts mit dir zu tun. So, wie du sie beschrieben hast, hat sie vermutlich nicht einmal richtig wahrgenommen, dass du in der Wohnung warst.“

„Ich kann es immer noch nicht fassen“, erwiderte er und schüttelte den Kopf, „seit sie ihren Laden geschlossen hat, sind nicht einmal vier Monate vergangen. Sie hat sich völlig aufgegeben. Ihre Wohnung ...“

Er sprach nicht weiter. Allzu deutlich erinnerte er sich an den Anblick und den Geruch, auf die genauer zu beschreiben er gerne verzichtete.

„Ich bin natürlich kein Experte“, erklärte Veronica, „aber man sagt, dass ein Selbstmordversuch, zumindest ein gescheiterter, immer ein Hilferuf ist. Sie sah wahrscheinlich keinen anderen Ausweg mehr.“

Pekunius wollte einwenden, dass er Frau Krämer seine Hilfe angeboten hatte, doch er wusste selbst, dass diese Offerte zu spät gekommen war. Er hatte die verzweifelte Frau nicht mehr erreicht.

„Vielleicht hat es doch etwas mit mir zu tun“, sinnierte er, als ihm ein neuer Gedanke kam, „vielleicht hat sie es tatsächlich getan, gerade weil ich in der Wohnung war. Wenn es, wie du sagst, ein Hilferuf war, dann hat sie zu diesem drastischen Mittel gegriffen, weil sie keine andere Möglichkeit mehr hatte, sich mitzuteilen.“

„Mag sein“, stimmte Veronica zu, „wenn der Intellekt versagt, tritt der Instinkt an seine Stelle. Vielleicht hat sie dich nicht mehr bewusst wahrgenommen, aber gespürt, dass du da warst.“

Das klang einleuchtend, führte aber dennoch zu keinem befriedigenden Ergebnis.

„Es ist paradox“, erklärte Pekunius, „stell dir vor, die Stange des Duschvorhangs wäre nicht abgerissen. Dann hätte sie sich erhängt und jede Hilfe wäre zu spät gekommen. Ich bin sicher, dass sie sich keine Gedanken über die Belastbarkeit der Dübel gemacht hat.“

Veronica fasste Pekunius am Kinn und drehte seinen Kopf in ihre Richtung, während sie mit einem warmherzigen Lächeln antwortete.

„Du warst ihr Schutzengel. Die arme Frau hat nicht rational gehandelt, deshalb wird sich wohl kaum eine rationale Erklärung finden lassen. Nimm es einfach, wie es ist.“

„Das ist leichter gesagt als getan“, widersprach er.

„Warum, Pekunius? Du hast ihr das Leben gerettet. Darauf kannst du stolz sein.“

„Stolz? Warum sollte ich?“

„Weil du sie gerettet hat, nur du und niemand sonst. Wir wissen nicht, warum Frau Krämer in diese Situation geraten ist, in der sie keinen anderen Ausweg mehr sah. Wir können nur Vermutungen anstellen, aber jetzt ist sie wahrscheinlich in psychologischer Behandlung und man kümmert sich um sie. Lass uns hoffen, dass sie wieder gesund wird. Du hast getan, was du konntest und, ganz nebenbei, ich bin stolz auf dich.“

Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und küsste Pekunius sanft auf die Lippen. Es war die charmanteste Art, jeden Widerspruch im Keim zu ersticken.

„Wann hast du Geburtstag?“, fragte sie unvermittelt.

„Ich?“, gab er zurück und fühlte sich von dem abrupten Themenwechsel überrumpelt.

„Ja, du.“

„Am fünfundzwanzigsten Dezember, warum?“

„Oh, wirklich“, fragte sie, „dann hast du am gleichen Tag Geburtstag wie Humphrey Bogart.“

„Aha, und woher weißt du das?“

„Humphrey Bogart ist einer meiner Lieblingsschauspieler. Er ist so ... männlich.“

Pekunius schenkte Veronica einen kritischen Blick und wusste nicht, was er von dieser Aussage halten sollte. Er rauchte nicht, trank keinen Whisky, löste keine Kriminalfälle, verführte keine Frauen und hatte in seinem ganzen Leben noch niemals mit einem Revolver geschossen.

„So, so“, erwiderte er zweifelnd.

„Sei nicht albern“, neckte sie ihn und lachte, „du bist doch nicht etwa eifersüchtig, oder?“

„Und wenn ich es wäre?“

„Dann würde ich es als Kompliment auffassen. Außerdem ist Bogart schon lange tot.“

Pekunius schmunzelte. Er hatte tatsächlich einen leisen Anflug von Eifersucht verspürt. Natürlich gab es überhaupt keinen Grund dafür und es war lächerlich, sich mit einem toten Schauspieler messen zu wollen. Dass er diesen kleinen Stich jedoch deutlich gespürt hatte, nahm er als Indiz für die Innigkeit seiner Beziehung zu Veronica.

„Gestern“, fuhr sie fort, „habe ich übrigens, da ich ja eine neue, tolle Leselampe habe, einen Klassiker der Weltliteratur angefangen, den ich schon immer einmal lesen wollte: Ben Hur von Lewis Wallace. Hast du gewusst, dass das Buch im neunzehnten Jahrhundert das meistverkaufte nach der Bibel war?“

„Tatsächlich?“, fragte er überrascht. „Nein, das wusste ich nicht. Zu Ben Hur fällt mir nur Charlton Heston und das Wagenrennen ein. Ach ja, und natürlich die Seeschlacht mit den römischen Galeeren.“

„Natürlich“, wiederholte sie, „wie so oft, setzt man im Film andere Prioritäten als im Buch. Im Original heißt der Roman „Ben Hur – A Tale of the Christ“. Dabei ist die Geschichte um Jesus das zentrale Thema des Buches. Leider ist davon im Film nicht mehr viel übrig.“

Die Erwähnung von Jesus brachte Pekunius zu der Frage zurück, die ihm zwei Tage zuvor durch den Kopf gegangen war und auf die er keine Antwort gefunden hatte.

„Glaubst du an Gott?“, fragte er ganz direkt.

„Sicher“, antwortete sie leichthin, „du nicht?“

Pekunius zuckte mit den Schultern. Veronica hatte spontan und ohne nachzudenken geantwortet, woraus er schloss, dass es für sie hinsichtlich der Existenz Gottes keinen Zweifel gab.

„Und du bist dir ganz sicher?“, hakte er nach.

„Ja, bin ich“, antwortete sie, „es ist eine Frage des Glaubens.“

Genau, dachte Pekunius, es war eine Frage des Glaubens. Man tat es oder nicht und jeder konnte für sich selbst entscheiden.

„Du zweifelst“, vermutete sie.

„Ja“, gab er zu, „die Ereignisse um Frau Stier und Frau Krämer haben mich nachdenklich gemacht. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll, aber ich möchte jetzt auch keine theologische Diskussion mit dir beginnen.“

„Nein, mein Engel“, erwiderte sie augenzwinkernd, „das müssen wir auch nicht.“

 

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Die Hamsterkäufe gingen im Lauf des Novembers deutlich zurück, wie Pekunius mit einer gewissen Befriedigung feststellte. Aus den Medien war zu erfahren, dass der Insolvenzverwalter anscheinend gute Arbeit leistete. Nach den ersten, teilweise schmerzhaften Sanierungsmaßnahmen schienen die Geschäfte bei dem Modellbahnhersteller wieder besser zu laufen und man rechnete damit, das laufende Geschäftsjahr ohne Verlust abschließen zu können. Alles deutete auf ein Überleben des Traditionsunternehmens hin. Ein Käufer oder Investor, der sich langfristig engagieren sollte, wurde dennoch gesucht.

Im Modellbahngeschäft Pekunius Kaufmann kam das Weihnachtsgeschäft langsam ins Rollen. Wie jedes Jahr stieg die Zahl der Kunden ab Mitte November langsam an, bis sie fünf Wochen später ihren Höhepunkt erreichte. In gleichem Maße nahm auch die Flut der Werbesendungen zu, die Baptiste Tag für Tag brachte. Dabei gewann Pekunius den Eindruck, dass nicht die Begriffe „Weihnachten“ oder „Geschenk“ die meistverwendeten waren, sondern „sparen“. Kaum eine Broschüre verzichtete darauf, potenziellen Kunden zu suggerieren, dass der Kauf der angepriesenen Produkte die Vermehrung ihres unterstellten Vermögens zur Folge haben würde. „Sparen Sie zehn Euro“, „Sparen Sie fünfundzwanzig Prozent“, „Wer spart, gewinnt“ oder „Jetzt sparen Sie noch mehr“ lauteten die am plakativsten verbreiteten Botschaften. Pekunius fragte sich, ob es tatsächlich jemanden gab, dem man einreden konnte, dass sein Vermögen ebenso stark anwachsen würde, wie er beim Kauf dieser Produkte angeblich sparte. Dass die Sache einen Pferdefuß hatte, konnte man an der Zunahme der Privatinsolvenzen ablesen, wobei vermutlich jene Verbraucher am häufigsten betroffen waren, die durch ihren übertriebenen Konsum vermeintlich am meisten gespart hatten. Das Perfide war, dass das Volksvermögen tatsächlich beständig zunahm, obwohl diejenigen, die mit Vorliebe den Verlockungen der „Sparangebote“ erlagen, ebenso beständig verarmten. In Deutschland, das als eine der führenden Exportnationen Jahr für Jahr reicher wurde, wuchs unaufhaltsam die Zahl derjenigen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten. Das allgegenwärtig angepriesene Sparen hatte sich in sein Gegenteil verkehrt. Wer dennoch über ein Sparguthaben bei einer Bank oder Sparkasse verfügte, musste feststellen, dass der Zinssatz, den man für seine Einlage erhielt, deutlich unterhalb der Teuerungsrate lag. So war es kein Wunder, dass viele ihr verfügbares Geld lieber gleich ausgaben, anstatt es unter dem Verlust der Kaufkraft dahinschmelzen zu sehen und wer richtig viel sparen wollte, zögerte nicht, dafür einen Kredit in Anspruch zu nehmen. Das beginnende Weihnachtsgeschäft zeigte sich deshalb von der täglich in den Medien beklagten Wirtschaftskrise völlig unbeeindruckt.

Die Tage wurden kürzer und die Temperaturen gingen deutlich zurück. Trotzdem ließen es sich Pekunius und Veronica nicht nehmen, an mindestens zwei Sonntagen pro Monat zu wandern. Da sie schon häufig in der Umgebung von Kleinstadt unterwegs gewesen waren, gingen sie dazu über, schon früh am Morgen mit Veronicas Auto weiter entfernt liegende Orte anzufahren, um von dort aus ihre Wanderungen zu beginnen. Für den letzten Sonntag im November hatten sie sich eine gut erhaltene Burgruine ausgesucht, die etwa vierzig Kilometer östlich der Stadt lag.

Die Bäume hatten den Großteil ihres Laubes verloren und statt der farbenfrohen Pracht des Herbstes streckten sich nun kahle Äste gen Himmel. Die Zugvögel hatten das Land bereits verlassen. Nur einmal sahen Pekunius und Veronica einen Graureiher, der in einem Bach stehend darauf hoffte, einen Fisch oder einen Frosch zu erlegen. Vielleicht hatten die beiden Wanderer ihn bei seiner Jagd gestört, denn plötzlich erhob er sich und mit klatschenden Schwingen stieg er in die Lüfte empor. Als er oberhalb der Baumkronen war, segelte er mit ausgebreiteten Flügeln davon.

„Schön, nicht wahr?“, schwärmte Veronica, während sie den Flug des Reihers verfolgte.

„Ja“, stimmte Pekunius zu.

Sie wandten sich um und gingen weiter.

„Fliegen muss herrlich sein“, vermutete sie.

„Kann sein“, erwiderte er, „ich weiß es nicht. Ich bin noch nie geflogen.“

„Auch nicht mit einem Flugzeug?“, fragte sie überrascht.

„Nein“, gestand er, „noch nie. Bisher habe ich jedes Ziel mit der Bahn erreicht. Allerdings habe ich Europa auch noch nie verlassen.“

„Würdest du denn gerne einmal fliegen?“

Pekunius zuckte mit den Achseln.

„Warum nicht“, antwortete er, „wie du weißt, würde ich gerne Amerika mit der Bahn durchqueren. Da böte es sich an, nach New York zu fliegen.“

Veronica fasste beim Gehen nach seiner Hand und hielt sie fest.

„Wir haben immer noch kein Urlaubsziel“, bemerkte sie, „bleibt es eigentlich bei Januar?“

„Ja, von mir aus schon“, antwortete er und genoss das Wohlgefühl, das Veronicas Berührung bei ihm auslöste.

Hand in Hand folgten sie einem Wanderweg entlang des kleinen Baches und Pekunius fühlte sich wieder wie ein verliebter Teenager.

„Was hältst du von Lanzarote?“, fragte Veronica.

„Ich weiß nichts über Lanzarote“, antwortete er, „deshalb kann ich kaum etwas dazu sagen.“

„Lanzarote gehört zu den Kanarischen Inseln“, erklärte sie, „dort ist es auch im Winter relativ warm. Soweit ich weiß, gibt es geführte Wanderungen zu den Vulkanen.“

Pekunius zog die Augenbrauen nach oben, drehte den Kopf und sah Veronica von der Seite an.

„Das klingt spannend“, erklärte er, „bist du schon einmal dort gewesen?“

„Ich war schon einmal auf Fuerteventura“, antwortete sie, „das ist die Nachbarinsel, aber Lanzarote soll schöner sein, sofern man wild zerklüftete Landschaften und Kakteen mag.“

Im nasskalten November klang die Aussicht auf Vulkane und vor allem Kakteen, die man gemeinhin mit Sonne und Wärme in Verbindung brachte, ziemlich verlockend. Da der Januar in Kleinstadt in den letzten Jahren nicht winterweiß, sondern stets schmutzigbraun oder einfach nur feuchtkalt gewesen war und der erste Monat des Jahres in der Regel immer zu den umsatzschwächsten gehörte, gab es genügend Gründe, ihm für eine Weile zu entfliehen. Pekunius traf eine spontane Entscheidung.

„Ich bin dabei!“

Veronica blieb stehen. Sie hielt Pekunius an der Hand und veranlasste ihn, ebenfalls stehen zu bleiben.

„Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Urlaub“, erklärte sie und das Leuchten in ihren Augen unterstrich jedes ihrer Worte.

„Ja, ich freue mich auch“, erwiderte er, küsste sie sanft und lächelte sie an, „ich freue mich sogar sehr.“

Sie ließen die Hände los, umschlangen sich mit den Armen und drückten sich gegenseitig.

„Du bist wundervoll“, sagte Pekunius.

„Danke, gleichfalls“, antwortete Veronica.

Sie lächelten sich an, küssten sich, lächelten immer noch, fassten sich wieder an der Hand und machten sich schließlich auf den Weg.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, während die Zahl der zuvor vereinzelt stehenden Bäume stetig zunahm. Sie durchquerten ein Wäldchen, wo ihnen hin und wieder Jogger und Mountainbiker begegneten und erreichten einen Parkplatz, von dem aus ein Weg hügelaufwärts zur Burgruine führte. Eine Viertelstunde später standen sie vor dem alten Gemäuer. Pekunius bezahlte sechs Euro Eintritt für sie beide und in einer Gruppe mit anderen besichtigten sie die Burg, während ein Führer ihre Geschichte erzählte.

„Das war interessant“, erklärte Pekunius später, „wenn man bedenkt, wie phantasievoll die Burgherren früher bei der Erhebung von Wege-, Brücken- und Torzöllen, Kopfsteuern, Salzsteuern, Gewürzsteuern und was weiß ich noch waren, dann ist es nicht verwunderlich, wie kompliziert unser Steuersystem heute ist. Vermutlich sind unsere Finanzbeamten die legitimen Nachfahren der Schwarzen Ritter von damals.“

„Aber die Ritter haben die Kaufleute doch auch beschützt“, warf Veronica ein, „sie gaben den Händlern, die mit ihren Waren das Gebiet durchquerten, Geleitschutz.“

„Das stimmt natürlich“, gab Pekunius zu, „dann muss ich meine Behauptung wohl revidieren, denn ich habe keine Ahnung, vor wem uns die Finanzbeamten heute beschützen.“

 

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Jede Woche recherchierte Pekunius im Internet und suchte nach neuen Nachrichten über den insolventen Modellbahnhersteller. Anfang Dezember fand er einen Artikel, der in einer großen deutschen Wirtschaftszeitung veröffentlicht worden war. Während der Lektüre stutzte er zuerst, dann schüttelte er den Kopf und schließlich lehnte er sich zurück und nickte.

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, dachte er, aber es gab Heuschrecken, die dafür bekannt waren, eigene Artgenossen zu fressen. Vermutlich war es nur die Tatsache, dass Heuschrecken ganze Landstriche kahl fraßen und dann weiterzogen, die einem Zweig der Finanzbranche diesen Spitznamen eingetragen hatte. Das nomen est omen traf aber auch hier punktgenau ins Ziel, denn der britische Finanzinvestor gebärdete sich wie eine Gottesanbeterin, die nach der Begattung das Männchen fraß. Zuerst wies man die Behauptung zurück, man habe den Modellbahnhersteller ausbluten lassen und erwirkte vor Gericht eine einstweilige Verfügung zur Unterlassung dieser Behauptung gegen den Insolvenzverwalter, der jedoch seinerseits erklärte, diese Behauptung niemals getätigt zu haben. Man habe eine Aussage von ihm lediglich falsch interpretiert. Der Finanzinvestor stand jedoch weiterhin als Buhmann am Pranger und hatte deshalb die Flucht nach vorn angetreten. Vor der Übernahme des deutschen Unternehmens drei Jahre zuvor hatte der britische Finanzinvestor eine amerikanische Unternehmensberatung beauftragt, den maroden deutschen Modellbahnhersteller zu prüfen und zu bewerten. Diese Leistung, die immerhin fast acht Millionen Euro gekostet haben sollte, wurde nun in Zweifel gezogen. Die Amerikaner hatten angeblich schlecht recherchiert und unseriös gearbeitet. Damit sei den Briten die wahre Tiefe des Sanierungsfalles nicht bekannt gewesen, denn sonst hätten sie niemals ihr Investment bei den Deutschen getätigt. Nun hatten die Briten bei einem deutschen Gericht Klage gegen die Amerikaner eingereicht und forderten ihre „Fehlinvestition“ von dreißig Millionen Euro aufgrund mangelhafter Beratung zurück, was die Amerikaner jedoch mit der Begründung zurückwiesen, die Briten seien ihren Empfehlungen nicht gefolgt und hätten eigenverantwortlich die Strategie zur Sanierung des deutschen Unternehmens geändert. Nun stand man sich also mit gewetzten Messern gegenüber und die gesamte deutsche Unternehmensberaterbranche wartete gespannt auf den Ausgang des Verfahrens, das bislang in Deutschland einmalig war. Noch nie hatte sich eine Unternehmensberatungsgesellschaft für den Ausfall eines kompletten Investments verantworten müssen, schon gar nicht mit einem Betrag in zweistelliger Millionenhöhe.

Pekunius erinnerte sich an den Unternehmensberater, der einige Monate zuvor in das Modellbahngeschäft gekommen war, um seine Dienste anzubieten. Der Mann, dessen Name ihm nicht mehr einfiel, hatte dem Modellbahnhändler dringend empfohlen zu expandieren. Nun stellte sich Pekunius die Frage, was wohl passiert wäre, wenn er den Berater engagiert hätte, dessen Rat gefolgt wäre und dabei Schiffbruch erlitten hätte. Der Unternehmensberater hätte wohl eine Rechnung für seine geleistete Arbeit gestellt und die entsprechende Bezahlung gefordert. Falls der Unternehmensberater jedoch für den Ausfall einer Investition seines Mandanten nicht haftbar gemacht werden konnte, so verfügte er über einen juristischen Ablassbrief, der ihn von allen Sünden von vornherein freistellte. Wenn er „spring!“ sagte und sein Mandant sich dann den Hals brach, so war es die Schuld des Mandanten, dem Rat gefolgt zu sein. Das widersprach eindeutig Pekunius´ Rechtsauffassung, zumal der Mandant für den Rat sogar noch bezahlen musste und so war auch er gespannt, wie das Gerichtsverfahren enden würde. Ein Refrain aus einem Lied kam ihm in den Sinn. „Was gibt´s Schöneres auf Erden als Politiker zu werden?“, hatte Reinhard Mey einst gefragt. Vermutlich hatte der Barde keinen Unternehmensberater gekannt.

Zum Feierabend schloss Pekunius seinen Laden ab und fuhr zum Supermarkt. Es war der sechste Dezember und er war auf die Idee verfallen, einen Schokoladennikolaus zu kaufen und Veronica einen Überraschungsbesuch abzustatten. Eine Stunde später stand er vor ihrer Haustür. Er drückte auf den Klingelknopf und wartete. Als die Tür geöffnet wurde, glaubte er, sein Herz müsse für einen Schlag aussetzen. Vor ihm stand Horst und grinste ihn an.

„Na, Pekunius, alter Schwerenöter, was treibt dich denn hier her?“

„Ich ...“, begann Pekunius und brach ab.

Ihm fehlten die Worte. Zu keinem klaren Gedanken fähig konnte er Veronicas Ehemann nur fassungslos anstarren. Der Schock nahm ihm den Atem und er brauchte mehrere Augenblicke, bis er sich wieder gesammelt hatte.

„Was ist los?“, fragte Horst. „Du siehst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.“

Besser hätte es Pekunius selbst nicht ausdrücken können. Erst als er sich bewusst machte, dass es wahrscheinlich einen harmlosen Grund für Horsts plötzliches Auftreten gab, gewann er langsam seine Fassung wieder.

„Ich bin nur überrascht, dich zu sehen“, antwortete er.

„Wieso?“, fragte Horst und grinste noch breiter. „Schließlich wohne ich hier, auch wenn ich vorübergehend in einem anderen Bett geschlafen habe.“

Pekunius glaubte, sich verhört zu haben.

„Du wohnst hier?“, fragte er verwirrt.

„Aber sicher“, antwortete Horst, „auf dem Klingelschild steht mein Name, also wird es wohl stimmen. Willst du nicht reinkommen?“

Pekunius folgte der Einladung wie in Trance. Seine Beine bewegten sich mechanisch, während er gleichzeitig das Gefühl hatte, in sein Verderben zu laufen. Ihm war, als sei er von einem Augenblick zum anderen mitten in einen Alptraum gestürzt. Nur undeutlich hörte er Horsts Stimme.

„Geht es dir nicht gut?“

Pekunius konnte nicht antworten. Sein Mund war ausgetrocknet und er hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Er spürte einen Druck auf der Brust. Sein Nacken war heiß geworden, während sein Gesicht alle Farbe verloren hatte.

„Pekunius!“

Veronicas Stimme drang an sein Ohr und traf ihn mitten ins Herz. Er glaubte, etwas in ihm müsse zerreißen, als er den Kopf wandte und sie ansah. Sie wirkte erschrocken, schuldbewusst und ihr ungewohnt blasses Gesicht wurde plötzlich rot. Überdeutlich und mit viel zu scharfen Konturen sah er ihren flehenden Blick. Mit zitternden Lippen formte sie ein lautloses „bitte“ und ihm wurde klar, dass sie Horst nichts von ihnen erzählt hatte. Die Erkenntnis traf ihn wie Thors Hammer und durchfuhr ihn wie ein glühendes Schwert.

„Entschuldigung“, sagte er heiser, drehte sich um, lief zur Haustür und verließ Hals über Kopf den Ort des Grauens ohne sich noch einmal umzusehen.

Das Gefühl, etwas verloren zu haben, füllte Pekunius vollständig aus. Er spürte einen körperlichen Schmerz, als ob man ihm das Herz aus dem Leib gerissen hätte. Veronica war ein Teil von ihm geworden und nun blutete die Wunde, die Horsts plötzliches Auftauchen in Pekunius´ Seele geschlagen hatte. Benommen stapfte er durch die Dunkelheit, hielt bei der Bushaltestelle nicht an, sondern setzte einen Fuß vor den anderen ohne Ziel und ohne Hoffnung.

Weder Horst noch Veronica hatten eine Erklärung geliefert und so wusste Pekunius nicht, was sich zugetragen hatte. Neunundneunzigmal sagte er sich, dass Horst nur zufällig aufgetaucht sei, vielleicht um mit seiner zukünftigen Exfrau etwas zu besprechen oder etwas abzuholen, doch das hundertfache Echo ich wohne hier und vorübergehend belehrte Pekunius eines Besseren. Dass sich Horst lediglich einen Scherz erlaubt hatte, war von Veronicas Blick und ihrem stummen bitte widerlegt worden. Es spielte keine Rolle, warum Horst zurückgekehrt war, doch Veronicas Verhalten schnitt Pekunius tief ins Herz. Sie hatte ihn verraten, sie hatte ihre Liebe verraten und die gemeinsame Zukunft, die er sich für sie beide erträumte, hatte sich binnen eines Augenblicks in Luft aufgelöst. Pekunius war vom siebten Himmel direkt in die Hölle gestürzt.

Während des Gehens spürte er die kalte Nachtluft nicht und seine Umgebung nahm er kaum wahr. Es schien, als sei er wie eine Marionette einem fremden Willen unterworfen, der die Richtung seiner Schritte bestimmte. Nach einer Stunde fand er sich in der Fußgängerzone wieder. Offenbar hatte ihn sein Instinkt geführt und er steuerte auf sein Haus zu, weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun können. Humphrey Bogart hätte wahrscheinlich eine Bar aufgesucht und seinen Kummer in Whisky ertränkt, doch Pekunius dachte nicht einmal an diese Möglichkeit. Er fühlte sich schwer und um Jahre gealtert, als er die Treppe nach oben stieg, seine Wohnungstür aufschloss und sich schließlich ohne seinen Mantel auszuziehen im dunklen Wohnzimmer in seinen Sessel fallen ließ. Während seiner abendlichen Wanderung hatte sich der Schock langsam gelegt und nun trat die Trauer an seine Stelle.

Pekunius weinte. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben schluchzte er lautlos, während die Tränen zwischen seinen Fingern herabliefen. Er fühlte sich betrogen und gedemütigt. Warum hatte Veronica nichts unternommen? Warum hatte sie sich nicht zu ihm bekannt? War er zum Objekt degradiert worden, mit dem sich eine betrogene Ehefrau an ihrem Mann rächte oder zumindest schadlos hielt? Hatte sie ihm die ganze Zeit etwas vorgemacht? Waren ihre Liebesbekundungen nichts weiter als Schauspielerei gewesen, nur Mittel zum Zweck? Und war er, ein Mann von fast sechzig Jahren, so naiv gewesen, alles für bare Münze zu nehmen? Er war Kaufmann, im logischen Denken geübt, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehend, Realist, lebenserfahren und doch war er mit wehenden Fahnen in ein Luftschloss eingezogen. Es war kein Wunder, dass der Aufprall ihn nun so hart traf.

Die Tränen versiegten. Pekunius zog ein Taschentuch hervor, trocknete sich Augen und Hände und putzte sich die Nase. Was sollte er jetzt tun? Konnte er überhaupt etwas unternehmen? Veronica und Horst waren immer noch verheiratet und es sah so aus, als würde sich an diesem Zustand nichts ändern. Stand es in seiner Macht, diese Verbindung zu sprengen? Würde Veronica das überhaupt zulassen? Wollte er das eigentlich?

Natürlich wollte er das, gestand er sich ein. Er sehnte sich nach ihr. Sie hatte sein Leben auf eine Weise und mit einer Intensität verändert, die er zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Erst das Zusammensein mit ihr hatte ihm gezeigt, dass ihm etwas gefehlt hatte, von dessen Existenz er nichts geahnt hatte. Nein, dachte er, das stimmte nicht. Er hatte es wohl geahnt oder, zugegebenermaßen, er hatte es gewusst, aber verdrängt. Nahezu sein ganzes Leben hatte er ohne eine Frau an seiner Seite verbracht, ohne dass ihm dies Schwierigkeiten bereitet hatte. Die Zeit mit Veronica war eine für seine Verhältnisse leidenschaftliche Affäre gewesen. Dass er mehr darin gesehen hatte, war seine eigene Schuld. Die Tatsache, dass sie verheiratet war, hatte er geflissentlich in den Hintergrund geschoben und nun musste er einsehen, dass er allzu sicher gewesen war. Anstatt abzuwarten bis die Scheidung vollzogen war, hatte er sich der Illusion hingegeben, Horsts Platz eingenommen zu haben. Nun war er wieder allein. Eigentlich hätte er sich fühlen müssen wie vor dem Tag, als Veronica zum ersten Mal in seinen Laden gekommen war, doch stattdessen war er leer, ausgebrannt und einsam.

Pekunius erschrak, als das Telefon läutete. Sein erster Gedanke galt Veronica und er vermutete, dass sie ihn zu erreichen versuchte. Vielleicht wollte sie die Situation erklären oder ihn um Verzeihung bitten, doch die Vorstellung, ihre Stimme zu hören, schnürte ihm die Kehle zu. Er wusste, dass er ein Gespräch mit ihr nicht ertragen würde, was immer sie ihm auch zu sagen hatte. Reglos im Sessel verharrend wartete er, bis das Läuten erstarb. Wenige Augenblicke später vernahm er den gedämpften Klingelton seines Handys, das in seiner Manteltasche steckte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sich des Kleidungsstücks nicht entledigt hatte. Er erhob sich, zog den Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe ohne den Anruf anzunehmen.

 

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Das Gesicht der Fußgängerzone hatte sich verändert. Im ehemaligen Radio & HiFi Geschäft Günther Telemann logierte nun eine Filiale einer Parfümeriekette. Pekunius kannte den Namen aus der Fernsehwerbung. Die Schaufenster waren des Weihnachtsgeschäftes wegen in Gold-, Silber- und Violetttönen dekoriert. Rentiere, die Schlitten zogen, Weihnachtsmänner und spärlich bekleidete Engel versprachen himmlische Düfte zum Fest. Auch aus dem ehemaligen Blumenladen von Bruno Girasole war nun ein Filialgeschäft geworden. Pekunius nahm erstaunt zur Kenntnis, dass die ureigenen Produkte des bekannten deutschen Kaffeerösters nur noch einen verschwindend kleinen Teil des Sortimentes ausmachten. Neben Kleidung, Schmuck und Uhren wurden Reisekoffer und Joggingschuhe, Handys und Fitnessgeräte, Kochtöpfe, Gardinen und sogar ganze Esszimmereinrichtungen angeboten. Noch erstaunlicher fand er allerdings, dass neben einer weiteren Unzahl von Gegenständen des täglichen Gebrauchs sogar Reisen, Versicherungen und Finanzdienstleistungen angeboten wurden. Eine Artikelgruppe jedoch, die mit einem großen, bunten Plakat beworben wurde, rief sofort Pekunius´ Aversion hervor und ohne weiter darüber nachzudenken beschloss er, niemals in diesem Shop, wie sich das Geschäft nannte, einzukaufen, denn beim Kaffeeröster verkaufte man sogar Blumensträuße.

Das ehemalige Lebensmittelgeschäft stand noch immer leer. An den Schaufensterscheiben klebten mittlerweile Plakate, die auf die unterschiedlichsten Veranstaltungen hinwiesen. Pekunius war sicher, dass Frau Krämer davon keine Kenntnis hatte. Sie war noch immer in der Psychiatrischen Landesklinik und er hoffte, dass es ihr gelingen würde, mit kompetenter Hilfe wieder neuen Lebensmut zu fassen. Der Gedanke an seine Nachbarin führte ihm seine eigene Situation vor Augen. Er hatte nicht daran gedacht, Selbstmord zu begehen, doch sein eigener Lebensmut führte nur ein Schattendasein. Fünf Tage waren seit Nikolaus vergangen und während dieser Zeit hatte es keine Stunde gegeben, in der er nicht an Veronica gedacht hatte. Es war Mittwoch und als er sich dessen bewusst wurde, spürte er wieder diesen heißen Schmerz in seiner Brust. Seit Wochen hatte er sich jeden Mittwoch mit Veronica in der Tanzschule getroffen. Dieses Freizeitvergnügen, das ihnen beiden viel Spaß gemacht hatte, gehörte nun der Vergangenheit an. Einen Augenblick fragte er sich, ob sie ihn an diesem Abend wohl erwarten würde, doch er schob den Gedanken schnell beiseite. Es spielte keine Rolle mehr. Der Herbst, der schönste, an den er sich erinnern konnte, endete öd, trist und trostlos. 


 

 

 

 

Winter

 

Omega und Alpha

 


 

Das Pfeifen der Dampflok kündigte den täglichen Besuch des Postboten an. Baptiste, der eine Pudelmütze auf dem Kopf trug und einen dicken Schal um den Hals geschlungen hatte, betrat das Modellbahngeschäft.

„Guten Morgen, Monsieur“, wünschte er und zeigte dabei grinsend zwei Reihen weißer Zähne, „wie geht es Ihnen?“

„Guten Morgen, Baptiste“, antwortete Pekunius, „danke der Nachfrage.“

Der Postbote übergab dem Händler einen dünnen Packen Briefsendungen.

„Haben Sie morgen auch geöffnet?“, fragte der Ivorer.

„Ja, bis dreizehn Uhr“, erwiderte Pekunius.

„Und morgen kommen die Vergesslichen.“

„Die Vergesslichen? Ich würde sagen, morgen kommen die Aufschieber.“

Jedes Jahr spielte sich das gleiche Szenario ab. Am vierundzwanzigsten Dezember kamen die Kunden, die aus welchen Gründen auch immer den Kauf der Weihnachtsgeschenke vor sich hergeschoben hatten. Sie hatten den Heiligen Abend ebenso wenig vergessen wie den Kauf der Geschenke, denn seit Oktober war die Werbung für das Fest der Liebe in den Städten unübersehbar. Es war nahezu immer der gleiche Kundentyp, der gehetzt und mit flehendem Blick am letzten halben Geschäftstag unbedingt noch etwas kaufen musste, um am Abend nicht mit leeren Händen dazustehen. Nur selten hatten die Kunden dabei konkrete Wünsche. In den meisten Fällen waren sie froh, dass der Fachhändler die Wahl für sie traf und sie nur noch ihre EC-Karte zücken mussten, während sie Pekunius dankbar beim Einpacken der Geschenke zusahen.

„Aufschieber“, fragte Baptiste, dem der Ausdruck nicht geläufig war, „ist das so, wie einen Berg bauen?“

„Aufschieben“, erklärte Pekunius, „bedeutet, etwas erst später zu erledigen. Ein Aufschieber sagt später, morgen, nächste Woche, anstatt sich gleich darum zu kümmern. In gewisser Weise haben Sie Recht. Je mehr und je häufiger man Dinge aufschiebt, desto höher türmen sich die unerledigten Sachen und desto größer wird auch der Druck, den man spürt, eben weil es noch so viel zu tun gibt.“

„Aha“, erwiderte Baptiste, „ich verstehe. Aufschieber haben Stress.“

„Genau“, bestätigte der Händler, „Stress.“

Das Wort war seit Jahren in Mode und symptomatisch für die Aufschieber. Ihnen mangelte es nicht an Zeit, im Gegenteil. Oft gerieten gerade die Leute in Stress, die nicht sonderlich viel zu tun hatten und eigentlich über genügend Zeit verfügten. Stress war eine subjektive Empfindung, die schlicht aus mangelhafter Organisation resultierte. Wer in der Lage war, Aufgaben und die dafür benötigte Zeit in ein stimmiges Verhältnis zu bringen, hatte selten das Empfinden, unter Stress zu stehen. Schob man dagegen Aufgaben vor sich her, so verdichtete sich die Zeit, die zur Erledigung noch übrig blieb und man geriet unter Zeitdruck, einem Synonym für Stress. Wenn man eine Aufgabe von jemand anderem erledigt haben wollte, so übertrug man sie am besten einem vielbeschäftigten Menschen. Regen und tätigen Menschen war gemein, dass sie die Zeiträume zwischen dem Auftauchen einer Aufgabe und dem Beginn ihrer Erledigung möglichst gering hielten. Sie hatten auch ein gutes Gespür dafür, wie viel Zeit sie für welche Aufgabe benötigten und konnten ferner ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten recht genau einschätzen. Von den Aufschiebern wurden sie oft mit einer Mischung aus Staunen und Neid betrachtet, weil sie viel leisteten und darum in der Regel erfolgreich waren, aber kaum jemals gestresst wirkten. Auf die Frage, ob ihr Tag mehr Stunden habe als der anderer Leute, antworteten sie lapidar, dass sie Aufgaben gerne vom Tisch hatten. Der geheimnisvolle Zauber, der ihrem Tun innewohnte, war mittlerweile zum Gegenstand von Schulungen und Seminaren geworden, mit denen sich Geld verdienen ließ. Man nannte ihn „effizientes Zeitmanagement“. Das war die magische Formel, die aus Aufschiebern Erlediger machten sollte. Dass diese neue, auf besonders betonten, wissenschaftlichen Methoden basierende Erkenntnis ein alter Hut war, besagte schon das aus grauer Vorzeit stammende Sprichwort „was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. Ein Erlediger dachte nicht lange darüber nach, denn er hatte zu tun. Dabei gab es einen angenehmen Nebeneffekt, der gerade von demjenigen, den er betraf, am wenigsten bemerkt wurde. Im Gegensatz zum Aufschieber kannte der Erlediger keine Langeweile.

„Wissen Sie etwas über Frau Krämer?“, fragte der Postbote.

„Frau Krämer? Nein“, antwortete der Händler, „jedenfalls nichts Neues.“

„Wenn ich klingele, macht niemand auf“, erklärte Baptiste, „aber jemand nimmt die Post aus dem Briefkasten.“

„Vielleicht jemand von Sozialdienst“, vermutete Pekunius, „ich kann es Ihnen aber wirklich nicht sagen.“

Der Ivorer sah ihn nickend und mit großen Augen an.

„Sie haben ihr das Leben gerettet, Monsieur.“

Pekunius antwortete nicht. Seinem Empfinden nach stimmte diese Aussage nicht. Es hätte viel mehr bedurft, das Leben von Frau Krämer zu retten. Er hatte sie lediglich vor dem Tod bewahrt und in seinen Augen war das keine herausragende Leistung gewesen.

„Sie sind ein guter Mensch“, erklärte Baptiste.

Pekunius zuckte mit den Achseln.

„Sie auch, Baptiste“, gab er zurück, „bis morgen.“

„Ja, bis morgen, Monsieur.“

Der Postbote verließ den Laden und Pekunius sah flüchtig die Briefe durch, die er in der Hand hielt. Ein Kuvert wies als Absender Günther & Lissi Zwirn nebst Adresse aus. Er ging zum Schreibtisch, nahm einen Brieföffner und schlitzte den Umschlag auf. Er enthielt eine Weihnachtskarte mit einer der üblichen Floskeln, die handschriftlich mit dem Zusatz „wünschen Dir Günther und Lissi“ versehen war. Es war das erste Lebenszeichen, seit die Freunde vor mehr als einem halben Jahr Kleinstadt verlassen hatten. Eine Telefonnummer war zwar nicht angegeben, doch die ließ sich herausfinden. Pekunius beschloss, nach den Feiertagen endlich Kontakt mit den Zwirns aufzunehmen.

Beim Gedanken an Großstadt und nach dem Gespräch mit Baptiste drängte sich Pekunius auch die Frage auf, wie es Frau Krämer in der Zwischenzeit ergangen und inwieweit sie mittlerweile wieder hergestellt war. Im Internet suchte er nach der Telefonnummer der Psychiatrischen Landesklinik, rief dort an und erkundigte sich nach seiner Nachbarin. Man teilte ihm mit, dass Frau Krämer in der Woche zuvor in ein betreutes Altenwohnheim umgezogen war. Er bat um die Adresse, notierte sie auf einem Merkzettel und legte sie auf seinen Tischkalender. Vielleicht konnte er, wenn er nach Großstadt fuhr, die beiden Besuche miteinander verbinden. Nachdenklich blätterte er eine Seite seines Kalenders um. Der dreißigste Dezember fiel auf einen Montag. Am vorletzten Tag des Jahres führte er stets die obligatorische Inventur durch und sein Geschäft blieb an diesem Tag ebenso wie an Silvester geschlossen. Das Wochenende davor bot sich deshalb für eine Fahrt nach Großstadt am ehesten an.

Die Vorstellung, dass Frau Krämer nun in einem Altenwohnheim lebte, versetzte Pekunius in eine nachdenkliche Stimmung. Sie war kaum fünf Jahre älter als er und die Frage, wie er selbst im Alter leben wollte, überfiel ihn mit einer erschreckenden Heftigkeit. Bis zum Nikolaustag, an dem Horst so unvermittelt in Veronicas Haus aufgetaucht war, hatte sich Pekunius jung, vital, glücklich und nahezu unsterblich gefühlt. Der schicksalhafte Augenblick an der Tür und im Flur, wo er in Veronicas Augen gesehen hatte, war jedoch einem freien Fall gleich gekommen und seit der unsanften Landung fühlte er sich alt und müde. Jeden Tag musste er Energie aufwenden, weil ihm sein natürlicher Antrieb und sein gewohnter Tatendrang abhanden gekommen waren. Immer häufiger stellte er sich die Frage, warum er nicht einfach sein Gewerbe abmeldete. Er verfügte über genügend Geld, um sich über seine wirtschaftliche Zukunft keine Sorgen machen zu müssen. Das Einzige, was ihm fehlte, war eine Alternative. Mit Veronica an seiner Seite wäre es ein Leichtes gewesen. Sie hätten zusammen reisen oder kulturelle Veranstaltungen besuchen können. Das Tanzen hatte ihnen beiden viel Spaß gemacht und er hatte sich gut vorstellen können, noch weitere Kurse mit ihr zu besuchen. Nun aber war er wieder alleine und sie hatten sich nicht einmal ausgesprochen. Fairerweise musste er jedoch zugeben, dass dies seine Schuld war. Wenn er ihre Nummer im Display seines Telefons oder Handys erkannt hatte, dann hatte er den Anruf nicht entgegen genommen. Nach einer Woche hatten ihre Versuche, ihn zu erreichen, aufgehört. Nun war er also wieder alleine und als ob es eine logische Folge des Scheiterns seiner Beziehung mit Veronica wäre, war plötzlich der Begriff Altenwohnheim aufgetaucht, jener Sackbahnhof, den kaum ein Bewohner jemals wieder lebend verließ.

Den Heiligen Abend verbrachte Pekunius zu Hause. Kurz nach dreizehn Uhr hatte er nach dem letzten Aufschieber, der noch in allerletzter Minute eine kleine Modellbahnanlage als Grundausstattung für seinen Sohn gekauft hatte, seinen Laden abgeschlossen. Damit endete das Weihnachtsgeschäft, das ähnlich wie in den Vorjahren verlaufen war, ohne dass man daraus einen Hinweis auf die so häufig beklagte Wirtschaftskrise hätte ablesen können. Den Nachmittag nutzte Pekunius für Hausarbeiten. Gegen sechzehn Uhr setzte er sich an den Küchentisch und schlug ein Kochbuch auf. Sein Zusammensein mit Veronica hatte Spuren hinterlassen, denn immer seltener griff er auf Fertiggerichte zurück. Als Alleinstehender, der einen Ein-Mann-Haushalt führte, kochte er zwar nicht jeden Tag, doch viel häufiger als früher. Dass hin und wieder etwas misslang, amüsierte ihn zuweilen, denn er fühlte sich dabei weniger als Küchenchef, sondern eher als Alchimist, dessen Weg zum Erfolg über Versuch und Irrtum führte. Für den Heiligen Abend hatte er sich, fernab von jeder christlichen Tradition, einen mexikanischen Bohneneintopf ausgesucht, der ihn, das Gelingen vorausgesetzt, über die Feiertage bringen würde.

In Pekunius´ Wohnung gab nichts, was auf Weihnachten hingedeutet hätte. Er hatte keinen Christbaum gekauft, keine Fenster dekoriert, kein Tannenreisig mit Kerzen auf dem Tisch und auch keinen Adventskranz. Da er weder Geschwister noch Kinder hatte und seine Eltern bereits tot waren, gab es auch niemanden, mit dem er Geschenke hätte austauschen können. Für ihn war der vierundzwanzigste Dezember ein Tag wie jeder andere. Nach dem Abendessen, bei dem ihm sein Bohneneintopf hervorragend schmeckte, wenngleich die Verwendung von Chilipulver noch der Übung bedurfte, und einer halben Flasche Rotwein machte er es sich vor dem Fernseher gemütlich. Gegen elf ging er zu Bett und als er am nächsten Morgen erwachte, war er sechzig Jahre alt geworden.

Die nachdenkliche Stimmung der vergangenen Tage wurde durch Pekunius´ Geburtstag noch verstärkt. Die Sechs hatte die Fünf als erste Ziffer abgelöst und eine neue Dekade war angebrochen. In den Sechzigern ging man gemeinhin in Rente und sechzig war ein untrügliches Zeichen dafür, dass der mittlere Lebensabschnitt zu Ende war. Nach Kindheit, Jugend und Mannesalter brach jene Zeit an, in der man sich langsam zurückzog, um das Feld den Jüngeren zu überlassen. Schmerzlicher als je zuvor kam Pekunius zu Bewusstsein, dass es in seinem Fall keinen Jüngeren gab. Noch trauriger stimmte ihn der Gedanke, dass die Frage der Nachfolge keinerlei Relevanz besaß, denn um sein Geschäft zu übergeben, hätte er zumindest eine Vorstellung davon haben sollen, was er anschließend zu tun gedachte. Die Zukunft aber war für ihn nichts weiter als ein grauer Brei, ohne Farbe, ohne Konsistenz und ohne einen festen Punkt, auf den zu freuen sich gelohnt hätte. Seine langjährigen Nachbarn hatten sich im Lauf des Jahres nach und nach verabschiedet. Die Gemeinschaft der Händler in der Hauptstraße existierte nicht mehr und Pekunius fühlte sich wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, anachronistisch wie eine Dampflokomotive zwischen Lifestyle-Filiale und Kaffeeröster mit erweitertem Sortiment.

Er machte sich nichts vor. Der wahre Grund für seine Trübsinnigkeit hieß Veronica. Die Frage der Zukunft war für ihn nie drängend gewesen. Zukunft kam von selbst, ob man wollte oder nicht. In Veronica hatte er eine Antwort gefunden, nach der er zuvor nicht gesucht hatte. Sie war ihm jedoch wieder abhanden gekommen und nun, just an seinem sechzigsten Geburtstag, wartete die Frage auf ihn wie ein Kobold, der auf einem Wegweiser saß, dessen Schilder Pekunius nicht einmal entziffern konnte.

Zwei Tage später, es war der Freitag nach Weihnachten, beobachtete Pekunius, wie seine Nachbarn gegenüber Schilder an die Innenseiten ihrer Schaufenster klebten. Es bereitete ihm keine Mühe zu entziffern, was Frau Schröder und Herr Wickremesinghe ihren Kunden mitzuteilen hatten.

 

Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe

 

Auch wenn er seit dem Tod von Frau Stier keinerlei Sympathie mehr für die beiden empfand, so ließ ihn ihre Ankündigung doch nicht unberührt. Anfang April hatte er die gleiche Szene schon einmal erlebt. Damals waren es Günther und Lissi gewesen, die ihr Geschäft aufgegeben hatten. Nun ereilte Frau Schröder und Herr Wickremesinghe das gleiche Schicksal, doch dieses Mal fühlte Pekunius sich nicht veranlasst, sein Geschäft zu schließen, die Straße zu überqueren und nachzufragen, wie es soweit hatte kommen können. Er empfand keine Schadenfreude, aber er wehrte sich auch nicht gegen das „Ich-habe-es-gleich-geahnt“. Von Anfang an hatte er bezweifelt, dass seine damals neuen Nachbarn für den Händlerberuf geboren waren, denn vor allem Frau Schröder hatte auf ihn nicht gerade einen kompetenten Eindruck gemacht. Über ihre fachlichen Qualifikationen hinsichtlich Naturkosmetik und Ayurveda wollte er sich mangels eigener Sachkenntnis kein Urteil erlauben, aber nach seiner Meinung fehlte ihr das Gespür für den Handel. Dem Talent im Umgang mit Kunden musste sich auch eine natürliche Affinität zu Zahlen beigesellen, wenn man ein Geschäft erfolgreich betreiben wollte. Einkauf, Kalkulation und Verkauf, Berechnung von Aufwendungen, Erträgen und Rentabilität gehörten im wahrsten Sinne des Wortes zum Handwerkszeug des Händlers. Darüber hinaus musste man über die Fähigkeit verfügen herauszufinden, was der Kunde wollte und es ihm dann auch verkaufen. Kunden wollten gewonnen werden. Man musste etwas dafür tun, sich um sie bemühen, ihnen das Gefühl geben, gut aufgehoben zu sein und sie eben manchmal auch hofieren. Für einen Händler war der Kunde König, dem man auch einmal die Tür aufhielt. Wer das nicht erkannte, wer den Kunden sich selbst überließ, womöglich gar mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, der durfte sich nicht wundern, wenn der Kunde nicht wiederkam. Für einen Händler war es tödlich, einen Kunden unzufrieden aus der Tür gehen zu lassen. Nichts erwarb man einfacher als einen schlechten Ruf und nichts wurde man schwerer wieder los. Inkompetenz im Umgang mit Kunden führte ebenso zum Scheitern wie mangelhafte Planung oder Misswirtschaft.

Pekunius wandte sich ab und setzte sich an seinen Schreibtisch. Es war nicht zu erwarten, dass an diesem oder dem folgenden Tag viele Kunden in seinen Laden kommen würden. Im Gegensatz zu anderen Geschäften kam es bei ihm selten vor, dass Waren umgetauscht wurden. Da für viele das Fest der Liebe immer mit zum Teil erheblichen Geldaufwendungen verbunden war, herrschte direkt nach den Feiertagen meist Ebbe in den Kassen der Konsumenten. Pekunius schaltete seinen Rechner ein und suchte nach der Telefonnummer von Günther und Lissi.

„Zwirn“, meldete sich die vertraute Stimme, nachdem Pekunius gewählt hatte.

„Hier ist Pekunius“, antwortete er, „vielen Dank für eure Weihnachtskarte.“

„Oh, Pekunius“, erwiderte Lissi, „schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?“

„Es geht. Ich würde euch gerne einmal besuchen, wenn es dir recht ist.“

„Tja“, sagte Lissi gedehnt und zögerte, bevor sie weitersprach, „ich müsste mal mit Günther reden.“

Pekunius fragte sich überrascht, warum Lissi sich auf Günther berief. Es passte nicht zu ihr, eine Kleinigkeit nicht selbst zu entscheiden.

„Ich könnte Kuchen mitbringen“, bot er an, aber Lissi ging nicht darauf ein.

„Kann Günther dich zurückrufen?“, fragte sie.

„Sicher.“

„Gut, dann sage ich ihm, dass du angerufen hast.“

Pekunius wusste nicht, was er davon halten sollte. Lissi sprach in freundlichem Ton, doch er hatte das Gefühl, als würde sie ihn zurückweisen.

„Und wie geht es dir?“, fragte er.

„Ich habe leider wenig Zeit“, antwortete sie, „Günther wird sich bestimmt bei dir melden.“

„Na gut, dann will ich dich nicht länger aufhalten.“

„Schön, also, bis dann, Pekunius.“

„Wiedersehen, Lissi.“

Pekunius steckte das Telefon in die Ladestation zurück. Lissi hatte ihn abgewimmelt. Vielleicht hatte er einen ungünstigen Augenblick erwischt, doch er hatte viel mehr den Eindruck, als sei ihr sein Anruf unangenehm gewesen. Als er sich das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen ließ, kam er zu dem Schluss, dass sein Vorschlag, sie zu besuchen, bei Lissi auf Ablehnung gestoßen war, ohne dass sie dies ihm gegenüber hatte zugeben wollen. Er wusste nicht, ob sie ihn nicht sehen wollte und Günther vorgeschoben hatte oder ob Günther seinen Besuch nicht wünschte. Seit ihrem Abschied ein halbes Jahr zuvor hatte er beide weder gesehen noch gesprochen. Nahmen sie es ihm übel, dass er nicht von sich aus versucht hatte, Kontakt mit ihnen aufzunehmen? Warum hatten sie ihm dann aber eine Weihnachtskarte geschickt? Pekunius schüttelte verwirrt den Kopf. Vermutlich würde er warten müssen, bis Günther sich meldete und die seltsame Situation aufklärte oder sich herausstellte, dass er sich einfach geirrt hatte.

Auf seinem Schreibtisch lag der Zettel mit dem Namen und der Adresse der betreuten Altenwohnanlage, in der Frau Krämer untergekommen war. Im Internet suchte er die Telefonnummer heraus, rief an und erkundigte sich nach den Besuchszeiten. Man teilte ihm mit, dass es keine festen Zeiten gebe und jeder Bewohner nach Gutdünken selbst verfahren konnte. Einen Augenblick überlegte Pekunius, ob er nach der Nummer von Frau Krämer fragen sollte, unterließ es jedoch und legte auf. Er wollte einfach auf gut Glück nach Großstadt fahren. Über eine Suchmaschine fand er einen Stadtplan, druckte ihn aus und markierte die Adresse der Wohnanlage und die der Zwirns.

 

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Um zehn Uhr am Sonntagmorgen stieg Pekunius in den Zug und verließ ihn eine Stunde später wieder im Großstädter Bahnhof. Er nahm sich ein Taxi und gab dem Fahrer die Adresse der Zwirns an. Es war kurz vor halb zwölf, als er sein Ziel erreichte.

Das mehrstöckige Haus, in dem die Zwirns wohnten, mochte schon über fünfzig Jahre alt sein. Der Verputz war schmutziggrau und vermutlich seit vielen Jahren nicht mehr gestrichen worden. Auf den Klingelschildern fanden sich zur Hälfte ausländische Namen, sofern sie überhaupt auf die Bewohner des Hauses hinwiesen. Aus dem Hausflur drangen unterschiedliche Stimmen und als die Tür geöffnet wurde, kamen Pekunius drei Jugendliche entgegen, die ihn kurz musterten und sich in einer Sprache unterhielten, die russisch oder slawisch sein mochte. Er ließ sie passieren und drückte schließlich auf den Klingelknopf neben dem Namen „Zwirn“. Als keine Reaktion erfolgte, drückte er gegen die Tür, die sich öffnen ließ, weil der Schließmechanismus nicht eingerastet war. Falls die Anordnung der Wohnungen den Klingelschildern entsprach, lag die der Zwirns im dritten Stock. Nachdem er die Namensschilder im Erdgeschoss, dessen Wände und verbeulte Briefkästen mit unterschiedlichen Farben beschmiert waren, überprüft hatte, stieg er eine alte, ausgetretene Treppe hinauf. Der beschädigte, schwarzbraune Linoleumbelag verriet, dass sie seit Jahren nicht mehr geputzt worden war. Weder im ersten noch im zweiten Stock fand er den gesuchten Namen. Im dritten Stock schließlich wurde er wie vermutet fündig. Er läutete bei „Zwirn“ und klopfte zusätzlich mit den Fingerknöcheln gegen die Tür. Wenige Augenblicke später wurde sie eine Handbreit geöffnet.

„Pekunius!“, sagte Günther überrascht.

„Guten Tag, Günther. Darf ich reinkommen?“

Günther zögerte einen kurzen Augenblick, dann trat er einen Schritt zurück und öffnete die Tür.

„Sicher, komm rein.“

Pekunius trat in den Flur und die beiden Männer gaben sich die Hand.

„Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen“, erklärte er, „aber da ich zufällig heute in Großstadt bin, wollte ich die Gelegenheit für einen kurzen Besuch nicht ungenutzt verstreichen lassen.“

„Hm“, erwiderte Günther.

Pekunius schloss aus der Miene des Freundes, dass der Besuch entweder ungelegen kam oder peinlich war. Wieder zögerte Günther einen Augenblick, bevor er die Tür schloss.

„Dann mal rein in die gute Stube“, bot er an.

Pekunius öffnete die Knöpfe seines Mantels, zog ihn aber nicht aus. Er hatte das Gefühl, nicht willkommen zu sein.

„Wenn es gerade nicht passt ...“, begann er, wurde aber von einer Stimme in seinem Rücken unterbrochen.

„Pekunius“, sagte Lissi im gleichen Tonfall wie Günther zuvor, „na, das ist aber eine Überraschung. Was machst du denn hier?“

„Hallo, Lissi“, antwortete er und wandte sich um, während Lissi ihre Hände an ihrer Schürze abtrocknete.

„Ich koche gerade“, erklärte sie und schüttelte ihm die Hand, „warum hast du nicht angerufen? Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst ...“

„Nur keine Umstände“, wehrte er ab, „ich möchte nicht lange bleiben. Ich wollte nur mal sehen, wie es euch geht.“

Günther und Lissi tauschten einen vielsagenden Blick, bei dem Pekunius den Eindruck gewann, dass beide sich stumm zu verständigen suchten, was und wie viel sie ihm erzählen und was sie lieber verschweigen wollten.

„Ich muss in die Küche“, erklärte Lissi und wandte sich um, „möchtest du einen Kaffee?“

„Nein, danke, im Augenblick nicht“, antwortete Pekunius.

„Es ist etwas eng bei uns“, sagte Günther und wies auf die offene Wohnzimmertür.

Pekunius war nicht sicher, ob die Handbewegung eine Aufforderung darstellte, das Wohnzimmer zu betreten oder ob die Bemerkung als Entschuldigung gemeint war, weil Günther ihn nicht hineinbitten wollte. Er blieb stehen und auch Günther machte keine Anstalten, ins Wohnzimmer zu gehen. Die Situation war unangenehm, weil die Peinlichkeit deutlich zu spüren war. Ganz offensichtlich schämte sich Günther für den Ort, an dem Pekunius ihn aufgesucht hatte.

„Na, was macht die neue Arbeit?“, fragte Pekunius, um ein Gespräch in Gang zu bringen und dem Freund aus der Verlegenheit zu helfen.

Günthers Augen weiteten sich für einen kurzen Moment. Er sah aus, als habe man ihn bei etwas Verbotenem ertappt.

„Ja, die neue Arbeit“, wich er aus, „und wie ist es dir in der Zwischenzeit ergangen?“

„Alles beim Alten“, antwortete Pekunius, „du weißt ja, wie das ist. Morgen mache ich Inventur und am Mittwoch beginnt schon wieder ein neues Jahr.“

Günther nickte, sagte aber nichts. In der Küche wurde ein Wasserhahn auf- und wenige Augenblicke später wieder abgedreht, während sich das Schweigen im Flur ausbreitete.

„Wie läuft es denn im Außendienst“, fragte Pekunius, der sich bemühte, das Gespräch in Gang zu halten, „bist du mit deinem neuen Arbeitgeber zufrieden?“

Wieder bedachte ihn Günther mit diesem seltsamen Blick, bevor er antwortete.

„Ja, ja, der neue Arbeitgeber ... merkst du eigentlich eine Veränderung? Die neue Fußgängerzone soll ja schon fertig sein.“

Es war nicht zu übersehen, dass Günther nicht gewillt war, Pekunius´ Fragen zu beantworten. Vermutlich liefen die Dinge nicht so, wie sie hätten laufen sollen und Günther wollte nicht eingestehen, unter welchem Druck er stand. Pekunius wusste, dass man im Außendienst hauptsächlich von den Provisionen lebte und sich Erfolg oder Misserfolg ganz unmittelbar auf die Gehaltsabrechnung auswirkten.

„Warum sagst du ihm nicht die Wahrheit?“, fragte Lissi.

Sie stand plötzlich im Türrahmen und sah ihren Mann an. Wieder hatte Günther diesen erschrockenen Blick, doch dann gab er seinen Widerstand auf.

„Ja, du hast recht“, stimmte er zu und wandte sich an Pekunius, „ich habe keine Arbeit mehr. Nach der Probezeit hat man mir erklärt, dass ich den Anforderungen nicht gewachsen sei.“

„Aber du hattest doch einen Arbeitsvertrag, oder?“, wandte Pekunius ein.

„Natürlich“, bestätigte Günther, „allerdings kann man in der Probezeit jemandem von heute auf morgen kündigen, ohne Angabe von Gründen. Jetzt haben wir nichts mehr.“

Pekunius empfand tiefes Mitgefühl für den Freund. Der soziale Abstieg, der mit der Aufgabe des einstigen Nähmaschinengeschäftes begonnen hatte und durch den Verlust des neuen Arbeitsplatzes beschleunigt worden war, hatte Günther veranlasst, vor Scham die Wahrheit zu verschweigen.

„Wenn man nur drei Monate gearbeitet hat“, fuhr er fort, „dann hat man noch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Wir haben einen Antrag auf Sozialhilfe gestellt, ALG II heißt das heute, doch er wurde abgelehnt, weil der Rückkaufwert unserer Lebensversicherungen zu hoch ist. Jetzt haben wir eine Versicherung gekündigt und müssen sehen, dass wir mit dem Geld über die Runden kommen. Unsere Wohnung haben wir ebenfalls aufgegeben. Hier ist es billiger.“

„Aber das ist doch hoffentlich nur vorübergehend“, vermutete Pekunius, „ich meine, bis du eine neue Arbeitsstelle gefunden hast.“

„Mit sechzig?“, fragte Günther und lachte höhnisch, „Glaub mir, mit sechzig bist du alt, da nimmt dich niemand mehr. Schau dich um. Du siehst ja, wo wir wohnen. Wenn du alt bist und hier landest ...“

Er brach ab und die Verbitterung stand in seinem Gesicht.

„Wenn ich euch behilflich sein kann“, bot Pekunius an, doch Günther schüttelte den Kopf.

„Du musst selbst sehen, dass du zurecht kommst, Pekunius. Ich hoffe, dass du deine Schäfchen schon im Trockenen hast.“

Er ging an Pekunius vorbei ins Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Lissi, „Günther nimmt es sehr schwer. Er hat es nicht verwunden, dass wir das Geschäft aufgeben mussten. Ich glaube, das hat ihm das Herz gebrochen. Er ist nicht mehr wie früher.“

„Schon gut, Lissi“, erwiderte Pekunius, „du brauchst nichts zu erklären. Wenn es etwas gibt, das ich für euch tun kann, dann sag es mir einfach.“

„Danke, aber wir kommen schon über die Runden. Ich muss mich jetzt ums Essen kümmern.“

Pekunius warf einen Blick auf die geschlossene Wohnzimmertür und wandte sich wieder Lissi zu.

„Ihr wisst ja, wo ihr mich findet“, erklärte er.

„Ja“, stimmte Lissi zu, „mach´s gut, Pekunius.“

„Du auch, Lissi.“

Er nickte ihr zu, drehte sich um und ging zur Tür. Ohne sich noch einmal umzusehen verließ er die Wohnung. Während er die Treppen hinunterstieg und aus dem Haus trat, versuchte er, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, dass dies möglicherweise das letzte Mal gewesen war, dass er Günther und Lissi gesehen hatte. Für ihn spielte es keine Rolle, wie arm oder reich die Zwirns waren. Sie waren seit Kindesbeinen miteinander befreundet gewesen und für ihn tat es der Freundschaft keinen Abbruch, welchen sozialen Status Günther und Lissi nun hatten. Sie waren immer noch dieselben Menschen, doch es wurde ihm bewusst, dass sie nicht mehr die gleichen waren. Günther ertrug das Zusammentreffen mit ihm nicht, weil er in dem einstigen Freund das Gegenbild seines eigenen Scheiterns sah. Pekunius hatte es in Günthers Augen erkannt.

Er ging den Weg zurück, den er zuvor mit dem Taxi gekommen war und traf zwei Querstraßen weiter auf eine Haltestelle. Während er auf den Bus wartete, dachte er über die Weihnachtskarte nach, die Lissi, wie er annahm, ihm geschickt hatte. Vielleicht hatte sie nicht einmal eine bestimmte Absicht damit verfolgt, doch nun sah es so aus, als wäre die Karte eine Einladung zum Abschiednehmen gewesen. Damit wollte er sich aber nicht abfinden. Gerade wenn jemand in Not geraten war, zeigte sich der Wert der Freundschaft und er beschloss, einige Zeit verstreichen zu lassen, sich aber auf jeden Fall noch einmal bei den Zwirns zu melden.

Der Bus brachte ihn zum Bahnhof zurück, wo er zum zweiten Mal ein Taxi bestieg. Diesmal gab er der Fahrerin die Adresse der Altenwohnanlage an, wo er Frau Krämer anzutreffen hoffte. Eine Viertelstunde später bezahlte er den Fahrpreis, stieg aus und betrat ein Gebäude, das den Namen Sonnenhof trug. Im Erdgeschoss befand sich der Empfang, wo man ihm die Nummer des gesuchten Apartments nannte. Er folgte einem Wegweiser, verließ das Gebäude auf der rückwärtigen Seite und durchquerte einen großzügigen Innenhof, um den sich mehrere kleinere Gebäude gruppierten. Neben den Eingangstüren waren die Nummern der einzelnen Apartments mit übergroßen Ziffern angegeben, um Menschen mit eingeschränkter Sehfähigkeit das Auffinden zu erleichtern. Pekunius steuerte auf die Nummer zu, die man ihm genannt hatte und fand ein Klingelschild mit der Aufschrift „B. Krämer“. Als er auf den Knopf drückte, hörte er den gedämpften Ton eines mehrstimmigen Gongs. Nach einem Moment des Wartens wurde die Tür geöffnet.

„Guten Tag, Frau Krämer“, begrüßte er die Dame lächelnd.

„Herr Kaufmann“, erwiderte sie überrascht.

Erleichtert stellte er fest, wie sehr sie sich seit ihrem letzten Zusammentreffen verändert hatte. Ihre Haare waren relativ kurz geschnitten und ordentlich frisiert, ihre Haut sah frisch und rosig aus und ihre Augen blickten klar. Sie trug ein hübsches, mit Blumen gemustertes, sauberes Kleid und bequeme Hausschuhe.

„Ich wollte sehen, wie es Ihnen geht“, erklärte er.

„Na, das ist aber eine Überraschung“, erwiderte sie, „kommen Sie herein.“

Sie ging einen Schritt zur Seite und ließ ihn eintreten.

„Geben Sie mir Ihren Mantel“, forderte sie ihn auf, nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

Pekunius zog seinen Mantel und seinen Schal aus und Frau Krämer hängte beides an die Garderobe. Sie führte ihren Gast ins Wohnzimmer, das einen sauberen und gemütlichen Eindruck machte. Die hellen Holzmöbel harmonierten mit den in sanften Pastellfarben gestrichenen Wänden, auf der Fensterbank standen mehrere Blumentöpfe mit gepflegten Zimmerpflanzen und an der gegenüberliegenden Wand hingen zwei Kunstdrucke von Monet. Eine Schale mit Weihnachtsgebäck, eine aufgeschlagene Fernsehzeitschrift und ein altmodisches Nähkästchen verrieten, dass hier jemand zuhause war.

„Schön haben Sie es hier“, bemerkte Pekunius anerkennend.

„Setzen Sie sich doch, Herr Kaufmann“, forderte Frau Krämer ihn auf.

Pekunius nahm in einem Sessel Platz und Frau Krämer setzte sich auf das Sofa.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er erwartungsvoll.

Frau Krämer deutete ein leichtes Achselzucken an.

„Ach, wissen Sie“, antwortete sie, „ich bin ja gerade erst hier eingezogen. Alles ist noch neu und ungewohnt.“

„Und, gefällt es Ihnen?“

Wieder deutete sie das Achselzucken an.

„Ich glaube, man ist hier ganz gut aufgehoben. Wenn man Hilfe braucht, kann man klingeln. Es ist immer jemand da.“

Pekunius wusste nicht, ob dies lediglich eine Aussage oder eine Anspielung war. Mangelnde Hilfe und Einsamkeit waren die Ursache für ihren Selbstmordversuch gewesen. Nun hatte es den Anschein, als habe die traurige Angelegenheit doch noch ein glückliches Ende gefunden. Es lag ihm jedoch fern, das Thema anzusprechen. Er wollte Frau Krämer nicht in eine peinliche Situation bringen oder gar beschämen. Mit dem Eindruck, den er in diesen Minuten gewonnen hatte, war er mehr als zufrieden.

„Das ist schön“, erwiderte er, „haben Sie auch schon neue Bekanntschaften geschlossen?“

„Ja“, antwortete sie, „das geht hier ganz automatisch. Man kann im Speisesaal essen und kommt immer mit jemandem ins Gespräch.“

Pekunius nickte. Er war froh zu sehen, dass er sich um sie keine Sorgen mehr machen musste. Frau Krämer sah gesund aus, war gepflegt und lebte in einer ebensolchen Umgebung. In der Wohnanlage stand sie in Kontakt mit anderen Bewohnern und dem Personal. Inwieweit sie seelischen Beistand oder psychologische Hilfe erhielt, wusste er nicht, doch er nahm an, dass zumindest die Leitung des Hauses über ihre jüngere Vergangenheit in Kenntnis gesetzt worden war und man zumindest ein Auge auf sie hatte.

„Hier könnte es mir auch gefallen“, stellte er fest, musste aber den Gedanken an seine eigene Zukunft, der ihn plötzlich überfallen hatte, zurückdrängen.

Die Frage, ob sie nach Kleinstadt in ihr eigenes Haus zurückkehren wollte, lag ihm auf der Zunge, doch er sprach sie nicht aus. Der Tag, an dem sie mit einem Seil um den Hals in ihre Badewanne gestürzt war, musste der schwärzeste in ihrem Leben gewesen sein und er wollte sie unter keinen Umständen daran erinnern. Vielleicht hatte sogar ihr Unterbewusstsein den schrecklichen Augenblick mit einem Mantel des Vergessens eingehüllt.

„Es ist gleich eins“, stellte sie nach einem Blick auf ihre Uhr fest, „möchten Sie zum Essen bleiben? Im Speisesaal werden auch Essen an Gäste verkauft.“

„Nein, danke“, wehrte er ab, „ich muss wieder zurück zum Bahnhof, aber wenn es Ihnen recht ist, besuche ich Sie mal wieder. Dann kündige ich mich vorher an und bringe mehr Zeit mit.“

Er stand auf und Frau Krämer erhob sich ebenfalls. An der Garderobe zog er seinen Schal und seinen Mantel an.

„Also dann, auf Wiedersehen und alles Gute für das neue Jahr“, wünschte er und streckte ihr seine Hand entgegen, „im alten werden wir uns wohl nicht mehr sehen.“

Sie ergriff seine Hand und drückte sie, ließ sie aber nicht los. Ihre Lippen begannen zu zittern und ihre Augen wurden feucht.

„Ich muss Ihnen danken, Herr Kaufmann“, sagte sie leise, „aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll. Ohne sie ...“

„Nein, Frau Krämer“, unterbrach er sie und lächelte ihr aufmunternd zu, „danken Sie Gott, dem Zufall oder Ihrem Schicksal. Ich war nur zufällig da, aber das ist, wie man so sagt, Schnee von gestern. Es ist Vergangenheit. Jetzt führen Sie ein neues Leben und ich freue mich aufrichtig, dass es Ihnen wieder gut geht.“

Zwei Tränen liefen an ihren Wangen herab und es sah aus, als wollten ihnen noch weitere folgen.

„Sie könnten allerdings etwas für mich tun“, erklärte er und als er ihren überraschten und gleichzeitig fragenden Blick sah, fuhr er fort, „bitte, lächeln Sie wieder.“

Frau Krämer lächelte tatsächlich. Pekunius hatte ihr auf schöne, federleichte Art über den schwierigen Augenblick hinweg geholfen. Dankbar drückte sie seine Hand noch einmal.

„Danke für alles, Herr Kaufmann.“

Pekunius nickte und ließ ihre Hand los.

„Dann wünsche ich Ihnen jetzt einen guten Appetit“, verabschiedete er sich und öffnete die Tür, während Frau Krämer vor Erleichterung seufzte.

„Auf Wiedersehen, Herr Kaufmann, und alles Gute.“

Pekunius verließ das Apartment, durchquerte den Innenhof und ließ sich im Hauptgebäude von der freundlichen Dame am Empfang ein Taxi rufen. Er fuhr zum Bahnhof zurück und nahm den nächsten Zug nach Kleinstadt. Während der einstündigen Fahrt dachte er über die beiden Besuche nach. Er konnte nicht umhin, sie miteinander zu vergleichen, denn die Situationen, in denen sich die Zwirns und Frau Krämer befanden, hatten die gleichen Ursachen. Nach ihrer Geschäftsaufgabe hatte Frau Krämer einen rasanten Absturz erlebt, an dessen Ende sie dem Tod um Haaresbreite von der Schippe gesprungen war. Sie hatte jedoch den Umkehrpunkt hinter sich gelassen und befand sich augenscheinlich wieder auf dem Weg nach oben. Wie es aber um Günther stand, konnte Pekunius nicht einschätzen. Lissi stand zwar an der Seite ihres Mannes, in guten wie in schlechten Tagen, doch man konnte nicht wissen, ob sie der Aufgabe gewachsen war. Es war kein gutes Zeichen, dass Günther seine Situation zu leugnen suchte. Das zweifache Scheitern – zuerst die Geschäftsaufgabe, dann der Verlust der gerade erst angetretenen Arbeitsstelle – beschämten ihn zutiefst und er war zu der Einschätzung gelangt, zu nichts mehr nütze zu sein. Das Gefühl, sowohl in der Geschäftswelt als auch auf dem Arbeitsmarkt versagt zu haben, hatte ihn seiner Hoffnung beraubt. Ich hoffe, dass du deine Schäfchen schon im Trockenen hast. Diesen Satz hatte Günther mit so viel Verbitterung ausgesprochen, dass Pekunius befürchtete, der Freund würde sich aus der Welt zurückziehen und in sein trostloses Schicksal ergeben. Sie hatten sich nicht einmal voneinander verabschieden können, weil Günther einfach die Tür hinter sich geschlossen hatte. Pekunius hoffte, dass Günthers Talfahrt nicht so weit wie die von Frau Krämer führen mochte. Auch Lissi tat Pekunius leid. Die Aussicht, dass sie mit einem Menschen zusammenleben sollte, der den Lebensmut verloren hatte, war alles andere als wünschenswert.

Ein Mitreisender kam ins Abteil, setzte sich und faltete eine Tageszeitung auseinander. Die Titelseite wurde von der Nachricht beherrscht, dass ein großes deutsches Handelshaus seine Pforten schließen musste. Die staatliche Hilfe, die das Bundeswirtschaftsministerium nur einen Monat zuvor gewährt hatte, war nicht ausreichend gewesen, um die Pleite zu verhindern. Mehrere Tausend Menschen würden zum Jahreswechsel ihre Arbeit verlieren. Ihr Zorn und ihre Wut richteten sich gegen die Vorstände und Aufsichtsräte, die das fast einhundert Jahre alte Unternehmen mit ihren fatalen Fehlentscheidungen in dieses Desaster geführt hatten. Monatelang hatten Arbeiter und Angestellte Lohneinbußen in Kauf genommen, unbezahlte Überstunden geleistet und auf Urlaubstage verzichtet. Am Ende war alles umsonst gewesen. Dass es nicht zu gewaltsamen Ausschreitungen kam, grenzte an ein Wunder, denn während die abhängig Beschäftigten noch auf ihr letztes, schmales Gehalt warteten, hatten sich die Manager noch vor der Insolvenz Abfindungen in Millionenhöhe genehmigt. Der Vorstand einer Aktiengesellschaft stürzte deshalb, anders als Bertha Krämer und Günther Zwirn, nach einer Pleite nicht in eine Krise, denn er hatte nicht sein eigenes, sondern fremdes Eigentum ruiniert. Das unterschied ihn und die Folgen seines Tuns wesentlich von kleinen oder mittelständigen Unternehmern wie dem Nähmaschinenhändler Günther Zwirn und der Lebensmittelhändlerin Bertha Krämer.

Vom Kleinstädter Bahnhof aus ging Pekunius zu Fuß nach Hause. Er hatte keine Eile und hing seinen Gedanken nach. Einmal erschrak er heftig, weil in unmittelbarer Nähe eine Detonation die sonntägliche Ruhe zerriss. Er drehte sich um und sah drei Jungs, die lachend und lärmend davonrannten. Auf dem Gehsteig lagen die rauchenden Überreste eines Silvesterknallers, ein untrügliches Vorzeichen für das bevorstehende Ende des alten Jahres. Obwohl er sich sehr erschrocken hatte, schmunzelte er über den Streich, den die Jungs ihm gespielt hatten.

Zuhause nahm er ein verspätetes Mittagessen zu sich und brühte sich anschließend eine Tasse Kaffee auf. Alleine in seiner Küche sitzend und die aufsteigenden Dampfschwaden beobachtend gab er sich der Betrachtung des alten Jahres hin. Nach einem ereignisarmen ersten Quartal hatte es eigentlich erst so richtig mit einer Tasse Kaffee bei Günther begonnen. In der Zeit zwischen Ostern und Weihnachten hatte sich jedoch so viel verändert, dass er sich unwillkürlich fragte, ob er noch in der gleichen Welt lebte wie zuvor. Die Jahrzehnte alte Gemeinschaft der Händler in der Hauptstraße hatte ihn als letzten Mohikaner zurückgelassen. Zweimal innerhalb kürzester Zeit war er mit Sterben und Tod unmittelbar konfrontiert gewesen. Er hatte sich verliebt, die Frau fürs Leben gefunden und wieder verloren. Der Gedanke an Veronica schmerzte und dennoch war Pekunius froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn er hatte am eigenen Leib festgestellt, dass Liebe keine Altersbeschränkung kannte. Der Besuch bei den Zwirns und bei Frau Krämer schließlich hatte ihm den Anstoß zu einer Antwort gegeben, die er seit dem Nikolaustag gesucht hatte. Es war nicht nötig, dass er sich Gedanken um seine Zukunft machte. Er war gerne Händler und er wollte es auch bleiben, solange die Geschäfte gut oder zumindest zufriedenstellend liefen. Die Zeit danach würde irgendwann anbrechen. Der Modellbahnhersteller, sein Hauptlieferant, würde wahrscheinlich überleben, sofern der Insolvenzverwalter mit seiner vorsichtigen Prognose Recht behielt. Damit konnte Pekunius dessen Produkte weiterhin verkaufen. Sollte jedoch das Gegenteil eintreten und er in der Folge sein Geschäft aufgeben müssen, dann würde er keinen Absturz erleben. In wirtschaftlicher Hinsicht war er abgesichert, denn er sorgte seit Jahren vor und verfügte neben seinem Haus über genügend Ersparnisse für seinen Lebensabend. Nun konnte und würde er damit beginnen, sich auch in anderer Hinsicht auf das „Danach“ vorzubereiten. Es war wichtig, dafür Sorge zu tragen, dass mit einer eines Tages unausweichlichen Geschäftsaufgabe nicht gleichzeitig der Sinn in seinem Leben verloren ging. Vielleicht hatten Bertha Krämer und Günther Zwirn diesen Schritt nicht getan. Er selbst aber hatte genügend Zeit, sich nach etwas umzusehen, das ihn später ausfüllen würde. Dabei waren die Möglichkeiten schier unbegrenzt. So hatte er zum Beispiel gelesen, dass die Industrie- und Handelskammer aus dem Erwerbsleben ausgeschiedene, ehemalige Unternehmer mit jungen Existenzgründern zusammenbrachte, damit die Neulinge von ihren Mentoren lernen konnten. Damit war beiden Seiten gedient. Die Jungen profitierten von der ehrenamtlichen Unterstützung, weil sie Anfängerfehler vermieden und die Alten zogen ihre Befriedigung daraus, dass ihr Schatz an Wissen, Erfahrung und Kontakten nicht ungenutzt verloren ging. Zu etwas nütze zu sein setzte voraus, sich nützlich zu machen. Je früher man damit begann, desto einfacher war es, wenn der nämliche Fall eintrat.

Pekunius war so allein wie vor der Begegnung mit Veronica, aber er fühlte sich nicht mehr einsam wie in den Tagen nach dem abrupten Ende ihrer Beziehung, die sich im Nachhinein leider doch nur als Affäre herausgestellt hatte. Einsam war nur, wer sich der Einsamkeit ergab. Man konnte ihr entfliehen, wenn man bereit war, vor die Tür und auf die Menschen zuzugehen. Nützlich konnte man nur sein, wenn man in Kontakt mit anderen stand, denen man nützte. Wie groß oder wie klein die Hilfe war, spielte dabei keine Rolle, solange sie angeboten und angenommen wurde. Wer beratend als Mentor oder lehrend wie in der Jugendarbeit eines Vereins tätig war, der führte kein leeres Leben.

Den letzten Schluck lauwarmen Kaffees trinkend gelangte Pekunius zu der Erkenntnis, dass die Frage „Was ist Sinn des Lebens?“ falsch gestellt war. Richtigerweise musste sie lauten, welchen Sinn man dem Leben gab.

 

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Pekunius hängte das Schild Wegen Inventur geschlossen an seine Eingangstür. Es war Montag, der dreißigste Dezember, und damit für ihn der letzte Arbeitstag des Jahres. An Silvester würde sein Geschäft geschlossen bleiben. Auf einem Klemmbrett hatte er die Artikelbestandsliste befestigt und mit einem Kugelschreiber in der Hand stand er vor dem Regal mit den Schienen und Weichen. Er zählte und notierte die Bestände in den entsprechenden Zeilen seiner Liste. Es war eine Arbeit, die Sorgfalt und Zeit erforderte, darüber hinaus aber kaum Ansprüche an ihn stellte. Die Bestände in seinem Laden und seinem Lager waren überschaubar und nach zwei Stunden hatte er sie alle erfasst. Mit der Liste setzte er sich an seinen Schreibtisch und verglich die Istwerte mit den Sollwerten, notierte die Differenzen und gab die Abweichungen schließlich in das Warenwirtschaftsprogramm seines Computers ein. Zum Schluss druckte er die korrigierte Warenbestandsliste aus und heftete sie zusammen mit der Inventurliste in einem Ordner ab. Damit war die Arbeit für diesen Tag erledigt. Die buchhalterischen Jahresabschlussarbeiten würde er erst im neuen Jahr vornehmen können, wenn die letzten Belege des alten Geschäftsjahres vorlagen. Die einzige offene Frage war, wo er sein Mittagessen einnehmen wollte. Dieses Mittagessen am dreißigsten Dezember war für Pekunius alljährlich etwas Besonderes. Wenn er nach der Inventur seinen Laden abschloss, so kam dies immer dem Erreichen einer Ziellinie gleich. Es war ein Augenblick des Innehaltens, bevor die nächste Runde begann und bot für Pekunius immer Anlass für eine kleine, persönliche Feier. Dabei folgte er einem selbstauferlegten Ritual und wählte jedes Jahr ein anderes Restaurant aus. Für diesen Tag hatte er zwei Lokalitäten in die engere Wahl gezogen und musste noch eine Entscheidung treffen. Er fuhr seinen Rechner herunter, knipste die Schreibtischlampe aus und erhob sich gerade von seinem Stuhl, als jemand an die Eingangstür klopfte.

Heute geschlossen, dachte Pekunius, ging aber trotzdem nach Art des Händlers, für den jeder Kunde ein guter Kunde ist, zur Tür, um denjenigen, der etwas von ihm begehrte, zumindest nicht ohne Antwort zu lassen. Als er seine Hand nach dem Schlüssel ausstreckte und durch die Scheibe nach draußen sah, verharrte er mitten in der Bewegung, als habe ihn der Anblick der Medusa in Stein verwandelt. Die Frau vor der Tür hatte jedoch weder Schlangenhaare noch lange Eckzähne oder einen Schuppenpanzer. Sie trug einen burgunderfarbenen Wintermantel, dicke Winterstiefel und hatte einen schwarzen Schal um den Hals geschlungen. Es war Veronica.

Es fiel Pekunius schwer, sich aus seiner Erstarrung zu lösen und er musste sich selbst befehlen, den Schlüssel zu drehen und die Tür zu öffnen.

„Hallo, Pekunius“, begrüßte sie ihn, „darf ich reinkommen?“

„Ja, bitte“, antwortete er und hielt ihr die Tür auf.

Hundert Gedanken wirbelten gleichzeitig durch seinen Kopf, doch kein einziger war fassbar. Hundert Fragen tauchten auf, doch die einzige, die er stellen konnte, war wie ein Pawlowscher Reflex, ausgelöst durch das Pfeifen der Dampflok.

„Was kann ich für dich tun?“

Veronica lächelte nicht. Sie wirkte verlegen, unsicher und ängstlich, doch Pekunius nahm ihre Stimmung nicht wahr. Seine Gefühle für sie, von denen er sich im Lauf der letzten drei Wochen zu lösen versucht hatte, waren von einer Sekunde zur anderen wieder aufgeflammt. Ihm war heiß und kalt, während er sich mit einem ängstlichen Unbehagen fragte, was der Besuch zu bedeuten hatte.

„Ich bitte dich um Asyl“, erklärte sie und sah ihn ebenso furchtsam wie erwartungsvoll an.

„Asyl?“, wiederholte er ungläubig.

Das Wort hallte in seinen Gedanken nach wie ein Bergecho.

„Ja, Asyl, so nennt man das wohl“, antwortete sie und versuchte sich an einem zaghaften, bittenden Lächeln, „würdest du mich bei dir aufnehmen?“

„Aber ...“, begann er und wusste nicht mehr weiter.

Die Situation war zu verwirrend, als dass er einen klaren Gedanken hätte fassen können. Veronicas überraschendes Auftauchen hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht und ihre Bitte um Aufnahme ließ seine Knie weich werden.

„Ich nehme an, dass ich meinen Antrag begründen sollte“, sagte sie, „und ich schulde dir wohl mehr als eine Erklärung. Du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du „nein“ sagst, würde ich dir das nicht übel nehmen. Ich weiß selbst, dass es meine eigene Schuld ist.“

Es war das Wort „Erklärung“, das Pekunius´ Gedanken wieder in geordnete Bahnen lenkte. Viele Fragen, auf die er sich Antworten von ihr erhoffte, wollten gestellt werden und er holte Luft, um mit der ersten, drängendsten zu beginnen. Dann aber nickte er nur.

„In Ordnung“, erwiderte er mehr zu sich selbst, um seinen eigenen Gedanken zu bestätigen, „aber nicht hier. Lass uns nach oben gehen.“

Veronica antwortete mit einem dankbaren Lächeln. Pekunius ging zur Heizung und drehte sie ab, brachte den Zug im Schaufenster zum Stehen und schaltete die Beleuchtung aus. Nach einem letzten, prüfenden Rundblick durch seinen Laden ging er wieder zur Tür, öffnete sie und ließ Veronica vorausgehen. Als er den Schlüssel im Schloss drehte, spürte er so etwas wie Lampenfieber, jene Mischung aus freudiger Erwartung und ängstlicher Besorgnis.

Schweigend gingen sie die Treppe hinauf und betraten seine Wohnung. Im Flur nahm er ihr Mantel und Schal ab und hängte beides an die Garderobe.

„Kaffee?“, fragte er.

„Ja, gern“, antwortete sie.

Veronica nahm am Küchentisch Platz, während Pekunius die Kaffeemaschine in Gang brachte. Er stellte zwei Tassen auf den Tisch, legte zwei kleine Löffel daneben und stellte die Zuckerdose dazu. Als er sich einen Stuhl zurecht rückte und sich an den Tisch setzte, hatte er ein Déjà-vu. Der Duft frisch gebrühten Kaffees breitete sich in der Küche aus und verkündete ebenso wie die blubbernde und glucksende Maschine, dass das starke, schwarze, heiße Gebräu gleich fertig sein würde, um wieder einmal wie seit Jahrhunderten auf nahezu der ganzen Welt stummer und dennoch hilfreicher Begleiter eines aufrichtigen Gespräches zu sein, unterstützt vom Henkel der Tasse, an den man sich klammern konnte, wenn man jeden anderen Halt verloren zu haben glaubte. Es war eine andere Küche und ein anderer Mensch saß ihm gegenüber, aber es waren die gleichen Utensilien, die gleichen Geräusche und das gleiche Kaffeearoma wie in seiner Erinnerung. Pekunius wusste, dass nun, ebenso wie acht Monate zuvor, ein aufrichtiges Gespräch folgen würde, das einen Wendepunkt im Leben eines oder vielleicht auch zweier Menschen markierte.

„Du kannst vorn oder hinten beginnen, ganz wie es dir beliebt“, bot er an, um ihr den Einstieg in das Gespräch zu erleichtern.

„Wo ist vorn?“, fragte sie.

Statt zu antworten stand Pekunius auf und ging ins Wohnzimmer. Eine halbe Minute später kehrte er zurück und stellte einen Schokoladennikolaus auf den Küchentisch.

„Alles Gute zum Nikolaustag“, sagte er und lächelte sie an.

„Oh“, erwiderte sie und plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Das zaghafte, hoffnungsvolle, verlegene, ängstliche Lächeln verschwand und Veronicas Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Schultern sackten herab und sie neigte den Kopf.

„Entschuldige“, sagte sie leise, „ich wollte eigentlich nicht weinen.“

Pekunius zog ein Taschentuch hervor und reichte es ihr.

„Danke“, flüsterte sie und wischte sich die Augen, „jetzt ist wahrscheinlich meine ganze Schminke verlaufen.“

„Du darfst sicher sein, dass es auf der ganzen Welt nichts gibt, was mich in diesem Augenblick weniger stört“, erwiderte er aufmunternd.

Er stand auf, nahm die Kanne aus der Maschine und goss ihnen Kaffee ein. Als er den gläsernen Krug auf die Warmhalteplatte zurückgestellt hatte, zögerte er einen Augenblick. Sein Herz verlangte danach, Veronica in den Arm zu nehmen und fest an sich zu drücken, doch sein Verstand sagte ihm, dass er zuerst ihre Erklärung abwarten musste, weil er weder wusste, was vorgefallen war noch was diesem Gespräch folgen würde. Mit einem unterdrückten Seufzen setzte er sich wieder. Er ließ zwei Löffel Zucker in seinen und zwei in Veronicas Kaffee rieseln, rührte um und wartete, was sie zu sagen hatte.

„Du hast Recht“, begann sie und nahm den Nikolaus in die Hand, „vorn ist der sechste Dezember. Das war der Tag, den es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen.“

Sie betrachtete den Nikolaus versonnen und plötzlich knurrte Pekunius´ Magen. Veronica sah auf, doch Pekunius schüttelte den Kopf. Aus dem Mittagessen, seiner persönlichen kleinen Feier, würde eben ein Abendessen werden und er hoffte, dabei ausnahmsweise Gesellschaft zu haben. Veronica stellte den Nikolaus wieder auf den Tisch und griff nach dem Henkel ihrer Tasse.

„Ich hatte nicht fest damit gerechnet, aber gehofft, dass du kommen würdest“, fuhr sie fort und ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht, „ich hatte Plätzchen gebacken und für alle Fälle eingekauft. Es wäre ein romantisches Abendessen geworden und ... und plötzlich stand Horst in der Tür. Er stand einfach da und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, verstehst du? Ich war völlig sprachlos. Er hatte sogar einen Blumenstrauß dabei. Ich kann mich nicht erinnern, wann er mir das letzte Mal Blumen geschenkt hat. Er stand einfach da und sagte: „Es tut mir leid, ich habe einen großen Fehler gemacht. Verzeihst du mir?“ Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ein halbes Jahr vorher war er zu seiner Geliebten gezogen, hatte die Scheidung eingereicht und mich aufgefordert, das Haus zu verkaufen. Dann kam er plötzlich wieder nach Hause und sagte, dass es ihm leid täte. Bevor ich überhaupt etwas erwidern konnte, überreichte er mir die Blumen und zog ein Etui aus seinem Jackett. Es war eine Diamanthalskette. „Für meine einzige, wahre Liebe“, sagte er. Ich war wie gelähmt. Deshalb hat auch Horst die Tür geöffnet, als du geläutet hast.“

Sie hielt inne und schluckte, bevor sie weitersprach.

„Ich habe deine Stimme im Flur gehört. In diesem Augenblick habe ich mir gewünscht, ein Loch würde sich im Boden auftun und mich verschlingen. Als ich dich dann sah ...“, sie unterbrach sich erneut und wischte sich die Tränen aus den Augen, „... ich konnte nichts sagen, verstehst du? Meine Kehle war wie zugeschnürt. Horst tat so, als sei er nie weg gewesen und du ... dir hat es das Herz gebrochen. Ich habe es in deinen Augen gesehen. Es tut mir so leid, so unendlich leid.“

Wieder begann sie zu weinen und trocknete ihre Tränen mit dem Taschentuch. Pekunius betrachtete sie stumm und wartete, dass sie weitersprechen würde.

„Horst hat gleich gemerkt, dass etwas zwischen uns ist“, fuhr sie schließlich fort, „das weiß ich genau. Wenn er mir eine Szene gemacht hätte, wenn er nur irgendetwas dazu gesagt hätte, dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Er hat aber so getan, als hätte er es nicht bemerkt. Ohne auch nur ein Wort über deinen Besuch zu verlieren, ist er mit mir ins Wohnzimmer gegangen und dann folgte eine lange, lange Beichte. Ich glaube, er sprach eine halbe Stunde, ohne dass ich auch nur einmal piep gesagt habe. Wie viele Jahre wir schon verheiratet seien, dass für ihn das Leben eintönig geworden war, dass daraus eine Midlifecrisis entstanden sei, dass er dieser Krise habe entfliehen müssen, dass der Lausbub in ihm über die Stränge geschlagen habe und so weiter und so fort. Er habe aber erkannt, wo sein wahres Zuhause sei und dass die Frau, die er geheiratet habe, die richtige und einzige sei. Zwanzig Ehejahre dürfe man nicht leichtfertig wegwerfen. Aus einer gemeinsamen Vergangenheit sollte eine gemeinsame Zukunft erwachsen und er bitte mich inständig und auf Knien, ihm die Dummheit zu verzeihen. Er wisse, dass er die alleinige Schuld trage, aber niemand sei unfehlbar und die ganze Situation habe ihm vor Augen geführt, wie sehr er mich liebe.“

Sie schüttelte den Kopf, dann sah sie auf und blickte Pekunius um Verständnis bittend in die Augen.

„Ich habe mich einwickeln lassen“, gestand sie, „natürlich hat er mir Honig ums Maul geschmiert, aber die zwanzig Ehejahre waren ein Argument, das ich nicht so einfach vom Tisch fegen konnte. In guten wie in schlechten Zeiten, kommt dir das bekannt vor? Es wurde ein langer Abend. Am Ende sind wir zusammen ins Bett gegangen, aber da merkte ich, dass doch nicht alles so war wie früher. Ich konnte mich nicht von ihm anfassen lassen. Ich ertrug seine Berührung nicht. Er war sehr verständnisvoll und rollte sich auf seine Seite ohne mir zu nahe zu kommen. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Immer wieder sah ich dein Gesicht vor mir. Alles war falsch, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. Vielleicht wäre ich gleich gegangen, wenn ich dich erreicht hätte. Am Abend, als Horst auf der Toilette war, hatte ich versucht, dich zu erreichen, doch du warst nicht zu Hause und bist auch nicht ans Handy gegangen, obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht weiß, was ich dir hätte sagen sollen. Ich hatte ja selbst keine Erklärung für die Situation. Wahrscheinlich bin ich dann im Morgengrauen eingeschlafen. Als ich aufwachte, hatte Horst bereits das Frühstück gerichtet. Er war aufmerksam, fürsorglich und gab sich die größte Mühe, Gentleman und liebevoller Ehemann zu sein. Er fragte mich, welche Wünsche ich habe, was wir gemeinsam unternehmen könnten, wie ich mir unsere Zukunft vorstellte, ob wir uns ein gemeinsames Hobby zulegen sollten und zeigte an diesem Samstag mehr Interesse an mir, als in den ganzen zwanzig Jahren unserer Ehe. Ich war hin und her gerissen. Tausend Mal habe ich mir gesagt, dass ich hart bleiben müsse, weil ich mir eine Zukunft mit dir wünschte und ebenso oft habe ich mich gefragt, ob es richtig und fair sei, ihm seinen Fehltritt nicht zu verzeihen. So vergingen der Samstag, der Sonntag und der Montag und jeden Tag habe ich mich ein Stückchen weiter von dir entfernt. Obwohl ich mich nach dir gesehnt habe, war ich doch nicht stark genug, dem Alltag zu entfliehen. Ich war wie die Fliege, die von der Spinne eingesponnen wird. Ehe ich mich versah, war ich wieder gefangen. Der alte Trott hatte mich wieder. Trotzdem spürte ich deutlich, dass sich etwas verändert hatte. Im Bett lag ich immer an der äußersten Kante und wenn Horst mir im Schlaf zu nahe kam, musste ich aufstehen und flüchten.“

Sie trank einen Schluck Kaffee und hielt die Tasse mit beiden Händen, um sich daran zu wärmen. Pekunius stellte noch immer keine Frage. Veronica hatte das Ende ihres Berichts noch nicht erreicht und er wartete geduldig auf die Fortsetzung.

„Je näher Weihnachten kam, desto unglücklicher wurde ich“, sprach sie schließlich weiter, „ich hatte Angst vor Heiligabend und ich wollte kein Friede, Freude, Eierkuchen. Horst war nicht der Mann, mit dem ich das Fest der Liebe verbringen wollte. Ich konnte nicht einmal ein Geschenk für ihn kaufen. Gleichzeitig hatte ich Angst vor dir. Ja, schau mich nicht so an. Ich hatte dir das Herz gebrochen und wusste nicht, wie ich dir jemals wieder unter die Augen treten konnte ohne vor Scham im Boden zu versinken. An deinem Geburtstag habe ich mir die Wanderschuhe angezogen und bin den ganzen Tag gelaufen. Es war meine einzige Möglichkeit, dir nahe zu sein. Als ich am Abend nass und durchgefroren wieder nach Hause kam, hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich war darauf vorbereitet, mich für mein unerklärtes Verschwinden zu rechtfertigen, doch Horst überraschte mich damit, dass er Tee kochte und mir ein heißes Bad einlaufen ließ ohne eine einzige Frage zu stellen. Ich glaube, das hat mich aus dem Konzept gebracht. Vermutlich ist er sensibler, als ich für möglich gehalten hatte. Obwohl dein Name in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal gefallen ist, schien er doch gespürt zu haben, dass ich zwischen dir und ihm stand und er hat alles in seiner Macht stehende unternommen, dass ich mich für ihn entscheide. Mir war kalt, ich war müde und das heiße Bad tat sein Übriges. Ich hatte einfach nicht die Kraft, ihn zu verlassen. Am nächsten Tag habe ich mich gefragt, warum ich meinen Entschluss nicht in die Tat umsetzte und es wurde mir bewusst, dass du der Grund dafür warst. Ich hatte Angst, du könntest mich zurückweisen. Das hätte ich dir nicht einmal übel nehmen können, nach dem, wie ich mich dir gegenüber verhalten hatte. Es verging ein Tag, zwei Tage, drei Tage bis ich endlich an den entscheidenden Punkt gelangte. Ich wollte das neue Jahr auf keinen Fall und unter keinen Umständen mit Horst beginnen. Es gibt keine Zukunft für unsere Ehe. Nicht ich habe zwanzig Jahre weggeworfen, sondern er. Ich bin fertig mit diesem Mann, ich will nicht mehr mit ihm zusammen sein. Ich sehne mich nach einem Leben mit dir, denn ich liebe dich, Pekunius. Sollten wir aber keine gemeinsame Zukunft haben, werde ich auch nicht mehr zu Horst zurückkehren. Ich werde mein eigenes Leben leben.“

Pekunius spürte, dass seine Augen feucht wurden. Während Veronicas Bericht hatte er mit ihr gelitten und ihm war, als hätte er in der Zeit seit dem Nikolaustag das Gleiche gefühlt wie sie. Es gab nichts, was er sagen konnte und er schämte sich auch nicht für die Tränen, die aus seinen Augen traten und über seine Wangen kullerten. Es waren Freudentränen. Er stand auf, stellte sich vor Veronica, ließ sie die Tasse abstellen, nahm ihre Hände und zog sie hoch. Wortlos nahm er sie in die Arme und drückte sie an sich. Lange Zeit standen sie stumm in der Küche und hielten sich aneinander fest.

„Asyl gewährt“, flüsterte er ihr endlich ins Ohr, „und lebenslanges Bleiberecht.“

Er löste seine Umarmung und sah ihr in die Augen.

„Ich liebe dich auch, Veronica.“

Sie schwankten beide zwischen Lachen und Weinen und vor lauter Glück fiel es ihnen nicht einmal ein, sich zu küssen. Veronica wischte sich mit den Fingern die Tränen von den Wangen. Mit glitzernden Augen strahlte sie Pekunius an.

„Es gibt noch jemanden, der um Asyl bittet“, sagte sie, „es ist ein großer Koffer und er wartet in meinem Auto.“

 

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Pekunius und Veronica gingen die Fußgängerzone hinauf. Es war Silvester und sie hatten im Supermarkt am Stadtrand eingekauft. Das alte Jahr wollten sie mit einem Käsefondue bei Kerzenschein ausklingen lassen und das neue mit Champagner begrüßen. Als sie das Modellbahngeschäft erreichten, erkannte Pekunius auf der anderen Straßenseite, dass das Schild Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe aus dem Schaufenster des Fachgeschäftes für Naturkosmetik und Ayurveda verschwunden war. Den Blick ins Innere des Ladens verhinderten Zeitungsseiten, die man an die Scheiben geklebt hatte. Damit war Pekunius der letzte, selbständige Händler in der Hauptstraße von Kleinstadt.

Es war ein Jahr der Abschiede gewesen, ein Jahr voller Ärgernisse, Verzweiflung und Scheitern, von denen seine langjährigen Nachbarn betroffen gewesen waren. Auch die Straße mit ihren Bürgersteigen und den wenigen Parkplätzen, um die man sich oft gestritten hatte, war verschwunden. Nur sein eigenes Geschäft erinnerte noch an die Zeit vor dem letzten Jahr der Händler. Pekunius löste seinen Blick von den zugeklebten Schaufensterscheiben seiner Nachbarn, denen nun das Prädikat „ehemalig“ anhaftete, wandte sich um und betrachtete die Modellbahnanlage in seinem Schaufenster, wo die Transsibirische Eisenbahn im Winterschlaf versunken war.

„Ich weiß nicht, ob mein Geschäft in einem Jahr immer noch existieren wird“, erklärte er, „aber ich kann dir versichern, dass ich mich noch niemals in meinem Leben so sehr auf ein neues Jahr gefreut habe.“

Veronica antwortete mit jenem warmherzigen, strahlenden Lächeln, das er so sehr an ihr liebte.

 

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Es war einmal ein König. Sein Name war Kunde und einst hatten ihn die Händler verehrt. Majestätisch war er durch die Hauptstraße flaniert, wo in den blank geputzten Schaufenstern die vielfältigen Auslagen um seinen geneigten Blick gebuhlt hatten. Zwischen den Einzelhandelsgeschäften, den Provinzen seines Reiches, hatte König Kunde sich wohl gefühlt. Nun aber gab es keine Händler mehr. Die Hauptstraße, jener Ort, an dem der König immer seinesgleichen getroffen und manches Schwätzchen gehalten hatte, lag leer und verlassen. Ärgerlich sah der König sich um, doch hinter den blinden Schaufensterscheiben gähnte nur Leere, sofern die Geschäfte nun nicht jenen mächtigen Kaisern gehörten, deren Abgesandte den König nicht mehr als solchen anerkannten. So musste er für den einen Liter Milch, den er kaufen wollte, seine Kutsche besteigen und hinaus an den Stadtrand fahren, um sich in den Strom all jener anderen einsamen, kleinen, ehemaligen Könige einzureihen, die durch die Flure des Kaufrauschtempels hasteten ohne einander zu erkennen.